Aus dem Fundus der Steiner-Nachrufe (eine Auswahl davon erschien 2024 im Info3-Verlag) stellte uns Wolfgang G.Vögele den folgenden bisher unveröffentlichten Text zur Verfügung. Er stammt von dem Waldorflehrer E. A. Karl Stockmeyer (1886-1963), der dem Urkollegium in Stuttgart angehörte.1 Stockmeyer hat seinen Text einige Monate nach Steiners Tod (Juni/Juli 1925) verfasst. Er wendet sich darin an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und warnt sie vor gläubiger Anhängerschaft.
E. A. Karl Stockmeyer
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass unsere Aufgabe in der Anthroposophischen Gesellschaft nach dem Tode Rudolf Steiners nicht allein darin bestehen kann, sein Werk zu behüten und zu konservieren. Ich kann mir nur denken, dass es in dem Sinne ihres Begründers allein ist, wenn wir alle Kräfte darauf wenden, den Weg, den er uns voranging, selbst zu betreten und sein Werk fortzusetzen: – Uns fehlen nicht die Kräfte dazu. Nur Verzagtheit kann glauben machen, uns könne es nur beschieden sein zu warten, bis der Lehrer selbst wieder unter uns ist. Dieser Lehrer wünscht sich ein Anderes, und es hieße ihm schlecht die Treue bewahren, wenn wir so glauben, ihm treue Schüler zu sein. Anthroposophie ist nicht dazu da, behütet zu werden, sondern sie ist dazu da, dass die Menschheit lebe. Muss sie aber bleiben, wie ihr Schöpfer sie verlassen hat, dann kann sie der sich wandelnden Menschheit nicht dienen.
Rudolf Steiner ist gestorben. Abergläubisch sind wir, wenn wir den Gedanken hegen, dass er auch weiter unsere Schritte führt. Soll denn der Tod eines Menschen nichts bedeuten? Er hat uns einen unermesslichen Weisheitsreichtum gegeben. Er hat ihn in unsere Hände gelegt. Was wir daraus machen, das wird aus ihm. Denn wir sind frei. Und er war es, der wie kein anderer vor ihm die Freiheit in den Mittelpunkt des Menschentums gestellt hat. Sollen wir nun denken, dass er unsere Freiheit zunichte macht und unsere Schritte lenkt, uns rechte Entschlüsse schenkt? Das kann niemand denken, der ihn recht verstehen will.
Er bleibe unser Führer. Aber er bleibe es durch sein Werk, das wir in Händen haben. Undankbar sind wir, wenn wir nicht wollen alle Kräfte anspannen, um aus seinem Werke alles herauszuholen, was aus ihm zu gewinnen ist. Und das Köstlichste, was daraus zu gewinnen ist, ist die eigene sichere und lebendige Erkenntnis. Die verdanken wir allerdings ihm. Haben wir die Tiefe seines Werkes, das wir in Händen haben, schon ganz und gar ausgeschöpft? Warum wollen wir denn, dass er uns noch mehr gebe? Alles hat er uns gegeben.
Wir sind wirklich allein, und an uns ist es, die Anthroposophie weiter zu bringen. Wo finden wir nun die rechten Wege? Wie gewinnen wir Sicherheit der Erkenntnis? Die Mittel der «Wissenschaft» haben wir ja gründlich verachten gelernt. (Wir haben es nicht von Dr. Steiner gelernt). Haben wir neue Quellen der Sicherheit gewonnen? Auch sie hat Dr. Steiner uns erschlossen. Haben wir sie in rechter Art benutzt? Wie oft hat es uns doch genügt von Dr. Steiner zu erfahren, wie sich dieses und jenes in der großen Welt und im Menschen verhält. Nun wussten wir ja wieder etwas Neues, über das sich so schön reden ließ. Das ging so schön. Man brauchte selbst gar nichts dazu tun, um eine Weltanschauung zu haben. Dr. Steiner gab uns ja immer Neues. – Wohl hat er immer wieder gesagt: Ich will keinen Glauben von Euch. Ihr sollt alles mit den schärfsten Mitteln der Wissenschaft prüfen. Dann werdet ihr sehen, dass das, was ich sage, in nichts mit den Tatsachen, die die Wissenschaft zu Tage fördert, in Widerspruch steht. – Haben wir ihm wirklich nicht geglaubt? […]
Musste er uns denn nicht verlassen? Gehört nicht sein Tod mit zu seinem Werk? Er konnte keine gläubigen Anhänger gebrauchen. Sein Werk ist nur wahr, wenn es von urteilenden freien Menschen aufgenommen wird. Sein Tod hat es unmöglich gemacht, dass die nur Gläubigen ihm weiter nachhängen. Sein Werk gehört nun den Urteilenden. Sie werden den Weg zu ihm finden.
Quelle: Archiv am Goetheanum, zit. nach: Simone Ziegenbalg: E. A. Karl Stockmeyer und die Gründung der Waldorfschule, Masterarbeit Freie Hochschule Stuttgart 2014, S. 80 f.
1 Er verfasste den sog. Stockmeyer-Lehrplan, der bis heute in den Waldorfollegien als Nachschlagewerk benutzt wird: E.A. Karl Stockmeyer: Angaben Rudolf Steiners für den Waldorfschulunterricht. Hg. Päd. Forschungsstelle Stuttgart, 7. Aufl. 2017.




