Die Reise nach Chaville

Frühjahr 2016 – Bericht über einen Besuch bei Peter Handke
von Hans Wallow, Bonn  

Erst vor wenigen Tagen hat der Intendant der Comedie Francaise, Marcel Bozonnet, die geplante Aufführung von Handkes Stück „Das Spiel vom Fragen” absetzen lassen. Er begründete dies damit, dass er ausserstande sei, zwischen Kunst des weltberühmten Schriftstellers und seinem politischen Engagement zu unterscheiden. Letzteres liefe auf „Geschichtsverleugnung” und „Beleidigung der Opfer serbischer Kriegsverbrechen” hinaus. Eine massive Behauptung, wie ich finde, für die er ein paar Beweise mehr vorbringen sollte, als nur eine Zeitung zu zitieren.

Paris ist an diesem Frühjahrssonntag um die Mittagszeit noch eine fast leere Stadt. Die Metrostation Boulevard St. Michel ist überwiegend von einigen wenigen fröstelnden Touristen besucht. Auch im Vorortzug, der mich nach Chaville, dem Wohnort des Schriftstellers Peter Handke, bringen soll, sehe ich nur wenige dösende Gesichter. Wir wollen über seine Erfahrungen im ehemaligen Jugoslawien und meine Motive bei der Abstimmung über den Kosovo-Krieg als Mitglied des Deutschen Bundestages diskutieren. Peter Handke kennt mein Misstrauen gegenüber dem verstorbenen Serbenführer Slobodan Milosevic, aber er weiss auch um meine tiefe Enttäuschung gegenüber den Politikern Gerhard Schröder, Josef Fischer und Rudolf Scharping, die den Bombenkrieg gegen Jugoslawien massgeblich mitausgelöst haben. Es geht auch um das scheinbar unausrottbare Freund-Feind-Denken.

Der Zug taucht am Stadtrand von Paris aus der unterirdischen Betonröhre an die taghelle Oberfläche. Ein Bündel Sonnenstrahlen, das durch ein Wolkenloch auf die glatte Wasseroberfläche trifft, blendet mich für Sekunden. Wir passieren die letzte Brücke von Paris – das Bild erinnert mich an meinem Blick auf die wiederaufgebaute Brücke über den Fluss Morawa in der serbischen Kleinstadt Varvarin südlich von Belgrad. Es ist jener Fluss, den Peter Handke 1996 in “Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien” beschrieben hat.

Drei Jahre später, am 30. Mai 1999, beginnen in der Stadt Varvarin mit ihren 4000 Einwohnern die Vorbereitungen für den Marktsonntag und das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. An diesem Sonntag, so will es die Glaubenslehre der orthodoxen Kirche, werden Himmel und Erde einschliesslich der Menschen mit dem weissen göttlichen Licht erfüllt sein. Schon früh sitzen an diesem strahlenden Frühlingstag die Angler an dem Ufer des Flusses. Gegen Mittag herrscht Hochbetrieb um die Behelfsbrücke, die von Deutschland nach dem 2. Weltkrieg als Reparationsleistung aufgebaut wurde. Auch die fünfzehnjährige Schülerin Sanja Milenkovic, Tochter des Bürgermeisters, geht mit ihren Freundinnen Marijana Stojanovic und Marina Jovanovic über die Brücke. Die drei Mädchen waren in der Kirche, sind dann noch über den Markt gebummelt, und wollen jetzt zum Mittagessen nach Hause. In diesem Augenblick stossen NATO-Kampfflugzeuge dröhnend aus dem Himmel auf die Brücke zu. Die silbrigglänzenden Maschinen kommen aus der Sonne, weshalb die Angler am Fluss sie erst gesehen haben, als es schon zu spät ist. Dann explodiert die friedliche Welt von Varvarin. Begleitet von grellroten Blitzen und dunklem Rauch sprengen die von den Flugzeugen abgeschossenen Raketen die Brückenpfeiler in die Luft. Splitter wühlen das Wasser auf, verzweifelt klammern sich die Mädchen an die glühendheissen Eisenträger der Brücke. Die Mädchen schreien um Hilfe. Die Menschen vom Markt und aus der nahen Kirche laufen zu ihnen um zu helfen, aber wie Sanja laufen sie ins Verderben, denn die NATO-Flugzeuge greifen die bereits völlig zerstörte Brücke ein zweites Mal mit Raketen an. Neun Einwohner aus Varvarin, darunter der örtliche Priester, mussten ihre Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlen. Auch die von Splittern durchsiebte Sanja stirbt zwei Stunden später in den Armen ihrer Mutter. In seinem Schmerz verflucht ihr Vater den US-Präsidenten Clinton und Slobodan Milosevic. Die schwer verletzten Freundinnen von Sanja bleiben nicht nur für den Rest ihres Lebens-körperlich behindert, sondern auch seelisch traumatisiert. Wie in Deutschland während des 2. Weltkriegs wurden auch im Hinterland von Serbien viele Zivilisten durch Bombenflugzeuge getötet. Es waren über tausend unschuldige Opfer.

Nur auf diesem Hintergrund kann man Peter Handke verstehen, der den Krieg wie die meisten Menschen verabscheut, dem aber diese Region zur zweiten Heimat geworden ist, mit seiner Forderung nach „Gerechtigkeit für Serbien”. In der westlichen Presse nimmt man kaum Notiz davon. Dieses Verstehen heisst aber doch noch lange nicht auch ein Verzeihen der Untaten, die im Namen Serbiens begangen wurden – das ausdrücklich vorweg.

Peter Handke begrüsst mich vor der Tür seines schmucklosen Hauses aus den 30er Jahren. Der etwas verwilderte Garten verdeckt die Sicht auf das kleine Grundstück. Seit 15 Jahren lebt er, der vorher in Berlin, Graz, Salzburg und im hessischen Kronberg wohnte, in diesem französisch-kleinbürgerlichen Ort. Sein geliebter Wald und das hektische Paris sind ganz nah. Der Hausherr, immer noch langhaarig, aber jetzt graumeliert mit Zweiwochenbart, hat eine nussartig schmeckende Pilzsuppe gekocht. „Selbstgesammelt” versichert er mit leicht spöttischen Augen dem vorsichtig kostenden Gast. Aber die Suppe, mit etwas Ingwer veredelt, und die anderen kleinen Gerichte aus der dalmatinischen Küche sind lecker. Während ich mich bemühe, aus einer alten Kanne mit einer abgeschlagenen Tülle den Tee nicht neben meine Tasse zu schütten, will er wissen, warum ich als Mitglied des Deutschen Bundestages am 16. Oktober 1996 bei der Abstimmung über die Kampfeinsätze der Bundeswehr in Kosovo nicht gegen den Militäreinsatz gestimmt, sondern mich nur der Stimme enthalten hätte? Obwohl ich auf diese Frage vorbereitet war, ging ein Teil des Tees daneben. Ich gestand: „Ich kannte wie vieler meiner Kolleginnen und Kollegen die Wahrheit nicht.” Nicht einmal die Fakten der Akten.

Für jene Parlamentarier, die nicht zu den Osteuropaexperten gehörten, war der Balkan im Weltmassstab ein kleiner Teich mit vielen Krokodilen drin. Die meisten Kolleginnen und Kollegen, auch diejenigen, die dem Militäreinsatz im Kosovo zugestimmt haben, hatten lautere Motive. Sie wollten helfen und die Mehrheit in Deutschland will heute ein helfendes Volk sein, wie die hohe Spendenbereitschaft bei Katastrophen in aller Welt belegen.

Sein Gesicht, von dem jetzt eine priesterlich milde Distanz ausgeht, signalisiert Unzufriedenheit. Deshalb hole ich noch weiter aus und erzähle, daß ich noch zu einer Generation gehöre, die als Kind erlebte, wie zum Beispiel meine Heimatstadt Münster durch Bomber völlig zerstört wurde. Bomben richten sich fast immer gegen unschuldige Zivilisten. So auch die Bomben gegen das friedliche Hinterland von Serbien. Auch die Bombardierung des Hinterlandes vom friedlichen Serbien war “unverhältnismässig”, sprich: ein Verbrechen. Der Zweck heiligt die Mittel nicht. Das Recht der Menschen im Kosovo galt in gleicher Weise für Sanja Milosevic in Serbien. Ohnehin war und bin ich der Auffassung, dass mein Land sich nur an UNO-Einsätzen beteiligen sollte, und dann auch nur, wenn alle anderern Mittel wie zum Beispiel ein Embargo versagen. Priorität hatte und hat für mich immer der friedliche Ausgleich zwischen den Völkern. Deshalb habe ich mich auch als Experte für Entwicklungpolitik ausgebildet.

Der Tee geht wieder daneben und ich nehme mir vor, beim nächsten Besuch eine neue alte Kanne mitzubringen. Ich frage ihn, ob er denn nicht täglich die schrecklichen Bilder im Fernsehen von den flüchtenden Kosovo-Albanern gesehen habe. Auch diese Menschen brauchten Hilfe. Angesichts dieser Situation verglich Aussenminister Fischer die serbische Brutalität mit Auschwitz und jeder Zweifler wurde zum Schurken gestempelt. Kübelweise hat man nicht nur die Abgeordneten, sondern auch die Bürger mit Moral übergossen. Die serbische Armee und Milosevic trugen ihren Teil dazu bei, dass uns alle berichteten Greueltaten, die sich später als Fakes erwiesen,glaubwürdig erschienen. Der von mir geschätzte CDU-Kollege Willy Wimmer, der mit „Nein” stimmte, sagte später: „Noch nie haben so wenige so viele so gründlich belogen wie im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg”. Mit dem Wissen von heute hätte ich ebenfalls dagegen gestimmt und viele andere sicherlich auch.

Peter Handkes Gesicht wirkt nun entspannt. Wir trinken jetzt einen Retsina-Wein. Er, der sich als einen konservativen Menschen bezeichnet, berichtet jetzt über den eskalierenden Konflikt im ehemaligen Jugoslawien, über die Greueltaten und Massaker, die auch an Serben verübt wurden. Er tut es ganz offensichtlich nicht, um aufzurechnen, sondern nur um mich darüber zu informieren, dass auch dieser Bürgerkrieg seine hässlichen Kehrseiten hat. Mit einem dieser Fälle, die ein Autor der renommierten Wochenzeitung DIE ZEIT ein Kriegsverbrechen nannte, werden wir uns in Deutschland noch auseinandersetzen müssen, denn die Angehörigen der Opfer und die 27 Schwerverletzten des Angriffs auf die Brücke von Varvarin haben vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland eingereicht, die am Krieg mit 14 Tornados beteiligt war. Sie erwarten Gerechtigkeit.

Unvermittelt stellt der Schriftsteller klar: „Ich nehme dabei überhaupt nicht eindeutig für die Serben Partei. Was die angerichtet haben, ist eine ewige Schande, aber für die, die es angerichtet haben, nicht für das Volk. Es wird Zeit, dass sich Karadzic und Mladic erklären.” Wir sind uns dann schnell einig, dass alle in der Verantwortung stehen, um das Freund-Feind-Denken abzubauen, dass nichtsdestoweniger Macht unerlässlich ist für Politiker, die Gutes tun und Gerechtigkeit durchsetzen wollen, auch für die Opfer von Varvarin.

Der Schriftsteller und ich, wir waren beide unabhängig voneinander in dieser Stadt. Er, weil er das ländliche Serbien liebt, und ich, der ich dabei war, die Folgen des Angriffs auf die Brücke in einer Theaterdokumentation zusammenzufassen. Wir haben beide dort die immer noch auf den Menschen lastende Depression erlebt, die Trauer im Elternhaus der von den Splitterbomben getöteten Sanja gespürt. Ich habe in ihrem Zimmer ein Poster mit Leonardo DiCaprio und das immer noch in eine Schutzfolie gehüllte Ballkleid von Sanja gesehen. Ich habe über ihren verwaisten Teddybär gestreichelt und an ihrem Grab die Tränen nicht zurückhalten können. Auf die Frage, warum dieses unbeschwerte, begabte Mädchen nicht zu einer klugen, hübschen Frau heranreifen durfte, wird niemand eine Antwort finden. Aber durch die Erfahrungen in Sanjas Zimmer beginne ich zu verstehen, dass tiefe Eindrücke – ob schöne oder schmerzhafte – nur über alle Sinne, körperlich direkt, zu erfahren sind. Das ist es, was der sensible Schriftsteller Peter Handke seine innere Wahrheit nennt. Eine Wahrheit, die von aussen nur schwer nachvollziehbar und deshalb kaum zu  beurteilen ist.

Der Abend dämmert zum Fenster herein. Der Retsina tat seine Wirkung. Das Gespräch endet in seichteren Gefilden. Ich beschreibe noch groteske Szenen aus dem Innenbetrieb eines Regierungsalltags bei Helmut Schmidt. Er rät mir, das alles aufzuschreiben. Auf dem Rückweg nach Paris frage ich mich, warum so viele Menschen auf Handkes politische Äusserungen zu Serbien so aggressiv reagieren und sie dann auch noch verfälschen. Ist seine politische Wahrheit so schmerzhaft für uns? Wahrheit ist, was wirkt. Sie ist meistens nur vorläufig und nicht organisierbar. Was treibt einen Buchhändler dazu, Handkes Bücher trotz Nachfrage nicht mehr zu bestellen, wodurch er ihn indirekt doch zensiert? Macht er sich nicht klar, welche Mitschuld er an den zahlreichen Missverständnissen trägt?

Es ist schwer zu ergründen: Ich vermute, Peter Handke verkannte die unüberbrückbare Kluft zwischen seiner Kunst und der Politik. Hinzukommt,  dass der wirklich Autonome unbeirrbar, fast aristokratisch, seine  poetischen Wahrnehmungen vertritt. Er hätte ahnen können, dass nach den  ersten öffentlichen Angriffen auf ihn manche seiner brillianten Metaphern bei Politikern und Journalisten wie eine Art Papua-Dialekt ankommen würden.

Einige Wochen später höre ich im Autoradio, daß Handke mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet werden soll. Der Schriftsteller, so die Jury, habe „eigensinnig wie Heinrich Heine in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit” verfolgt. Seinen poetischen  Blick setze er „rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren  Rituale durch”. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich für den Schriftsteller, der längst im Olymp der Literatur steht, freuen sollte. Denn mir war sofort klar, daß sich die in der Begründung kritisierten  Meinungsmacher wehren würden. Andererseits, sagte ich mir, ermöglicht eine  solche Preisverleihung auch die Chance der fruchtbaren Auseinandersetzung  und Klärung der Vorwürfe. Wie vermutet, reagierten Funktionäre,  Journalisten, aber auch Literaten negativ, längst widerlegte Behauptungen –  um nicht von Lügen zu sprechen – wurden da unappetitlich aufgetischt. So  meinte ein austauschbarer Rundfunkkommentator: „Eine Sottise darf sich auch  der Gescheiteste mal erlauben, doch mit Verlaub gesagt, seine Meinung zu  den serbischen Kriegsverbrechen ist verheerend negationistisch in seiner  unseligen Tradition des Leugnens.”

Falsch. Der Moralist Handke hat alle Kriegsgreuel aller serbischen Militärs  und Paramilitärs als unentschuldbare Schandtaten bezeichnet. Für einen Mann  der leisen Töne für uns Taube nicht laut genug. Die mildesten Kritiker  haben ihn zwar nicht gevierteilt, aber doch in zwei Hälften zerlegt: in den  genialen Schriftsteller und den autistischen Eremiten mit wahnhaften  politischen Auffassungen.

Ebenso falsch. Der Intendant der Comedie Fran~aise, Marcel Bozonnet, hat  sich sträflicherweise erlaubt, was er sich selbst zu Recht verbittet, die  Worte Peter Handkes aus dem Zusammenhang zu reißen. Doch die Affäre bekommt  nun auch etwas Tröstliches. Sie führt zu mehr Klarheit über die Rolle  unserer Verantwortlichen im Kosovo-Krieg. Bleibt die Frage, ob sich die  vielzitierten mündigen Bürgerinnen und Bürger noch mit deren Inszenierungen  auseinandersetzen wollen.

Schon nach den ersten heftigen Attacken der Handke-Kritiker erklärten die Geschäftsführer der im Stadtrat von Düsseldorf vertretenen Parteien, das  Votum der Jury für Peter Handke sei ein Fehler gewesen. Der Stadtrat würde  die nach der Stiftungssatzung erforderliche Bestätigung in der dafür  vorgesehenen Sitzung am 22. Juni 2006 nicht geben. – Hoffen wir, dass sie  die Kraft aufbringen wie Handke sich zu korrigieren. Die Düsseldorfer  Stadtväter sollten sich daran erinnern, daß ihr Dichter Heinrich Heine von  ihren Vorgängern erst nach hundert Jahren akzeptiert wurde und das auch oft  genug nur halbherzig. Ihnen wie uns allen ist zu empfehlen, nicht nur über  Heinrich Heine zu sprechen, sondern ihn endlich auch zu lesen. Er, dem jede  Form der Zensur zuwider war, schrieb 1835 an Philarethe Chasles: „Seit  zwölf Jahren diskutiert man über mich in Deutschland, man lobt mich und man  tadelt mich, aber immer mit Leidenschaft und unaufhörlich. Dort liebt man  mich, verabscheut man mich, vergöttert man mich, beleidigt man mich.”

Hans Wallow ist Schriftsteller und lebt in Bonn Er war Bundestagsabgeordneter von 1981 bis 1983 und von 1990 bis 1998.

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