Über den streitbaren Philosophen Arthur Drews
von Wolfgang G. Vögele
Mit seiner Leugnung des historischen Jesus löste der Philosoph Arthur Drews (1869-1935) im frühen 20. Jahrhundert heftige Polemiken aus. Er wandte sich nicht nur gegen die christliche Theologie, sondern auch gegen die Anthroposophie. An diese Debatten erinnert unser Autor Wolfgang G. Vögele im folgenden Beitrag.
Arthur Drews, ein Schüler Eduard von Hartmanns, lehrte seit 1896 als außerordentlicher Professur für Philosophie an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Weithin bekannt wurde er durch sein Buch "Die Christus-Mythe" (1909), in dem er die historische Existenz Jesu bestritt. Die Auffassung, Jesus habe nie gelebt, war im 18. Jahrhundert aufgekommen und ist bis heute, vor allem in atheistischen Kreisen, verbreitet. Drews‘ Beweisführung konnte von einer Reihe namhafter Theologen (z.B. Albert Schweitzer) als nicht stichhaltig widerlegt werden. Die akademische Fachwelt nahm nach Drews‘ Tod keine Notiz mehr von ihm. Erst in jüngster Zeit begann die Erforschung seiner Biografie und seine wissenschaftliche Rehabilitation.1
Von Jesus zu Christus
Rudolf Steiners Karlsruher Vortragszyklus "Von Jesus zu Christus" vom Oktober 1911 (GA131) enthält nicht nur eine Vertiefung seiner christologischen Erkenntnisse, sondern kann auch als Antwort auf Arthur Drews gelesen werden. Dieser interessierte sich naturgemäß für das Thema und besuchte Steiners einleitenden öffentlichen Vortrag "Die Weisheitslehren des Christentums". Gerade in Karlsruhe, so Steiner, habe der Streit um Jesus "seine intensivsten Kämpfer gefunden". Und er nennt namentlich "Professor Drews". Aber nur "geistiges Schauen" könne das Geheimnis des historischen Jesus enthüllen. Ja, man müsse sogar "dankbar sein dafür, dass es keine Dokumente gibt, wodurch festgestellt werden kann, dass es einen historischen Christus Jesus gegeben hat." Der anschließende Zyklus war schon vom Titel her programmatisch und dürfte auch seinen theosophischen Zuhörern nicht ohne weiteres verständlich gewesen sein.
Eine Unterredung Steiners mit Drews
Vor Beginn des Zyklus kam es auf Initiative Steiners zu einem Meinungsastausch mit Drews, wie wir aus einen Brief Steiners an Marie von Sivers wissen. Hatte er sich der Illusion hingegeben, Drews überzeugen zu können? Ernüchtert stellte er hinterher fest: "Doch kann er über den springenden Punkt nicht hinweg. Ihn trennt von der Theosophie, was auch Eduard von Hartmann von ihr abscheidet. Beide können nicht an die Möglichkeit eines Erlebens des Übersinnlichen glauben. So kommen sie nur dazu, dieses Übersinnliche zu erschließen. […] Eine Persönlichkeit wie Drews muß eben in seinen gewohnten Denkformen wie in Suggestionen stecken. Das wird noch lange dauern, ehe ein deutsches Philosophengehirn den einfachen Grundkern der Vedantaphilosophie erfasst.2
Mit den in Karlsruhe verkündeten neuen Erkenntnissen provozierte Steiner Widerspruch in christlichen Kreisen, u.a. infolge seiner Kritik am Jesuitismus. Nach Steiners Tod blieb die konfessionelle Kritik an Steiners Christologie bestehen. Daneben diffamierten militante "Skeptiker" die Anthroposophie als Humbug.
1911 hatte auch Steiners Konflikt mit den anglo-indischen Theosophen seinen Höhepunkt erreicht: Diese verbreiteten, um Steiners westliche Esoterik zu unterminieren, eine neuartige Jesus-Lehre: "Der Christus-Jesus der christlichen Kirche – so hieß es – hätte nie gelebt, wäre nie gekreuzigt worden. Hundert Jahre früher wäre er – das heißt der weise Essäer-Lehrer Jeschu ben Pandira" hingerichtet worden. In Krishnamurti werde sich Christus neu inkarnieren, um das zu erreichen, was in Palästina fehlgeschlagen war.3
Der Konflikt führte bekanntlich 1913 zum Ausschluss der gesamten Deutschen Sektion. Die verbliebenen Anhänger Steiners, immerhin eine Mehrheit von einigen tausend Mitgliedern, konstitutierten sich als Anthroposophische Gesellschaft. Steiner sah sich also einer dreifachen Kritik ausgesetzt: von seiten der Monisten, der Adyar-Theosophen und der Jesuiten.
Feldzug gegen Steiner
Drews muss in Steiner schon sehr früh einen Antipoden gesehen haben, wie seine vernichtende Kritik der "Philosophie der Freiheit" zeigt.4 Er polemisierte zunehmend gegen Steiner und reiste später als Wanderredner im Dienst des Monistenbundes durch ganz Deutschland. Dafür ein Beispiel: "Am 3. März 1921 hielt [Drews] in Stuttgart einen öffentlichen Vortrag, in welchem er u.a. behauptete, zahlreiche Anhänger seien durch Dr. Steiners Übungen ins Irrenhaus gekommen."5
Als Schüler (und Epigone) Eduard von Hartmanns, des "Philosophen des Unbewußten" vertrat Drews einen philosophischen Monismus. Wie Hartmann behauptete er, das menschliche "Ich" sei nur eine illusionäre Vorstellung. Drews fand zu einer Art pantheistischem Monismus und leugnete die Existenz eines autonomen menschlichen Ichs.
Resümee eines Steiner-Apologeten
Der Steiner-Apologet Louis Werbeck schrieb: "Es ist Arthur Drews nicht gegeben, das Ich, das Bewusstsein als ein tätiges Wesen zu erleben, sondern nur als eine passive, empfindungsgemäß bestimmte Zuständlichkeit des Seins. So kann das Unbegreifliche begreiflich werden, daß Drews in öffentlichen, gegen die Anthroposophie gerichteten Vorträgen ausrief: 'Mein Ich mag nach meinem Tod der Teufel holen!'" 6
Über den Lebensabend des Philosophen Drews ist wenig bekannt. Er starb am 19. Juli 1935 im 70. Lebensjahr in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau bei Achern. Er hinterließ eine Frau und drei Kinder. Anthroposophen konnten Drews‘ Leben nur als tragisch empfinden: "Die ganze Tragik aber, die über diesem fleißigen Professorenleben liegt, spiegelte seine Grabplatte, die auf dem Urnenfelde des Karlsruher Friedhofes bis 1978 noch zu sehen war. Dort stand zu lesen: "Die Erlösung ist eine Loslösung vom Ich".7
fotos: Wikipedia gemeinfrei
Anmerkungen:
1 Vortrag von Dr. Bernhard Hoffers. In: Radikalkritik.de, 2003
2 GA 262, S.99
3 Marie Steiner: Gesammelte Schriften I, Dornach 1967, S. 102, 275
4 "Gegenwart", 28.4.1894
5 Karl Heyer: Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft, Reprint Basel 2008, S. 52
6 Louis Werbeck: Die wissenschaftlichen Gegner Rudolf Steiners und der Anthroposophie, Stuttgart 1924, S. 38
7 Fünfundsiebzig Jahre Zweig Karlsruhe. Michaeli 1979, S. 74




