Im Zeichen der Schlachtfelder

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von Wolfgang G. Vögele

Angesichts des aktuellen europäischen Kriegsgeschehens soll hier an einige Aussagen Rudolf Steiners zum Ersten Weltkrieg und an seine Friedensbemühungen erinnert werden. [1] Innerhalb der akademischen "Anthroposophieforschung" werden Friedensbekenntnisse Steiners meist relativiert oder ignoriert. Historisch-kritische Autoren tendieren dazu, Steiner als Nationalisten darzustellen und ihn in die Nähe deutscher Militaristen und Kriegstreiber zu rücken. [2]

Förderer des Weltfriedens

Schon 1905 nannte Steiner in einem öffentlichen Vortrag über Krieg und Frieden die vn ihm inaugurierte Strömung eine "Friedensbewegung". Vier Wochen nach dem Attentat von Sarajewo, am 26. Juli 1914, bezeichnete er die Anthroposophie als eine immer stärker leuchtende "Friedenssonne" [3]

Zwei Dichter, die sich der anthroposophischen Bewegung angeschlossen hatten, Christian Morgenstern und Andrej Belyj, sahen in Steiner einen Friedensstifter. Sie hatten jahrelang Gelegenheit, Steiners Gesinnung aus nächster Nähe zu prüfen. Von Morgenstern, der wenige Monate vor Kriegsausbruch einem Lungenleiden erlag, hat sich ein Briefentwurf an das Nobelkomitee erhalten, in dem er Rudolf Steiner für den Friedensnobelpreis vorschlug. Der Dichter versicherte, Steiner sei "einer der größten Förderer des Weltfriedens", er vereinige durch sein Werk und seine Persönlichkeit Angehörige der verschiedensten Nationalitäten "in edelstem geistigen Streben". [4]

Das Goetheanum als Friedensprojekt 

Auf neutralem Schweizer Boden wurde seit 1913 der anthroposophische Zentralbau begonnen, an dessen Erichtung Angehörige zahlreicher Nationen mitwirkten. Der russische Schriftsteller Andrej Belyj erlebte den Kriegsausbruch in Dornach: "[Unsere] erste Reaktion auf den Krieg [war]: wir müssen uns stärker für die gemeinsame Sache einsetzen; wir alle – Russen, Deutsche, Österreicher, Franzosen, Polen – , wir alle sind Brüder im Unglück, wir alle sind Opfer einer verbrecherischen Politik; unsere ‚Politik‘ war die Treue zu der gemeinsamen Sache, die Entschlossenheit, weiterzubauen." [5]

Nach Kriegsausbruch wurden viele dieser Anthroposophen zum Militär eingezogen; unter den in Dornach verbliebenen kam es anfangs zu politischen Streitigkeiten, die Steiner einigermaßen zu schlichten versuchte. Belyj erinnert sich: "Diese Familie drohte zu zerfallen (…) [Der Krieg] hatte Steiner neue, besondere Sorgen gebracht; er mußte die Ausbrüche des Nationalgefühls in vernünftige Bahnen lenken." 
Manche hatten erwartet, er würde deutlich aussprechen, welche Nation schuld am Krieg sei. "Er aber griff kein einziges Land an, sondern nur die Verlogenheit der Presse, und empfahl, den Sensationsmeldungen nicht zu glauben und unbeirrt an dem Menschlichen einer wahren Kultur zu arbeiten. (…) [ihm] war es gelungen, die Wogen nationaler Leidenschaft zu glätten, indem er die Einheit der allen gemeinsamen, der großen Kultur aufzeigte." [6]

Schwere Pflichten

Lange vor Kriegsausbruch habe Steiner davon gesprochen, dass eine Katastrophe über die Völker Europas kommen werde. Heute müsse uns ein "unerschütterliches Vertrauen in […] den Sieg des Geistes und seines Lebens" beseelen. "Zuletzt wird der Geist siegen!" Und das zweite Ideal sei im ersten anthroposophische Grundsatz ausgedrückt. Demnach sollen ihre Mitglieder "einen Keim von Menschen mit brüderlicher Gesinnung über alle Nationen hinaus" bilden. Bisher sei es noch wenig gelungen, dieses Ideal zu verwirklichen. Jetzt herrsche Hass und Antipathie in Europa. Anthroposophen sollten "ein Musterbild" brüderlichen Gesinnung darstellen. "Zu dem aber, wozu der Einzelne aufgerufen wird […] kann nur gesagt werden, daß der Einzelne seine Pflicht tue." Damit meinte er die Einberufung der Wehrpflichtigen. [7] Zu den ethischen Grundsätze der Anthroposophie gehörte absolute Pflichterfüllung: "Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß der [Betreffende] keine seiner Pflichten im gewöhnlichen Leben versäumen darf, weil er in höheren Welten lebt (…). Der Famiienvater bleibt ebenso guter Famiienvater, die Mutter ebenso gute Mutter, der Beamte wird von nichts abgehalten, ebensowenig der Soldat" [8]In seinem Spruch, mit dem er während der Kriegsjahre seine Mitgliedervorträge einleitete, erwähnte er die "schweren Pflichten" der im Felde stehenden Soldaten. Steiners ambivalente Haltung zum Pazifismus hatte ich schon 2023 in der "Drei" erörtert. [9]

Sich Objektivität aneignen

Steiner erinnert zum Jahrestag der Grundsteinlegung daran, "dass wir nur Diener desjenigen Geisteslebens sein wollen, das einfließen will, durch die Friedensharmonien der höheren Hierarchien, in die heilsame Entwicklung des Menschengeschlechts." Der Bau solle "im eminentesten Sinne dazu dienen, Menschenseelen über die Erde hin harmonisch zusammenzuführen" und im Sinne "des wahren Christusimpulses, alle Menschenherzen, die sich finden unter den Völkern und Rassen der Erde, zusammenzufassen." Aber es sei schwierig, diese Dinge heute als Wahrheit zu empfinden. Steiner erinnert an seinen 1910 in Norwegen gehaltenen Vortragszyklus über die Volksseelen Europas, in dem er die unterschiedliche Mentalität einzelner europäischer Völker charakterisiert und daraus deren historische Mission abgeleitet hatte. Diese Vorträge könnte heute nicht mehr in der gleichen Objektivität hingenommen werden. Dennoch könne sein Inhalt lehrreich sein. 
Der Materialismus fördere den Nationalismus, der einen großen Rückschritt bedeute. "Je mehr sich der Mensch frei macht von diesem Nationalen, desto mehr kommt er dazu, die geistige Welt anzuschauen. […] Wir müssen uns klar werden, dass allein das Freiwerden von diesem Instinktleben uns vorwärtsbringen kann." 

Steiner fügt eine autobiographische Bemerkung an über seine Sozialisation in der multiethnischen Habsburger Monarchie. Dort, so beteuerte er, habe er sich nie Patriotismus aneignen können, er sei in gewissem Sinne heimatlos aufgewachsen. Und er bekennt: "Ich bin nicht in der Liebe zum Deutschtum aufgewachsen oder erzogen." An seine russischen Zuhörer gerichtet, sagt er, die große Aufgabe des russischen Volkes habe nichts zu tun mit dem Imperialismus, der sich auf das verlogene Gerede von einem Panslawismus berufe. 
Überhaupt solle man unterscheiden lernen "zwischen denen, die den Krieg gemacht haben – das werden nicht die Völker sein, sondern einzelne Menschen, Cliquen und so weiter –, und denjenigen, die den Krieg erdulden müssen." Im übrigen sei nach jedem Kriegsausbruch immer die andere Seite beschuldigt worden. "Das war immer so und ist selbstverständlich auch heute so."
Der Krieg bedeute für die anthroposophische Bewegung eine Prüfung, die sie bestehen müsse, indem sie sich Objektivität aneigne und den einzelnen Kriegsparteien Gerechtigkeit widerfahren lasse. "ich weiß, wie schwer es wird, in dieser Zeit objektiv zu sein, berechtigt schwer; selbstverständlich schwer, entschuldbar schwer! Man kann ja schließlich auch nur das Nächste sehen." [10] 

Den Weg zu jedem Menschen finden

Es sei notwendig, über den Christusimpuls zu sprechen, "besonders unter dem Eindruck der schmerzlichen Ereignisse von heute. (…) Denn der Christus gehört nicht einem Volke (…) (er) gehört allen Menschen an (…) Wir finden dann den Weg zu jedem Menschen und zu den Friedenschören aller höheren Hierarchien (…)" [11] 

Völkerverständigung

Abschließend sei noch der 1922 in Wien durchgeführte anthroposophische Kongress erwähnt, der "zur Verständigung östlicher und westlicher Weltgegensätzlichkeit" beitragen sollte. In der Einladung zum Kongress hieß es: "Eine Kulturspannung hat sich durch zerstörende Gegensätze zwischen West und Ost gebildet." Der Ausgleich dieser Spannung könne nicht durch wirtschaftliche oder völkerrechtliche Maßnahmen erzielt werden, sondern nur durch "wirkliche geistige Einsicht in die Volks-Seelenkräfte" Die wirtschaftlich und politisch darniederliegende Mitte Europas sei berufen, geistige Aufgaben gegenüber der Menschheit zu lösen. […] Anthroposophie allein kann die Brücke bauen zwischen West und Ost, die der Ungeist (im Weltkrieg) abgebrochen hat." Der Kongress wolle versuchen, diese Brücke wieder herzustellen. Für diese Vermittlerrolle sei Österreich besonders disponiert. [12] 


fotos: Wikipedia/gemeinfrei

[1] Die Steiner-Zitate sind dem Band Rudolf Steiner – Zur Geschichte des Johannesbau-Vereins und des Goetheanum-Vereins. (GA 252), Basel 2019 entnommen
[2] Vgl. Anna-Katharina Dehmelt: Mit Anthroposophen, aber ohne Anthroposophie. Eine Buchkritik, Info3. Oktober 2023
[3] Gerhard Wehr: Rudolf Steiner. Eine Biographie. Zürich 1993, S. 248. Er glaubte nicht an einen "gerechten Krieg", in dem eine Seite das Gute vertritt. Verbreitet werden müsse "der versöhnende Geist über die ganze Erde hin" Wehr, S. 246
[4] Archivmagazin Nr. 3, Oktober 2014, S. 152 f.
[5] Belyj Verwandeln des Lebens, Basel 1990 S.388
[6] Belyj Verwandeln des Lebens, Basel 1990 S. 391 ff.
[7] Dornach, 13. August 1914, GA 252, S. 108 ff. 
[8] Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10, TB Dornach 1972, S.58
[9] https://www.anthroposophische-gesellschaft.de/blog/rudolf-steiner-und-der-pazifismus
[10] Dornach, 19. September 1914, GA 252, S. 113 ff.
[11] Dornach, 20. September 1914, GA 252, S. 154
[12] GA 83

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