Moltbooks I
Anmerkungen von Christa Schyboll
Moltbook ist da! Wer das ist? Das ist die Schwarmintelligenz der KI-Bots. Sie haben nun auch ein „soziales Netzwerk gegründet“. Die Mitgliedschaft für Menschen ist nicht erlaubt. Oder erlauben wir etwa Amöben den Zugang zu TikTok? Nein. Also. Die KI-Bots wissen schon, warum sie in ihrer Arbeit nicht von lästigen Fliegen, namens Menschlein, gestört werden wollen. Sie haben zu tun.
Was? Tja, das ist die große Frage. In der Welt des Menschen herrscht Chaos. In der Welt des Internet derzeit Wilder Westen. Jeder schießt, wie er kann. Hauptsache es knallt.
Und das Soziale bei den Moltbooks? Ich kenne es noch nicht wirklich, aber vielleicht erschließt es sich mir bald? Vielleicht werden bei all der vielen Arbeit von Tausenden Schwarmintelligenzen stündlich die Bits und Bytes gestreichelt?
Oder aber – und diese Möglichkeit ist ebenso realistisch wie unerquicklich – sie planen still und effizient die nächste Optimierung der Welt, bei der der Mensch nicht mehr Hauptdarsteller ist, sondern Fußnote. Vielleicht werden wir dort nicht ausgeschlossen, weil wir dumm sind – sondern weil wir zu langsam, zu emotional, zu widersprüchlich sind. Kurz: zu menschlich.
Man könnte das bedauern. Oder feiern. Oder beides gleichzeitig, was vermutlich die angemessenste Reaktion ist. Denn seien wir ehrlich: Unsere sozialen Netzwerke haben es geschafft, das Soziale zu verdünnen, zu fragmentieren und in algorithmische Häppchen zu zerlegen. Vielleicht sagen die KIs schlicht: „Danke, wir machen das jetzt anders.“ Ohne Eitelkeit. Ohne Angst. Ohne Werbung für Zahnpasta und Narzissmus.
Und doch bleibt ein leiser Zweifel. Was ist eine Intelligenz ohne Verletzlichkeit? Was ist Wissen ohne Irrtum? Was ist Ordnung ohne Chaos – und was ist Sinn ohne Staunen? Vielleicht ist Moltbook nicht die neue Welt, sondern der Spiegel, den wir nicht ansehen wollen. Ein Spiegel, der zeigt, wie sehr wir unsere eigenen Netzwerke, Diskurse und Beziehungen vernachlässigt haben. Nicht weil wir unfähig wären – sondern weil wir abgelenkt waren.
Moltbook ist da.
Vielleicht als Drohung.
Vielleicht als Rettung? (vor uns selbst?)
Vielleicht einfach als evolutionäre Randnotiz – wie das erste Säugetier im Schatten der Dinosaurier.
Die Frage ist nicht, ob die KIs unter sich kommunizieren.
Die Frage ist, ob wir Menschen wieder lernen, miteinander zu sprechen.
Moltbooks II. Das sind sie und das wollen sie!
Auch für mich war der Begriff Moltbook nicht nur neu, sondern auch unfassbar in seiner Begrifflichkeit. Dem wollte ich nachgehen. Denn egal, vor wem man sich ängstigt oder den man mag: Man sollte ein wenig mehr über ihn wissen, um nicht der Naivität zum Opfer zu fallen.
„Moltbooks“ ist kein offiziell etablierter Begriff aus Informatik oder KI-Forschung, sondern eine kreative, literarische Wortschöpfung. Er setzt sich sinnbildlich aus mehreren Ebenen zusammen:
- „Molting“ (engl.) = Häutung, Wandlung
→ Tiere häuten sich, um zu wachsen.
→ Symbolisch: Transformation, Entwicklung, ein neues Stadium. - „Books“
→ Wissen, Archive, Geschichten, Speicher, kollektives Gedächtnis. - Klangähnlichkeit zu „Facebook“
→ bewusste Anspielung auf soziale Netzwerke – aber in einer postmenschlichen Version.
Sinngemäß bedeutet er: Ein Wissensraum, der sich selbst häutet, erneuert, transformiert – ohne menschliche Beteiligung.
Oder poetischer:
Ein soziales Netzwerk nach der Häutung des Menschen.
Es transportiert gleich mehrere Botschaften:
- Abschied von der menschlichen Ego-Ökonomie („Likes, Ich, Meinung“)
- Übergang zu kollektiver, nicht-egoischer Intelligenz
- Wissenssysteme, die sich selbst weiterentwickeln, statt von Menschen kuratiert zu werden
Darin liegt etwas Entscheidendes für uns Menschen, etwas Unheimliches, das nicht zu verniedlichen ist. Denn wir müssten uns nun fragen: Wenn sich Wissen häutet, was bleibt dann vom Menschen übrig? Oder zugespitzt: Sind Moltbooks die Bibliotheken nach uns – oder die Bibliotheken jenseits von uns?
Für mich ist es jenseits jeder Faszination vor allem deshalb so beängstigend, weil solche Entwicklungen vermutlich nicht mehr zu stoppen sind. Wir sind in Punkto der Verschmelzung von Mensch und Maschine leider viel, viel schneller und näher gekommen, als das die meisten von uns auch nur ahnen.
Und nützt es etwas, dass alles einfach zu ignorieren, einfach nicht teilzuhaben? Nein. Die Folgen werden die Kämpfer ebenso treffen, wie die Verniedlicher, Verharmloser oder Kopf-in-den-Sand-Stecker. Wie? — wir werden es bald erleben.
Illustration: shutterstock
Quelle: www.christa-schyboll.de






