von Michael Mentzel
Das Archivmagazin (Beiträge aus dem Rudolf Steiner Archiv) ist eine seit 2012 regelmäßig erscheinende Publikation der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung.
Unter verschiedenen Namen hatte die Nachlassverwaltung von 1949 bis zum Jahre 2000 jeweils zum Jahresende Beiträge und Berichte über die Aktivitäten des Rudolf Steiner Archivs und der Nachlassverwaltung vorgelegt. Mit der Ausgabe Nr. 15 vom Dezember 2025 endet diese Zeit und wie Angelika Schmitt und Philip Kovce in ihrem Editorial betonen, stehe das Rudolf Steiner Archiv "… vor einer Transformation von einem Editionsarchiv zu einem Forschungs-, Ausstellungs- und Begegnungsort mit verstärkter digitaler Präsenz".
Die vorliegende Ausgabe beschäftigt sich im wesentlichen mit Dokumenten zur Krankheit und dem Tod Rudolf Steiners im Jahre 1925. Eine "Chronik in Briefen" dokumentiert den regen Briefwechsel Rudolf Steiners in den Jahren 1924-1925, der Zeit, in dem für die Mitarbeitenden Steiners deutlich wurde, dass die Belastungen, denen der unermüdlich tätige Steiner ausgesetzt war, sich immer stärker bemerkbar machten und an den Kräften zehrten. Die physischen Angriffe auf seine Person während seiner Vortragsreise 1922 und nicht zuletzt der Brand des Goetheanum an Sylvester 1923 ließen Mitarbeitende wie Edith Maryon aufmerksam werden, so dass sie in ihren Briefen darum bat, dass er auf seine Gesundheit achten und sich schonen möge.
Hinweise auf eine ernsthafte Krankheit verdichteten sich 1924. Hier beginnt dann auch die Dokumentation des Briefwechsels mit Steiners Ärztin und Mitarbeiterin Ita Wegman, seiner Frau Marie Steiner und auch zwischen den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft, die etliche Stationen des Krankheitsverlaufes zum Inhalt haben. Diese Mitteilungen und Briefe sind biographisch sehr aufschlussreich. Sie enden mit der Mitteilung des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft, "dass unser lieber Lehrer und Führer am 30. März 1925 [um] 10 Uhr vormitags den physischen Plan verlassen hat".
Amtliche Dokumente
Im nachfolgenden Kapitel werden die amtlichen Dokumente (Faksimiles) zu Rudolf Steiners Tod thematisiert. Darunter ein Auszug aus dem Todesregister, eine Erklärung für Feuerbestattung, der Leichenpass sowie weitere Erklärungen und Dokumente, wie auch das handschriftliche Attest über die stattgefundene Obduktion (Sektion). Bereits im Editorial wurde darauf hingewiesen, dass es in dieser Ausgabe des Archivmagazins darum gehe, dass Geschehen jener Zeit (in"unmittelbarer Zeugenschaft") zu dokumentieren und sich an Gerüchten und Spekulationen über die Todesursache, die in späterer Zeit (bis heute) kursierten und kursieren, nicht zu beteiligen.
Der Steinerbiograf Helmut Zander hielt es für wahrscheinlich, dass die Sektionsbescheinigung Ita Wegmans eine Falschbeurkundung war, womit zugleich die wahre Todesursache Steiners (Darmkrebs) verschleiern werden sollte. Andere, seit Jahrzehnten kursierende Gerüchte, z.B. Steiner sei vergiftet worden, werden nur beiläufig erwähnt. Die Vermutung einiger „Hobbyforscher“, eine Sektion könne gar nicht stattgefunden haben, da der Leichnam Tag und Nacht bewacht gewesen sei, wird ignoriert. Möglicherweise werden derlei Spekulationen, die bei ungeklärten Todesfällen üblich sind, weiter wuchern.
Gesetzliche Bestimmungen
Im Zusammenhang mit der Kremation Rudolf Steiners klärt Archivmitarbeiter Alexander Lüscher die Leserinnen und Leser über die damals gültigen gesetzlichen Bestimmungen zum Todeszeitpunkt Rudolf Steiners auf. (S. 86)
Das Atelier in der Schreinerei
Von Angelika Schmitt wird sodann Steiners letzte Wirkensstätte (das Atelier in der Schreinerei) in den Monaten seiner Krankheit veranschaulicht. Beschrieben wird hier die Anordnung der Einrichtungsgegenstände (Möbel etc.), dargestellt wird auch der Tagesablauf Rudolf Steiners nach seinem Zusammenbruch im September 1924. Bis zu seinem Tod lebte und arbeitete Steiner in diesem Atelier, das eigens für ihn hergerichtet wurde. Seine Ärztin und enge Mitarbeiterin Ita Wegman bewohnte ein kleines Nebenzimmer der Ateliers. Ärztlich betreut wurde Steiner von Ita Wegman und Ludwig Noll.
Bilder
Das nächste Kapitel zeigt eine Auswahl von Fotografien aus den Tagen unmittelbar nach Steiners Tod. Sie stammen von Gertrud von Heydebrand-Osthoff und Wilhelm Dierks und zeigen unter anderem Steiner auf dem Totenbett sowie verschiedene Fotos von Trauernden vor dem Krematorium in Basel.
Die letzten Tage und Stunden
Ita Wegman, Marie Steiner und Albert Steffen berichten daran anschließend über ihr Erleben in den letzten Tagen und Stunden vor seinem Tod. Diese Berichte waren wohl weniger als Nachrufe auf den Verstorbenen gedacht, sondern – so heißt es in der Einleitung zu diesem Kapitel – um "das Bemühen, die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft an den Vorgängen der letzten Wochen und Stunden im Leben Rudolf Steiners und der Tage unmittelbar nach seinem Tod teilhaben zu lassen".
Nachrufe
Wolfgang G. Vögele berichtet in einem weiteren Kapitel über die Entstehung seiner Sammlung von Steiner-Nachrufen in der deutschsprachigen Presse, die 2024 unter dem Titel "Rudolf Steiner in Nachrufen" im Info3-Verlag erschienen ist. Beigefügt ist eine (naturgemäß unvollständige) Liste der vorhandenen Nachrufe. Einige der Nachrufe, die in dieser Sammlung nicht abgedruckt wurden, können auch hier bei Themen der Zeit (damals) nachgelesen werden.
Der Moltke-Komplex
Ein Aufsatz von Volker Frielingsdorf, übertitelt mit "Vom Nutzen und Gewinn der Archivarbeit für den Historiker", beschäftigt sich – anlässlich des neuerschienenen Bandes GA 49 – neben dem Lob für die Mitarbeitenden des Archivs und ihrer Arbeit generell mit dem sogenannten „Moltke-Komplex“. Mit dem Hinweis auf Friedrich Nietzsches Programmschrift "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben". gibt er Einblicke in das private Leben der Familie Moltke. Er berührt damit auch die heikle Frage, ob sich Steiner für Eliza von Moltke nach dem Tod ihres Gatten als spiritistisches Medium betätigte. Der Autor stellt Fragen, die Steiners persönliche Nähe zu Moltke betreffen, der ein "Kriegstreiber" gewesen sei. Er hätte "wenig bis nichts" getan, um "den befürchteten 'Weltenbrand' zu verhindern. Er folgt dabei der Historikerin Monika Mombauer, deren wissenschaftliche Kompetenz allerdings von ihrem Zunftgenossen Markus Osterrieder bestritten wird. Mit einem nochmaligen Hinweis und dem Dank für die großartige Arbeit der Archivmitarbeitenden hofft Frielingsdorf, das Steinerarchiv werde sich zunehmend einer kritisch-historischen Forschung öffnen und auch kontroverse Debatten zulassen.
Spurensuche auf dem Lauenstein und auf Hiddensee
Anne-Kathrin Weise erhellt bisher unbekannte Details des Aufenthalts von Rudolf Steiner auf dem Lauenstein am 17.6.1924, dem von Siegfried Pickert und weiteren Heilpädagogen (Strohschein und Löffler) gegründeten heilpädagogischen Heim in Jena. Anhand eines Notizzettels, den ein Kollege auf ihren Schreibtisch gelegt hatte und auf dem unter anderem der Name Lauenstein stand, kann sie den Zusammenhang mit einer Aussage Steiners in seinem "Heilpädagogischen Kurs" herstellen. Im zehnten Vortrag dieses Kurses (am 5. Juli 2024) erwähnt Steiner eine Rechenaufgabe, die er Lothar, einem sechzehnjährigen Jungen, der auf dem Lauenstein betreut wurde, gegeben hatte. Dieser "unscheinbare Zettel", schreibt Anne-Kathrin Weise, "ist der materielle Zeuge für das, was Rudolf Steiner berichtete: dass Lothar die Rechenaufgabe korrekt lösen konnte".
In Anschluss daran begibt sich Anne-Katrin Weise in einem weiteren Bericht auf Spurensuche auf der Insel Hiddensee. Sie geht Hinweisen nach, die einen Besuch Rudolf Steiners auf Hiddensee nahelegen, kommt allerdings zu dem Schluss, dass sich diese Hinweise aber nicht "mit Sicherheit" belegen ließen.
Edition/Archivierung
Die Beiträge dieses Kapitels widmen sich der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), die mit ihren 450 Bänden im Jahr 2025 fast vollständig abgeschlossen wurde. Daran anschließend wird in der Abteilung Archivierung Rechenschaft abgelegt über Neuzugänge, externe und interne Ausstellungen und auch über die allgemeine Nutzung des Archivs. Dies betrifft sowohl Themen als auch Personen. (Stephan Widmer)
David Marc Hoffmann, der bis zum Sommer '25 die Geschicke des Archivs leitete, blickt sodann dankbar auf die 22 Jahre seiner Tätigkeit zurück. Sein Fazit: "Die Gesamtausgabe abzuschließen, war ein Wagnis sondergleichen". Gelungen sei dies aber nur "durch die beeindruckende Zusammenarbeit aller Archivmitarbeitenden. (…) Ich kam mir vor wie der Mann im Märchen 'Sechse kommen durch die ganze Welt', der zwar allerhand Künste versteht, aber seinen Weg nur gehen kann dank der Unterstützung seiner Gefährten, die die eigentliche Arbeit machen".
Steiner in Film und Ton?
Immer wieder einmal taucht die Frage auf, ob es Ton- oder Filmaufzeichnungen von Rudolf Steiner gibt und in schöner Regelmäßigkeit wird diese Frage verneint. So auch in dem Beitrag von Philip Kovce und Stefan Widmar. Obwohl Steiner die damaligen "neuen Medien" nutzte und alles andere als technikfeindlich agiert hätte, sei es höchst unwahrscheinlich, dass seinerzeit derartige Aufzeichnungen gemacht wurden. Nach umfangreichen Recherchen zu diesem Thema resümieren Kovce und Widmer, dass "Rudolf Steiner die Qualität solcher Aufzeichnungen wohl für unbefriedigend hielt".
Allerdings habe Steiner in Gesprächen mit Guenther Wachsmuth, Hermann von Dechend und Ehrenfried Pfeiffer technische Versuche angeregt, "dass die Persönlichkeitsnuance der Stimme erhalten bleibt und nicht mechanisiert wird".
Ausblick
Alles in allem bleibt festzuhalten, dass die fünfzehnte Ausgabe des Archivmagazins insgesamt einen anregenden und durchaus gelungenen Überblick der Aktivitäten des Rudolf Steiner Archivs im Jahre 2025 gibt. Das Publikum darf nun zu Recht gespannt darauf sein, wie der Übergang in die angekündigte digitale Weiterführung dieses Themas vonstatten gehen wird.
Foto: tdz-foto






