Ein Dornacher Jubiläum

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Von Wolfgang G. Vögele
In und um das Goetheanum herrscht heute infolge der Pandemie klaffende Leere. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, wann der Betrieb wieder aufgenommen werden wird. Dennoch werden für die nächsten Monate einzelne Veranstaltungen angekündigt. So kündigt etwa das Ita Wegman Institut für den 13. Oktober einen Vortrag an, der an ein Ereignis vor 100 Jahren erinnern soll. Im Herbst 1920 (vom 26. September bis 16. Oktober) hatten im noch unvollendeten Goetheanum die ersten "Anthroposophischen Hochschulkurse" stattgefunden. Dieses Ereignis wird im zweiten Teil des nachfolgenden Textes von einem damaligen Zeitzeugen, nämlich Emil Schibli, kommentiert.

Es fanden gegen 100 Vorträge und künstlerische Veranstaltungen statt. Steiner hielt damals u.a. den Zyklus "Grenzen der Naturerkenntnis".[1] Diese drei Wochen stießen auch in der Öffentlichkeit auf starke Resonanz.
Neben Rudolf Steiner wirkten 33 Dozenten aus 17 Fachgebieten mit. Der mitwirkende Waldorflehrer Alexander Strakosch berichtete: "Der Große Saal mit etwa 1000 Plätzen konnte die Hörer kaum fassen, unter denen zur Freude Rudolf Steiners viele Studenten waren."[2] Einer dieser Studenten, Wilhelm Rath, erinnerte sich: "Es war ein kühnes Unterfangen, das von einem Kreis von Akademikern, Professoren und Doktoren, die den Weg zur Anthroposophie gefunden hatten und als Schüler Rudolf Steiners zu 'Dozenten' der Geisteswissenschaft geworden waren, mit Enthusiasmus und begeistertem Schwung in Angriff genommen wurde."[3]

Am Vorabend des Kurses fand eine feierliche "Eröffnungshandlung" mit Musik, Ansprachen, Rezitation und Eurythmie statt. Seine einleitende Ansprache begann Steiner mit den Worten: "Aus bewegter Stimmung heraus und mit ernster Seele spreche ich jetzt dieses erste der Worte, die in diesem Raum der Geisteswissenschaft gewidmet sein sollen."[4] Er wies auf die Not der Zeit, aber auch auf die Hoffnung hin, die mit diesem Bau verbunden sei. Anthroposophie solle alle Fachwissenschaften und Lebensgebiete befruchten und bereichern. Steiner schloss mit dem Spruch: "Zum Lichte uns zu wenden / In dunkler Zeiten Not / Zum Geistesmorgenrot / Die Seelenblicke senden / Menschen-Wollen sei es hier / und bleib' es für und für."[5]

Einer der Kurs-Redner war Richard Seebohm. Dessen Tochter Erika, damals ein junges Mädchen, durfte mit nach Dornach fahren. Sie erzählte mir, dass Steiner nach einem Vortrag, der mit viel Beifall bedacht wurde, zu ihrem Vater sagte: "Von den hier Anwesenden haben mich vielleicht fünf Personen wirklich verstanden."[6]

Mit den Vorträgen war Rudolf Steiner im Ganzen wenig zufrieden. In einer Ansprache nach dem Kurs rügte er besonders, dass die Gedankenformen der Vorträge sehr wenig mit den Formen des Goetheanums übereingestimmt hätten.[7] Diese Kritik wurde von den Anthroposophen mit Betroffenheit entgegengenommen.

Die neuen Dornacher Aktivitäten wurden besonders von klerikaler Seite als ungeheure Provokation empfunden. Der Arlesheimer katholische Pfarrer Kully, seit Jahren ein Intimfeind Steiners, machte sich über die von Steiner aufgebotenen Dozenten lustig, unter denen ein Zigarettenfabrikant, ein Schraubenfabrikant, ein Direktor der Palminfabriken, vor allem aber "drei treuergebene Juden" gewesen seien. Die wahren Absichten der "Geheimgesellschaft" seien mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen getarnt worden. Wohlhabende Kreise hätten die Hochschulkurse und ihre "vom Geheimlehrer erzogene und eingedrillte Leibgarde, die so genannten Hochschulprofessoren" unterstützt.[8] In einem anonymen Nachruf auf Steiner, der vermutlich in einer klerikal-patriotischen Zeitung erschien und an den Stil Kullys erinnert, wurde von diesem Hochschulkurs gesagt, die wissenschaftliche Welt bedürfe keiner neuen "Hochschule des Dilettantismus".[9]

Emil Schibli über die Tagung in Dornach

Weniger Vorurteile brachte der Schweizer Schriftsteller Emil Schibli (1891-1958) mit, der als junger Primarlehrer im Herbst 1920 "ganz zufällig" nach Dornach kam und die dritte Woche der Tagung miterlebte. Seine kaum bekannte Schilderung sei hier ungekürzt wiedergegeben:

"Im September fand ich bei Bekannten auf dem Tische liegen einen Prospekt des "Vereins Goetheanismus" und des "Bundes für anthroposophische Hochschularbeit". Diesem Prospekt war beigefügt ein Programm für einen drei Wochen dauernden Hochschulkurs im Goetheanum zu Dornach. Ich las das Vorlesungsverzeichnis durch. Unter den Dozenten fand ich den Namen Albert Steffens, der zwei Stunden vortragen wollte "Die Krisis im Leben des Künstlers und die Geisteswissenschaft". Außerdem fanden sich im Programm der dritten Woche, in welche auch Steffens Vortrag fiel, Themen wie "Goethes Metamorphosenlehre und die Geisteswissenschaft", "Pädagogische Praxis und Waldorfschule", "Die Berechtigung der Mathematik in der Astronomie und ihre Grenzen", "Die nordisch-germanische Mythologie als Entwicklungsgeschichte", "Tolstois Lebensstufen". Und so weiter.
Die Sache interessierte mich, nicht in erster Linie Rudolf Steiners wegen, von dessen Werk ich nichts wusste, als dass er neuerdings sich auch mit der sozialen Frage beschäftigt. Viel stärker zog mich der Name Albert Steffen an und das Thema, das er sich zum Vortrage ausgewählt hatte. Ich beschloss, die letzte Woche des Kurses zu besuchen.
Auf einer Reise, die mich nach Zürich und von dort zu Freunden an den Vierwaldstättersee und weiter an den Thunersee führte, hörte ich mancherlei verworrene Dinge über den "Magier vom Berge" und seinen Anhang. Man machte sich weidlich, besonders in Künstlerkreisen, über Steiner und seine Lehre lustig. Man erzählte mir konfuses Zeug von Geisterbeschwörungen, geheimnisvollen Schweigesitzungen, langen Haaren der Männer und kurzen der Frauen, von violett ausgeschlagenen Zimmern, die niemals von Sonnenlicht durchleuchtet würden, und was solcher Dinge mehr sind. Man machte sich über mich lustig und lachte. Ich lachte mit, liess mich aber nicht davon abhalten, Dornach meinen Besuch dennoch zu machen.
Ich hatte mich in Dornach angemeldet und die Auskunftstelle gebeten, mir für ein billiges Quartier zu sorgen. Man teilte mir mit, dass ich in Basel bei einem Mitglied unentgeltlich Unterkunft finden könne. Ich stellte mir vor, es handle sich hierbei um reiche Leute. Aber als ich in Basel ankam, waren meine Gastfreunde ein – Arbeiterehepaar. Also gleich am Anfang eine angenehme Enttäuschung; denn es war mir gesagt worden, dass nur reiche Leute zu der anthroposophischen Gesellschaft gehören.

Am Abend fuhren Frau K. und ich (es war Sonntag, und Herr K., der beim städtischen Gas- und Wasserwerk arbeitet, hatte Dienst) nach Arlesheim hinaus. Von dort steigt man durch das Dorf hindurch allmählich in etwa einer Viertelstunde den Hügel hinauf, auf dem das Goetheanum steht.
Als ich in den Bau eintrat, war, dass mich jemand am Kragen packte: "Haben Sie eine Karte ?" Frau K. legte sich ins Mittel, und ich konnte passieren.
Wir betraten den großen Kuppelbau, der etwa tausend Zuhörer zu fassen vermag. Die ganze Innenarchitektur besteht aus Holz. Vierzehn mächtige Säulen mit geschnitzten Sockeln und Kapitälen tragen die phantastisch in hellen Farben gelb, rot, blau bemalte Kuppel, in deren Zentrum eine Art Sonne leuchtet. Diese unter einer milchig schimmernden großen Glocke leuchtenden elektrischen Lampen sind die einzigen Lichtspender der Aula, wenn man so sagen will. Sie brennen auch am Tage, weil die farbig radierten Fenster, wie Steiner die Technik nannte, zu wenig Licht einlassen. Das Publikum war ein sehr mannigfaltiges. Weitaus der größte Teil der Zuhörer bestand aus Deutschen, Anthroposophen, die trotz der misslichen Valutaverhältnisse gekommen waren, ihren verehrten, vielleicht angebeteten Meister während einiger Wochen zu sehen und zu hören.

Es waren viele junge Menschen da: Studenten, Künstler, Lehrer, Lebenssucher, und unter ihnen nicht wenige interessante Köpfe. Im ganzen machte die Versammlung jedoch durchaus keinen befremdenden Eindruck. Es waren wirklich Menschen, wie man sie anderswo auch sieht. Die, sagen wir ordensmäßige Haartracht z.B., von der man mir gesprochen hatte, bildete die Ausnahme, nicht die Regel. Nun bestieg Steiner das Rednerpult. Aus einiger Entfernung betrachtet, macht dieser Mann, der heute sechzig Jahre zählt, den Eindruck eines Dreissigjährigen. Er strömt die suggestive Kraft eines grossen Schauspielers aus. Seine Rede wirkt überzeugend, die Stimme künstlerisch geschult. Steiner sprach über die Dreigliederung des sozialen Organismus. Er betonte, wie es heute vor allem darauf ankomme, auch für die Anthroposophen, ja für sie ganz besonders, praktisch zu wirken. Es handle sich um ein Entweder-Oder, um die Rettung, den Aufbau oder den Zusammenbruch. Nicht billige Idealismen dürften jetzt gedacht werden, nicht utopistische Gedanken, sondern praktische. Seine Dreigliederung sei durchaus praktisch gedacht. Man müsse nur daran gehen, sie in Wirklichkeit umzusetzen, und zwar so rasch wie möglich, sonst sei es zu spät.
Aus den Fragen, die ihm über dieses Thema gestellt worden seien, merke er, wie unpraktisch auch in anthroposophischen Kreisen gedacht werde. Auf der einen Seite herrsche materialistisches, auf der andern abstraktes Denken vor. Das aber, was nötig sei, das Leben, werde nicht begriffen. Es sei ja auch nicht zu verwundern. Wir seien dem Leben durch die einseitige, Jahrhunderte alte westeuropäische Erziehung entfremdet worden. Zum Thema Proletariat und seine Befreiung übergehend, bemerkt Steiner mit gesteigerter Stimme: Das Proletariat wird erst dann klar werden, wenn seine Führer weg sind. Erst dann wird man zu ihm sprechen können.
Die Tätigkeit der sozialistischen Führer bedeutet eine Überspießerung des Spießers. Damit ist uns aber nicht geholfen. Wir brauchen durchaus neue Menschen. Man wolle sich nicht einlassen auf das, worauf es ankommt. Der Menschengeist solle initiativ wirken, nicht mechanisiert werden. Alles materielle Interesse werde heute auf das Geld reduziert. Das Geld, lediglich als Tauschmittel dedacht, sei zur Ware geworden. Es werde verkauft. Das staatlich sanktionierte Geld sei das große Übel, das unser Wirtschaftsleben konfus mache. Als einziges Mittel zur Gesundung betrachtet Steiner seine von ihm ausgedachten Assoziationen, d.h. Arbeitervereinigungen, die hinarbeiten auf das Ziel eines bestimmten Warenpreises. Jede Ware, sagt Steiner, sollte einen eindeutigen zu einer andern Ware proportionellen Wert haben, und dieser Wert müsse hervorgehen aus dem Zusammenarbeiten der verschiedenen Assoziationen.
Dies, skizzenhaft umrissen, war ungefähr der Inhalt seines Vortrages. Ich hatte den Eindruck, dass wesentlich Neues damit nicht gesagt sei.

Wie mir scheint, bedeutet die Arbeit der Konsumvereine bereits einen praktischen Versuch dessen, was Steiner meint. Im Endziel müssten sich beide Ideen vereinigen. Es geht hier nicht an, einen ausführlichen Bericht über die Woche zu geben; den Inhalt der einzelnen Vorträge zu skizzieren, wie es eben geschah. Fast alle Redner sagten Vortreffliches, mitunter freilich auch Schlechtes und sehr Schlechtes. Alle rückten der alten (für sie alten und zum Sterben reifen) Wissenschaft scharf auf den Leib, fochten hitzig mit ihr und suchten ihr von allen Seiten her Stöße und Hiebe zu versetzen, die ihr das Lebenslicht ausblasen sollen. Man schrie ihr ins Gesicht, dass sie es sei, die an der Entseelung der heutigen Zeit die Hauptschuld trage; man zieh sie der Verknöcherung, des toten, seelenlosen Systems, der starren, unduldsamsten Dogmatik, der inneren Hilflosigkeit und des elendesten Phrasentums. Und es war zum Teil ein Genuss, zu sehen, oder, besser gesagt, zu hören, mit welcher Eleganz dieser Kampf geführt wurde. Zu gar manchen Worten nickte man beifällig und bewegte lächelnd seine Lippen: sehr gut, sehr gut. Indessen tat ich dies vielmehr aus instinktivem Verstehen und Gefühl heraus, denn als Wissenschafter. Mit den Geisteswissenschaften als solchen mögen sich Leute auseinandersetzen, die dazu ein größeres Recht haben als ich. Ich meine: Leute, denen die Anschuldigungen der Anthroposophen unangenehmer und vielleicht schmerzhafter sind als mir. Ich weiß zu wenig davon.
Das Unangenehme, ja Peinliche war das Ausklingen jedes Vortrages in eine Lobpreisung Steiners. Immer das gleiche Lied: Goethe ist groß; aber Steiner ist größer! In einem Geschichtsvortrag: Wilhelm von Humboldt konnte mit seinen Mitteln keine Wirksamkeit erreichen — Steiner erreicht sie. Und so weiter. Selbstverständlich ist Steiner auch der einzige, der wirklich imstande ist (wenn man ihm nämlich die Mittel dazu gibt), die soziale Frage zu lösen. Nur Steiner, nur die Geisteswissenschaften können helfen, können erlösen. Und dabei scheinen die Leute tatsächlich nicht zu merken, dass der Vorwurf, den sie mit vollem Recht der Wissenschaft, besonders des letzten Jahrhunderts machen, nämlich der Vorwurf, verknöchert, erstarrt, dogmatisch zu sein, schon jetzt auf sie selbst zurückfällt. Außerdem scheinen die Geisteswissenschafter von manchem Lebendigen, das wirklich und trotzdem noch da ist, nichts zu wissen. Ihrem Urteile nach befinden wir uns in einem Zustande grenzenloser Stagnation.

Ich muss aber gestehen, dass vieles von dem, was ich in Dornach vom Rednerpulte herab als neue Weisheit verkünden hörte, mir durchaus nicht neu war, sondern selbstverständlich aus natürlichem Fühlen und Denken hervorging. Wenn es nicht so ist, wenn diese scheinbare Gier, mit der die Menschen hier dieses Verkündungen in sich hineinsaugen, echt ist, wahr ist, wie um Gottes Willen haben sie denn vorher gelebt? Sind wir wirklich so weit von aller Natur, allem Leben entfernt?

Über diese Gedanken sprach ich mit dem Dichter Albert Steffen. Er sah mich an mit seinen tiefen Augen, seinem geistvollen Kopfe, er hörte mir zu und sagte mit leiser und schmerzlicher Stimme: "O ja, es ist wirklich schlimm. Gehen Sie nach Deutschland, gehen Sie nach Österreich, Sie werden es sehen. Aber ich begreife Sie. Sie sind Lyriker, Sie sind innerlich reich, Sie haben den Zusammenhang mit dem Leben noch. Für Tausende ist es nicht so." Steffen, der mit seiner ganzen großen Seele das Werk Steiners in sich aufgenommen hat und für es lebt, ist, wie mir scheint, der Petrus, der Felsen, auf den Steiner, um im christushaften Bilde zu reden, seine Kirche bauen wird. Als ich, ein wenig vorwurfsvoll, den Einwand vorbrachte, dass die Mehrzahl dieser Menschen hier so gar nicht den Eindruck von neuen und, sagen wir einmal, besseren, gütigeren Geschöpfen machten, im Gegenteil, dass man sehr viel Eitelkeit und blasierte Überhebung aus manchen herausspüre, sah mich Steffen scharf an. Steiner könne nicht mehr tun als reden und Beispiel sein. Das Übrige müsse hier wie überall jedem einzelnen überlassen werden. Außerdem könnte ich ebensowohl sagen: Beethoven hätte nicht komponieren sollen, damit keine Köchin ihn spiele. Der Vergleich verblüffte mich. Aber hinterher merkte ich dann, dass er hinkt.

Zwischen zwei und drei Uhr nachmittags besichtigte eine Gruppe unter der Aufsicht eines Führers das Innere des Baues. Man betrachtete die Malereien der kleinen Kuppel. Sie sind zur Hälfte von Steiner selbst ausgeführt; die andere Hälfte, eine Kopie der rechten, wurde von zwei anthroposophischen Malerinnen gemalt. Auch hier wieder staunt man und empfindet deutlich, dass schon ein volles Maß von Borniertheit nötig ist, Steiners Wesen und Werk die Genialität und was dazu gehört, eine ungeheure Willenskraft abzusprechen, selbst wenn dieses Werk nichts als einen Versuch bedeutet, selbst wenn dieses Werk eine ungewollte Irrlehre wäre. Der Führer betont, dass man in den Malereien keine Symbole sehen dürfe, sondern die unmittelbare Lebenskraft, die auch künstlerisch aus der Geisteswissenschaft hervorgehe, auf sich wirken lassen müsse.
Merkwürdigerweise hält der Mann nun einen langen Vortrag: dies könnte das bedeuten, jenes etwas anderes. Alle diese Erklärungen sind raffiniert kompliziert, verwirrend gescheit, aber sie erschöpfen sich eben doch in Symbolen. Jawohl. Was zum Teufel sind denn Symbole anderes als eben Sinnbilder für eine Idee ? Und von dieser Idee haben Sie doch eine Stunde lang gesprochen, Herr Führer. Ich vermute übrigens, dass eben in dieser Kompliziertheit, in dieser hohe Anforderungen an Bildung und intellekt stellenden Darbietung dasjenige liegt, was viele unbegriffen verehren, anstaunen, glauben. Und auch unter diesen Menschen ist viel Feigheit zu finden. Es fehlt der Mut zur freien Äußerung, und so kommt es, dass jedes Brett und jeder Nagel mit einer Art mystischen Schauers betrachtet wird. Mögen Steiner und seine nächsten Jünger immer wieder betonen: Es ist nichts Mystisches in unserem Werke; wir wollen das Reale, das Gesunde, das Leben — ich meinerseits glaube nicht an dieses gesunde Leben. Es ist mir zu tiefsinnig, zu wesenlos, zu (das muss freilich für Anthroposophen paradox klingen) abstrakt.

Es ist auch interessant zu hören, welche Vorstellungen das Volk aus der Umgebung des Goetheanums mit sich herumträgt. Ich hatte Gelegenheit, mit einem Tramschaffner darüber zu sprechen. Zorn spiegelte sich in seinen Zügen, als er redete. Er nannte den Kuppelbau ein Elefantenhaus, witterte in der anthroposophischen Gesellschaft Leute, die sich zum Zwecke des Auslebens schwülster Erotik zusammenfinden. Er sprach von unterirdischen und geheimen Gängen, und als ich den Kopf schüttelte und ihm alles dies auszureden versuchte, blieb er hartnäckig. Ich könne das ja nicht wissen; aber er wisse es. Sein Vater, der selbst an dem Bau gearbeitet habe, wisse es ganz genau. Außerdem klagte er, da‚ die Mietzinse für Wohnungen in der Gegend immer mehr in die Höhe getrieben würden, da‚ ein Einheimischer kaum noch Unterkunft finden könne und dergleichen. Obschon, fügte er hinzu, die Leute die Wohnungen kaputt machen, indem sie alle Tapeten gelb, blau oder rot überstreichen.

Solche Vorstellungen im Volke sind natürlich nicht dazu angetan, die Treibereien des Klerus gegen Steiner abzuschwächen. Sie geben andererseits ein krasses Zeugnis für die Gedankenlosigkeit des breiten Publikums, andererseits ist ein gewisses Maß, selber schuld an diesen Vorstellungen zu sein, den Anthroposophen nicht abzunehmen. Es spukt wirklich viel Sektenmäßiges in ihren Reihen; Steiner hat dies selbst zugegeben und dagegen donnernd gewettert. Ich, ein Nicht-Anthroposophe, danke ihm dafür. Aber er muss noch häufiger wettern, er muss noch mehr frischen Wind in das Goetheanum hineinblasen lassen, als es jetzt geschieht. Vor allem, scheint mir, müsste mit dem exklusiv Zirkelhaften aufgeräumt werden.

Man gebe doch jedermann Gelegenheit, sich selbst zu überzeugen; man nehme dem Goetheanum das Mysterium, das nicht in ihm ist, und es werden viele Vorurteile von selbst in sich zusammenfallen. Es scheint mir wichtig, dass dies geschieht; es scheint mir im Interesse unseres Volkes bedeutungsvoll, der Dummheit so wenig als möglich Boden zu geben.

"Diejenigen, welche das Unsichtbare sehen, werden das Unmögliche vollbringen" — "Jeder mache mit sich selbst aus, was er tun will, und niemand vergesse, dass es nicht ohne Opfer geht." Diese Worte stammen nicht etwa von Rudolf Steiner, sondern von dem verstorbenen — Heilsarmeegeneral William Booth. Zwei Gedanken, scheint mir, die dem Wesen Steiners durchaus kongruent sind. Es wäre eine verlockende Aufgabe, diese beiden Männer miteinander zu vergleichen. Man würde manches finden, das sich im Sinn und Ziel deckt, nur in der Form anders ist. Beiden Männern ist gemeinsam die außergewöhnliche Willenskraft, beiden, ich glaube es sagen zu dürfen, die Liebe zur Menschheit; beide wollen einen Weg zur Freiheit weisen. Wird aber Steiners Arbeit in ihrer Auswirkung je die Früchte tragen, welche die Arbeit des großen Engländers trug und trägt? Ich habe mich während der wenigen Tage, die ich in Dornach war, immer wieder fragen müssen: Wie will und wie kann Steiner ins Volk wirken, in die breite Masse hinein ? Ich weiß, dass er es durch seine Dreigliederung des sozialen Organismus zu tun versucht. Was dabei herauskommt, ist abzuwarten. Ich erhoffe nicht viel von ihr. Ich glaube nicht, dass Steiner die ungeheuren Widerstände wird beseitigen können. Es ist zu spät oder — zu früh. Es wurde mir auch unter den Anthroposophen wiederum klar: die Gesundung der Menschheit kann nur aus dem Volke selbst kommen.

Steiner will einen Weg weisen; aber dieser Weg ist durchaus schwer zu finden und noch schwerer zu gehen. Wer dem Volke helfen will, muss einfach sein. Doch Steiner und besonders die Leute um ihn herum sind nicht einfach, nicht gütig, nicht geneigt, bescheiden und selbstlos zu den Vielen herabzusteigen.
Dass, wie Steffen mir gegenüber betonte, eine Gräfin an der Kasse der Kantine sitzt, in der Anthroposophen ihre Mahlzeiten einnehmen, will in diesem Zusammenhange nichts besagen. Ich wüsste auch Gegenbeispiele.

Aber alle diese Einwände sollen keine Verurteilung sein. Ich habe ernsthafte Anregungen mit mir genommen. Ich bin in mannigfacher Weise aufgerüttelt worden. Das Leben ist zwar nicht als etwas Endgültiges an mich herangetreten, nicht eigentlich als neuer Ausdruck, sondern nur in neuem Gewand. Doch auch dafür bin ich dankbar. Und wer heute an der Welt verzweifeln will, wer keinen Boden mehr unter den Füßen hat, der lasse sich immerhin von der Kraft des seltsamen Mannes durchströmen. Nur sehe er zu, dass er sich nicht in mystischen Schwelgereien ganz verliere. Denn unserer Zeit tut wahrlich anderes not!" [10]

Foto: Das erste Goetheanum (gemeinfrei)

Anmerkungen:
[1]. 8 Vorträge (GA 322)
[2] Alexander Strakosch: Lebenswege mit Rudolf Steiner, Dornach 1994, S. 301
[3])  Wilhelm Rath, in Beltle/Vierl (Hg.): Erinnerungen an Rudolf Steiner, Stuttgart 1979, S. 239f.
[4] zit. nach GA 322, S. 129
[5] GA 40, Dornach 1961, S. 123
[6] mündl. Mitteilung von Erika John, geb. Seebohm (Rendsburg) an den Verfasser, 1991
[7] Emil Leinhas: Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner, Basel 1950, S. 94
[8] Max Kully: Die Geheimnisse des Tempels von Dornach, Basel 1921, S. 73ff.
[9] "Zum Tode Rudolf Steiners", undat. Zeitungsausschnitt (Schweiz, 1925), Steinerarchiv
[10] Emil Schibli: Dornach. Eindrücke und Kritik. (Aufsatz in einer Schweizer Lehrerzeitschrift, 1922, S. 682-685) Steinerarchiv

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