Ein Beitrag von Michael Mentzel
Ein Buch von Daniele Ganser zu besprechen, ist in anthroposophischen Zusammenhängen ein recht heikles Unterfangen, denn die Auffassung, dass der ehemaliger Waldorfschüler Ganser ein Verschwörungsideologe, gar ein Rechtsextremer sei, ist bei manchen der Anthroposophie nahestehenden Zeitgenossen einigermaßen weit verbreitet. Für uns ist Daniele Ganser in erster Linie ein Historiker, der das komplizierte Weltgeschehen immer auch unter der Frage "cui bono" (Wem nützt es?) betrachtet. Das betrifft insbesondere seine Untersuchungen zu Gladio, den stay-behind-Geheimarmeen der Nato, wie auch seine Forschungen zu den illegalen Kriegen und ebenfalls seine kritischen Fragen zu 9/11, die in den USA wesentlich intensiver diskutiert werden, als wir es in Deutschland gewohnt sind. Der Verfasser dieser Zeilen hat Daniele Ganser bei Vorträgen erlebt, einige seiner Bücher gelesen und kommt zu dem Schluss, dass die kritische Beobachtung der gegenwärtigen geopolitischen Zustände und der vielbeschworenen "wertebasierte Weltordnung" ein sehr empfehlenswertes Unterfangen ist. "Kampf der Giganten" steht inzwischen auf Platz 15 der Spiegel-Bestsellerliste.
Der Ausspruch des damaligen SPD-Politikers Egon Bahr, dass es in der internationalen Politik "nie um Demokratie oder Menschenrechte [geht]", hat, wie das Buch zeigt, immer noch seine Gültigkeit. "Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt." Egon Bahr war einer der Wegbereiter der Entspannungspolitik und vielleicht der wichtigste Architekt der neuen deutschen Ost- und Entspannungspolitik an der Seite von Bundeskanzler Willy Brandt.
Der Autor Ganser nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch die Tiefen und Untiefen der "Giganten" China, den USA und Russland und beleuchtet damit auch die vielen dunklen Ecken der gegenwärtigen geopolitischen Weltlage und nimmt damit kein Blatt vor den Mund. Er seziert die Erzählungen der Mächtigen, untersucht sie auf ihren Wahrheitsgehalt und greift dabei auf öffentlich zugängliche Informationen zurück. Das dabei manche "Wahrheiten" ans Licht kommen, die ein Otto-Normal-Leser noch nicht mitbekommen hat, ist kein Nebeneffekt, sondern Absicht.
Gigant China. Das Jahrhundert der Schande
Daniele Ganser beginnt seine Reise mit dem Giganten China und dessen wechselvoller Geschichte, die weit vor über 4000 Jahren begann und viele Dynastien und ganz verschiedene Kaiserreiche umfasst. Als besonderes Augenmerk ist hier wohl Chinas "Jahrhundert der Schande" zu sehen, das von 1839 bis zur Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 dauerte. Im Gegensatz zu anderen Ländern gab es in China keine imperialen Gelüste, offensichtlich war die jeweilige Staatsführung im Sinne von Konfuzius eher darauf bedacht, sich mit sich selbst zu beschäftigen und andere Länder in Ruhe zu lassen. Mit der Gründung der Volksrepublik und Mao Zedong trat der Kommunismus auf den Plan, der bis heute die Geschicke dieses Giganten bestimmt.
China ist heute ein anerkannter Staat, der den Giganten Russland und USA fast schon den Rang abgelaufen hat. Der Blick auf die Verkaufszahlen chinesischer Autos auf Deutschlands Straßen oder ein Blick auf Solarmodule auf deutschen Hausdächern dürfte dafür ein signifikantes Zeichen sein. Die Präsenz chinesischer Unternehmen in Europa ist weniger einem Imperialismus geschuldet, sondern eine Folge der internationalen Globalisierung. Einen weiteren Blick wendet Daniele Ganser auf die Beteiligung Chinas und die Entwicklung der BRICs-Staaten.
Regionalmacht oder Gigant? Russland
„Russland ist eine Regionalmacht, die einige ihrer unmittelbaren Nachbarn bedroht – nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche.“ So charakterisierte 2014 US-Präsident Barack Obama Russland, was sicherlich nicht dazu beitrug, das Misstrauen Russlands gegenüber dem Westen zu vermindern.
Beleuchtet wird in diesem Kapitel das Verhältnis Russlands zum Rest der Welt, den Kalten Krieg, der 1947 begann, bis 1991 dauerte und vorerst mit der Wiedervereinigung endete.
Ein Thema, das auch heute noch immer wieder kontrovers diskutiert wird, nimmt auch in Daniele Gansers Buch einen breiten Raum ein: Es ist die Nato-Osterweiterung. Dass es keine schriftliche Vereinbarung über der Verzicht auf eine Nato-Osterweiterung gab, ist unstrittig. Und dass die mündliche Zusage, die Nato nicht weiter nach Osten zu erweitern, seinerzeit im Zwei-plus-vier-Vertrag nicht schriftlich festgehalten wurde, erlaubt heute offensichtlich den westlichen Politikern, Hinweise darauf als "Falschbehauptungen" zurückzuweisen. So Außenminister Johann Wadephul im Juni 2025 als Anwort auf eine Anfrage der Linken im Deutschen Bundestag:"Wann hört es in diesem Haus eigentlich mit Falschbehauptungen von rechts und links auf? Bleiben wir bitte bei der Wahrheit. Eine entsprechende Zusage hat es nicht gegeben." Derlei Aussagen, die auch von Nato Generalsekretär Stoltenberg gegenüber dem Spiegel getätigt wurden, können durchaus begründen, warum das Misstrauen Russlands gegenüber dem Westen inzwischen immens angewachsen ist. Daniele Ganser: "Gerade Deutschland, das von der Wiedervereinigung am meisten profitierte, wäre dazu verpflichtet, ehrlich auf die damaligen Zusagen zurückzublicken".
Die Anzahl der NATO-Mitgliederstaaten hat sich von 16 Mitgliedern zu Beginn auf inzwischen 32 Länder verdoppelt.
Daniele Ganser beschreibt die unterschiedlichen Lesarten der Narrative, die sich durch den Maidan-Aufstand 2014 im Westen und in Moskau ergaben. Während die westliche Sicht bis heute davon ausginge, dass das ukrainische Volk seinen "korrupten Präsidenten" gestürzt habe, laute das Narrativ in Moskau, "dass die USA und andere NATO-Staaten in Kiew rechtsextreme Aufständische unterstützt haben, weil sie die Ukraine in die NATO ziehen wollten." Geschildert werden die verschiedenen Stufen der Eskalation bei diesem Aufstand, und wie unter anderem die Einflussnahme der USA dabei vonstatten ging. Vorausgegangen war die Absage des Präsidenten Janukowitsch, das Assozierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. Die Folge waren heftige Demonstrationen der Bürger, die gehofft hatten, "eine engere Bindung an die EU würde ihre schwierige wirtschaftliche Lage verbessern".
Der Maidan-Konflikt steigerte sich im weiteren Verlauf und Ganser zeigt auf, wie die damalige, immer weiter sich eskalierende Situation u.a. von den bundesdeutschen Medien wahrgenommen und vermittelt wurden. Zitiert werden Journalisten wie Stephan Stuchlik von "ARD-Monitor"oder dem im August 2014 verstorbenen Peter Scholl-Latour. Stuchlik damals zu den Schüssen, die auf die Demonstranten abgefeuert wurden: "Die Staatsanwaltschaft sagt, Wir wissen, wer schuldig war, es waren die Janukowitsch-Leute, wir kennen die Berkut-Soldaten".
Aber, so Stuchlik weiter: "So einfach kann es nicht gewesen sein, (…) Zum einen wurde den Demonstranten an diesem Tag augenscheinlich in den Rücken geschossen, (…) dann ist im Funkverkehr der Janukowitsch-Scharfschützen zu hören, wie die sich wundern, dass da Leute umgebracht werden – und zwar von professionellen Schützen, die sie nicht kennen."
Auch der US-Ökonom Jeffrey Sachs kommentierte das Geschehen und die amerikanische Beteiligung: "Ein 'bemerkenswertes abgefangenes Telefongespräch' zwischen Victoria Nuland und dem US-Botschafter in der Ukraine Geoffrey Pyatt, zeige 'das Ausmaß der amerikanischen Beiteiligung' betont Sachs".
Victoria Nuland wird von Daniele Ganser als "Schlüsselperson für den Putsch" bezeichnet, sicher auch deswegen, weil es in dem Gespräch um die Nachfolge von Janukowitsch ging. Ins Gespräch war wohl damals von der EU auch der Boxer Vitali Klitschko gebracht worden worden, was von Victoria Nuland sehr eindeutig abgelehnt wurde. Nuland:"(…) Ich glaube Jazenuk ist der richtige Mann (…)". Und was die Beteiligung der EU an diesen Verhandlungen betraf, sagte sie: "Und weißt du was: Fuck the EU".
Die Nachricht über dieses Gespräch war zwei Wochen vor dem Putsch vom Spiegel veröffentlicht worden.
Die "Rückholung" der Krim
Am 23. Februar 2014 begann die "Rückholung" der Krim. Der Grund dafür war laut Putin, die Verteidigung des Stützpunkts der Schwarzmeerflotte sowie der strategischen Interessen Russlands. Ganser beschreibt die sich daran anschließende Debatte im UNO-Sicherheitsrat und er stellt die damit einhergehende Veränderung der Medienlandschaft dar, speziell im deutschen Sprachraum: "Nach dem Putsch in Kiew und der Abspaltung der Krim ging tatsächlich ein Riss durch Europa. Die Regierungen in Deutschland und Russland begegneten sich nicht mehr mit Repekt und Freundschaft wie noch während der Gespräch zur deutschen Wiedervereinigung, sondern mit gegenseitigem Misstrauen."
Daniele Gansers Fazit: In der Ukraine sei nach dem Putsch ein Bürgerkrieg und dann ein Stellvertreterkrieg zwischen den Giganten Russland und USA ausgebrochen: "Obschon das sicher nicht ihr Ziel gewesen war, trieben die USA dadurch den Giganten Russland in eine enge Allianz mit dem Giganten China."
Die Ukraine
In diesem Teil des Buches geht es um die Geheimdienstaktivitäten der Giganten. "Aus der Sicht von Moskau hatte die CIA mit dem Putsch auf dem Maidan den SBU übernommen", schreibt Ganser und schildert sodann die Rolle des CIA-Direktors Brennon, der einen maßgeblichen Anteil an den dann folgenden Geschehnissen in der Ostukraine hatte. Insbesondere in den Oblasten Donezk und Luhansk, dem Donbass wollte die Bevölkerung den Vorgaben der neuen Regierung in Kiew nicht folgen, es kam zu Aufständen. Die Reaktion der ukrainischen Regierung, die von John Brennon beraten wurde, war Gewalt. Ganser zitiert den ukrainischen Regierungsbeamten Andriy Telizhenko: "Brennon gab grünes Licht für den Einsatz von Gewalt gegen den Donbass". Wenig später begann die "Anti-Terrorist-Operation" in der Ostukraine. Einzelne Soldaten weigerten sich, ähnlich wie zuvor auf der Krim, "auf das eigene Volk zu schießen, und desertierten. Andere ukrainische Soldaten führten die Befehle der neuen Regierung aus. Ukrainer töteten jetzt Ikrainer, unterstützt durch die CIA. Das Land versank im Bürgerkrieg."
Die Jahre 2014 bis 2022 waren geprägt von innerukrainischen Auseinandersetzungen und von Versuchen, die Konflikte durch Gespräche und Vereinbarungen beizulegen. In diese Zeit fallen die Verhandlungen Minsk I und II, das Drama um das Gewerkschaftshaus in Odessa, Anfang Februar 2022 wurden die olympischen Sommerspiele in China eröffnet und Russland und China forderten in einer gemeinsamen Erklärung den Stopp der NATO-Osterweiterung.
Am 22. Februar 2022 begann der russische Einmarsch in die Ostukraine. Schon kurz darauf gab es in Istanbul – koordiniert vom israelischen Premier Naftali Bennett – die ersten Gespräche und es schien, als ob die Konfliktparteien eine Friedenslösung hätten erreichen können, allerdings zeigte die Geschichte, die mittlerweile kaum noch in Zweifel gezogen wird, dass die NATO-Staaten kein Interesse daran hatten, den Krieg zu beenden. Daniele Ganser bezieht sich hier unter anderem auf den Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, sowie auf den ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat, immerhin einige Jahre Vorsitzender des NATO-Militärausschusses in Brüssel. An dieser Stelle betont Daniele Ganser einmal mehr, dass er den russischen Einmarsch für illegal und einen "Verstoß gegen das UNO-Gewaltverbot" hält.
Während die Gespräche zwischen der Ukraine und Russland in Istanbul offensichtlich Erfolg versprachen, machten die Ereignisse in Butscha alle Hoffnungen zunichte. Zu den Vorkommnissen in Butscha gibt es eine ukrainische (westliche) Sicht und eine russische. Hier merkt Daniele Ganser an, dass es "einen sorgfältigen Geschichtsabgleich unter Berücksichtigung aller Zeugen geben" müsste, um die Wahrheit herauszufinden.
Nord-Stream
Am 26. September 2022 wurden die Nord Stream Pipelines gesprengt. Vorausgegangen war eine Ankündigung des damaligen Präsidenten der USA, Joe Biden, der bei einer gemeinsamen Pressekonferenz anlässlich des Besuchs von Bundeskanzler Scholz angekündigt hatte, Nord Stream II ein Ende zu setzen. Scholz stand neben Biden wie ein gemaßregelter Schuljunge und schwieg. Er schwieg auch, als Biden auf Nachfrage bestätigte, "Ich verspreche Ihnen, dass wir in der Lage sein werden, es zu tun". Und wie es schien, haben sie es auch getan.
Der frühere Verteidigungsminister Polens Radoslaw Sikorski postete auf X ein Bild mit dem Kommentar "Thank you, USA.", was darauf hindeutete, dass die USA die Ankündigung von Biden in die Tat umgesetzt hatte.
Der Investigativ-Journalist Seymour Hersh veröffentlichte im Februar ´23 einen langen Artikel auf der Plattform Substack, in dem er darlegte, wie der Anschlag auf die Pipeline geplant wurde, von wem der Auftrag kam und wie er dann durchgeführt wurde.
Nach Hersh wurde der Sprengstoff im Juni '22 während der Marine-Übung Baltic Operations in der Ostsee unbemerkt von Tiefseetauchern der US-Marine angebracht. Am 26. September wurde von einem Flugzeug in der Nähe von Bornholm eine Sonarboje abgeworfen, die die C4-Ladungen mittels eines Signals von dieser Boje zündete.
Der Hersh-Bericht war für die USA natürlich ein Problem. Olaf Scholz reiste einige Tage nach der Veröffentlichung von Seymour Hersh nach Washington, traf sich dort mit Joe Biden und etwas später wurde den Medien eine neue Geschichte präsentiert, nämlich die von der Segelyacht Andromeda und den ukrainischen Tätern. Selenski sei darüber informiert gewesen, hieß es. Damit waren die USA in dieser Sache vorerst aus dem Spiel. Bei Drucklegung des Buches dürften die aktuellen Berichte über die Festnahmen und Anklagen gegen die mutmaßlichen Täter noch nicht bekannt gewesen sein.
Russlands rote Linien
Bis zum November 2024 hielten sich die USA an die roten Linien von Russland und erlaubten der Ukraine nicht, Russland mit US-Raketen und Drohnen anzugreifen. Dies änderte sich und wie es bei Ganser heißt, "… kletterten die USA auf der Eskalationsleiter eine Sprosse weiter nach oben". Und die New York Times meldete: "Biden erlaubt der Ukraine, mit von den USA gelieferten Langstreckenwaffen Ziele innerhalb Russlands anzugreifen".
Dies geschah dann tatsächlich einige Tage später, und auch Großbritannien erlaubte der Ukraine den Einsatz britischer Storm-Shadow-Marschflugkörpern gegen russisches Gebiet. Russland antwortete zum Entsetzen des Westens mit dem Einsatz einer Hyperschall Oreshnik-Rakete auf eine Rüstungsfabrik in der Nähe von Dnipro. Einer Rakete, die über eine große Reichweite und elffache Schallgeschwindigkeit verfügt.
Der Drohnenkrieg wurde 2024 auf beiden Seiten intensiviert, wobei er auf der ukrainischen Seite aktiv von den USA unterstützt wurde. Eingesetzt von der Ukraine auch Drohnen aus deutscher Produktion (Helsing, Bayern).
Daniele Ganser berichtet über die Forderung des russischen Politikwissenschaftlers Sergei Karaganow: "dass Russland das Schlachtfeld über die Ukraine hinaus erweitern müsse, denn der Kampf in der Ukraine sei im Kern ein Kampf gegen die NATO."
Russland müsse, so Karanow weiter: "dem Westen nur mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen, damit er seine Unterstützung für die Ukraine einstelle". Eine Forderung, der sich Daniele Ganser nicht anschließen mag, denn: "Gewalt führt immer zu Gegengewalt. Am oberen Ende der Eskalationsleiter steht der internationale Atomkrieg." Ganser nennt es Glück, dass Wladimir Putin "seinen Krieg bisher nicht über die Grenzen der Ukraine hinaus ausgeweitet [hat]." Denn Putin hätte "die Angriffe mit deutschen Drohnen und amerikanischen ATACMS als Verstoß gegen alle roten Linien Russlands [eingestuft]."
Trump trifft Putin in Alaska. Ein Friedensplan
Das Treffen von Präsident Trump mit Wladimir Outin fand im Sommer ´25 in Alaska statt. Es hätte einen Plan für ein Ende des Krieges gegeben, schreibt Ganser, den der US-Sondergesandte Wittkoff Putin vorgelegt hätte, der geprüft worden sei, und dass "Moskau bereit war, ihn anzunehmen". Unter dem Titel: "Der Deal, der nie zustande kam" von Felix Abt kann nachgelesen werden, was in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen worden ist.
Einige Tage nach dem Gipfeltreffen in Anchorage reisten Friedrich Merz, Keir Starmer (GB), Emmanuel Macron (F), Gigoria Meloni (It), Alexander Stubb (Finnland) sowie Marc Rutte (NATO) und Ursula von der Leyen (EU) nach Washington "und drängten im Oval Office auf Konfrontation, Aufrüstung und Krieg. (…) Die Europäer bestanden darauf, dass Kiew weiterhin einen Beitritt zur NATO anstreben dürfe und ein Waffenstillstand entlang der bestehenden Frontlinie erfolgen müsse. Damit beendeten die Europäer den Friedensplan von Alaska.
Thema: Israel
Ein weiteres Kapitel widmet Daniele Ganser Israel, das nicht gerade zu den Giganten gezählt werden kann, aber infolge seiner Auseinandersetzungen mit dem Iran in der gegenwärtigen geopolitischen Situation der Welt eine große Rolle spielt. Ganser weist hier insbesondere auf die engen Verbindungen Israels mit den USA hin, beleuchtet die Rolle des UNO-Sicherheitsrates und wie die USA und Russland sich in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen verhalten. Die Giganten Russland und China haben sich stets für eine Zwei-Staaten-Lösung eingesetzt und dafür, dass Palästina ein Vollmitglied der UNO wird. Von den USA wird dies jedoch bisher erfolgreich verhindert.
Der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 ist ebenso Thema wie die Frage, warum Israel den Angriff der Hamas nicht abwehren konnte.
Die Folge, nämlich dass Israel in seiner Gegenreaktion in Gaza nach Ansicht von Amnesty International und anderer Menschenrechtsorganisationen einen Völkermord begangen haben, wurde von der Bundesrepublik Deutschland stets verneint. Eine Zustimmung von Deutschland hätte bedeutet, dass Deutschland seine Waffenexporte nach Israel hätte einstellen müssen. Ganser weist hier explizit auf die Aussagen des damaligen Wirtschaftsministers Rober Habeck (Die Grünen) hin. Dieser hätte alle Schuld auf die Palästinenser geschoben. Ganser: "Der Vizekanzler wusste, dass in Deutschland Waffenlieferungen an Staaten untersagt sind, denen Kriegsverbrechen oder Völkermord vorgeworfen wird."
Der Gigant USA
In fast allen Kapiteln des Buches erfährt der Leser, welchen Einfluss die USA auf das Weltgeschehen bisher ausgeübt hat oder gegenwärtig noch ausübt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Thema USA auf knapp 20 Seiten des Buches behandelt wird. Daniele Ganser wirft in diesem Teil des Buches einen Blick auf die "Macht des Dollars" und wie sich diese Macht im Lauf der Jahre entwickelt hat.
Wie bereits im Kapitel über den Giganten China spricht Daniele Ganser auch hier über das Thema BRICs und die Probleme, die sich hier für die USA ergeben oder ergeben könnten. Für Präsident Trump ein Ärgernis: "Sie versuchen, den Dollar zu zerstören, damit ein anderes Land übernehmen und dessen Währung zur Leitwährung werden kann", so Trumps Befürchtung. Der aktuell wiedergewählte Präsident Brasiliens, Lula de Silva antwortete auf die Drohung Trumps, mit zusätzlichen Zöllen für Länder, die mit BRICS-Staaten Handel treiben: "Wir wollen keinen Imperator. Wir sind souveräne Nationen".
Der Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro durch die USA und den Reaktionen verschiedener Staaten darauf, inklusive der unseres Bundeskanzlers Friedrich Merz ist ein Absatz gewidmet. Russland und China kritisierten diesen Eingriff in die Souveränität eines Staates, was Präsident Trump nicht sonderlich beeindruckte. Er erklärte öffentlich, "dass er sich nicht an die Regeln der Uno-Charta halten werde. 'Ich brauche kein Völkerrecht', sagte Trump im Gespräch mit der New York Times wenige Tage nach der Entführung".
Der Iran unter Beschuss
Dem Iran und der Entwicklung des Landes seit 1953 ist das letzte Kapitel des Buches gewidmet. Zur Sprache kommen die Revolution im Jahre 1979, als der Ajatollah Khomeni den Schah stürzte und die Macht übernahm, der Zwölftagekrieg 2025 (Zitat Merz: "Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle"), sowie die weiteren Auseinandersetzungen, die ihren Höhepunkt mit der Sperrung der Straße von Hormus erreichten. Eine Reaktion auf die erneuten Angriffe, die von den USA und Israel im Februar 2026 durchgeführt wurden. Zum Ärger von Donald Trump verweigerte die NATO, sich an den Bemühungen zu beteiligen, die Straße von Hormus zu befreien. Der Iran antwortete mit Angriffen auf die Energieinfrastruktur am Golf. Laut Daniele Ganser ist für internationale Beobachter des Geschehens klar, dass diese Auseinandersetzungen für die USA ein Desaster darstellen. Das gelte nicht nur für Russland, China oder andere unbeteiligte Staaten, sondern auch für Stimmen aus den USA, darunter Scott Ritter, Tucker Carlson oder Robert Kagan, Ehemann von Victoria Nuland (fu**..the EU), der die Ansicht vertrat: "...dass der Iran die USA 'schachmatt' gesetzt habe (…) der Angriff auf den Iran sei ein großer Fehler".
Ausblick
Für Daniele Ganser ist klar, dass wir einem Frieden in der Welt nur näherkommen, wenn wir die "Gut-gegen-Böse-Narrative" hinter uns lassen, "denn Narrative sind Meinungskorridore, die vorgeben, was man denken, sagen und schreiben darf, was ein echtes Verstehen der unterschiedlichen Positionen in der internationalen Politik verhindert."
Er selbst will weiterhin in seinen Vorträgen "unterschiedliche Narrative untersuchen und vergleichen.Wir sollten freundschaftliche Beziehungen zu den drei Giganten pflegen und uns friedlich in die multipolare Welt integrieren."
"Kampf der Giganten" ist ein lesenswertes Buch über das gegenwärtige Weltgeschehen und bietet überprüf- und nachvollziehbare Einblicke in die Welt der Giganten und Mächtigen unserer Zeit. Es kann helfen, Verständnis für den jeweils anderen zu wecken und manche Entwicklungen vielleicht etwas besser einzuordnen.
Daniele Ganser
Kampf der Giganten
erschienen im Westend-Verlag
350 Seiten
ISBN: 978-3-98791-375-4
Ilustration: Foto Daniele Ganser © Tobias Sutter │ Hintergrund Pressefoto/Ganser




