Eine neue Richard-Sorge-Biografie erschien vor kurzem im PapyRossa-Verlag. Wolfgang G. Vögele hat sie für Themen der Zeit gelesen.
Das Leben von "Stalins Meisterspion" Richard Sorge (1895-1944) war jahrzehntelang in einen Nebel von Mythen und Legenden gehüllt. Das galt vor allem für die frühe bundesdeutsche Presse, die ihn gern als als Lebemann, Trinker und Frauenheld darstellte. Zu den Gerüchten gehörte auch die Behauptung des SPIEGEL 1951, der spätere sowjetische Spion habe sich in den 1920er Jahren, um sich zu tarnen, der Anthroposophischen Gesellschaft angeschlossen. 1
Sorge hatte von 1933-1941 als Journalist in der deutschen Botschaft in Tokio für den sowjetischen Militärgeheimdienst GRU spioniert, wurde 1941 enttarnt und im September 1944 hingerichtet.
Nun liegt eine wissenschaftliche Biografie über Sorge vor, verfasst von dem Politologen Prof. Dr. Jörg Becker.2 Er hat in fünfjähriger Forschungsarbeit Sorges Leben der Jahre 1918 bis 1924 durchleuchtet, eine Phase, über die bisher wenig bekannt war. Manche Behauptung wird widerlegt, Einseitiges zurechtgerückt. Eine Fortführung der Darstellung bis zu Sorges Tod wäre ebenso interessant und wünschenswert.
Das u.a. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziell unterstützte Buch ist In vielfacher Hinsicht informativ, beispielweise durch die erstmalige Auswertung von Sorges Korrespondenz mit Erich Correns, den Sorge im ersten Weltkrieg kennengelernt hatte und der später Präsident des Nationalrates der Nationalen Front der DDR wurde.
Interessant auch die Kurzbiographie von Sorges Frau Christiane, sich wohl später Rudolf Steiner und der Anthroposophie zugewandt hätte und dann Waldorflehrerin in Stuttgart und New York gewesen sein soll. 1921 hatte Sorge in Frankfurt die geschiedene Frau seines Professors Kurt Albert Gerlach geheiratet.
Er wurde dann Mitglied in der Gesellschaft für Sozialforschung, dem Verein für die Gründung des Instituts für Sozialforschung. Bis zu Gerlachs Tod im Oktober 1922 arbeitete Sorge als dessen Assistent und war als Lehrbeauftragter des Instituts tätig.
Auch bietet Becker erstmals eine vollständige Liste von Sorges Publikationen.
Wie der Spion während der Zeit des Kalten Krieges in der Sowjetunion und in der DDR wahrgenommen und eingeschätzt wurde, wird in eigenen Kapiteln dargestellt. Schon im
Vorwort heißt es: "In der DDR wurde Richard Sorge heroisiert, in der BRD wurde er lächerlich gemacht, verteufelt und als Kommunist verunglimpft." Aus aktuellem Anlass kann ergänzt werden, dass Russland heute offensichtlich Sorge erneut zum Helden stilisiert, indem es eine der (von Japan beanspruchten) Kurilen-Inseln nach ihm benennt.
Innerhalb der KPD habe Sorge zu den "Versöhnlern" gehört, welche die Vorherrschaft der KPdSU in der Komintern nicht um jeden Preis akzeptierten. (S. 312). Breiten Raum nehmen Sorges Artikel für die "Bergische Arbeiterstimme" aus Remscheid ein.
Wir erfahren viel über den Privatmenschen Richard Sorge, der jenseits seines kommunistischen Engagements aufgeschlossen war für Literatur, Kunst und Musik, ja sogar selbst Gedichte schrieb. Besonders über seine Zeit in Frankfurt wird von seinem Umgang mit bürgerlichen "Salonkommunisten" erzählt, von denen einige aus der Wandervogelbewegung kamen.
Zu seinem Bekanntenkreis gehörten auch Anthroposophen. In einem zusammenfassenden Kapitel lesen wir: "Seine Ehefrau Christiane wurde später Anthroposophin und steht damit stellvertretend für einen Kreis romantischer Antikapitalisten, die sich Anfang der 1920er Jahre in Sorges Umfeld bewegen. (…) In Remscheid zählte zu Sorges Freunden auch der russophile Wladimir Lindenberg, der spätere Arzt und christliche Esoteriker. In Frankfurt gehörten zu Sorges Freunden der Kinderpsychologe Karl Groos und die beiden Anthroposophen Karl und Elisabeth Molzahn." (S. 306). Davon ist freilich in Sorges eigenen Lebensläufen nicht die Rede. Seine Frau Christiane begeisterte sich für die sozialen Ideen Leo Tolstois und soll von da aus zur Anthroposophie gekommen sein.
Richard Sorge gehört zu den faszinierendsten Gestalten der deutschen Arbeiterbewegung. Er war kein engstirniger Dogmatiker, sondern für Kunst, Musik und Literatur aufgeschlossen. Sein riskantes Spiel als sowjetischer Agent inmitten Tokioter Nazis musste früher oder später tragisch enden. Leider ist man bisher auf zweifelhafte und widersprüchliche US-amerikanische Geheimdienstberichte angewiesen. Becker bedauert, dass nicht alle russischen Archive zugänglich waren. Es wäre wünschenswert, mehr und Genaueres über Sorges letzte Lebensjahre zu erfahren.
Jörg Becker
Der spätere Spion. Richard Sorge 1918–1924
Papyrossa, Köln 2026
588 Seiten
illustration: Buchcover – R. Sorge und Bild aus Ruth Werner – Sonjas Rapport
1 NN (=vermutlich Rudolf Augstein): Herr Sorge saß mit zu Tisch. Porträt eines Spions. SPIEGEL, 13. Juni und 3. Oktober 1951.
2 Jörg Becker: Der spätere Spion – Richard Sorge 1918-1924. Köln: Verlag Papyrossa, 2026, 585 Seiten




