Die NZZ und Daniele Ganser

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Ein – offensichtlich von keinerlei Sachkenntnis getrübter Artikel – über den Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser erschien in der Wochendbeilage der "NZZ" [1]. Helmut Scheben, Autor des ebenfalls in der Schweiz beheimateten Nachrichtenportals "Infosperber" hat dazu eine andere Meinung. Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung des Infosperber und des Autors. 


Warnung vor dem Hunde

Neues von der Verschwörungspolizei: Nun macht auch die NZZ mobil gegen Daniele Ganser.

von Helmut Scheben
"Gansers Jünger" heisst der Titel einer Doppelseite, mit der in der Wochenendbeilage der NZZ der Versuch unternommen wird, den Historiker Daniele Ganser zu skizzieren. Es würde genügen, den Titel zu lesen, um sich die weitere Lektüre zu ersparen. Wer "Jünger" hat, ist eine Art Jesus, also religiös gesteuert, somit kaum der aufgeklärten Rationalität verpflichtet und folglich als Historiker nicht ernst zu nehmen. Quod erat demonstrandum.

Wer gleichwohl weiterliest, trifft auf ein Schema, das aus den Story-Telling-Baukästen sattsam bekannt ist. Gansers "Jünger" werden wie Schiessbudenfiguren in Typen unterteilt: der Erwachte, der Antiamerikaner, der Einzelkämpfer, der Verunsicherte, der Schattenfechter.   

Ein paar Leute zu befragen, die Daniele Ganser lesen oder hören, und daraus ein Urteil über den Historiker abzuleiten, ist ein Zeichen von Hilflosigkeit. Ein solches Vorgehen impliziert ungefähr so viel Logik, wie wenn man die Leserschaft von Karl May oder Rosamunde Pilcher untersucht und zu dem Ergebnis kommt: Es gibt darunter eine Liebesromantikerin, einen Ufologen, eine Spiritistin, einen Fremdenhasser und einen Antisemiten. Der Zweck der Sache ist klar: Es soll auf diese Art bewiesen werden, dass Menschen, die Gansers Studien überzeugend finden, insgesamt ideologisch so einzuordnen sind wie die fünf vorgeführten Figuren. Und dass umgekehrt seriöse und intelligente Menschen einen Ganser nicht schätzen können. Die Autorin glaubt offensichtlich, sie könne ihre Leserinnen und Leser auf diese Art hinters Licht führen. 

Es ist der abgenutzte Versuch, kritische Leute, die die im Westen kursierenden politischen Erzählungen auf Interessen und Strategien abklopfen, in die Schublade der Paranoiker und Sektenanhänger zu stecken. Die Journalistin Eva C. Schweitzer hat in ihrer sehr detaillierten Studie "Amerikas Schattenkrieger" gezeigt, wie britische, US-amerikanische und deutsche Geheimdienste im Ersten und Zweiten Weltkrieg professionelle Abteilungen für Lügenpropaganda aufbauten, um in den Bevölkerungen den notwendigen Hass zu erzeugen, ohne den ein Krieg nicht zu führen ist. Der NZZ-Fotoband des Historikers Gerhard Paul wäre da aufschlussreich. Er trägt den Titel "Bilder des Krieges, Krieg der Bilder".

Viel hat sich seit damals nicht geändert. Wer sich gegenüber einer Tagesschau und ihrer dargebotenen Newsoberfläche skeptisch zeigt, macht sich unbeliebt in den Etagen der politischen Macht. Eva Schweitzer schreibt: "Nicht nur Snowden-Fans wird vorgeworfen, sie seien Verschwörungstheoretiker, sprich: Verrückte. Der Verschwörungstheoretiker leidet unter dem Wahn, dass es Menschen gibt, die sich heimlich zusammentun, um etwas Böses auszuhecken. In Wirklichkeit gibt es natürlich nur gute Menschen und auch keine Heimlichkeiten. Ausser in Russland. Oder in China."

Jeder Journalist, der zum Beispiel die offiziell verbreiteten Untersuchungsergebnisse der Morde an John F. Kennedy und seinem Bruder Robert zur Kenntnis nimmt, wird sich sagen, dass der Verdacht auf Manipulation nur schwer auszuräumen ist. Wer einen Daniele Ganser wegen dieser Schlussfolgerung als "conspiracy believer" einstufen will, der muss sich die Frage nach seinem Intelligenzquotienten stellen lassen. Oder besser noch die Frage, ob die Sorge um die Karriere und die Angst vor den Autoritäten das freie Denken verhindert. 

Wer für bare Münze nimmt, was Pressesprecher in Washington, Berlin, London oder Moskau sagen, der ist für den Job eines Journalisten nicht geeignet. Dieser Job verlangt nämlich die Fähigkeit, Ideologien zu durchschauen und kritisch zu analysieren, und dafür wäre ein historischer Background Voraussetzung. 

Selbstverständlich muss nicht jeder Journalist ausgewiesener Historiker sein. Nicht jeder muss wissen, was es mit dem Satz "Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird zurückgeschossen" für eine Bewandtnis hat. Nicht jeder muss die Fake-Story über die Vorgänge im Golf von Tonkin kennen, mit der die USA die Kriegserklärung an Vietnam rechtfertigten. 

Es würde ja schon reichen, wenn man die Lügen im Irakkrieg zur Kenntnis nehmen wollte: Colin Powell, wie er vor den Vereinten Nationen die Satellitenfotos von "mobilen Biowaffen-Laboratorien" des Saddam Hussein zeigt. Es waren, wie sich in der Folge herausstellte, Fotos von normalen Wassertankwagen, wie sie in der irakischen Wüste zum Einsatz kommen.

"Von wegen Satellitenaufnahmen", sagte mir lachend vor ein paar Jahren Ray McGovern, ehemaliger Top-Analyst der CIA: "Das war Computer-Rendering. Wir brauchen keine Satelliten-Fotos, wir haben gute Grafiker."

"Kriege werden mit Lügen gemacht", sagte Ray McGovern. Und Stefan Vetter, ehemaliger Chef-Psychiater der Schweizer Armee, sagt über Kriegspropaganda: "Es braucht drei bis zehn Jahre, bis sich die Gesamtwahrnehmung des Nachbarn so verändert, dass er nicht mehr menschlich ist und man ihn als Feind angreifen kann." Der Historiker Daniele Ganser sieht es ähnlich: "Das Prinzip der Kriegspropaganda ist, bei einem Menschen die Erinnerung daran auszulöschen, dass der andere zur Menschheitsfamilie gehört." 

Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten wäre es, die Propaganda-Erzählungen der Mächtigen kritisch zu prüfen. Das Gegenteil ist momentan meist der Fall. Diejenigen, die ihren Job gut machen und diese Narrative in Frage stellen, werden von den Denkfaulen und Angepassten auf die Abraumhalde der Verschwörungstheoretiker, Paranoiker und religiösen Spinner gedrängt. 

Der bequemste und unaufhörlich vorgebrachte Vorwurf lautet, viele Leute seien überfordert mit einer unübersichtlichen und chaotischen Welt und deshalb suchten sie Zuflucht in der einfachen Erklärung, hinter allem stecke eine Verschwörung. In der Realität ist es meist genau umgekehrt. Manche Politiker und die ihnen symbiotisch zugewandten Medien suchen gradlinige Stories und einfache Kausalzusammenhänge unters Volk zu bringen. Und es sind hingegen die angeblichen Verschwörungsphantasierer, die den Verdacht äussern, die Geschichte könnte etwas komplexer sein, als behauptet wird.  

Nawalny ist für Putin eine Bedrohung. Folglich lässt Putin den Mann vergiften. Wenn das keine schlüssige und stringente Story ist. Wirklich? Dreimal hat die russische Regierung in Berlin vergeblich angefragt, ob russische Experten an der Untersuchung der Vorwürfe beteiligt werden und Einsicht in die Beweislage erhalten könnten. In Berlin hielt man das nicht für nötig. Ist nun jeder ein Spinner, der Zweifel äussert?

"Gansers Jünger" äussern sicher Zweifel und sind daher unwiderlegbar Verschwörungstheoretiker. So wie jeder Polizist und Staatsanwalt Verschwörungstheoretiker ist, der dem Verdacht nachgeht, die Wahrheit könnte nicht so sein, wie manche Verdächtige erzählen. Vielen Journalisten wünschte man ein wenig Herdenimmunität. Immunität gegen die eigene Herde. 

foto: D. Ganser (Infosperber CC)

[1] https://www.infosperber.ch/medien/ueber-printmedien/warnung-vor-dem-hunde/?fbclid=IwAR2PFM6ARDEsgQTe5ZX3wPOkS85diAKUpQZsvPTb4my4kTdrkXMJxdNYbHo

[2] https://www.nzz.ch/gesellschaft/wie-daniele-ganser-der-corona-skepsis-den-boden-bereitete-ld.1598675

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Am 30. Januar 2021 ist in der NZZ folgender Artikel von Ruth Fulterer erschienen:
„Lange bevor Corona-Leugner durch die Strassen zogen, säte Daniele Ganser Zweifel an den «Mainstream-Medien» und fand damit nicht nur unter klassischen Verschwörungstheoretikern Anklang. Eine Reise durch das Universum seiner Fans im Jahr der Pandemie"

Die von mir eingesandten Kommentare an die NZZ, drei Mal, am Schluss mit der Kurzversion:
„Sehen Sie sich das folgende Video an, das erklärt vieles:
https://www.youtube.com/watch?v=V-DcB4r-UX4„
die den Sachverhalt richtig gestellt hätte, wurden jeweils umgehend von der Redaktion gelöscht.
Es wurden keine Kommentare publiziert, die die FALSCHAUSSAGEN und LÜGENGESCHICHTEN DER NZZ, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, KORRIGIERT HÄTTE.

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Henning Kullak-Ublick
6. Februar 2021 12:29

Das Problem bei Ganser ist ja nicht, dass er Fragen stellt, sondern wie er diese "framed". Es sind nämlich überhaupt keine Fragen, sondern ein – zugegebenermaßen geschickt zusammengefügter – Mix aus Versatzstücken von öffentlich zugänglichen Informationen, Bildern, ausgewählten Quellen und Verschwörungstheorien, die als Fragen verkleidet werden, ganz gleich, von wem und wie oft sie schon beantwortet wurden – oder wie kontrovers die öffentliche Debatte dazu längst läuft.
Wie naiv die in diesem Beitrag geäußerte Kritik an der Ganser-Kritik ist, zeigt sich, um nur ein Beispiel zu nehmen, an dem vorletzten Absatz zu Nawalny: Das Gerichtsurteil nach dessen Rückkehr aus der Reha nach seiner um ein Haar tödlichen Vergiftung spricht doch für sich: Er hätte, so heißt es in der Begründung, seine Bewährungsauflagen nicht erfüllt.
Dass so ein hanebüchener Unsinn in den Themen der Zeit erscheinen kann, lässt meine Besorgnis über das derzeitige Diskursniveau in manchen anthroposophischen Kreisen weiter wachsen …

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