von Andreas Laudert
Dieser Artikel erschien zuerst in der anthroposophischen Monatszeitschrift "die Drei" (Ausgabe Jan./Feb. 2026) Mit Dank an den Autor und die Redaktion
In einem Zeitungsinterview mit einem NATO- General begegnete mir das Wort »Eskalations- dominanz«: Man müsse dafür sorgen, dem Anderen immer in einer Position der Stärke zu begegnen. Zumindest die psychologische Argumentation ist vordergründig nachvollziehbar: In zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen kommt man manchmal zu dem Schluss, einen renitenten und mit Schikanen wirkenden Kontrahenten »mit den eigenen Waffen schlagen« zu müssen. Wenn alles andere nicht hilft und sämtliche eigenen Kompromissangebote ausgeschlagen oder als Schwäche gedeutet werden, muss man eben »die Sprache sprechen, die der Andere versteht«. Man muss seine Schwachstelle finden und ihn so zum Einlenken bewegen.
Im Grunde geht es auch bei politischen Drohkulissen immer um Erziehung. Militärische Abschreckung ist eigentlich Pädagogik. All die Waffensysteme sagen: »Schau mal, wenn du jetzt deinen Teller nicht leer isst, wo doch deine Eltern so fein gekocht haben, dann werden wir dir Hausarrest erteilen, das Taschengeld kürzen und wir schlagen unsere ganze Küche kurz und klein, obwohl wir das selber nicht wollen, und du bist dann daran schuld, und es gibt nie wieder etwas zu essen.« Denn – wie General Ruprecht von Butler, Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und NATO-Kommandant in Stavanger/Norwegen, in dem genannten Interview sagt: »Ich bin fest überzeugt, es gibt das Böse. Und das Böse wird Sie angreifen, wenn Sie selbst zu schwach sind und Sie niemand schützt.« [1]
Das könnte auch aus einem Hollywood- Blockbuster stammen oder aus ›Harry Potter‹. Der General sagt außerdem, als Christ: »Ich wünsche mir, dass mir und anderen, die nun vor einer kritischen Situation in Europa warnen, geglaubt wird.« [2] Ich wünsche mir auch, dass mir und anderen geglaubt wird, wenn sie vor einer bestimmten Entwicklung in Europa warnen. Ich wünsche mir sogar, dass dem, der als Feind gilt, geglaubt wird – ja, ich wünsche mir, dass wir uns alle glauben können. Ich wünsche mir eine Eskalation des Vertrauens! Man würde nicht wissen, wer angefangen hat, aber auf einmal vertrauen sich alle.
Aber das ist eben die Eskalationsdominanz: Erst muss ich die Deutungshoheit über den öffentlichen Diskurs erlangen und ihn ordentlich mit meinem Misstrauen dominieren, dann kann ich eskalieren – um des Friedens willen. Denn militärische Aufrüstung dient ja dem Zweck, am Ende abzurüsten. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ich misstraue dir, um dir vertrauen zu können. Ich schlage dir ins Gesicht, damit ich dich besser erkennen kann.
Auf der Zunge zergeht einem ein solches Wort in der Tat, eine solche Sprache und ein solches Denken: Nichts bleibt einem übrig.
Es geht bei der Skepsis vieler sich als Christen verstehender Zeitgenossen angesichts der derzeitigen Verteidigungs- und Kriegsrhetorik [3] weniger darum, dass der Verzicht auf Gewalt eine zentrale Botschaft des Christentums ist. Eine Grundhaltung des – esoterischen – Christentums ist vielmehr der Verzicht auf Lüge und Taktik, auf triumphale Gesten und auf Macht, ist die Orientierung an einem Wesentlichen, das nicht ohne eine geistige Welt zu denken ist. Ihr Kern ist Wahrhaftigkeit.
Der Fluch der Unwahrhaftigkeit
Wenn Jesus in seinem Prozess zu Pilatus sagt, dieser hätte keine Macht, wäre sie ihm nicht von oben verliehen, und dass das Reich, um das es gehe, nicht von dieser Welt sei (vgl. Joh 19,10-11 und Joh 18,36-38), dann handelt Jesus zu des Römers Erstaunen jenseits von Kategorien wie Dominanz und Unterwerfung, sondern ganz aus sich heraus. Im Römertum gelangte ein Denken zur Blüte, das nur noch das Reich des Irdisch-Materiellen und die Logik des Politischen kannte. Jesus aber ist ganz bei sich, bei Gott. Er zeugt nicht nur von der »Wahrheit«, er ist sie, er erzeugt sie. In Christi bewusster Schwäche und Ohnmacht sind spirituell Vollmacht und Stärke verborgen. Die Pharisäer als damalige geistliche Machthaber spüren dies, sie wehren sich deshalb dagegen und testen Jesus fortwährend mit ihrem Misstrauen. Dieser aber unterläuft ihr subtiles Eskalationsdominanzgebaren, er geht nicht darauf ein und reagiert von woanders her. »Was ist Wahrheit?« (Joh 18,38) fragt deshalb auch Pilatus, und man kann die ehrliche Ratlosigkeit ebenso heraushören wie das Gleichgültig-Rhetorische: »Wahrheit, was ist das schon!«
Christus offenbarte sich als Weg und Ziel, als Einheit von Leben und Bewusstsein, als Kongruenz von Methode und Intention, als radikale Wahrhaftigkeit vor Gott, letztlich vor dem geistigen Wesen der Menschheit. Wenn ich im Außen Frieden will, muss ich ihn verinnerlichen. Vom Anderen her zu denken heißt nicht, dessen Kalkül zu durchschauen – oder vielmehr ihm zu unterstellen, was eigentlich die eigenen Kategorien sind. Vertrauen ist Vorschuss, freie Tat, sonst ist es keines.
Der General im Interview glaubt, dass er gegnerische Interessen durchschaue, und er will, damit die Bevölkerung geschützt wird, dass ihm sein Durchschauen geglaubt wird. Auch die westliche Politik glaubt, sie durchschaue den Osten und die konkrete Gestalt eines bestimmten »Bösen«. Ihre Logik und die des Generals ist: Ich tue deshalb etwas Bedauerliches, etwas Schreckliches, das ich nicht tun will, gerade um es nicht tun zu müssen, um unnötig zu machen, dass es getan wird. Aber dafür ist es nötig, dass es einmal vollbracht wird.
Damit bleibt die Abschreckung im selben Element verhaftet, sie bleibt auf der materiellen, haptisch-technologischen Ebene und ist auf infantile Weise sinnentleert: Die ganzen Waffen werden finanziert, produziert und in Stellung gebracht, um sie nach getaner Arbeit, nach überwundener »Bedrohung«, wieder zu verschrotten. Das soll man glauben?
In der ›Philosophie der Freiheit‹ spricht Rudolf Steiner von der Liebe zur Tat. [4] Eine Handlung ist dann gut, wenn ich sie lieben kann, weil sie aus meinem Inneren kommt und ich nicht aus einem Gebot heraus handele, auch wenn es ein »sittliches« ist. Eine Tat ist nur dann nachhaltig gut, wenn sie frei ist und wahrhaftig, wenn sich Außen und Innen nicht widersprechen. Die politische Strategie der militärischen Abschreckung ist daher vor allem unwahrhaftig, und deshalb ist sie fragwürdig, es liegt kein Segen auf ihr, und die junge Generation, die den Preis dafür zu zahlen haben wird, spürt dies. Das ist der Schrecken. Das ist das eigentlich Abschreckende.
Illustration: Nato – Abschreckung 1961 – Flugabwehrrakete Honest John / Wikipedia Gemeinfrei
Quelle: www.diedrei.org
Andreas Laudert, *1969, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin sowie Theologie, ist Autor und Waldorflehrer. Anmerkungen:
[1] ›Soldat und Christ – »Das Böse wird angreifen, wenn Sie selbst zu schwach sind«‹, in: ›Süddeutsche Zeitung‹ vom 24.-26. Dezember 2025, S. 2.
[2] Ebd.
[3] Vgl. Andreas Laudert: ›… und wofür ich kämpfe‹, in: ›Gegenwart‹ 4/2025.
[4] Vgl. Rudolf Steiner: ›Die Philosophie der Freiheit‹ (GA 4), Dornach 1995, S. 162.






