von Wolfgang G. Voegele –
Wie sich in München die junge anthroposophische Bewegung in einzigartiger Weise entfaltete, ist oft geschildert worden. In Schwabing hatte 1907 der große Kongress in der Tonhalle stattgefunden, der einen neuen, künstlerischen Einschlag in die Theosophie bringen sollte. Hier vermittelte Rudolf Steiner die ersten Elemente der Eurythmie, hier schrieb er seine Mysteriendramen, hier reiften die Pläne für einen Zentralbau der anthroposophischen Bewegung, für den schon ein Grundstück reserviert war. Da sich aber die Baugenehmigung für den geplanten Münchner "Johannesbau" immer wieder verzögerte, wurde er schließlich im schweizerischen Dornach errichtet.

Helles und dunkles München 
München von damals!
Wer das je vergißt!
Unwiederbringlich unbeschwerter Zeit,
Die uns gehörte, hell und unbedroht.

So blickte der Dichter Alexander von Bernus auf das blühende Kulturleben der Isarmetropole vor dem Ersten Weltkrieg zurück. 

Mit dem "Wegzug" aus München, so wurde es von Anthroposophen rückblickend empfunden, sei dort ein geistiges Vakuum zurückgeblieben, in das allmählich der nationalsozialistische Ungeist eindringen konnte. Wie ein Gegenbild des anthroposophischen Zentrums sei hier später das Hauptquartier der NSDAP entstanden.1 Ein frühes Vorzeichen kommenden Unheils sah man in dem "Münchner Zwischenfall", bei dem Steiner 1922 nach einem öffentlichen Vortrag von Rechtsradikalen attackiert wurde. Es war die Zeit der politischen Attentate. 

An dieses Geschehen vor 100 Jahren, über das man sogar in der New York Times lesen konnte,2 möchte der nachstehende Artikel erinnern. Er stützt sich vor allem auf die 2018 erschienene Quellensammlung von Anne-Kathrin Weise (in den Anmerkungen kurz "Archivmagazin" genannt).3 Die Deutung des Münchner Zwischenfalls bleibt allerdings kontrovers. Dafür stehen exemplarisch die Meinungen zweier Historiker: Während Markus Osterrieder nicht daran zweifelt, dass Steiner in München umgebracht werden sollte,4 glaubt der amerikanische Historiker Peter Staudenmaier von einem bloßen "Mythos" sprechen zu können. Abschließend wird gezeigt, dass Anthroposophie auch heute wieder, jenseits aller legitimen Kritik, diskriminiert und bekämpft wird. 

I

1921 kommt Rudolf Steiner der Bitte der größten deutschen Konzertagentur Wolff & Sachs nach, seine Weltanschauung öffentlich darzustellen. Die ersten Vorträge in der Berliner Philharmonie sind ausverkauft, ebenso die im Januar 1922 folgende Vortagstournee durch deutsche Großstädte, wo ihn etwa zwanzigtausend Menschen hören. 

Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Polemik der Antisemiten gegen den vermeintlichen Juden Steiner begonnen.5 Die Pressehetze gegen ihn erreichte Anfang der Zwanziger Jahre ihren Höhepunkt. 

Spätestens als Hitler 1921 im "Völkischen Beobachter" die Dreigliederung des sozialen Organismus als "jüdische Methode" diffamiert hatte, wurde Steiner von der völkischen Szene als (gefährlicher) "Politiker" eingestuft. Seine Propagierung der Rätegedankens, seine Bekanntschaft mit Erich Mühsam und Kurt Eisner war in rechten Kreisen bekannt. Er galt als Agent des internationalen Judentums und als Handlanger des Bolschewismus. 

Diesem Hass waren auch andere Vertreter des Geisteslebens ausgesetzt. Wenige Wochen vor Steiners Vortrag sollte der pazifistisch gesinnte Albert Einstein an der Münchner Uni einen Vortrag über seine Relativitätstheorie halten. Doch die Studentenschaft lehnte dem Rektor gegenüber jede Verantwortung für die persönliche Sicherheit des Referenten ab. Erich Mühsam notierte in seinem Tagebuch, Einstein dürfe ungehindert im Ausland sprechen, aber in seiner Heimat müsse er befürchten, "von den Jüngern der Wissenschaft erschlagen zu werden."6

Einige rechte Blätter hatten zur Gewalt gegen Steiner aufgerufen. Dazu gehörte der "Miesbacher Anzeiger". Nachdem Rudolf Steiner eine von der Konzertagentur vorgeschlagene dritte Tournee abgesagt hatte, schrieb ihm diese am 16. August 1922: "Da bleibt nun allerdings nichts anderes übrig als zu warten, bis unsere Zeit wieder da ist […] Vielleicht kommt sogar einmal der Tag, an dem […] der Miesbacher Anzeiger endgültig eingeht."7

Anfang Mai hatte das Wochenblatt "Heimatland" auf den angekündigten Vortrag Steiners hingewiesen und gefragt: "Gibt es in München keine deutsch fühlenden Männer mehr, die die Ankunft eines solchen Schurken verhindern?" Steiners Auftritt sei eine Herausforderung an die vaterländisch gesinnte Jugend.8

Spätestens nach dieser Drohung wussten die Münchner Freunde Steiners, dass ihre Vorsichtsmaßnahmen berechtigt waren. Die Konzertdirektion hatte eigens für diesen Abend Ringer und Boxer engagiert, da die Polizei zunächst keinen Saalschutz zur Verfügung stellen konnte.

Augenzeugen berichten

"München überstanden" Telegramm Rudolf Steiners an Edith Maryon,:9

Schon im Februar 1920 erfährt Steiner durch einen norwegischen Freund, dass es jetzt in Deutschland schwarze Listen gebe, auf denen alle Juden verzeichnet sind, die "niedergeschossen werden sollen" 10 Solche Listen verweisen auf die Attentatspläne verschiedener antisemitischer Organisationen, die damals bereits realisiert worden waren (Ermordung Eisners 1919) bzw. noch realisiert werden sollten (Ermordung Erzbergers 1921, Rathenaus 1922 und das Attentat auf Harden 1922). "Auf der Liste der zu erschießenden Persönlichkeiten war, als Nummer 8 oder 9, auch Rudolf Steiner."11

Ende 1921 wird Steiner in Stuttgart durch Hans Büchenbacher über die Absicht rechter Kreise informiert, ihn umzubringen. Rudolf Steiner: "Also Sie meinen, man will mich abmurksen?" Hans Büchenbacher: "Jawohl, davon bin ich überzeugt". Rudolf Steiner: "Ja, das wird schon so sein."12

Der erwähnte Zwischenfall ereignete sich am Abend des 15. Mai 1922 im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten". Am Ende des Vortrags stürmte eine Gruppe junger Rechtsradikaler, die mit Hieb- und Stichwaffen ausgerüstet waren, die Rednertribüne. "Durch das mutige Eingreifen einiger Freunde […] konnte Rudolf Steiner vor groben Misshandlungen geschützt werden."13

Nach Absolvierung der Tournee, die weiterhin gefährlich blieb, beschloss Steiner, seine öffentliche Vortragstätigkeit in Deutschland einzustellen: "Mit der Münchener Versammlung, wo Dr. Steiner durch Radaumacher, auf Anstiften einer Zeitung, körperlich bedroht und in Lebensgefahr gebracht wurde, schloß die kurze Periode seiner Modeberühmtheit."14

Wie wir heute wissen, hatte am 13. Mai 1922 in München eine Besprechung der führenden Mitglieder der terroristischen "Organisation Consul" stattgefunden, auf der verschiedene Attentatspläne besprochen und koordiniert wurden.15

Einzelheiten

Als Steiner während der zweiten Vortragstournee in München eintrifft, holt ihn Büchenbacher am Hauptbahnhof ab und teilt ihm seine Schutzvorkehrungen mit. Steiner darauf: "Es wird noch so kommen, dass ich nur noch in dem von Franzosen besetzten Rheinland werde sprechen können."16

Am Ende des Münchner Vortrages, als Rudolf Steiner sich nach dem Schlussapplaus verbeugt und gerade den Raum verlassen will, springen mit Stich- und Schlagwaffen ausgerüstete rechte Randalierer das Podium, um ihm nachzusetzen. Dank des beherzten Eingreifens seiner Freunde kann er die Tür zum Künstlerzimmer noch rechtzeitig erreichen. Anschließend gibt es eine Saalschlacht mit einigen Verletzten, über die in- und ausländische Zeitungen berichten. Nachdem die Polizei den Saal geräumt hat, ziehen die Angreifer noch lange durch die nächtlichen Straßen und singen vaterländische Lieder. Steiner übernachtet vorsichtshalber in einem anderen Hotelzimmer und reist mit einem anderen als dem geplanten Zug ab. 

Waren es Hitlerleute? 

Augenzeuge Hans Büchenbacher17 schreibt eine Woche nach dem Attentatsversuch in einem Brief: "Die Gegner – National-Sozialisten und deutschnationale Studenten – sind zahlreich, gut organisiert, fanatisiert."18

Hermann Eichenberger, der Initiator des Wiener Pfingstkongresses, schreibt: "Erst vierzehn Tage vor dem Kongress konnte ein Anschlag nationalsozialistischer Rowdys gegen Rudolf Steiner in München nur durch den unerschrockenen Einsatz einiger Freunde vereitelt werden."19

Heten Wilkens, der sich auf die Erinnerungen eines unbekannten Augenzeugen stützt, schreibt, es sei von Nationalsozialisten ein Attentatsversuch auf Rudolf Steiner unternommen worden.20

Emil Leinhas: "Man hat leider allzu rasch vergessen, von welcher Seite dieser Attentatsversuch auf Rudolf Steiner ausging. Mir ist die Tatsache, dass es eine sogenannte Hitler-Garde war, die das öffentliche Wirken Rudolf Steiners in Deutschland zuerst unmöglich gemacht hat, immer als ein bedeutungsvolles Symptom in Erinnerung geblieben." Zu den Konsequenzen des Münchner Vorfalls sagt Leinhas: "Die angefangene Tournee führte Rudolf Steiner allerdings noch zu Ende, aber es mußten dafür überall entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen werden."21

Bewaffnung der Angreifer

Die Aktion gegen Steiner war genau geplant und sogar geprobt, wie Büchenbacher berichtet: "Am Montagnachmittag [15. Mai] hielten sie im Jahreszeiten-Saale Generalprobe, bei der das Vorstürmen zum Beispiel geübt wurde." Und über deren Ausrüstung mit Schlagwaffen: "Am Donnerstag [18. Mai] bei Roos [Der Steinergegner Bruno Roos hielt an diesem Tag in München einen Gegenvortrag] wurde festgestellt, dass sie mit Totschlägern ausgerüstet sind." […] "Die Gegner, Nationalsozialisten und deutschnationale Studenten, sind zahlreich, gut organisiert, fanatisiert."22

Büchenbacher beschreibt die Waffen, die er schon am Abend des 15, Mai sah, genauer: Einige Angreifer trugen "spiralförmige Waffen, die eine schwere Bleikugel am Schluss hatten". Sie waren "schon dicht hinter Herrn Doktor Steiner".23 Damit sind die Waffen eindeutig als Totschläger (Stahlruten) gekennzeichnet. Büchenbacher resümiert: "Es waren die furchtbarsten Augenblicke meines Lebens."24

Steiner sollte offenbar durch körperliche Misshandlungen "aus dem Verkehr gezogen" werden, wie es ein paar Wochen später dem deutsch-jüdischen Publizisten Maximilian Harden geschah, der in Berlin überfallen wurde: "Der Täter führte gegen den Kopf des Überfallenen mit einem Totschläger heftige Schläge, so daß Harden blutüberströmt zusammenbrach. Die Verletzungen sind schwer, aber nicht lebensgefährlich."25

Walter Beck hatte auf dem Münchner Podium "einen kleinen Dolch aufgehoben, vielleicht fünfzehn Zentimeter lang, mit einem runden Griff und einer schmalen, zweiseitig geschliffenen Spitze, händigte ihn aber, nachdem alles beruhigt war, der inzwischen erschienenen Polizei aus, statt ihn als Dokument zu verwahren."26 Beck fügte seinen Memoiren zwei Zeichnungen bei: eine Skizze der Bestuhlung des Jahreszeiten-Saales und eine Skizze des von ihm gefundenen Dolches.

Einen Tag nach dem Vorgang berichtet Pauline von Kalckreuth in einem Brief an Marie Steiner, die Verteidiger seien auf die Bühne gesprungen, um zu verhindern, dass "die Deutschnationalen oder Alldeutschen" die Tür erreichten. "Einer warf besiegt sein Messer hin, einem anderen nahm man einen Revolver ab." Steiner habe vor seiner Abfahrt um halb 5 Uhr morgens auf dem Bahnsteig gefragt, "ob wir Angst gehabt hätten". Sie bekennt: "Bis ins Mark hinein bin ich noch erschüttert" Sie rät der Briefempfängerin: "Du wirst Herrn Doktor wohl kaum je wieder alleine reisen lassen […] Nun ist jede Eurythmie für das von den Göttern verlassene München ausgeschlossen!"27

Waldorflehrer als Türhüter

Herbert Hahn: "Auf einen anderen Stuttgarter Freund [Paul Baumann] und mich entfiel die Aufgabe, Rudolf Steiner den Rücken zu decken." Sie sollten die Tür zwischen dem Vorraum des Hotels und dem Podium bewachen. Mitten im Schlussapplaus nahmen die Tätlichkeiten ihren Anfang. "Aber die Freunde warfen sich wie ein lebendiger Wall vor Rudolf Steiner, und er konnte unbelästigt sein Hotelzimmer wieder erreichen. Man wollte ihm offenbar nachstürmen, denn wir beide, die die Tür zu hüten hatten, brauchten alle unsere Kräfte, um den Druck vom Saal her auszuhalten."28 In einer anderen Fassung schrieb Hahn:"Baumann und ich hielten diese Tür dann noch geraume Zeit gegen einen gewaltigen Anprall."29

Der Ablauf des Angriffs glich jenen "Sprengungen" von Veranstaltungen, die Hitlers Rabauken damals fast jede Woche in München verübten und über die in der Lokalpresse berichtet wurde.30

Die "Münchner Sonntagszeitung" schrieb: "Ohne irgendwelche, dem Inhalt des Vortrages entnehmbare Ursache, stürmten am Schlusse einige jugendliche Besucher das Podium, augenscheinlich, um Steiner zu Leibe zu gehen." Die Demonstration habe sich "durch Anstecken rasch wieder verschwundener Hakenkreuze augenscheinlich als Antisemitische" dokumentiert.31

Ob die Polizei weiter ermittelte, wäre noch zu prüfen. Jedenfalls liegen Indizien für eine vorsätzliche gefährliche Körperverletzung, versuchten Totschlag bzw. versuchten Mord vor. Allerdings wurden damals in München nicht alle Gewalttaten polizeilich verfolgt. Die Polizei sympathisierte vielfach mit Gegnern der Weimarer Republik. Was ein gelungenes Attentat für den Fortgang der anthroposophischen Bewegung bedeutet hätte, weiß niemand. 

Keine Entwarnung 

Nach dem Münchner Zwischenfall blieb die Sicherheit Steiners weiter gefährdet. Beispielsweise zwei Tage später in Elberfeld: "Nachdem Dr. Steiner etwa eine halbe Stunde gesprochen hatte, gab es einen Krawall. Eine Horde von ca. 50 mit Knüppeln bewaffneten meist jüngeren Leuten wollte in den Saal eindringen.[…] Ich hörte den Lärm von weitem und stürzte sogleich an die Eingangstüre, die weit hinten am Kopfende des Saales war. Dort gelang es mir zusammen mit einem fremden kräftigen Mann […] die Türe zuzuhalten und mit Stühlen, die wir in die Türklinke klemmten, so lange zu verbarrikadieren, bis die Störenfriede nach etwa einer Viertelstunde duch die Polizei entfernt wurden."32

Steiner hatte seinen Vortrag eine Zeitlang unterbrechen müssen. Nach dem Vortrag sei er durch eine Seitentür hinausgeführt worden, "so dass er den Saal nicht zu passieren brauchte". Weil das bestellte Auto nicht kam, musste er zu Fuß auf Umwegen zur Wohnung der Familie von Damnitz gehen, wo er "ganz erschöpft" angekommen sei. "Er ging bald darauf in sein Hotel, begleitet von Herrn v. Grunelius. […] Vor dem Vortragsgebäude hatte sich eine Rotte Pöbel angesammelt mit Gummiknüppeln. Es war das Gerücht verbreitet, Dr. Steiner sei ein Jude, der den Bolschewismus nach Elberfeld bringen wollte.[…]".33

Die "Barmer Zeitung" berichtete unter der Überschrift "Steinervortrag unter Schuposchutz": "Am Eingang fielen schon zahlreiche verwegene Gestalten mit Ballonmützen auf, und so war es keine Überraschung, dass es zu Störungen kam, die den Vortragenden nötigten, so lange auszusetzen, bis die Polizei für die Sicherung des Vortrages gesorgt hatte."34

Steiner schreibt am 19. Mai an seine Frau: "Mannheim und Cöln gingen gut. In Elberfeld gab’s Radau. Doch ist auch dort der Vortrag bis zu Ende gehalten worden. Die Agitation ist eben zu mächtig."35 Und am gleichen Tag an die besorgte Edith Maryon:: "In Mannheim und Köln ist es ganz gut gegangen; Elberfeld gabs Unruhe, aber alles ist abgewehrt worden. Über München werde ich erzählen. Es war ja nicht gerade erfreulich. Ich bitte, nicht weiter ängstlich zu sein."36

Nach München und Elberfeld geriet Steiner auch in Hamburg in eine bedrohliche Situation. "Hamburg musste Rudolf Steiner wegen einer Attentatsdrohung unmittelbar nach dem Vortrag am 20.5.1922 fluchtartig verlassen."  37

Dass sich in jener Zeit auch in Hamburg Mitglieder der Mörder-Organisation "Consul" aufhielten, bezeugen die Dresdner Nachrichten: "Hamburg, 4. Juli… Die Polizei hat eine weitete Anzahl von hamburgischen Angehörigen der Organisation C[onsul] festgenommen."38

Nach der Tournee

Annemarie Donath berichtet von dem Eindruck, den ihr Rudolf Steiner nach der zweiten Tournee machte: "Es war, als ob er aus einem großen, schweren und gefahrvollen Kampfe zurückgekommen sei – und die wenigen Worte, die er über diese Reise äußerte, gaben das auch in aller Schlichtheit und Zurückhaltung zu verstehen."39

In Mitgliedervorträgen in Stuttgart und Dornach erwähnte Steiner die Zwischenfälle und sprach über die geistigen Hintergründe der Gegnerschaft. Die neue Dimension der Gewalt nahm er zum Anlass, eine weitere Steigerung der gegnerischen Aktivitäten vorauszusagen. 40

Die Gegnerschaft werde sich ausbreiten und sei jetzt auf dem Weg, "jede öffentliche Tätigkeit für die Anthroposophie innerhalb Deutschlands […] zu unterbinden." 41 Jetzt beginne ein Kampf, gegen den die frühere Anthroposophiekritik geradezu "vornehm" gewesen sei. Was jetzt in radauhafter Weise gegen die Anthroposophie auftrete, sei doch nur "das äußere Produkt der unwahrhaftigen Hetze […], die von den dahinterstehenden Persönlichkeiten seit Jahren getrieben wird." 42 "Es handelt sich um jenen Vortragszyklus, der ja, wie Sie gehört haben werden, jene schauderhaften Störungen erfahren hat, die durchaus darauf hinzielen, dass man noch immer weitere und greulichere Ausrottungen des anthroposophischen Wesens versuchen wird. […] Nun, es ist ja möglich, dass man Anthroposophie in brutaler Weise totschlägt, bevor sie imstande ist, dasjenige auszuführen, was ihr nach ihrer inneren Wesenheit durchaus möglich ist".43

Augenzeuge Herbert Hahn sah im "Münchner Zwischenfall" einen deutlichen Wendepunkt: "Es war ein entscheidender Einschnitt in Rudolf Steiners Arbeit in Deutschland, ja gewiss auch ein entscheidender Einschnitt in seinem Leben. Zugleich war es an ominöser Stätte der Auftakt einer der dunkelsten Perioden des Widergeistes in unserer Geschichte. Alle einzelnen Umstände, die das Geschehen begleiteten, sind mir unvergesslich geblieben."44

Auf weitere Berichte, die einen Personenschutz für Steiner bezeugen (z.B. während des Kongresses in Wien 1922 oder des Landwirtschaftlichen Kurses 1924), kann hier nicht eingegangen werden. 

II

Tendenziöse Geschichtsschreibung

Der Anschlag auf Rudolf Steiner scheiterte. Angesichts der jüngsten medialen Angriffe auf die Anthroposophie, die sich wie vor 100 Jahren auf wissenschaftliche Expertisen stützen, gewinnt man den Eindruck, Steiner solle nun endgültig totgeschlagen und sein Werk vollends vernichtet werden. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung droht ein neuer Totalitarismus, der die Vernichtung Andersdenkender anstrebt.

In der Regel bestimmt die hegemoniale Macht die historische Darstellung der unterlegenen Minderheit. ("Der Sieger schreibt die Geschichte"). Das gilt auch für die Deutung der Anthroposophie. "Der Kampf zwischen der historisch-kritischen und der spirituellen Steiner-Deutung ist in vollem Gang." 45

Dass auch historisch-kritische Forscher Mythen produzieren können, zeigt der Fall Peter Staudenmaier. Der US-amerikanische Historiker, der an der jesuitischen Marquette-University lehrt und in englischspechenden Ländern als Anthroposophie-Experte gilt, hat schon in den 1980er Jahren zum rechten Flügel der Öko-Bewegung geforscht. Er bemüht sich, Konvergenzen zwischen NS-Ideologie und Anthroposophie nachzuweisen. Bereits in seiner Dissertation (2010) erwähnt er den Attentatsversuch als einen der zahlreichen anthroposophischen Mythen.46

Wer Staudenmaiers Belege prüft, wird feststellen, dass er viele seiner Quellen in tendenziöser Weise manipuliert.47 Kennt man darüber hinaus Staudenmaiers Aktivitäten als Berater von Gegnern der Waldorfschulen (P.L.A.N.S.,www.waldorfcritics.org), so erscheint diese Tendenz nicht weiter verwunderlich. Bei seiner Besprechung des Münchner Zwischenfalls referiert er Augenzeugenberichte, bei denen er jene Details weglässt, die seiner These widersprechen. Um so mehr konzentriert er sich auf die (auch von den zeitgenössischen Pressestimmen betonte) spektakuläre Rauferei, die erst nach dem gescheiterten Überfall begann und keine Bedrohung Steiners mehr bedeutete.

Obwohl er auf einer sehr schmaler Quellenbasis argumentiert, spricht er von einem "breiten Spektrum an Belegen" ("a broad range of evidence"). Er konnte sich sicher fühlen, dass die Begutachter seiner Dissertation (und erst recht die meisten seine Leser) in diesem Thema inkompetent waren. Wer die historischen Quellen heranzieht (wie sie z.B. im Archivmagazin dokumentiert sind), dürfte allerdings die Gefährlichkeit der damaligen Situation erkennen. 

2014 besprach Staudenmaier erneut das Attentat in Form einer kurzen Erörterung, die von Michael Eggert auf seinem "Egoisten-Blog" veröffentlicht wurde. 48 Dieser Text wurde inzwischen vom Netz genommen. Schon der Untertitel "Steiner‘s disrupted lecture" wies auf eine Verharmlosung des Vorfalls hin: "Anthroposophen behaupten heute manchmal, wie unter Verschwörungstheoretikern üblich, dass es ein Attentatsversuch war, und sie fügen oft hinzu, Steiner habe nach diesem Vorfall seine öffentlichen Auftritte in Deutschland beendet. Solche Behauptungen sind unrichtig. Was bei Steiners gutbesuchtem Vortrag […] wirklich passierte, war viel weniger dramatisch […] Es gab nicht nur keinen Angriff auf Steiners Leben, er wurde nicht physisch attackiert, und die hauptsächlichen Störungen fanden erst statt, nachdem er die Bühne verlassen hatte."

Der fragwürdige Umgang Staudenmaiers mit historischen Quellen ist schon früh von englisch- und skandinavischsprachigen Anthroposophen bemerkt und kritisiert worden, z.B. von Daniel Hindes: Top 10 things wrong with Peter Staudenmaier’s Anthroposophy and Ecofascism. www.defendingsteiner.com. Auch im deutschen Sprachraum blieb Staudenmaier nicht unerwidert. Seine Falschbehauptungen zum Thema "anthroposophische Medizin im Dritten Reich" hat Peter Selg angeprangert. Die für seine Behauptungen angegebenen Quellen seien nicht nur tendenziös gefärbt, sondern unwahr; er arbeite mit "Scheinbelegen" 49 Er bezichtigt ihn "bizarrer, wissenschaftlich unhaltbarer Situationsverzerrung"50 

In einem "Offenen Brief" an die ZEIT-Redaktion erwähnt Selg die "methodisch fragwürdigen Arbeiten der selbsternannten ‚Esoterik-Sektenforscher‘ wie Helmut Zander und Peter Staudenmaier", auf die sich Journalisten berufen.51 Auch Uwe Werner hat Staudenmaiers unwissenschaftliche Methode aufgedeckt.52

Totschläger gestern und heute

Seit 2020, so der Befund des Mediziners Peter Selg, habe unsere Gesellschaft immer mehr ihre freiheitlichen Grundüberzeugungen verloren und es drohe ein neuer Totalitarismus.53

2021 wurde in über 80 Beiträgen in deutschen Medien über Anthroposophie berichtet, teils kontrovers, zumeist aber diffamierend. Im Kern ging es um die scheinbare Wissenschaftsskepsis der Anthroposophie sowie deren angebliche Menschen- und Staatsfeindlichkeit. Die relativ kleine Gruppe der Anthroposophen wurde zum Sündenbock für die rasche Verbreitung der Pandemie gemacht. Seitdem hat sich in der medialen Öffentlichkeit eine anti-anthroposophische Haltung stabilisiert. 

Internet-Trolle und einflussreiche Blogger verbreiten "das Zerrbild einer wissenschaftsfeindlichen und rassistisch-rechten, beinahe psychopathologisch verdächtigten Anthroposophie-Ideologie." Ihnen gehe es "nicht mehr nur um eine an sich wünschenswerte Debatte und um offene Diskurse, sondern um eine regelrechte Vernichtung der Anthroposophie und ihrer Lebensfelder." Anthroposophen "gelten nicht mehr nur als harmlos naiv, sondern neuerdings als gefährlich. Waldorfschulen werden zum Hort der Querdenker-Bewegung deklariert, unterstützt von maskenbefreiungswilligen Ärzten. Es gebe die klare Absicht, Homöopathie und Waldorfschulen, wenn nicht zu verbieten, so doch von allen öffentlichen Finanzierungssystemen auszuschließen"54

Erneut versuchen Medien wie Spiegel TV, die Anthroposophie als Philosophie in die Nähe von Rechtsradikalismus und Nationalsozialismus zu rücken, Demgegenüber betont der ehemalige Europa-Abgeordnete der Grünen, Gerald Häfner: "Anthroposophie und Nationalsozialismus stehen in schroffstem Gegensatz zueinander. Den einen geht es um die Freiheit des Menschen, den anderen um rassistische, totalitäre Herrschaft. Deshalb wurde die Anthroposophie von den Nazis bekämpft und verboten. Wer heute das Gegenteil unterstellt, stellt die Geschichte auf den Kopf und betreibt Hetze!"55

Täter oder Opfer?

Trotz mancher Rückschläge und Gegnerschaften hielt Rudolf Steiner an seinen Lebensidealen fest. Wer davon erzählt, verklärt ihn noch lange nicht zum Märtyrer. Wer ihn näher kannte, spürte bei Steiner Mut und Geistesgegenwart, aber auch Ergebenheit gegenüber dem Schicksal. Albert Steffen notiert in seinem Tagebuch: "Er lässt das Schicksal mithandeln. Er weiß, es kommt alles anders, als der Intellekt ausdenkt, als der Wille wünscht. Er lässt immer neue Einschläge, mögen sie zum Tod oder zum Leben führen, herankommen."56

Der schon erwähnte Alexander von Bernus bescheinigte Steiner einmal, dessen Persönlichkeit stehe "mit einer heute noch nicht überschaubaren Größe und mit einem erschütternden Opfertum in ihrer Zeit". Diese Mitteilung trägt das ominöse Datum des 15. Mai 1922. 57


Titelfoto: Aus dem Bildband "Rudolf Steiner – Eine Bildbiografie S. 389

1 Vgl. Karl Heyer: Wenn die Götter den Tempel verlassen…Wesen und Wollen des Nationalsozialismus. Stuttgart 1965.

2 "Riot at Munich lecture. Reactionaries storm platform when Steiner discusses theosophy"

Schlagzeile der New York Times, 17. Mai 1922 .

3 Anne-Kathrin Weise: Die Wolff & Sachs-Vortragstourneen 1922 und der Zwischenfall in München. In: Archivmagazin. Beiträge aus dem Rudolf Steiner Archiv, Nr. 8, Dezember 2018, S. 11-258. 

4 Markus Osterrieder: Der Münchner Pfingstkongress vor dem Hintergrund zeitgenössischer okkulter Strömungen. In: Karl Lierl/Florian Roder (Hg.): Anthroposophie wird Kunst. München 2008, S. 101.

5 Lorenzo Ravagli: Zwischen Hammer und Hakenkreuz. Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie. Stuttgart 2004.

6 Erich Mühsam am 2, April 1922. www.mühsam-tagebuch.de/tb/diaries.php#h31_r770

7 Archivmagazin, S. 94.

8 Der Dreigliederungsheiland, in: Heimatland. Vaterländisches Wochenblatt. Bayerische Volksstimme, 1922, Folge 19, 1. Maiausgabe, S.3.

9 Archivmagazin, S. 89.

10 Ravagli, S. 137.

11 Hans Büchenbacher, in: Beltle/Vierl: Erinnerungen an Rudolf Steiner, S. 323.

12 Ansgar Martins: Hans Büchenbacher, 2014, S. 

13 Emil Leinhas, in: Archivmagazin, S. 250.

14 Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner. 1. Aufl., Stuttgart 1928, Ausg. 1953, S. 131.

15 Ravagli, Unter Hammer und Hakenkreuz, S. 142.

16 Beltle/Vierl (Hg.): Erinnerungen an Rudolf Steiner. Stuttgart 1979, S.324.

17 Vgl. Ansgar Martins (Hg.): Hans Büchenbacher: Erinnerungen 1933-1949. Frankfurt/ M. (2014) 

18 Archivmagazin, S. 241.

19 Beiträge zur R.Steiner Gesamtausgabe, Nr. 39, Michaeli 1972, S. 7.

20 Archivmagazin, S. 256

21 Archivmagazin, S. 250f.

22 Hans Büchenbacher an Ernst Uehli, 22. Mai 1922, Archivmagazin, S. 241.

23 Archivmagazin, S. 238.

24 a.a.O., S. 239.

25 Dresdner Neueste Nachrichten, Nr. 155 (XXX.Jg.) vom Mittwoch, 5. Juli 1922, S. 1. 

26 Archivmagazin, S. 242 f. 

27 Archivmagazin, S. 251 f.

28 Archivmagazin, S.248 f.

29 Herbert Hahn: Begegnungen mit Rudolf Steiner – Eindrücke – Rat – Lebenshilfen. Stuttgart, Ostern 1995, S. 20-22

30 Hans-Günter Richardi: Hitler und seine Hintermänner. Neue Fakten zur Frühgeschichtev der NSDAP. München 1991.

31 Archivmagazin, S. 201.

32 Gundhild Kačer-Bock: Emil Bock, Leben und Werk, Stuttgart 1993, S. 489.

33 Handschriftliche Aufzeichnung eines Elberfelder Mitglieds, in "Mündlich Mitgeteiltes", Steiner Archiv.

34 Archivmagazin, S. 211. 

35 GA 262, S. 328. 

36 GA 263/1, S. 97.

37 Die Christengemeinschaft in Hamburg. Eine Chronik von 1922 bis 1980. Zusammengestellt von Marianne Piper. 1980. S. 15-16. Freundliche Mitteilung von Rolf Speckner. 

38 Wie Fußnote 3, S. 2.

39 Christoph Lindenberg, Rudolf Steiner. Eine Chronik. Stuttgart 1988, S. 487.

40 Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner, Stuttgart 1953, S. 143. 

41 Laut Hans Büchenbacher hatte der Stuttgarter Zentralvorstand es nicht für nötig gehalten, einen Personenschutz nach München zu schicken.

42 Stuttgart, 23. Mai 1922, in GA 255 b, S. 349 ff.

43 Dornach, 28. Mai 1922, GA 212, S. 162.

44 Herbert Hahn: Begegnungen mit Rudolf Steiner – Eindrücke – Rat – Lebenshilfen. Stuttgart, Ostern 1995, S. 20-22.

45 Helmut Zander: Die Anthroposophie. Paderborn 2019, S. 8.

46 Peter Staudenmaier: Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the politics of Race and Nation in Germany and Italy 1900-1945. Diss. Cornell University 2010; S. 141-142. in gekürzter Fassung 2014 in Brill, Niederlande, unter dem Titel "Between Occultism and Nazism." als Buch erschienen. 

47 Staudenmaier behauptet z.B. in seiner Diss., S. 143, Steiner sei Mitglied der 1903 gegründeten "Richard Wagner Gesellschaft für germanische Kunst und Kultur" gewesen. Eine Prüfung der angegebenen Quellen [Châtellier/Venzke] ergab die Unhaltbarkeit dieser Behauptung und bestätigt einmal mehr Staudenmaiers tendenziöse Arbeitsweise.

48 Peter Staudenmaier: "Anschlag auf Rudolf Steiner? Steiner’s disrupted lecture in Munich, May 1922". https://web.archive.org/web/20140219001753/http://www.egoisten.de/autoren/styled/styled-10/index.html

49 Peter Selg: Rudolf Steiner, die Anthroposophie und der Rassismus-Vorwurf. Arlesheim 2020, S. 159.

50 a.a.O., S. 166.

51 Peter Selg: Offener Leserbrief. Goetheanum, 11.9.2020. 

52 Uwe Werner: Rudolf Steiner zu Individuum und Rasse. Dornach 2011, S. 131 ff.

53 a.a.O., S. 188.

54 Jost Schieren: Anthroposophie in der Kritik. Erziehungskunst, April 2022.

55 Presseerklärung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, Stuttgart, 12. April 2022, aktualisiert am 25. April 2022.

56 Albert Steffen, Tagebuch vom 11. Juli 1922, zit. in: Alexander Lüscher (Hg.): Die letzten Lebensjahre Rudolf Steiners, 2. Teilband, Basel 2022, Seiten 491-493.

57 zit. nach Franz Anselm Schmitt: Alexander von Bernus. Dichter und Alchymist.Nürnberg 1971, S.109.

4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • @ Wolfgang G. Voegele

    die Anthroposophie wird so ungerecht behandelt !

    hey, aber habt doch die Wiedergeburt !

    im nächsten Leben wird das was, spätestens im übernächsten !

    Antworten
    • Ein wirklich sachlicher Kommentar mit vielen fundierten Argumenten. Ganz, ganz toll.
      Auf diesem Niveau bewegen sich halt viele der sog. "Kritiker".

      Antworten
      • andreas lampe
        17. Juni 2022 19:13

        Nehmen Sie es einfach mit Humor. Manche Kommentare sind einfach etwas unterbelichtet.

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        • Ja allerdings, ein guter Rat. Argumentation "ad hominem" – nur mit Sarkasmus zu ertragen. Und dann heulen diese sog. "Kritiker" rum, dass man sie nicht ernst nimmt… 😀
          Dabei wäre ernsthafte Kritik durchaus angebracht, aber dann eben doch mit Argumenten.

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