TDZ-Autor Wolfgang G. Vögele erinnert mit folgendem Text einmal mehr an die Polemik, mit der in den 1920er Jahren die anthroposophische Bewegung bekämpft wurde.
Der Arzt Adolf Franck (1879-1962), [1] Verfasser des folgenden Berichts, war ein führender Funktionär des Deutschen Monistenbundes. Seit 1933 wurde er als Jude und Freidenker verfolgt, obwohl er in einer „privilegierten Mischehe“ lebte. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er als Untergetauchter.
Über den zehntägigen anthroposophischen Kongress, der im Herbst 1921 im Stuttgarter Siegle-Haus stattfand und 1600 Besucher zählte, schreibt Franck:
„Ich bekenne mich zur Gegnerschaft der anthroposophischen Bestrebungen. Ich habe den Kongreß nur teilweise mitgemacht. Vor dem großen Saal ein Büchertisch von überwältigender Fülle: der größere Teil Originalwerke des Führers der Anthroposophen Dr. Rudolf Steiner, ein kleinerer mit Schriften über oder nach Steiner. Die großen internen Vortragszyklen, von Hörern nachgeschrieben, vom Vortragenden nicht verantwortlich gezeichnet, in denen die tiefsten und geheimsten Wahrheiten niedergelegt sind, können nur gegen Ausweis der Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft erstanden werden. In Nebenräumen Haufen von Flugblättern, Zeitschriften, Prospekten. Dazu zahlreiche Lichtbilder vom Goetheanum in Dornach. Und ein stattlicher Glasschrank mit den Erzeugnissen des ‚klinisch-therapeutischen Institutes‘: Medikamente gegen allerlei lateinisch bezeichnete Krankheiten nach besonderem Verfahren von anthroposophischen Medizinern als unfehlbar erprobte Heilmittel her- und ausgestellt. Fabelhafte Pünktlichkeit. Glänzende Organisation des Auskunfts- und Einnahmewesens, der Propaganda, der Unterabteilungen: z.B. Studenten, Jugendgruppe, Mediziner, Theologen, Wirtschaftler, Techniker; alle Gruppen werden einzeln zu Besprechungen zusammengezogen und informiert. Zehn Tage werden 1600 Menschen, darunter 300 bis 400 Studierende, von morgens bis abends intensiv geistig beschäftigt.“
Die Abendvorträge von Steiner sind stets ausverkauft.
„Man muß zugeben: organisatorisch und im äußeren Aufbau eine fabelhafte Leistung. Jeden Abend zeigt der 60-jährige ‚Meister‘, dem Sorgen um sein blühendes Kind keine grauen Haare wachsen ließen, daß Er die Grenzen aller wissenschaftlichen Erkenntnis durch Imagination, Inspiration und Intuition überschritten hat.[…] Dazu dient ein Stimmaufwand, ein schauspielerisches Pathos und eine Satzbildung, die für Steiner charakteristisch, aber Geschmackssache sind. Schade, daß die Hörer dem Suggestionsurteil anheim zu fallen scheinen. Denn das Ende des Vortrages ist eine Gefühlsentladung von so elementarer Art, daß sie nur mit der Vergötterung eines beliebten Tenors verglichen werden kann. (Kritik wird an der Garderobe abgegeben, Widerspruch ist ausgeschlossen.) […]
Die Hörer Steiners zerfallen in zwei Gruppen: Die einen sagen, daß sie ihn nicht verstehen, die andern sagen nicht, daß sie ihn nicht verstehen.
Man muß auch die hohlwangigen, tiefäugigen, fanatischen Apostel gesehen haben, wenn man von dem Geiste der Erneuerung einen Hauch verspüren wollte. […]Ich hörte ein Gespräch zwischen zwei weiblichen Jüngern: die eine trug – wie so manche aus der erlauchten Gesellschaft – ein schweres silbernes Kreuz auf der Brust und war in einen kostbaren Spitzenschal gehüllt, die andere trug den goldenen Reif der Priesterin im wallenden Lockenhaar, männlich gegürtet und beschuht. Die eine sprach: ‚Nein, was der Mann nicht alles weiß!‘ Die andere: ‚Ja, es gibt nichts, das er nicht weiß!‘“
Frank resümiert:
„Bitter ist es, als Monist durchdrungen zu sein von der Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis für das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft, und dabei die Verfälschung der Wissenschaft durch eine künstlerisch-dilettantische Geistesboheme, durch ein ästhetisierendes wissenschaftliches Freibeutertum, durch einen finanzierten Suggestionshochbetrieb erleben zu müssen. Und alles das unter der Marke: Meister! Messias! Menschheitserrretter! Als nächste größere unverantwortliche Veröffentlichung soll – einem Gerücht unter den Eingeweihten zufolge – eine Arbeit herauskommen: ‚Wie erlange ich die Erkenntnisse höherer Geschäftstüchtigkeiten?‘ Ich bitte um ein Freiexemplar.“
Quelle: Adolf Franck: „Eindrücke vom Anthroposophentag“, Monistische Monatshefte, Dezember 1921, S. 451- 455
[1] Info über Adolf Franck
foto: Gustav-Siegle-Haus Stuttgart – Wikipedia/gemeinfrei






