Unser Autor Wolfgang G. Vögele hat uns die Erinnerung eines heute vergessenen Schriftstellers zur Verfügung gestellt, der Rudolf Steiner im Berliner Literatenzirkel „Die Kommenden“ begegnete: Robert Misch. Der Dramatiker und Erzähler lebte nach seinem Studium ab 1890 als freier Schriftsteller in Berlin. Er publizierte u.a. die Novellensammlung "Misch-Masch" (1895) und "Übermenschen" (1905). [1]
"Ich möchte nun noch von zwei literarischen – Stammtische kann man sie wohl kaum nennen – also sagen wir, literarischen Zentren, erzählen, in denen ich eine Anzahl interessanter Menschen kennenlernte, was mich stets am meisten interessiert hat. Das, was dort vorgetragen wurde, war mir ziemlich gleichgültig. Ich bin allen Literatur-Vereinigungen gegenüber skeptisch, soweit sie nicht rein äußerliche Berufsfragen materieller Art umfassen. […] Es war eine Gruppe von jüngeren Autoren und literarisch Interessierten, natürlich ganz modern Gerichteten (die Mode von damals). Ich glaube, sie nannten sich die 'Kommenden'. […] Der Maler und Schriftsteller Hermann Katsch [2] führte mich ein – Jacobowski [3], auch ein früh Verstorbener, war ihr Gründer und Haupt. Nur einer, den ich dort kennen lernte, hat später viel von sich reden gemacht, und das war Dr. Rudolf Steiner, der Theosoph. Damals suchte er noch eifrig nach einem Wirkungskreis für sein reiches Wissen, seine unzweifelhafte Begabung und seine vielleicht noch stärkere Willenskraft. Etwas Problematisches haftete diesem eigenartigen Manne schon damals an, der einem engeren Kreise in dem Riesenatelier Katschs (im Sehringhaus neben dem Theater des Westens) einige Vorträge hielt. Ich weiß heute nicht einmal mehr, worüber. Doch streiften sie wohl hauptsächlich religionsgeschichtliche und religionsphilosophische Themen. Denn einer kleinen Diskussion nach einer solchen Vorlesung, ganz privat zwischen ihm und mir, entsinne ich mich noch, schon weil sie ein Thema behandelte, über das ich manches gelesen und viel nachgedacht, und das damals (man denke an Drews' Schriften [4] und an des Propstes Freiherrn v. Sodens Erwiderung [5]) vielbesprochen wurde: ist Christus eine geschichtliche Persönlichkeit? Ein Thema, das für Kirchengläubige ein Sakrileg und überhaupt nicht diskutabel, von uns natürlich rein geschichtlich und kritisch erörtert wurde. Rudolf Steiner hat jedenfalls für seinen energischen Willens- und Tätigkeitsdrang – damals lebte er ziemlich armselig von einigen Unterrichtsstunden und seiner Feder – den gewünschten Wirkungskreis gewonnen und wohl auch manches Gute gestiftet. In seiner Vereinigung von Mystizismus und praktischem Geschäftssinn erinnert er an gewisse amerikanische Persönlichkeiten. […]"
Quelle: Robert Misch, Meine literarischen Stammtische. Erinnerungen aus der Bismarckzeit Berlins, in: Velhagen & Klasings Monatshefte, 38. Jg., 9. Heft, Mai 1924, S.325/326
Foto: Robert Misch, Wikipedia
Anmerkungen
[1] Robert Misch, Wikipedia[2] Hermann Katsch (1863-1924), Maler und Schriftsteller
[3] Ludwig Jacobowski, ein enger Freund R. Steiners
[4] Arthur Drews (1865-1935) Philosoph – „Die Christusmythe“ (1909)
[5] Baron Hermann von Soden (1852- 1914), Theologe, diskutierte 1910 mit den Anhängern von Drews über die Geschichtlichkeit Jesu („Hat Jesus gelebt?“ 1910).






