Das Märchen vom „geschlossenen Weltbild“

Sternenhimmel

von Wolfgang G. Voegele

Mit den Schlagworten "geschlossenes Weltbild" und "geschlossenes System" versuchen Kritiker aus Kirche und Wissenschaft unliebsame Weltanschauungen zu diskreditieren. Davon betroffen ist der Marxismus-Leninismus, der Nationalsozialismus und rechtspopulistische Bewegungen. Auch das Werk Rudolf Steiners unterlag diesem Framing, wie die folgenden Beispiele zeigen. 

Verpönte Ganzheitlichkeit

Schon zu Lebzeiten Steiners standen Kritiker ratlos vor der "Ganzheitlichkeit" der Anthroposophie. Der Philosoph Hans Leisegang schrieb: "Die Lehren, die Rudolf Steiner seinen Anhängern übermittelt, stellen in ihrer Gesamtheit das umfassendste und eigenartigste System okkulter Wissenschaft dar, das bisher geschaffen wurde." 1

In den folgenden Jahren hatten Kritiker immer wieder Problene mit dem "ganzheitlichen" Charakter des anthroposophischen Weltbilds: dessen Totalität wurde sogar mit Totalitarismus verwechselt. Damit in Verbindung gebracht wurde ein vermeintlicher "esoterischer Absolutheitsanspruch".

Der Physiker Ernst Zimmer wandte sich gegen "Weltanschauungen, die ein geschlossenes wissenschaftliches Bild anzustreben vorgeben".2 Spöttisch bemerkte er: "Es kann nicht anders sein, als Steiner schon weiß."

Zahlreiche Kritiker aus dem pädagogischen Bereich übernahmen das Urteil des Tübinger Erziehungswissenschaftlers Klaus Prange.3 Heinz-Elmar Tenorth behauptet: "Steiners Geisteswissenschaft ist (…) nach meinem Eindruck nichts anderes als ein geschlossenes, komplettes Wahnsystem und hat mit Wissenschaft nichts zu tun." 4  Ebenfalls an Prange anknüpfend, behauptet die Verfasserin einer Bachelorarbeit, die Anthroposophie sei "ein in sich geschlossenes Denksystem, das nicht veränderbar ist." 5

Eine Theologin bedauert, dass sich der protestantischen Pfarrer Friedrich Rittelmeyer einem "geschlossenem System" (nämlich der Anthroposophie) zugewandt habe.6

Zum 150. Geburtstag Steiners hieß es in der Wochenschrift "DIE ZEIT": "Steiners Nachlass ist nichts Geringeres als ein Gesamtentwurf der spirituellen Überlebenstechniken in der materialistischen Eiszeit, ein von seinen Gegnern viel belächeltes ganzheitliches Paralleluniversum im wissenschaftlich-analytischen Zeitalter"" 7

Der Steinerbiograph Heiner Ullrich "stellt die Anthroposophie als abgeschlossenes metaphysisches System dar, das mit dogmatischen Aussagen (die dem Eingeweihtenwissen Rudolf Steiners entstammen, mithin unüberprüfbar sind) und mystischen bzw. vorwissenschaftlichen Erkenntnisformen eins zu eins in die Waldorfpädagogik (…) hineinwirkt." 8

Die Zeitschrift für Pädagogik stellt dem "geschlossenen, monistischen System Steiners" (…), in dem es auf alle Probleme – auch pädagogische – eine gültige Antwort gibt, das relativ offene Konzept Maria Montessoris gegenüber. 9

Zwei Stimmen aus der Medizin:

Das Deutsche Ärzteblatt schreibt: "Basis für die Anwendung der Mistel in der Krebsbehandlung ist das anthroposophische Gedankengebäude zur Menschen- und Naturerkenntnis, das von Rudolf Steiner intuitiv als in sich geschlossenes System formuliert wurde."10

In einem bekannten Medizinportal lesen wir. "Die Anthroposophie bildet ein geschlossenes System, dessen Denkweisen, Begrifflichkeiten und Ausdrucksweisen für Außenstehende schwer verständlich sind. Sie ist eng verbunden mit dem Glauben an übersinnliche Kräfte (…) Solche Vorstellungen liegen außerhalb des naturwissenschaftlichen Denkens."11

Anthroposophische Erwiderungen

Das kritische Urteil Pranges über die Waldorf-Pädagogik, die Erkenntnislehre Steiners sowie das geschlossene Welt- und Menschenbild der Waldorf-Pädagogik " weist J. Kiersch entschieden als unbegründet und seinerseits dogmatisch zurück."12

Auf die Behauptung Henning Kienes, Pastor im EKD-Kirchenamt, die christliche Theologie stelle im Gegensatz zur Anthroposophie kein geschlossenes System dar, entgegnete Henning Kullak-Ublick in einem Leserbrief: "Bei der Anthroposophie handelt es sich keineswegs um ein geschlossenes System, sondern um eine ergebnisoffene und jederzeit transparente Methode zur Vertiefung und Verlebendigung des Denkens, Fühlens und Wollens (…) Ein geschlossenes System scheint mir eher dort zu existieren, wo man sich auf eine einzige Möglichkeit zur Erkenntnisgewinnung beruft, wie Sie das in ihrem Beitrag tun."13

In seinem Grußwort zur Auftaktfeier des Hamburger Schulversuchs "Fährstraße" 2014/15 trat Kullak-Ublick einigen Vorurteilen gegenüber der Waldorfpädagogik entgegen: Sie sei kein in sich geschlossenes System, sondern überhaupt nur denkbar, so lange sie sich entwickele." 14

Einige Jahre später betont der gleiche Verfasser: "Die Waldorfpädagogik ist […] kein geschlossenes System, mit dem man sich nur ganz oder gar nicht identifizieren kann. Sie ist vor allem ein Übungsweg zu einer lebendigen Menschenkenntnis und zur bessesen Wahrnehmung der Kinder." 15

Rolf Heine: "Der Anthroposophischen Pflege liegt kein geschlossenes, normierendes theoretisches System zugrunde."16

"Anthroposophische Medizin war nie ein in sich geschlossenes Lehrgebäude, sondern wird immer ein medizinisches Konzept sein, das sich im Kontext von Wissenschaft und Gesellschaft verändert." 17

"Aus der Aussenperspektive wird Anthroposophie […] oft als geschlossenes und in sich stringentes System wahrgenommen, das unfassbar und unerklärbar erscheint und eine Annäherung erschwert. In der Innenperspektive wird aber deutlich, wie anforderungsreich die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie ist und wie unterschiedlich und individuell die Aussagen von Rudolf Steiner interpretiert werden können."18

Nie abgeschlossen, nie fertig

Steiner selbst warnte vor Abgeschlossenheit: "Begibt man sich ernsthaft auf den Weg des Suchens, so lernt man erkennen, dass man von den verschiedensten Seiten die Impulse zusammentragen muss, um einiges Verständnis für die Welt zu gewinnen. (…) Die schlimmsten Feinde der Wahrheit sind die abgeschlossenen und nach Abschluß trachtenden Weltanschauungen, die ein paar Gedanken hinzimmern wollen und glauben, ein Weltgebäude mit ein paar Gedanken aufbauen zu dürfen (…) Daß man sich nie für abgeschlossen, nie für fertig erklärt, das ist in gewisser Beziehung unbequem. Aber das ist eine Notwendigkeit, wenn die Geistesentwickelung der Menschheit vorwärtsschreiten soll." 19 Allzu rasche Urteile waren Steiner verdächtig: "Es ist der beste Impuls, Scheu zu haben, ein abgeschlossenes Urteil sich zu bilden."20


foto: sternenhimmel – shutterstock

Anmerkungen:

1 Hans Leisegang: Die Geheimwissenschaften (1923): zit. nach Werbeck I, 1924, S. 1971
2 Ztschr. f.Lübeckische Gesch. Bd, 91, 2011, S. 399f., ders.: Umsturz im Weltbild der Physik, 1. Auflage 1934, Taschenbuch 1964
3 Prange nannte die Anthroposophie ein "geschlossenes Weltbild" (Heilbronner Online-Zeitung "Stimme.de", 21.9.2007)
4 Interview mit Prof. Tenorth, 23. Juli 2023, zit. nach Wikipedia: "Anthroposophie", abgerufen 1.1.2026
5 Alexandra Schneider; "Okkulte Weltanschauung als pädagogisches Prinzip. Ein kritischer Blick auf die Waldofpädagogik". TH Köln 2018, S. 25
6 Ute Gause, Friedrich Rittelmeyer,1996, S. 161
7 Iris Radisch: Der letzte Prophet. DIE ZEIT NR.8/2011 vom 17. Februar 2011
8 Rezension zu Heiner Ullrich: Waldorfpädagogik. Eine kritische Einführung. Weinheim 2015, von Jost Schieren in RoSE, Vol.6 No.I, 2015 www.rosejourn.com
9 Paul Oswald: Die Pädagogik Maria Montessoris und Rudolf Steiners. Zeitschrift für Pädagogik 31 (1985) 3, S. 385 ff. 
10 aerzteblatt.de, 1996/93
11 miomedi.de (letzte Aktualisierung am 29.05.2015)
12 Zeitschrift für Pädagogik, 32/198
13 Woran glauben Anthroposophen, Chrismon, 2014
14 www.anthroposophie.ch/de/paedagogik/news/artikel/zusammenarbeit-zum-wohl-der-kinder.html, 26.8.2014
15 www.wila-arbeitsmarkt.de/blog/2018/11/12/lehrermangel-an-waldorfschulen/
16 www.vfap.de/anthroposophische-pflege
17 Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland. www.damid.de/position-beziehen/kritisch-gefragt.html
18 Andreas Fischer: Anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie. Broschüre Nr. 1 des vahs, Verband für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie Schweiz) o. J.
19 Vortrag, Berlin, 23. Januar 1914, Der kosmische und der menschliche Gedanke, GA 151, Taschenbuchausgabe, Dornach 2000, S. 82
20 Fragenbeantwortung, Düsseldorf, 22. April 1909, GA 110, S. 184

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