Hoffnungsvolle Zeichen für eine weltoffene Entwicklung der anthroposophischen Bewegung?
ein Beitrag von Wolfgang G. Voegele
Etwas mehr als ein Jahr nach Rudolf Steiners Tod, im Sommer 1926, fand am Goetheanum erstmals eine Tagung statt, die nur der Musik gewidmet war. Zu dieser als "musikalische Tagung" bezeichneten Veranstaltung, die vom 18. bis 31. August dauerte, hatte die Sektion für redende und musikalische Künste (Leitung: Marie Steiner) eingeladen. Da das neue Goetheanum noch im Bau war, musste die Tagung in den provisorischen Räumen der benachbarten Schreinerei abgehalten werden.
Organisiert wurde sie von dem holländischen Komponisten und Dirigenten Jan Stuten, der auf Wunsch Rudolf Steiners seit 1923/24 Marie Steiner in ihrer sprachkünstlerischen Arbeit unterstützte, indem er den musikalischen Teil ihrer Sektion übernahm.1
Im Mitteilungsblatt Nr.9 zum 27. Februar 1926, der Beilage zur Wochenschrift "Das Goetheanum", wurde in einer illustrierten Sonderbeilage ein Spendenaufruf zur Fertigstellung des zweiten Goetheanums veröffentlicht. Darin sprachen Künstler verschiedener Sparten ihre Hoffnungen und Erwartungen aus, die sie mit der baldigen Vollendung des Baues verknüpften.
Was Jan Stuten im Namen der Musiker schrieb, trug die Züge eines Manifests:
"Nur dort [am Goetheanum] wird es möglich sein, unbekümmert, frei vom Zwange des Weltüblichen, Neues zu erproben und reifen zu lassen, was in keinem Konzertsaal, in keinem Theater je der Fall sein könnte. Nur dort wird eine wirkliche Pflegestätte der Zukunft sein können, auch für die Musik."
Mutiger Vorstoß
Ein Blick auf das Programm der Tagung läßt erahnen, wieviel Mut der Organisator Jan Stuten aufbringen musste, am Goetheanum zeitgenössische Komponisten aufzuführen, die als umstürzlerisch und ultramodern galten und von öffentlicher Anerkennung weit entfernt waren. Hätte man solche Tagungen fortsetzen können, so wäre das Goetheanum in den Zwanziger Jahren vielleicht eine bedeutenden Pflegestätte der internationalen musikalischen Avantgarde geworden. Weshalb dies nicht geschah, soll weiter unten erörtert werden.
Innerhalb der anthroposophischen Bewegung hat es seitdem kaum wieder eine Musiktagung von solch hohem Niveau gegeben, bei der anerkannte Musiktheoretiker und Interpreten mitwirkten; es zeugte überdies vom Wagemut Jan Stutens, dass er die Tagungsbesucher mit zeitgenössischen Komponisten bekannt machte, die in der allgemeinen Musikwelt noch längst nicht alle etabliert waren, die teilweise als ultramodern, radikal und schwerverständlich galten, wie Schönberg, Hindemith, Krenek, Hauer oder Milhaud.
Stuten hatte gute Kontakte zur zeitgenössischen Musikerwelt, aber auch zu bekannten Mäzenen wie Paul Sacher in Basel oder den Brüdern Reinhart in Winterthur. Zudem stand er mit der Schweizer Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) in freundschaftlicher Verbindung. Zur Eröffnung der Tagung hielt er einen Orientierungsvortrag.
Während der ganzen Tagung wurde aus Steiners Kurs für Toneurythmie und aus seinen Vorträgen über Musik vorgelesen. Der Vorstand am Goetheanum war vertreten durch Albert Steffen (Ansprache und Vorlesungen), Günther Wachsmuth (Vortrag), und Marie Steiner (Rezitation). Der slowakische Komponist Alois Hàba referierte über sein Vierteltonsystem, der aus Brünn stammende Felix Petyrek über «moderne russische Musik». Prof. Egon Lustgarten (Wien) sprach über Musikgeschichte
Das Aufgebot der Interpreten konnte sich sehen lassen: Der international gefeierte Konzertpianist Walther Rummel reiste aus London an; Es sangen Bruno Korell, Heldentenor der Danziger Oper, Adolph Schoepflin, 1. Bass der Dresdner Semperoper. An Sängerinnen traten auf: die schwedische Sopranistin Valborg Werbeck-Svärdström und die Frankfurter Altistin Maria Simons
Die damals aufgeführte Musik umfasste ein breites Spektrum von der Renaissance über Bach, Klassik und Romantik bis hin zu lebenden Komponisten wie Arnold Schönberg, Alban Berg, Paul Hindemith, Hanns Eisler, Ernst Krenek, Josef Matthias Hauer, Darius Milhaud, Paul Graener, Walter Braunfels, Igor Strawinsky, Sergej Prokofieff, Honegger, Malipiero und Casella. Aber auch außereuropäische Musik (Indien) war vertreten.
Ein detailliertes, als Typoskript im Archiv am Goetheanum befindliches Programm, führt alle geplanten Musikstücke und die Namen ihrer Interpreten auf. Dabei fällt auf, dass im Gegensatz zum gedruckten Programm kein Werk Alban Bergs aufscheint. Daher wissen wir nicht, ob tatsächlich Berg gespielt wurde. Für den 28. August abends sind von Schönberg immerhin die Klavierstücke op. 19 verzeichnet, als Interpret Felix Petyrek. Dieser spielte noch Hauers op. 3, Kreneks Suite op. 26 und Hindemiths Klaviersuite "1922". Daneben sang die Altistin Martha Fuchs (Stuttgart) vier Lieder von Hermann Reutter. Am gleichen Tag sprach W. Blume [vermutlich Walter Blume 1883-1933] über "tonale und atonale Musik".
Von damals lebenden Komponisten ist noch erwähnenswert Richard Strauss. Die schwedische Sängerin Valborg Werbeck-Svärdström sang am 22. August seine Lieder "Ich trage meine Minne" und "Ständchen".
An den drei letzten Tagen standen Konzerte "Anthroposophischer Komponisten" auf dem Programm. Dabei erklangen Werke von Paul Baumann (der selbst Klavier spielte), Friedrich Doldinger, Ralph Kux, H. Zagwyn, Egon Lustgarten, Leopold van der Pals, Wilhelm Lewerenz, Hermann Vetter, Walther Rummel, Raymond Petit und Felix Petyrek.
Das gedruckte Programm spiegelt allerdings nicht immer den tatsächlichen Verlauf der Tagung wider, so wurde etwa am 25. August eigens ein "Konzert für die Arbeiter", die das neue Goetheanum erbauten, eingefügt.
Begrabene Hoffnungen?
Diese Musikertagung und das Erscheinen der von Willy Storrer ab April 1926 herausgegebenen Zeitschrift "Individualität" waren hoffnungsvolle Zeichen für eine weltoffene Entwicklung der anthroposophischen Bewegung. Storrer hatte immerhin Persönlichkeiten wie Franz Werfel oder Oskar Schlemmer für seine Zeitschrift zu interessieren vermocht. die bekannten Komponisten Felix Petyrek und Alois Hába lieferten Beiträge.
Diese Bestrebungen nach kultureller Vielfalt konnten sich jedoch in der anthroposophischen Welt nicht dauerhaft etablieren. Die Angst, "ungeläuterten" Elementen Zutritt zur Dornacher Weihestätte zu verschaffen, war übermächtig. So glaubten viele Anthroposophen, durch das Aufführen modernster Musik werde das Goetheanum entweiht und der von Steiner gewiesene Weg der "musikalischen Vergeistigung" (was das war, wußten sie selbst nicht so genau) werde dadurch konterkariert.
Es waren weniger die Mitglieder des Goetheanum-Vorstandes, als vielmehr nachgeordnete Funktionäre und einflussreiche freie Mitarbeiter, die eine allzu rasche "Öffnung" des Goetheanums nach außen für gefährlich hielten. Ein weiterer Grund für die Abschottungstendenz waren die nach Steiners Tod (1925) aufgebrochenen Richtungskämpfe, die man vor den Augen der Öffentlichkeit möglichst zu verbergen suchte. [Ein Beispiel für interne Konflikte, die nach außen drangen, war der sogenannte "Musikerstreit" des Jahres 1936].
Eine große Zahl prominenter Wissenschaftler und Künstler haben Rudolf Steiners Anregungen als bedenkenswert aufgegriffen, sie öffentlich vertreten oder stillschweigend für ihre eigene Arbeit genutzt. Es wäre ihnen jedoch nie eingefallen, sich deswegen der Anthroposophischen Gesellschaft anzuschließen oder mit Anthroposophen ins Gespräch zu kommen. Allzu oft trat ihnen von dort eine Attitüde des "Wahrheitsbesitzertums" entgegen, die schon Thomas Mann an Steiner-Anhängern abstoßend fand.
Anmerkungen:
1 Vgl. Angelika Feind-Laurents: Jan Stuten, Musiker und Bühnenbildner am Goetheanum. Dornach (Verlag am Goetheanum) 2022
Illustration: foto Forschungsstelle Kulturimpuls / Kollage: tdz




