Hat Rudolf Steiner psychologische Tests gefürchtet?
„Steiner kneift!“ (Prof. Max Wundt)
Wolfgang G. Vögele weist im folgenden Beitrag auf die tiefe Kluft hin, die zwischen etablierter Wissenschaft und Anthroposophie besteht. Die Weigerung Rudolf Steiners, seine hellseherischen Fähigkeiten unter Laborbedingungen testen zu lassen, dürfte dabei entscheidend gewesen ein. Anthroposophie gilt seitdem als Pseudowissenschaft. Bemühungen von anthroposophischer Seite, zu einer Verständigung zu kommen, sind ebenfalls fruchtlos geblieben: „An die Pforten der Wissenschaft hat die Anthroposophie bisher vergeblich geklopft.“1
„Die angebliche Hellsichtigkeit Steiners, die ihm als Grundlage seiner Erkenntnisse diente, [wird] von der Wissenschaft als Instrument der Forschung nicht anerkannt, zumal Steiner es ablehnte, seine Hellsichtigkeit mit wissenschaftlichen Methoden verifizieren zu lassen.“2
Steiners Ablehnung war übrigens insofern verständlich, als die meisten Wissenschaftler zuvor scharf gegen ihn polemisiert hatten.
Auch für den Theologen Arnold Stolzenburg, der Hellsehen für möglich hielt, war die Anthroposophie unglaubwürdig:
„Nach seinen eigenen Voraussetzungen steht und fällt das anthroposophische System mit der Gangbarkeit seines Weges in die übersinnliche Welt, mit seiner Erkenntnistheorie, mit der Frage, ob es sein Hellsehen ausreichend unterbaut hat. Dass es ein solches gibt, unterliegt […] keinem Zweifel. Eine andere, aber allerdings für das Ganze entscheidende Frage ist es dagegen, ob Steiner selbst diese noch keineswegs restlos durchsichtige, aber im Prinzip zuzugebene Fähigkeit tatsächlich besessen hat. Da aber setzen die stärksten Bedenken ein. Trotz Aufforderung hat er sich wissenschaftlicher Nachprüfung niemals gestellt.“3
Schwere Bedenken äußerte auch der Steinerbiograf Helmut Zander. Er hielt es für möglich, dass Steiner den von ihm gelehrten meditativen Weg nie selbst praktizierte.
Zu Steiners Lebzeiten
Die einst renommierten Wissenschaftler, die vermutlich den Ruhm erwerben wollten, den „größten Hellseher aller Zeiten“ getestet und womöglich als Schwindler entlarvt zu haben, sind heute kaum noch bekannt.
Lutoslawski und Westermann
Die Forderung, Steiner möge sein Hellsehen wissenschaftlich prüfen lassen, wurde erstmals 1911 von dem polnischen Universitätsprofessor Wincenty Lutoslawski (1863-1954) erhoben.4 Dieser hatte 1911 gemeinsam mit Steiner am Philosophenkongress in Bologna teilgenommen und sich nach Steiners Vortrag an der Diskussion beteiligt (GA 35, S. 152 f.).
Ebenfalls 1911 erhob Hermann Westermann in der „Zukunft“ eine ähnliche Forderung.5
Forderungen in den 1920er Jahren
Traugott Oesterreich, Professor für Psychologie in Tübingen, forderte 1921 Rudolf Steiner öffentlich auf, sich psychologisch untersuchen zu lassen. 6
Hans Leisegang, Privatdozent der Philosophie mit religionswissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität Leipzig, ein dezidierter Gegner Steiners, hatte nach eigenen Angaben Friedrich Rittelmeyer brieflich gebeten, Steiner „zu bitten, sich bei seinem bevorstehenden Aufenthalt in Leipzig einigen Sitzungen im Psychologischen Institut zu unterziehen.“ Rittelmeyer habe dies abgelehnt.7
Jakob Wilhelm Hauer, Religionshistoriker und Indologe in Tübingen, schrieb 1922: „[Steiner] ist wiederholt aufgefordert worden, sich der psychologischen Prüfung zu stellen. Diese Aufforderung sei hiermit wiederholt. […] Geht Steiner auf die Vorschläge nicht ein, so fällt es mir nicht schwer, einen anderen Schluss zu ziehen, als den, dass Steiner selbst kein unbedingtes Vertrauen hat in die Verlässlichkeit seiner Hellseherei.“8 Hauer wandte sich später dem Nationalsozialismus zu und förderte das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft.
Der Philosophiedozent Professor Max Wundt (1879-1963), Sohn des berühmten Begründers der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt, wurde 1920 Nachfolger des Philosophen Rudolf Eucken in Jena. Max Wundt war deutschnationaler Antisemit und machte während des Hitlerregimes Karriere.1922 behauptete er, die Dreigliederungsbewegung Rudolf Steiners erstrebe dasselbe Ziel wie die internationalen (jüdischen) Finanzmächte.9 Von Angriffen Wundts auf Steiner berichtet der Anthroposoph Ernst Lehrs (S. 97 ff.) Laut Lehrs hatte das Institut für experimentelle Psychologie Rudolf Steiner aufgefordert, nach Leipzig zu kommen, „um sich auf den Wissenschaftswert der Ergebnisse seiner Geistesforschung hin untersuchen zu lassen. Das sollte auf die Weise geschehen, dass man mehrere ‚Hellseher‘ zu gleicher Zeit einzeln in mehrere Räume setzen wollte, wo jeder derselben zur gleichen Zeit sich ‚hellseherisch‘ betätigen und seine Ergebnisse notieren sollte. Würden sie als übereinstimmend befunden, so wären sie damit wissenschaftlich anerkennbar. Rudolf Steiner ist darauf natürlich nicht eingegangen. Dies wurde in dem Vortrag [von Max Wundt] mit den Worten vorgebracht: ‚Man hat Rudolf Steiner in das Institut meines berühmten Vaters eingeladen, sich auf sein Hellsehen hin testen zu lassen. Aber Steiner kneift !‘“10
Friedrich Rittelmeyer berichtet in seinen Erinnerungen (1927), dass Steiner „sogar zu Experimenten in gewissem Sinn bereit war. Nur sollte es nicht so sein, dass ein beliebiger Wissenschaftler ihn in seinem Institut einer ‚Prüfung‘ unterzieht und ihn dabei womöglich behandelt wie einen zu entlarvenden Verbrecher. Vielmehr sollte es so geschehen, dass ein für die Sache aufgeschlossener Geist seine Fragen stellt und in freier Weise eine Verständigung herbeizuführen sucht, wie die Wissenschaft forschend an die Phänomene herankommen kann.“ Steiner erklärte sich 1915 bereit, vermittelt durch Rittelmeyer, zu Prof. Oswald Külpe (München) zu gehen, um sich von diesem ausfragen zu lassen. Das Gespräch kam nicht zustande, weil Külpe kurzfristig absagte.
Steiners Antworten
Rudolf Steiner selbst äußerte sich zu diesem Thema 1921 in einem öffentlichen Vortrag. Nachdem er an einem Beispiel gezeigt hate, wie im bolschewistischen Russland die experimentelle Psychologie angewandt wird, kommt er auf den Wunsch einiger deutscher Wissenschaftler zu sprechen, auch er (Steiner) möge sich in einem psychologischen Labor testen lassen: „Nun, es gibt gewisse Leute, die möchten diese Methode nun auch auf jenes geistige Schauen anwenden. Sie stellen die Forderung, dass ich oder andere meiner Schüler sich solchen Prüfungen unterwerfen sollen, wie man äußere Apparate untersucht“ Er (Steiner) habe in seinen Schriften seit langem die Methoden angegeben, wie jeder die Aussagen der Geistesforschung nachprüfen kann.
„Nun, derjenige, der irgendwelche Wahrsager, Kartenleger oder Hexer prüfen will, der mag solche Methoden fordern. Ich habe niemals Wahrsagerei, Hexerei oder soganannte Seelenfähigkeiten oder Hellsehereien hingestellt, von denen Professor Dessoir oder Professor Oesterreich oder ähnliche sprechen, die etwa auch mathematische Wahrheiten in einer solch äußeren Weise prüfen möchten. Ich kann nur sagen: Wer solche Prüfungen fordert, versteht nicht das geringste von dem, was in anthroposophischer Geisteswissenschaft lebt. Und es wird mir nicht einfallen, mich auf dasjenige, was so aus bolschewistischer Gesinnung hervorgeht, einzulassen.“11
Auch 1922, in der Neuausgabe seines Buches „Theosophie“ antwortet er auf die genannten Forderungen:
„Es liegt z.B. wirklich recht nahe, dass die Aussagen des Sehers [über die menschliche Aura] durch Versuche bewiesen werden sollen, welche der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart entsprechen. Man kann fordern, es sollen sich eine Anzahl von Menschen, die vorgeben, das Geistige der Aura zu schauen, anderen Menschen gegenüberstellen und deren Aura auf sich wirken lassen. Dann mögen die Seher sagen, welche Gedanken, Empfindungen usw. sie als Aura bei den beobachteten Menschen schauen. Wenn dann ihre Angaben untereinander übereinstimmen und wenn sich herausstellt, dass die beobachteten Menschen wirklich die von den Sehern angegebenen Empfindungen, Gedanken usw. gehabt haben, dann wolle man an das Vorhandensein der Aura glauben.[…] Allein es kommt das Folgende in Betracht: Die Arbeit des Geistesforschers an der eigenen Seele, die ihm fie Fähigkeit des geistigen Schauens gibt, geht dahin, eben diese Fähigkeit zu erwerben. Ob er dann in einem einzelnen Falle etwas in der geistigen Welt wahrnimmt und was er wahrnimmt, das hängt nicht von ihm ab. Das fließt ihm zu als eine Gabe aus der geistigen Welt. Er kann sie nicht erzwingen, er muss warten, bis sie ihm wird. Seine Absicht, die Wahrnehmung herbeizuführen, kann nie zu den Ursachen des Eintreffens dieser Wahrhehmung gehören. Gerade diese Absicht aber fordert die naturwissenschaftliche Vorstellungsart für das Experiment. Die geistige Welt aber lässt sich nicht befehlen. Sollte der Versuch zustande kommen, so müsste er von der geistigen Welt aus angestellt werden. In dieser müsste ein Wesen die Absicht haben, die Gedanken eines oder mehrerer Menschen einem oder mehreren Sehern zu offenbaren. Diese Seher müssten dann durch ‚geistigen Antrieb‘ zur Beobachtung zusammengeführt werden. Dann würden ihre Angaben ganz gewiss miteinander stimmen. […] Geistige ‚Experimente‘ können nicht wie physische zustande kommen. […] Die Forderung der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart erfüllt zu sehen, wäre allerdings bequemer; allein wer sie stellt, zeigt, dass er sich nicht von den allerersten Ergebnissen der Geisteswissenschaft wirklich unterrichtet hat.“12
1924 erwähnt Steiner die Experimente des Parapsychologen Schrenck-Notzing und betont dann: “Es kann niemals vorausgesetzt werden, daß der Mensch es in seinem Karma hat, in einem Laboratorium mit sich experimentieren zu lassen, – und das müßte vorliegen, wenn die Forschungen fruchtbar werden sollen.[…] Man müsste zunächst die Bedingungen untersuchen, wie es aus dem Karma hervorgeht, daß man durch einen Menschen etwas erfahren kann über die geistige Welt. Das habe ich in den späteren Auflagen meiner ‚Theosophie’ am Schlusse deutlich ausgesprochen. Aber dazu ist die gegenwärtige Welt nicht geeignet – nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Gewohnheit –, die Dinge aufzunehmen.“13
Der Anthroposoph Karl Heyer fasst zusammen: „Bequem wäre es allerdings für manche Gegner gewesen, wenn sie Rudolf Steiner nach Art eines Experimental-‚Hellsehers‘ auf gewisse niedere psychische Fähigkeiten hätten ‚prüfen‘ können! Die Wege, zum Wahrheitserlebnis der Anthroposophie zu gelangen, sind andere, weniger bequeme, aber dafür dem Geist entsprechendere.“14
Illustration: tdzgraphic
1 Jost Schieren: Die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie. RoSE. Research on Steiner Education, Vol. 2, Nr.2,Dec. 2011
2 Wikipedia, Artikel „Rudolf Steiner“, abgerufen 24.10.2026
3 Arnold Stolzenburg, in: Carl Schweitzer (Hg.): Das religiöse Deutschland der Gegenwart. Ein Handbuch für jedermann. 1. Band, Berlin 1928, S. 313
4 Lutoslawski: Steiners sogenannte ‚’Geheimwissenschaft’, in: Hochland 1910/11, Heft 1, S. 45-58
5 Westermann: „Theosophie“, Die Zukunft, 19. Jg., Nr.15, 7.1.1911, S. 57 ff.
6 Tübinger Chronik, 31.1.1921, vgl. GA 255b, S. 532
7 Leisegang: Die Grundlagen der Anthroposophie. Hamburg 1922, S. 98; vgl. derselbe: Zur psychologischen Prüfung der Erkenntnismethode Rudolf Steiners. In: Unsere Welt, o. J., S. 183-186; auch in: Der Geisteskampf der Gegenwart, 1022. Heft 10, 210
8 Hauer:Wesen und Werden der Anthroposophie. 1922, S. 93 f.
9 „Deutschlands Erneuerung“, 6. Jg. 1922, Heft 4, 207-211
10 Ernst Lehrs: Gelebte Erwartung. S. 97 f.
11 Stuttgart, 21. 5.1921, GA 255b, S.320 f.
12 GA 4, Kapitel „Einzelne Bemerkungen und Ergänzungen“, S. 212f.
13 Torquay, 22.8.1924, GA 243, S. 225
14 Heyer: ‚Prüfungen‘ des Hellsehers? In: Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft. Reprint, Basel 2000, S. 48




