Der Parasit

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oder Die Kunst, sein Glück zu machen

von Erhard Hofmann –
Gute Komödien zu schreiben ist gar nicht so einfach. Das ist heute so, und das war auch zu Zeiten von Herzog Carl August von Sachsen-Weimar nicht anders. 
In Zeiten der Revolutions- und Befreiungskriege sollten es ausgerechnet französisch geprägte Komödien sein, die der gute Carl August für sein Theater haben wollte. Also beauftragte er Friedrich Schiller im Jahre 1803, diesen Missstand zu beheben. Dieser, gerade eben in den Adelsstand erhoben und bis dato so gar nicht bekannt für einfach gestrickte Lustspiele, nahm sich den in Frankreich recht beliebten Komödienschreiber Louis-Benoit Picard vor die Brust und übersetzte in nur wenigen Wochen dessen in der Tradition der Typenkomödie stehendes Stück ´Médiocre et rampant`. Carl August war´s zufrieden und Schiller hatte somit am Ende seines Lebens auch noch eine Komödie in seiner Vita. 
Sein Verdienst lag vor allem darin, dass er die gestelzten Alexandriner Picards in eine pointierte und pfiffige Prosasprache umdichtete und damit das Stück bis in die Moderne rettete. Wodurch es irgendwie auch zu Schillers Stück geworden ist. Ab und an wird es sogar noch an deutschen Bühnen gespielt, so auch jetzt am großen Haus in Paderborn, wo es am Samstag eine umjubelte Premiere feiern durfte. 

Das Thema ist erstaunlich aktuell. Es ist die Geschichte von Selicour (David Lukowczyk), der es versteht, seine berufliche Inkompetenz durch geschicktes Lavieren und Intrigieren so zu vertuschen, dass er sich mit diesen Methoden das Vertrauen seines vorgesetzten, etwas gutgläubigen Ministers (Daniel Minetti) und dessen schräger Familie (Eva Brunner als Madame Belmont, Lea Gerstenkorn als Tochter Charlotte) erschleicht. Für Job und Braut macht er alles: Er diffamiert seinen alten Schulfreund La Roche (Ogün Derendeli), nutzt Bescheidenheit, Gutgläubigkeit und Fleiß seiner Kollegen (Alexander Wilß als Firmin, Carsten Faseler als dessen Sohn Karl Firmin) aus und schmückt sich mit deren Meriten. 

Das aalglatte Konstrukt, das sich Selicour aufgebaut hat, bröckelt zum ersten Mal, als sein einfältiger Verwandter Robineau (Tim Tölke) aus seinem Heimatdorf auftaucht. Und dann ist da ja noch La Roche: er lässt sich trotz mancher Nackenschläge nicht unterkriegen, entlarvt am Ende mit List und Tücke Selicours Methoden, so dass dieser mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt wird.

Der Regisseur Tim Egloff hat das Stück als klassische Typenkomödie inszeniert, und ihm ist dabei ein richtig guter Wurf gelungen. Die Figuren sind zwar bis zur Karikatur überzeichnet, bleiben jedoch nicht im Starren stecken. Die Schillersche Sprache ist an manchen Stellen spritzig und witzig ins Moderne gebracht, ohne damit hausieren gehen zu wollen. 
Unterstützt wird die stringente Spielidee von wunderbar gestalteten Kostümen (Sina Barbra Gensch), die in ihrer wohl durchdachten Farbgebung punktgenau die Charakter- und Sozialtypen unterstreichen.
Die im ersten Teil in mintgrün und schweinchenrosa gehaltene Bühne unterstützt ebenso wie das tiefblau nach der Pause die Wirkung dezent. Ein Knaller ist das Ende: Der devote und bis dahin eher pantomimisch daherkommende Diener Michel (Robin Berenz) hat einen kurzen, aber zumindest den Fridays for Future-Gegnern und Befürwortern bekannt vorkommenden Kurzmonolog: „How dare you, how dare you"!! ruft er tief entrüstet Selicour zu. 
Womit wir schon bei der Moral von der Geschicht wären: Der Schein regiert die Welt und Gerechtigkeit, tja, die gibt es leider nur auf der Bühne!

So geht nach gut zwei Stunden ein wunderbar vergnüglicher Theaterabend zu Ende, bei dem die Schauspieler*innen einmal so richtig zeigen dürfen, was sie so alles drauf haben. Das Publikum war entzückt und spendete reichlich Applaus.

Foto: Tobias Kreft – Daniel Minetti, Robin Berenz, Alexander Wilß, Lea Gerstenkorn, Ogün Derendeli, Eva Brunner

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