von Michael Mentzel (in ganz eigener Sache)
Es war der 4. Oktober 1977. Der Liedermacher Reinhard Mey gastierte mit seinem Programm "Menschenjunges" in der Bonner Beethovenhalle und ich hatte das Vergügen, für den Kulturspiegel, den unser Studio damals monatlich für Inter Nationes (später Goethe-Institut/Inter Nationes) produzierte, ein Interview mit dem damals schon sehr populären Künstler führen zu dürfen. Ich war ein großer Fan von Mey, kannte alle seine Lieder und sang sie auch bei allen möglichen Gelegenheiten zur Gitarre. Das Konzert habe ich sehr genossen, die Platte "Menschenjunges" hatte ich mir vorher schon besorgt und sie zwecks Autogramm mitgebracht.
Nach dem Konzert trafen wir uns ganz zwanglos in irgendeinem Raum (backstage) und ich arbeitete den Fragenkatalog ab, den ich mir vorsichtshalber vorher aufgeschrieben hatte. Der fünfzehnminütige Kulturspiegel war für den Deutschunterricht an ausländischen Schulen, Universitäten und Goethe-Instituten bestimmt und wurde in einer Auflage von bis zu 2000 Ton-Kassetten produziert.
Mit Reinhard Mey begegnete mir an diesem Tag ein ausgesprochen liebenswürdiger und freundlicher Mensch, der alle Fragen, incl. meiner ganz persönlichen, die ich natürlich als Fan auch noch hatte, ausführlich beantwortete, kurzum: ich war begeistert, dass ich einem Menschen ohne jegliche Star-Allüren so nahe kommen konnte.
Nachdem das Gespräch beendet war, bat ich ihn um seine Widmung für die mitgebrachte Platte "Menschenjunges". Leider hatte ich einen passenden Stift vergessen und mit einem Kugelschreiber zu schreiben fanden wir beide nicht so schön. Er meinte, dass er im Kofferraum seines Autos einen Filzschreiber hätte. Wir gingen also zu seinem Auto, das auf dem Parkplatz hinter dem Bühneneingang geparkt war und da stockte mir plötzlich der Atem. Mein Liedermacher-Idol fuhr einen 600er Mercedes! Ich war schockiert. Zwar ließ ich mir das nicht anmerken, aber meine Sympathie schwand plötzlich dahin. Das ging ja nun gar nicht!
Er schrieb seine Widmung sogar ganz speziell für meinen Sohn, der gerade vor ein paar Tagen geboren worden war, mit dem Filzstift auf die Plattenhülle, noch einen Gruß auf seine Autogrammkarte und wir verabschiedeten uns voneinander. Die Schallplatte besitzt mein Sohn immer noch, ich habe damals alles andere, Platten, Texthefte, ein Buch und was ich so an Devotionalien besaß, verschenkt und habe ewige Zeiten kein Mey-Lied mehr gesungen. ich war sogar richtig wütend. Ein 600er Mercedes. Sowas!
Aber wie es so kommt, nach Jahren – ich weiß aber nicht mehr genau wann – rumorte es mal wieder in mir und ich dachte an diese Geschichte, denn so ganz vergessen hatte ich sie nie. Vielleicht war es Joni Mitchell mit ihrem Song "both sides now", den ich erst später kennenlernte, die mich dazu bewegte, vielleicht ist es aber auch bloß das Menschsein an sich, dass die Möglichkeit der Entwicklung in sich birgt, die man so im Laufe eines Lebens machen kann. Plötzlich dachte ich anders darüber als damals und mir wurde klar, dass ich etliche Jahre auf einem falschen Dampfer gesegelt und dass es vielleicht doch ganz anders gewesen sein könnte.
I've looked at life from both sides now
joni mitchell
From up and down and still somehow
It's life's illusions I recall
I really don't know life at all
Vielleicht hat Reinhard Mey irgendwie in seinem Auto gewohnt, jedenfalls erinnere ich, dass der Kofferraum aussah, als würde er in seinem Auto leben (es war ein ziemliches Durcheinander, was ich dann doch recht liebenswert fand). Mag sein, vielleicht war es auch anders, ich hatte jedenfalls etwas vorschnell geurteilt, ohne länger darüber nachzudenken. Einer der ein Lied singt, wie "Maskerade", fährt ein solches Auto? Noch einmal: Nein das ging damals gar nicht. Jedenfalls für mich.
Im nächsten Jahr wird diese Episode 50 Jahre her sein, ich bin schon lange wieder ein Fan des Künstlers Reinhard Mey und ich gebe es zu, bei Liedern wie "Nein meine Söhne geb' ich nicht" oder "Das Narrenschiff" geht mir das Herz auf und als ich unlängst – mehr zufällig – den Sänger gemeinsam mit Helene Fischer das Lied "Wir" singen hörte, den ich bis dahin nicht kannte, konnte ich mir eine gewisse Rührung nicht verkneifen, ich glaube es gab sogar etwas wie ein kleines Tränchen.
Was ist nun die Moral von der Geschichte? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Es lohnt sich, manche Dinge, von denen man glaubt, die "richtige" Wahrnehmung gehabt zu haben, noch einmal von einer anderen Seite zu betrachten. Reinhard Mey wird sich an die Begegnung nicht erinnern, mir ist sie allerdings noch so gegenwärtig, als wäre sie gestern erst passiert.
foto: Autogrammkarte der damaligen Tournee "Menschenjunges" 1977






