Zum SKA Band 14: Schriften zur meditativen Erarbeitung der Anthroposophie II (1922‒1925)
von Wolfgang G. Vögele
Zum Vorwort
Wolf-Ulrich Klünker, Professor für Philosophie an der Alanus Hochschule, bezeichnet in seinem Vorwort die Leitsätze als „Quintessenz der Anthroposophie“, als Zusammenfassung des bisher Erarbeiteten, aber mit „entscheidenden neuen Elementen“. Ihr aphoristischer Stil erinnere entfernt an scholastische Begriffsarchitektur. Klünker beschreibt das Verhältnis der Anthroposophie zur akademischen Wissenschaft. So enthielten die Leitsätze sogar bedeutsame Anregungen für den gegenwärtigen ökologischen Diskurs. In diesen letzten schriftlichen Äußerungen Steiners liege ein gewisses Vermächtnis, ein Auftrag zur Weiterarbeit. Die Briefe an die Mitglieder und die Leitsätze sind zum ersten Mal seit ihrer Erstveröffentlichung wieder in vollständiger Form zugänglich.
Zur Einleitung
Christian Clement stellt seiner Einleitung einen Bibelvers (Johannes 3:21) als Motto voran:
„Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“ (Lutherbibel, 2017). Als zweites Motto zitiert er aus den „Leitsätzen“ die Stelle, in der „Michael und der Christus-Impuls“ als Helfer benannt werden, durch die der Mensch ein freies Wesen wird. Das erinnert an ein anderes Wort aus dem Johannesevangelium „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh. 8, 32). Clement deutet damit an, verweist damit auf das christliche Motiv, aus dem Steiner handelte. Auf S. 56 spricht er von Christus als dem „Weltenführer“. Wer sich für Steiners Verhaltnis zur Religion interessiert, erhält Aufschluss in seinen Autoreferaten zum „Französischen Kurs“, der parallel zur Entstehung der Christengemeinschaft gehalten wurde. Sie sind in diesem Band als „Drei Schritte“ publiziert.
Die Aufsätze Vom Seelenleben sind erstmals im Herbst 1923 als Aufsatzreihe in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ erschienen.
Allgemeines zum Charakter der Texte
Die in vorliegenden Band publizierten Texte waren ursprünglich nicht als Bücher konzipiert, sondern sind aus Vorträgen bzw. Artikelserien hervorgegangen. Alle drei Titel wurden erst nach Steiners Tod von dessen Witwe als eigenständige Schriften herausgegeben.
Die Briefe an die Mitglieder entstanden unmittelbar nach der grundlegenden Umstrukturierung der Anthroposophischen Gesellschaft und der Arbeitsweise Steiners seit der Weihnachtstagung 1923/24. Den Mitgliedern zeigt Steiner anhand praktischer Beispiele, wie er sich die Umsetzung des Neubeginns vorstellte. Mit seinen Leitsätzen gibt Steiner zugleich Empfehlungen, wie mit ihnen in den Arbeitsgruppen umgegangen werden soll.
Nach Clement vollzieht sich auch im Sprachlichen ein Wandel. Steiners Sprache werde „intensiver, dichter und plastischer, aber auch emotionaler, poetischer, religiös-priesterlicher“.
Historischer Kontext
Clement kontextualisiert die Schriften, indem er die biografischen Hintergründe ihres Entstehens offenlegt. Er erwähnt u.a. die rechtsradikalen Zwischenfälle, die Steiner zum Abbruch seiner öffentlichen Vortragstätigkeit in Deutschland veranlassten, seine Vortragsreisen ins Ausland, den Brand des Goetheanums und das „ Krisenjahr“ 1923, an dessen Ende die Neukonstitution der Anthroposophischen Gesellschaft stand. Clement sagt damit anthroposophischen Lesern, die sich seit langem mit der Geschichte ihrer Bewegung beschäftigen, wenig Neues. Einer jüngeren Generation aber können diese historischen Fakten erhellend sein, vor allem dann, wenn sie sich über Steiners Lebensgang bisher nur anhand historisch-kritischer Autoren informiert hatten. Diese warfen Clement bekanntlich „tief anthroposophiefromme Einleitungen“ und dessen Distanz zur offiziellen Steinerforschung vor. Ihrer Meinung nach handelt es sich bei der SKA um ein verfehltes Editionsprojekt1. Steiner zeigt Verständnis für die Einwände seiner Gegner. Er weiß daher auch, wie schwer diese zu überzeugen sind. (S. 53)
Wie in der SKA üblich, werden Textgrundlagen, -veränderungen, -zusätze, Streichungen, wiederholte Änderungen, Varianten usw. nachgewiesen.
Exkurs über das Traumleben
Drei Schritte, S. 28: Träume verzerren die wahre Gestalt der Schlaferlebnisse. Auch die Imagination werde durch unwillkürlich auftauchende Träume gestört. Die Wahrheit schaue man jenseits des Wachbewusstseins und jenseits des Traumerlebens, nämlich durch die aus freiem Willen hervorgegangenen Seelenübungen. Steiner hat sich schon früh mit der psychologischen Traumforschung beschäftigt, wie Schriften sener Bilbliothek belegen. Ob Anregungen daraus in seine eigene Konzeption eingeflossen sind, wäre zu untersuchen.2
Nach Steiner ist das Träumen mit der schaffenden Phantasie verwandt. In seinem Schulungsbuch3 weist Steiner auf Veränderungen im Traumleben des esoterischen Schülers hin: die bisher verworrenen und willkürlichen Träume werden regelmäßiger, die Bilder sinnvoller und zusammenhängender. Anstelle der bisherigen bloßen Nachklänge des Alltags, formlosen Eindrücken der Umgebung oder der eigenen Körperszustände treten Bilder aus einer unbekannten Welt auf. Allerdings bleibt die Symbolik, in die sich die Traumbilder keiden, bestehen. Aus passiven Träumen werden aktiv geregelte, der Träumende kann seine bildhaften Vorstellungen beherrschen und lenken. Steiners Ausführungen über das Träumen (S. 61 ff.) wurden teilweise durch die moderne Traumforschung bestätigt, insofern diese das Phänomen des „luziden Traums“ beschreibt.
Die hier edierten Texte stellen sich, so die Absicht des Herausgebers, vor das Forum der akademischen Welt. Wie weit sie von dieser rezipiert werden, ist die Frage. Denn sie sind (besonders die „Leitsätze“) in erster Linie für Anthroposophen geschrieben. Außenstehende können mit Recht sagen: Mögen Steiners Gedankengänge noch so logisch aufgebaut sein: Wer kann beweisen, dass sie auch wahr sind? Wer hat sie verifiziert oder widerlegt? Beruhen die „Überzeugungen“ der Anthroposophen letztlich nicht doch auf Steiners Autorität?
Steiner weist in den Leitsätzen auf die Möglichkeit hin, verschiedende Wissenschaften durch Anthroposophie befruchten zu lassen. Seitdem Wissenschaftler in diesem Sinne wirkten, sei die Anthroposophische Gesellschaft im besonderm Maße der öffentlichen Kritik ausgesetzt.
Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt er „mehr“ Anthroposophie zu pflegen. Das wiederum entspricht seinem prinzipiellen Verhalten gegenüber Kritikern: Es sei sinnlos, diese in polemischer Weise widerlegen oder gar überzeugen zu wollen. Überzeugend wirken könne nur die positive Arbeit auf anthroposophischem Feld.
Exkurs über das Geheimnis
„Das ‚Geheimnis‘ liegt nicht in der Geheimnistuerei, sondern in dem innerlichen Ernste, mit dem in jedem Herzen Anthroposophie neu erlebt werden muss […] Begreift man diese Art von ‚Geheimnis‘, so wird man auch die rechte ‚esoterische‘ Gesinnung in seiner Seele tragen.“ [Anthroposophische Leitsätze, SKA, S. 90]. Bekanntlich gilt dies auch für das sogenannte freimaurerische Geheimnis, das nicht durch Belehrung oder durch Lektüre der Ritualtexte vermittelt wird, sondern nur durch das individuelle Erlebnis während des Rituals. „Die wahren Mysterien bestehen nicht in Geheimniskrämerei, sondern im Umgang mit dem Erhabenen, das – alle Fassungskraft übersteigend – dennoch den Weisen in den Bann unausgesetzter Kontemplation und andächtiger Aufmerksamkeit schlägt.“ 4
Nicht verschwiegen werden sollen einige vermeidbare Druckfehler, S. 395 „Keyserlinkg“, S. 391 „Heydenbrand“.
Rudolf Steiner: Schriften zur meditativen Erarbeitung der Anthroposophie, II (1922-1925)
Drei Schritte der Anthroposophie / Vom Seelenleben /Anthroposophische Leitsätze.
Vorwort von Wolf-Ulrich Klünker
SKA Band 14
Stuttgart-Bad Cannstadt: frommann-holzboog, 2025
464 Seiten, 108 Euro.
1 Michael Eggert: Zander & Staudenmaier hoch zu Ross gegen die SKA Christian Clements. Egoisten Blog, 20.7.2015.
2 Ich nenne nur Johann Eduard Erdmann: Das Träumen. 1861; Carl Binz: Über den Traum. 1878; Heinrich Spitta: Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele. 1878; Wilhelm Weygandt: Entstehung der Träume. 1893; Paul Graffunder: Traum und Traumdeutung. 1894; Richard Traugott: Der Traum. 1913.
3 GA 10, TB 1972, S. 113-115.
4 Jan Assmann: Hieroglyphische Gärten, in: Günter Oesterle (Hg.): Erinnern und Vergessen in der europäischen Romantik. Würzburg 2001, S. 38 f.




