Der Mensch als Schöpfer seiner Umwelt

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Straßenbau und Mysterienströmungen?
Eine Begegnung mit Bernhard Lievegoed

tdz.- In der anthroposophischen Bildungslandschaft ist die Akademie Vaihingen – Zentrum für berufsbegleitende Ausbildungen – sicher ein Begriff. Seit 21 Jahren bietet sie erfolgreich Aus- und Weiterbildungen in therapeutischen, sozialen und organisationalen Berufsfeldern auf anthroposophischer Grundlage an. Einer der Mitgründer ist Hermann Seiberth, ein Umweltaktivist, wie er im Buche steht, oder besser gesagt, wie wir in einem Bericht aus der TAZ aus dem Jahr 2019 nachlesen können. [1] Hermann Seiberth schrieb vor einigen Tagen bei Facebook von einer Begegnung mit dem 1905 auf Sumatra geborenen Berhard Lievegoed, einem niederländischen Arzt, Heilpädagogen, Psychiater, Sozialökonom und Anthroposophen. [2] Er berichtet über das Zustandekommen dieser Begegnung im niederländischen Zeist: 

"Wenig bekannt ist ein Vortrag beim Deutschen Straßenkongreß 1980 im ICC in Berlin, mit dem Bernhard Lievegoed in genialer Weise den für das Straßenwesen Verantwortlichen einen Spiegel ihres Tuns vorhielt. In einer den Ingenieuren, Technikern, Planern und Verwaltungsexperten verständlichen Sprache machte er deutlich, wo "der Hase im Pfeffer liegt", ohne anzuklagen.

Zu dieser Zeit befassten wir uns in einer Arbeitsgruppe in Berlin gerade mit Bernhard Lievegoeds Büchlein "Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien", das 1979 in Stuttgart erschienen war, als mir die Einladung zur Jahreshauptversammlung der "Deutschen Forschungsgesellschaft für das Straßenwesen" in die Hände fiel. Das Programm kündigte "Prof. Dr. Bernhard Lievegoed, Zeist, NL" als Festredner an. 
Konnte das tatsächlich der Autor der "Mysterienströmungen in Europa" sein? 

Um dieses Rätsel zu lösen, besuchte ich den Autor in Zeist, klingelte unangemeldet an einem Sonntagmorgen um neun Uhr an seinem Haus in Zeist, erläuterte dem Hausherren, der freundlich die Türe öffnete, den Grund meines Kommens und stellte ihm die Frage: "Sind sie der Festredner beim Straßenkongreß in Berlin?"
Lachend bestätigte es Bernhard Lievegoed und bat mich herein. Nach 12 Stunden, in denen er mir alle von ihm gegründeten Einrichtungen – wobei mich vor allem das NPI / Institut für Organisationsentwicklung beeindruckte – in Zeist gezeigt und aus seinem beruflichen Leben berichtet hatte, entließ er mich wieder abends um 21:00 Uhr. Was für eine spontane Bereitschaft zur Begegnung! Sie hat mein weiteres Leben entscheidend geprägt.

Beim Straßenkongress in Berlin war ich gespannt, wie der von der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners durchglühte Wissenschaftler, Arzt, Heilpädagoge, Psychiater, Sozialökonom und Gründer vieler Institutionen zu Straßenbauern sprechen würde. Wie würde er wohl, so fragte ich mich, den Vertretern einer die Umwelt gravierend zerstörenden Disziplin den Spiegel vorhalten? Würde er eine Sprache finden, die zum Mitdenken einlädt?

Sein faszinierender, hochaktueller Vortrag beschreibt in subtiler Weise die Aufgaben, die einer die Umwelt gestaltenden Disziplin erwachsen, wenn sie es sich zum Ziel macht, das reduzierende wissenschaftliche Denken zu überwinden und ihr Handeln gesellschaftlich verantwortlich zu gestalten. Anhand der Boulding'schen Systemtheorie [3] zeigt der Vortrag auf, dass der Mensch der ungerechte Schöpfer seiner Umwelt bleibt, solange die Wissenschaft nur quantitative Modelle bauen kann. 

Nach fünfzig Jahren beginnt die Diskussion darüber, holistische Modelle gesellschaftlicher Entwicklung zu entdecken und anzuwenden, an Fahrt aufzunehmen – siehe die Arbeiten von Claus Otto Scharmer (Theorie U, von der Zukunft her führen) und vor allem Frederic Laloux (Reinventing Organizations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit.)

Wie mit seinen Vorträgen 1965 in Spring Valley ‚Dem 21. Jahrhundert entgegen' (Manuskriptdruck 1980) und seiner Schrift "Der Mensch an der Schwelle" erweist sich Bernhard Lievegoed mit dem Straßenbau-Kongreß-Vortrag von 1980 ein weiteres Mal als genialer Gestalter. Dieser Vortrag ist ein wenig bekanntes, rhetorisches Meisterstück." [4]

Foto B. Lievegoed: Forschungsstelle Kulturimpuls / Montage tdz

Anmerkungen. 

[1] https://taz.de/Hermann-Seiberth-im-Portraet/!5629564/
[2] https://anthrowiki.at/Bernard_Lievegoed
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kenneth_Ewart_Boulding
[4] Der Vortrag, der transkribiert vorliegt, kann hier heruntergeladen werden. 

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