Europa und der Krieg im Osten

Dieser Text erschien zuerst in der anthroposophischen Zeitschrift die Drei, mit freundlicher Genehmigung des Autors

von Andreas Bracher

Krieg erscheint vielen offenbar als die bessere Alternative gegenüber wirklich ernsthaften, umfassenden Gesprächen. Krieg ist immer noch besser, als sich selbst zu hinterfragen. Krieg mit Russland erscheint vielen möglicherweise auch als Möglichkeit, innere Probleme zu umgehen oder zu neutralisieren: lieber ein äußerer Krieg mit Russland als ein Bürgerkrieg zu Hause. Schließlich ist es wohl auch so, dass sich die EU-Staaten gegenseitig neutralisieren und lähmen: da man sich untereinander nicht einigen kann, macht man einfach gar nichts bzw. verbleibt in dem fahrenden Zug, der auf den großen Krieg zurollt. 
Nachdem der Störenfried Orban aus dem Zug herausgefallen ist, gibt es niemanden mehr, der die Rolle eines Bremsers übernehmen würde. Jetzt rächt sich auch, dass die europäische Einigung einen diskreten äußeren Vereiniger hatte, die Vereinigten Staaten. Zieht sich dieser zurück, wie die USA unter Trump, so bleiben alle orientierungs- und ratlos zurück, unfähig miteinander irgendeine relevante Stimme zu bilden, eine Herde von Lemmingen.

Oder man denkt, dass man die russische „Bedrohung“, den „Feind“, braucht, um mit ihrem Hintergrund die europäische Einigung stärker und dichter zu machen1 oder dass man sogar den Krieg braucht, um Europa eine Grunderfahrung von solcher Drastik zu verschaffen, dass die Notwendigkeit für die Einigung auf immer eingebrannt sein wird: “Die Menschen fassen große Entscheidungen nur dann, wenn eine Gefahr vor der Tür steht”, war schon eine Maxime des europäischen Gründervaters Jean Monnet.2

Während man in Europa mehr und mehr auf einen ukrainischen Sieg setzt, tauchen in Russland Stimmen auf, die einen Nukleareinsatz fordern, um Europa auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Man hat in Europa russische Drohungen mit einem Nukleareinsatz entweder achselzuckend als Bluff übergangen oder als Unverschämtheit verurteilt, man hat sie aber kaum als Drohungen ernst genommen, die rote Linien anzeigen und zu Verhandlungen auffordern sollten. Man hat so getan, als ob man sich darum nicht kümmern müsste. Das hat in Russland die Idee aufkommen lassen, einen Nukleareinsatz als eine Art kalte Dusche, als „Ernüchterung“, in Erwägung zu ziehen, einfach um den Europäern aufzuzeigen, dass das wirklich etwas Ernstes, Ernstzunehmendes ist.3

In diesem Wahnwitz kann man, um sich etwas mehr geistige Klarheit zu verschaffen, vielleicht einige Maximen für eine längerfristige, in die Zukunft reichende, Perspektive formulieren, wie man über Grundfragen bei diesen Ereignissen denken sollte. 

Erstens müsste es ein unbedingtes europäisches Interesse sein, einen noch weitergehenden Krieg mit Russland zu vermeiden, der ja ohne weiteres und wahrscheinlich zu einem Nuklearkrieg werden könnte. Selbst ein russischer „Sieg“ in der Ukraine, – d.h. die vollständige Eroberung der östlichen, Russland „beigetretenen“, Oblaste -, ist keine Bedrohung von einer Art, dass es sich lohnen würde, dafür einen Nuklearkrieg in Kauf zu nehmen. Russland, wie auch immer seine gegenwärtige Regierungsart sein mag, ist keine grundsätzliche zivilisatorische Bedrohung für Europa. Tatsächlich sind ja sowohl Russland als auch Europa Weltpotenzen im Niedergang. Ein Krieg, wie auch immer er ausgeht, könnte diesen Niedergang nur sehr viel weiter vertiefen, es wäre eine Art Mord als Doppelselbstmord.

Zweitens kann es kein europäisches Interesse sein, auf längere Frist eine chinesische Mauer oder einen Limes gegen Russland zu errichten. Das Interesse muss unbedingt darauf gerichtet sein, für die längerfristige Zukunft einen möglichst umfassenden Zustand wirtschaftlicher, politischer und menschlich-kultureller Zusammenarbeit mit Russland zu erreichen (und man sollte, in der Art, wie man sich im jetzigen Krieg verhält, diese zukünftige Interesse im Blick behalten). Von russischer Seite hat ja Putins Rede im Deutschen Bundestag 2001 das einmal vorgezeichnet. (Es dürfte im Übrigen kaum allzu spekulativ sein, wenn man die Ereignisse seitdem als das Resultat einer Totalmobilisierung der Gegenkräfte gegen diese Perspektive versteht. Letztlich wurde die Ukraine zu dem Keil, mit dem Russland möglichst tief und weitgehend von Europa getrennt werden soll.)

Ein Europa, das durch eine Mauer von Rußland abgetrennt wäre, würde dann zu einer Art Festungs-Westen werden, abgetrennt von der „Russischen Welt“. Es würde sich der übrigen Welt hochmütig als „Demokratie“ entgegensetzen, – sei es nun mit, sei es ohne die USA – während es zugleich nach innen gedanklich erstarren und immer repressiver und geistig enger werden würde. Ein solches Europa hat keine Zukunft, – oder doch nur eine, die man sich nicht gerne vorstellen möchte. Und eine Europäische Union, die keine Fähigkeit hätte, ein flexibles, offenes Verhältnis nach Russland zu entwickeln (- ohne von Russland absolute Gleichschaltung zu fordern oder zu erwarten -), – eine solche Europäische Union wäre letztlich wertlos.

Tatsächlich führt wohl auch der Weg nach Asien und Afrika nicht zuletzt über Russland: eine Öffnung nach Russland würde zugleich die Beziehungen in die übrige Welt öffnen. Denn in weiten Teilen Asiens, Afrikas und auch Lateinamerikas wird dieser Krieg eben nicht einfach verstanden als der einer imperialistischen Macht gegen ein kleines, sich verzweifelt wehrendes Volk, sondern als ein verschleierter Krieg des Westens, um sich ein aufsässiges Land (Russland) botmäßig zu machen. Das ist ja deutlich geworden am für den Westen so enttäuschenden Verhalten dieser Staaten, als es darum ging, eine Sanktionsfront gegen Rußland aufzubauen.4

Der enorme Ansehensverlust der deutschen Diplomatie in den letzten Jahren dürfte neben dem Verhalten beim Gaza-Konflikt besonders auf das – diplomatieverweigernde – Verhalten im Ukraine-Konflikt zurückzuführen sein. Er ist ja nicht zuletzt bei der Niederlage zutage getreten, die Deutschland kürzlich bei seiner Bewerbung um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat erlitten hat.5 Das europäische Verhalten der letzten Jahre erscheint eben von außen als gesprächsverweigernde Prinzipienreiterei, die jeder konstruktiven Lösung internationaler Probleme und dem Prinzip der Diplomatie überhaupt entgegensteht.

Vieles spricht ohnehin dafür, dass das tiefere, eigentliche russische Ziel in diesem Krieg viel mehr eine Einigung mit Europa ist, als die Eroberung ukrainischer Gebiete. Russland will nicht, oder nur halbherzig, mit der Ukraine reden, weil sein eigentlicher Blick bei diesen Ereignissen mehr auf Europa und die USA gerichtet ist. Seit 1989 war das russische Interesse vordringlich darauf gerichtet, eine europäische bzw. eurasische Sicherheitsordnung zu etablieren, in der Russland einen Platz finden könnte. Das reichte von Gorbatschows „gemeinsamem Haus Europa“ über Putins „Europa von Lissabon bis Wladiwostok“ bis hin zu russischen Initiativen, der NATO oder sogar der EU beizutreten. Tatsächlich erfolgte aber die Konsolidierung und Ostausweitung einer westlichen Ordnung mit NATO- und EU-Erweiterungen, durch die Russland immer weiter aus Europa herausgedrängt wurde. Die Ukraine wurde dann zum Brennpunkt, an dem diese beiden Interessenslagen hart aneinandergestoßen sind. Der Krieg kam, nachdem ein letzter russischer Vorschlag an den Westen zu einer umfassenden Sicherheitsarchitektur im Dezember 2021 kommentarlos zurückgewiesen worden war.6

Und drittens hat Europa ein Interesse an einer unabhängigen Ukraine, aber als an einem Land, dem – kulturell und ethnographisch – vorgezeichnet ist, eine Brücke nach Russland zu bilden, nicht ein Bollwerk gegenüber Russland. Eine ultra-nationalistische, ultra-zentralistische, fixiert anti-russische Ukraine ist für Europa kein Wert, sondern ein störendes Element, ein Problem. Die Ukraine hat sich seit 2014 tief in den, wie man sagen könnte, galizischen Wahn verstrickt. Sie frönt einem Identitätsnarrativ, in dem Rußland der wesentliche, ewige Feind der Ukraine ist, ihr inneres Negativ, ihr Unterdrücker. Das ist seit 1991 ganz wesentlich aus dem Westen der Ukraine, besonders aus Galizien, in die übrigen Landesteile hineingetragen worden, durch den Umsturz von 2014 hat dieses Narrativ im Land die Oberhand gewonnen. Heute sieht sie sich als heiliges Land einer anti-russischen Religion und natürlich ist dieser Glaube durch den Krieg seit 2022 unendlich verstärkt worden. Zweifellos ist er auch von außen zusätzlich angefacht worden. Man kann der Ukraine nicht verbieten, sich diesem Wahn hinzugeben, aber ein solches Land hat eigentlich keine Unterstützung von Europa verdient, es muss letztlich links liegen gelassen werden. 
Es widerspricht auch den Prinzipien der Europäischen Union, diesen Ultra-Nationalismus zu kultivieren oder zu verhätscheln, der sich ja durch seine Genealogie auch zusätzlich kennzeichnet und entlarvt. Er sieht seine Heldenvorfahren ja ganz wesentlich in jenen ukrainisch-nationalistischen Organisationen aus der Zwischenkriegszeit, die faschistische Merkmale hatten, mit dem deutschen Nationalsozialismus kollaborierten und Massenmorde an Polen – die Rede ist von ca. 100.000 Menschen – und Juden durchführten.7 Selbst die SS-Division Galizien, zusammengestellt aus ukrainischen Freiwilligen, ist Teil dieses Heldennarrativs. Stepan Bandera, der Führer einer dieser Organisationen, ist heute die wichtigste nationale Helden- und Identifikationsfigur der Ukraine.8

Deutschland insbesondere in Europa hat ein Interesse an einer Perspektive der Zusammenarbeit mit Russland, und es gibt trotz aller jahrzehntelangen öffentlichen Stimmungsmache gegen Russland wohl auch in der Bevölkerung immer noch gewisse Grundlagen für eine solche Perspektive der Zusammenarbeit. Aber Deutschland kann nicht alleine eine solche Perspektive verfolgen, ohne sich in Europa zu isolieren und eine gewaltige Gegnerschaft hervorzurufen. Es gibt eine lange Tradition eines tiefen Misstrauens gegen deutsch-russische Zusammenarbeit und es gibt immerhin auch den Hitler-Stalin-Pakt von 1939-1941, der dieses Misstrauen nicht grundlos erscheinen lässt. Deutschland muss, um eine langfristige Perspektive einer europäisch-russischen Zusammenarbeit erfolgversprechend verfolgen zu können, anderswo Verständnis schaffen und um Sympathie werben.

Das wichtigste Land dürfte hier Polen sein. Polen hat durch seine Geschichte ein besonderes Mißtrauen gegen Russland und insbesondere auch gegen jede Form russisch-deutscher Zusammenarbeit. Aber es soll bei der zukünftigen europäisch-russischen Perspektive nicht um irgendein Wiedergängertum gehen, sondern um einen Zukunftsimpuls, den Europa braucht, um wieder Enthusiasmus und Lebenskräfte in sich zu entfesseln, um nicht in Sklerotisierung und seelenlosen Technizismus zu verfallen. Das muss und kann auch in Polen gespürt und verstanden werden. Es kommt darauf an, in Polen die Menschen zu finden, die nicht aus historischen Ressentiments, sondern aus einer Einsicht in Zukunftsmöglichkeiten für eine solche Politik zu gewinnen sein werden. Wenn das gelingt, so könnte wohl ein wirklich zukunftsfähiger Weg für Europa gefunden werden, so ferne im Augenblick auch eine solche Perspektive wirken mag.


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