Die Welt hat eine ihrer lautesten, unbequemsten und zugleich empathischsten Stimmen im Kampf gegen das globale Unrecht verloren.
ein Nachruf von Immo Lünzer
Am 10. Juni 2026 ist Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren in seiner Wahlheimat Genf von uns gegangen.
Er war weit mehr als ein Schweizer Soziologe, Politiker und Buchautor – er war das brennende Gewissen einer oft wegschauenden Weltgemeinschaft.
Ein Leben im Dienst der Entrechteten
Geboren am 19. April 1934 als Hans Ziegler im beschaulichen Thun, zog es ihn früh hinaus in die Welt und mitten hinein in die großen Konflikte unserer Zeit. Ob als Genfer Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei (1967–1983 und 1987–1999) oder später in den Hallen der Vereinten Nationen: Jean Ziegler stritt nie für den eigenen Vorteil, sondern immer für jene, die keine eigene Stimme hatten.
Als erster UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung (2000–2008) und späteres Mitglied des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates hielt er den mächtigen Nationen und globalen Konzernen unermüdlich den Spiegel vor.
Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.
Dieser Satz, den er wie ein Mantra gegen die Gleichgültigkeit einsetzte, hallt heute lauter denn je. Ziegler wurde nicht müde zu betonen, dass unsere Erde dank moderner Landwirtschaft problemlos die gesamte Menschheit ernähren könnte. Dass dennoch täglich Tausende den Hungertod sterben, klagte er nicht als tragisches Schicksal an, sondern als das Resultat einer, wie er es nannte, „kannibalischen Weltordnung“.
Der unermüdliche Aufklärer
Mit scharfem Verstand und pointierter Feder sezierte er in seinen zahlreichen Sachbüchern und Romanen die Mechanismen des globalen Kapitalismus, der Finanzspekulationen und des postkolonialen Elends.
Er eckte an, er provozierte, er wurde verklagt – und er machte dennoch unbeirrbar weiter. Seine Leidenschaft war kein theoretisches Konstrukt, sondern tief empfundene Menschlichkeit. Jean Ziegler würde uns genau heute, an dem Tag, an dem wir um ihn trauern, eindringlich ermahnen, nicht in Lethargie zu verfallen. Er würde uns aufrütteln, das tägliche Massaker des Hungers nicht als Normalität zu akzeptieren und uns gegen die Ungerechtigkeiten unseres Wirtschaftssystems aufzulehnen.
Jean Ziegler war verheiratet und hatte eine Familie, die ihm sehr viel bedeutete. In erster Ehe war er mit der ägyptischen Soziologin Wédad Zenié verheiratet. Im Jahr 1999 heiratete er seine langjährige Lebenspartnerin, die Kunsthistorikerin Erica Deuber (Erica Deuber Ziegler), mit der er bis zu seinem Tod in einem Dorf bei Genf lebte.
Aus seiner ersten Ehe stammt sein Sohn Dominique Ziegler, der heute als Autor und Theaterregisseur arbeitet. Für ihn schrieb er im Jahr 2000 auch eines seiner bekanntesten Bücher: „Wie kommt der Hunger in die Welt? Ein Gespräch mit meinem Sohn“.
Jean Ziegler war stolzer Großvater von insgesamt fünf Enkelkindern. Zu ihnen hatte er eine sehr enge Bindung. Seiner Enkelin Zohra widmete er 2019 das Buch „Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin“, und er betonte in Interviews oft, wie stolz er auf das politische Engagement der jungen Generation für das Klima war.
Was bleibt
Wir verabschieden uns von einem großen Humanisten, einem leidenschaftlichen Kämpfer für die Menschenrechte und einem wunderbaren Rebellen. Jean Zieglers physische Stimme mag verstummt sein, doch sein intellektuelles und moralisches Erbe bleibt uns als Auftrag erhalten: die Augen nicht zu verschließen und weiter für eine gerechtere Welt zu streiten.
Ruhe in Frieden, lieber Jean. Danke für deinen unermüdlichen Mut.
foto © Bibliothek am Guisanplatz, Sammlung Rutishauser. Lizenz: CC BY-SA 4.0






