Ein offener Brief

  1. Startseite
  2. Allgemein
  3. Ein offener Brief
offener_brief_rosner

Appell gegen den Missbrauch der Wissenschaft für politische Agitation
Zu den Aktivitäten des ÖAW-Mitarbeiters Martin Tschiggerl

Ortwin Rosner, einer der Autoren, der bereits diverse Beiträge zu verschiedenen Themen hier bei TdZ veröffentlicht hat, hat einen "OFFENEN BRIEF AN DIE ÖSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN" geschrieben. Der Text dieses Briefes erscheint uns nicht nur für österreichische Leserinnen und Leser geeignet, weshalb wir uns auch hier für eine Veröffentlichung entschieden haben. Rosner schreibt in seiner Ankündigung dieses Briefes: "Hintergrund sind die fragwürdigen Aktivitäten des gehypten ÖAW-Mitarbeiters Martin Tschiggerl, der als Fachmann für "Verschwörungstheorien" gilt, darüber sogar seine Habilitation schreibt und in seinen Arbeiten und Vorträgen auf unterstem Niveau alle Corona-Maßnahmen-Kritiker eben als "Verschwörungstheoretiker", "Rechtsextremisten" und "Antisemiten" brandmarkt.
Wer ihm widerspricht, den kanzelt er als "Wissenschaftsfeind" ab. Dabei wird sein eigenes Tun wissenschaftlichen Mindeststandards nicht gerecht. Dagegen richtet sich mein Offener Brief, den ich auch bereits per E-Mail an fast 150 ÖAW-Mitarbeiter der verschiedensten Sparten verschickt habe. 

Autor: Mag. phil. Ortwin Rosner

An die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, 1010 Wien
Institutsdirektor PD Dr. phil. Johannes Feichtinger

Sehr geehrter Herr PD Dr. Feichtinger!

Als Autor der vorliegenden Zeilen wende ich mich an Sie, weil ich am Donnerstag, dem 24. November 2022, bei dem „Jour fixe Kulturwissenschaften“ des von Ihnen geleiteten Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte Zeuge eines Ereignisses wurde, das Anlass für große Sorge und Beunruhigung sein sollte.  Würde es sich dabei bloß um einen Einzelfall handeln, ließe sich freilich darüber hinweggehen und das Geschehnis als ein bizarres Vorkommnis abhaken, über das man gar nicht weiter reden müsste. Das Ergebnis der Beobachtung ist jedoch insofern als besonders besorgniserregend zu erachten, als allgemein an den Universitäten und akademischen Institutionen eine immer massiver werdende Tendenz erkennbar ist, politische Agitation unter dem Deckmantel der Wissenschaft zu betreiben. Kennzeichnend für das Agieren der hier federführenden Protagonisten ist dabei stets, dass sie zwar auf der einen Seite einen absoluten wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch für ihre eigenen Ansichten erheben und jeden, der eine andere Auffassung als sie vertritt, als „Wissenschaftsfeind“ hinstellen, dass sie aber gleichzeitig de facto selbst nicht einmal grundlegende Mindeststandards von Wissenschaftlichkeit einhalten.

Diese Konstellation war leider auch beim öffentlichen Vortrag eines Ihrer Mitarbeiter, des Wissenschaftshistorikers Martin Tschiggerl, vorzufinden, der dort am genannten Datum einen Vortrag mit dem Titel „VOM ‚ALTERNATIVEN‘ DENKEN ZUM QUERDENKEN – Impfgegnerschaft und Verschwörungstheorien“ hielt.

Rasch einig kann man sich mit ihm in der Ablehnung von Rechtsextremismus und Antisemitismus werden. Das ist allerdings das Einzige, was eine Übereinstimmung verdient. Denn auch diese Phänomene müssen objektiv, sachlich, differenziert und wohldurchdacht untersucht werden, sonst betreibt man Meinungsmache und keine Wissenschaft. Fragwürdig ist es, wenn ein Vortragender großteils lediglich eine plumpe, oberflächliche und unreflektierte Zusammenfassung dessen darbietet, was Medien und Boulevard in den vergangenen 2-3 Jahren dazu behauptet haben, und die von Kolumnisten und Journalisten verbreiteten Klischees ohne jede weitere Überprüfung als unumstößliche „wissenschaftliche Tatsachen“ hinstellt. Das war bei diesem Referat der Fall. Der Rest des Referats enthielt dem Eindruck nach keinen einzigen eigenständigen Gedanken des Vortragenden, sondern wirkte wie abgeschrieben aus Arbeiten anderer Aktivisten desselben geistigen Milieus, in dem Tschiggerl sich heimisch fühlt. Er strebt die Habilitation an. Es ist verwundernswert, dass man heutzutage offensichtlich mit solchen „Forschungen“ die Habilitation erlangen kann.

Am Beginn des Vortrags konnte man sich noch Hoffnung auf eine differenzierte Darstellung der politischen Ereignisse machen, als der Vortragende immerhin einräumte, dass die Protestbewegung gegen die Corona-Maßnahmen „heterogen“ zusammengesetzt gewesen sei. Von dieser Einsicht war aber späterhin nichts mehr zu merken. Die völlige Inhaltsleere und Substanzlosigkeit der Erörterungen wurde damit kaschiert, dass einfach möglichst oft die Worte „rechtsextremistisch“, „antisemitisch“, „radikal“ und „verschwörungstheoretisch“ wiederholt wurden, die dadurch zu bloßen, beliebig eingesetzten Kampfbegriffen mutierten, die pauschal auf alles angewandt wurden, was dem Vortragenden nicht in den Kram passte. Die von Tschiggerl vorgetragene Definition des Begriffs „Verschwörungstheorie“ war zudem völlig unzulänglich. Dabei handelte es sich um die in jenem aktivistischen Milieu, dem er offenkundig angehört, übliche Pseudo-Definition, die derart elastisch und nichtssagend ist, dass sie auf beinahe alles und jeden passen würde — Tschiggerls eigene Ausführungen übrigens eingeschlossen, wenn man genau hinschaut.

Auch PowerPoint half dabei, den Mangel an Argumenten zu überdecken: Am Schluss wurden zwei überlebensgroße Bilder von Martin Rutter und Attila Hildmann eingeblendet. Auf den Einwand meines Begleiters, des Wissenschaftsphilosophen Jan David Zimmermann, man könne doch nicht alle Maßnahmenkritiker darauf reduzieren, reagierte Tschiggerl nicht mit einer wissenschaftlichen Rechtfertigung für seine verkürzte Darstellung, sondern mit einer von Kolumnisten und Meinungsmachern abkopierten Polemik aus der untersten Schublade: „Wer mit Faschisten mitmarschiert, darf sich nicht wundern, wenn er mit ihnen in einen Topf geworfen wird.“

Ein derartig offener und schamloser Rückgriff auf populistische Journalisten-Rhetorik ist in einem wissenschaftlichen Dialog ebenso inakzeptabel wie der absolute Vorrang, den der Vortragende seinen persönlichen Parteinahmen und Wertungen einräumte. Interessant ist bei seiner Darstellung der Protestbewegungen darum auch weniger, was Tschiggerl darüber erzählte, sondern mehr, was er wegließ: nämlich alles, was nicht in das vorgefertigte Bild passte. Eine solche Arbeitsweise ist mit dem Anspruch eines qualifizierten Historikers unvereinbar. Dieser muss seinen Gegenstand unvoreingenommen untersuchen und seine persönlichen Wertungen hintanstellen können: Auch wenn Historiker XY die Habsburger nicht mag, verletzt er seine wissenschaftlichen Pflichten, wenn er nur das einseitig aufzählt, was an ihnen schlecht war, und alles seinen Thesen Widersprechende bewusst aus der Darstellung streicht. Ebenso ist es keine Wissenschaft, wenn Maßnahmenkritiker pauschal als durchgeknallte Rechtsextremisten und deren Gefolgschaft verunglimpft werden.

Umso erstaunlicher war aber, dass Tschiggerl, dessen Vortrag nicht einmal die wissenschaftlichen Qualitätskriterien seines eigenen Metiers erfüllte, von Anfang weg darüber hinaus auch noch den gewaltigen Anspruch erhob, Inhaber der alleinigen naturwissenschaftlichen Wahrheit zu sein. Dabei verschwieg er völlig, dass Covid ein so komplexes Thema darstellt, dass auch unter Virologen durchaus unterschiedliche Ansichten zur Gefährlichkeit des Virus, zur Wirksamkeit der Maßnahmen und zu Sinnhaftigkeit und Risiko der Impfung bestehen. An einer Stelle seines Referats baute Tschiggerl den – gleichfalls bizarren – Begriff des „illegitimen Wissens“ ein, um ihm nicht genehme Ansichten zu brandmarken. Als „illegitim“ ist jedoch insbesondere sein eigener Gestus anzusehen, der darin besteht, dass hier ein Historiker als Verkünder einer abschließenden medizinischen Wahrheit aufzutreten versucht und mit einem Gebaren anarchischer Selbstermächtigung jeden, der dazu eine andere Meinung als er vertritt, als „Wissenschaftsleugner“ etikettiert. So etwas ist selbstverständlich völlig inakzeptabel. Man darf sich fragen, was jemand, der so agiert, in einer akademischen Institution verloren hat.

Autoritär war schließlich auch das Setting des Vortrags. In der anschließenden Diskussion machten der Vortragende selbst und die Moderatorin, die stellvertretende Institutsdirektorin Ljiljana Radonić, durch ihr Auftreten deutlich, dass etwas anderes als zustimmende Äußerungen beziehungsweise unkritische Fragen zu den Thesen des Vortrags nicht erwünscht war, ja, gar nicht einmal als Möglichkeit in Betracht gezogen wurde. Jene, die trotzdem Widerspruch versuchten, wurden systematisch abgeblockt, und in weiterer Folge diffamierte Tschiggerl sie auf Twitter als „Schwurbler“.

Der Autor dieses Offenen Briefes hat eine Ausbildung in Germanistik und Philosophie und verfügt über grundlegende Kenntnisse der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie. Und er legt Wert darauf, hier festzuhalten: Wann immer jemand auftritt und behauptet, er selbst habe die absolute Wahrheit und wer ihm widerspreche, der sei ein „Schwurbler“, ein „Wissenschaftsfeind“ oder ein „Wissenschaftsleugner“ – ist ein solches Auftreten bloß autoritäre Anmaßung und hat mit Wissenschaft eben überhaupt nichts zu tun. So funktioniert Wissenschaft nicht. So funktionieren bestenfalls Offenbarungsreligionen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Abgeordnetenwatch
Presseagentur Alternativ

Reklame