Gaza und die Bedeutung des Mitgefühls

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Ein Beitrag von Thomas Stöckli

Die Stimme der Opfer

Ich bin mir bewusst, dass sich unsägliches Leiden von Menschen in Krisen- und Kriegsgebieten an vielen Orten der Welt zeigt. In diesem Beitrag möchte ich Gaza als Beispiel herausgreifen, weil sich dabei vieles exemplarisch aufzeigen lässt.

Die Lektüre des Buches „Gaza. Überlebensberichte aus einem zerstörten Land“ von Samar Yazbek1 hat mich erschüttert. Die Berichte der Zivilbevölkerung aus Gaza nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden militärischen Reaktion Israels führen mitten in eine Wirklichkeit, in der menschliches Leid kaum noch zu fassen ist. Hinter den Zahlen der palästinensischen Opfer – Tausende Tote, verstümmelte Menschen, verwaiste Kinder – stehen konkrete Schicksale. Namen. Gesichter. Lebensgeschichten.
Beim Lesen merke ich, wie schwer es mir fällt, diese Zeugnisse auszuhalten. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir ihnen nicht ausweichen dürfen.In den Aussagen der Überlebenden von dem von den Israeli flächendeckenden Vernichtungsfeldzug wird sichtbar, was sonst hinter Statistiken verschwindet: Menschen erzählen von zerstörten Häusern, von verlorenen Familien, von zerfetzten Körpern und zerbrochenen Lebenswelten. Im Vorwort heißt es: „Sie haben über sich gesprochen, als friedfertige Zivilisten, über ihre zerfetzten Körper. Ihre Berichte waren spontan und glaubwürdig, und sie wollten, dass die Welt ihre Geschichte hört.“
Gerade das scheint mir ihr tiefstes Anliegen zu sein: dass ihr Leid nicht zur bloßen Statistik wird. Dass ihre Menschlichkeit gesehen wird.
Umso verstörender ist es, wenn inmitten dieser Katastrophe geopolitische Interessen dominieren und von Trump und seinen engsten Verbündeten von einem lukrativen Immobilienprojekt an der „wunderschönen Riviera“ in Gaza gesprochen wird. Solche Vorstellungen sind unmenschlich und zynisch angesichts des realen Leidens der Bevölkerung.

Die neue Moral ist eine Moral des umfassenden Mitleidens mit allem, was in der Welt leidet

Bernhard Lievegoed

Oft fühlen wir uns angesichts dieser Situation ohnmächtig. Die großen politischen Entscheidungen liegen fern von dem, was einzelne Menschen beeinflussen können. Und doch bleibt etwas: hinsehen, zuhören, die Geschichten der Betroffenen nicht im Lärm der Schlagzeilen untergehen lassen.

Mitgefühl als moralische Kraft

Angesichts dieses Leidens treibt einem die Frage um: Was kann der einzelne Mensch überhaupt tun?
Eine mögliche Antwort liegt in einer Haltung, die heute vielleicht wichtiger ist denn je: Mitgefühl. Oder, wie Bernhard Lievegoed es ausdrückt: „Die neue Moral ist eine Moral des umfassenden Mitleidens mit allem, was in der Welt leidet.“ 2
Mitgefühl bedeutet nicht, einfache politische Antworten zu haben oder Partei zu ergreifen. Es bedeutet zunächst etwas viel Grundlegenderes: das Leiden eines Menschen wahrzunehmen – unabhängig davon, auf welcher Seite eines Konfliktes er steht.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind zwei Männer: der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin. Beide verloren in diesem Konflikt eine Tochter. Statt im Hass zu verharren, setzen sie sich heute gemeinsam für Versöhnung ein.
Rami Elhanan sagt:
„Ich bin stolz darauf, Jude zu sein, und habe den größten Respekt vor meinem Volk, unserer Geschichte und Tradition. Es ist jedoch nicht jüdisch, Millionen von Menschen zu beherrschen, zu unterdrücken und zu demütigen. Wer sich gegen die Besatzung ausspricht, ist nicht antisemitisch.“3
Das heisst im Klartext, dass brutale Kriegsverbrechen auch seitens der Israeli an der palästinensischen Zivilbevölkerung beim Namen genannt und verurteilt werden müssen. Die zu verurteilende Terrorattacke der Hamas vom Oktober 2023 ist dafür keine Entschuldigung.
Doch umso wichtiger ist es nicht dem Hass zu verfallen. Es gibt auch andere Initiativen, in denen Israeli und Palästinenser für den Frieden zusammenwirken, wie das «House of Hope» im Westjordanland, www.houseofhope.vision

Das «Christus-Mitgefühl» 

In der anthroposophischen Perspektive erhält das Mitgefühl eine noch tiefere Dimension. 
Rudolf Steiner beschreibt diesen Zusammenhang so:„Jedes Mal, wenn ein Gefühl des Mitleids oder der Mitfreude in der Seele entwickelt ist, so bildet das eine Anziehungskraft für den Christus-Impuls, und der Christus verbindet sich durch Mitleid und Liebe mit der Seele des Menschen. Mitleid und Liebe sind die Kräfte, aus denen der Christus sich seinen Ätherleib formt bis zum Ende der Erdenentwicklung.“4
Wenn wir diesen Gedanken auf uns wirken lassen, erscheint Mitgefühl in einem neuen Licht. Es ist dann nicht nur eine moralische Tugend, sondern eine reale geistige Kraft. Jedes echte Mitfühlen verbindet den Menschen mit etwas Grösserem. Gerade angesichts des Leidens von Kindern, Müttern und Familien im Krieg empfinde ich diese Dimension besonders stark. 
Ich kann dieses Leid nicht erklären. Aber ich kann zulassen, dass es mein Herz berührt und über mein kleines Ich hinausführt mit heilenden weit ausstrahlenden Kräften.
Nach Rudolf Steiner lebt die Menschheit seit Beginn des 20. Jahrhunderts in einer neuen geistigen Epoche. Christus erscheine nicht mehr physisch auf der Erde, sondern könne im Ätherischen wahrgenommen werden – in einer geistigen Wirklichkeit, die mit unserem Leben verbunden ist. Er nannte dies eines der größten Mysterien unserer Zeit: „Und alle anthroposophische Lehre sollte sich in uns in den starken Wunsch umwandeln, dieses Ereignis an der Menschheit nicht spurlos vorübergehen zu lassen.“5
Diese Gegenwart des Christus zeigt sich nicht spektakulär. Sie wirkt eher im Verborgenen, in einer Tat der Hilfe, im Mut zur Wahrheit, im stillen Mitfühlen, im inneren Widerstand gegen Gleichgültigkeit.

Ein meditatives Übungsfeld

Wenn ich die Nachrichten über Kriege, Katastrophen und Zerstörung sehe, entsteht leicht ein Gefühl völliger Machtlosigkeit. Gedanken, Gebete, Meditationen und bewusst gepflegtes Mitgefühl sind vielleicht nicht so machtlos, wie wir glauben. Sie bilden – so stelle ich es mir vor – ein unsichtbares Netz menschlicher Verbundenheit. Es ist eine Imagination der Erde wie ein lebendiges Wesen, gezeichnet von Wunden: Orte von Krieg, Leid und Verzweiflung. Doch überall entstehen kleine Lichtpunkte, dort, wo Menschen Mitgefühl entwickeln, wo sie sich innerlich dem Leid anderer zuwenden und mit dem guten Geist der Erde sich verbinden. Diese Lichter verbinden sich. Sie bilden ein feines, leuchtendes Netz um die Erde.
In dieser Perspektive wird Mitgefühl zu einer schöpferischen Kraft. Zusammen mit dem Christus im Ätherischen kann es Hoffnung und Heilung in eine verwundete Welt tragen.
Gerade in Zeiten großer Dunkelheit wächst die Hoffnung, dass die Zukunft der Menschheit nicht nur in politischen Machtzentren entschieden wird. Vielleicht entscheidet sie sich auch in den stillen Momenten des menschlichen Herzens, dort, wo wir uns weigern, unsere Fähigkeit zum Mitfühlen zu verlieren.

Dr. Thomas Stöckli
Leiter des Instituts für Praxisforschung, Schweiz
www.institut-praxisforschung.com


Illustration: Anas-Mohammed / Shutterstock.com

Anmerkungen:
1 Samar Yazbek: Gaza. Überlebensberichte aus einem zerstörten Land, Zürich, Unionsverlag
2 Bernhard Lievegoed: DAS GUTE TUN. Ankommen im 21. Jahrhundert, Stuttgart 2012: Verlag Freies Geistesleben
3 Rami Elhanan und Bassam Aramin: Wie Frieden geht, Lokwort Verlag, Bern
4 Rudolf Steiner, GA 143, 8.5. 1912
5 Rudolf Steiner, GA 118, 25.1.1910

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