Gedanken zu einem Buch, einer Idee, einer "visionären Liebeserklärung"
von Michael Mentzel
Am Vormittag des 7. April 1977 stand ich mit meinem Auto an der Einfahrt zur Bonner Villa Hammerschmidt, die gleichzeitig Einfahrt zu einer Abteilung des Sprachendiensts des Auswärtigen Amtes war. Plötzlich eine Riesenaufregung, die eben geöffnete Schranke schloss sich wieder, eine Einfahrt nicht mehr möglich. Wenige Minuten zuvor war der Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschossen worden. Die RAF hatte wieder einmal zugeschlagen. RAF=Terror=Anarchie. Das war die gängige Auffassung damals und ist es wohl auch heute noch. Und es war eine meiner frühen Erfahrungen mit – wie ich fand – Anarchie.
Zu jener Zeit hatte ich zwar des Öfteren "Rücken", "Politik" allerdings hatte ich noch nicht.
Heute halte ich ein Buch des Westend-Verlags in der Hand, es heißt "Anarchie Jetzt oder nie" und wurde geschrieben von Sylvie-Sophie Schindler. Dieses Buch kann, so will es mir scheinen, ein Weckruf für alle diejenigen sein, die ihre Gedanken, ihre Meinungen noch nicht an der Garderobe dieses Staates, das wir Deutschland nennen, abgegeben haben. Die Autorin ist keine Unbekannte, laut Verlag, ist sie "philosophisch und pädagogisch ausgebildet und im Journalismus tätig. Sie begann bei der Süddeutschen Zeitung und arbeitete als Lokalreporterin für den Münchner Merkur. Ihre Texte wurden unter anderem in NZZ, Weltwoche, Stern und Galore veröffentlicht und in Alternativen Medien".
Ohne lange Vorrede beginnt Sylvie-Sophie Schindler mit einer kurzen und prägnanten Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen Lage in diesem unserem Vaterland – wie es seinerzeit Helmut Kohl (der liebe Gott möge ihn selig haben) – genannt hat und kommt mit dieser Beschreibung direkt zur Sache: Nämlich unsere Demokratie-Simulation zu verändern und damit einem – hoffentlich geneigten – Lesepublikum zumindest eine Denkmöglichkeit zu eröffnen. Wer einen Heidenschreck bekommt, wenn er das Wort Anarchie hört, sollte sich erst einmal darüber klar werden, was mit ihm (oder ihr) tagtäglich geschieht und was das mit Politik zu tun hat. Die Menschheit stecke nämlich, so Sylvie-Sophie Schindler, "in der Sackgasse und in den Händen von bizarren Mächtigen – aber da gehört sie überhaupt nicht hin." Und weiter heißt es, wir seien "politikbeschädigt". Denn es ließe sich feststellen, "das Politik nichts weiter ist als das Bewirtschaften des Menschen mit den Mitteln Zwang, Täuschung, Propaganda und Gewalt." Ihr Gegenmittel: Anarchie.
.. die Anarchie ist die größte Liebeserklärung an den selbstbestimmten Menschen
Sylvie-Sophie Schindler
Auf einhundertzehn Seiten werden radikal die Schwachstellen unserer gegenwärtigen Lebenssituation benannt, die geprägt sei durch einen Staat, den die Autorin einen "monströsen Panzer" nennt, der alles plattwalze, was ihm in die Quere kommt: "selbst wenn er noch so laut plärrt, er sei eine Demokratie." Notwendig gegenüber diesem Staat sei ein "starkes Gegengewicht", und dieses könne nur ein Entwurf bieten, "der revolutionäres Potenzial in sich trägt." Starker Tobak also und noch prägnanter formuliert kommt Sylvie-Sophie Schindler zu dem Schluss, dass es nur zwei Prinzipien gäbe, die für eine Gesellschaft möglich seien, nämlich "das der Regierung und das der Anarchie, also das der Autorität und das der Freiheit".
Dem wackeren Otto-Normal-CDUSPDGRÜNFDP-Wähler wird möglicherweise schon hier der Kragen platzen, es hilft aber nichts, denn wenn er noch ein Fünkchen Verstand hat, wird er, falls er sich traut, weiter zu lesen, noch ganz andere Erfahrungen machen können.
Es geht in diesem Buch darum, etwas Visionäres zu denken. Etwas was es bisher noch nicht gibt, was aber angesichts der Misere, in die uns die Politiker aller Couleur hineingeritten haben, vielleicht doch zu überlegen sei. Und Sylvie-Sophie Schindler meint es ernst, wenn sie sagt, der "Phlegma-Mensch" diene nur der Politik. Sie zeigt auf, dass die bestehenden Verhältnisse, die aus "unnötigen Gängelungen, schikanösen Gesetzen und wirtschaftlicher Inkompetenz" bestehen, die Bürger von einer Erschöpfung in die nächste treibe und diese viel zu beschäftigt seien, "nicht vollends in ein Burnout zu fallen."
Nun ist es sicherlich nicht so einfach, mal eben eine Kehrtwendung zu vollziehen, den Schalter umzulegen und vom wackeren Demokraten (für den wir uns natürlich halten) zum Anarchisten zu mutieren. Denn für die meisten bedeutet Anarchie zuerst einmal Unordnung, Regellosigkeit und damit auf jeden Fall Chaos. Mir fällt an dieser Stelle der alte Sponti-Spruch ein: "Es gibt viel zu tun, lassen wir es liegen".
Wirklichkeitssinn vs. Möglichkeitssinn
"Wenn es (…) Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, daß man Möglichkeitssinn nennen kann." zitiert Sylvie-Sophie Schindler Robert Musil aus seinem Roman "der Mann ohne Eigenschaften", und mit diesem Möglichkeitssinn setzt sie sich genauer auseinander. Ohne einen Möglichkeitssinn wäre ein "visionäres Denken" nicht leistbar sagt sie und greift zurück auf Helmut Schmidt und dessen zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruch von der Vision, mit der man zum Arzt gehen sollte, falls man eine solche hätte. Diese Aussage sei "zu einer Diffamierungs-Phrase avanciert, die man seither gegen die richten kann, die es wagen, über das Bestehende hinauszudenken."
Unser gesellschaftliches System basiere auf der Annahme, der Mensch an sich sei böse. Deshalb muss "man uns einhegen, kontrollieren und beherrschen". Sylvie-Sophie Schindler nennt den Staat – mit Nietzsche – ein "kaltes Ungeheuer", diagnostiziert, dass die "etablierten Machtstrukturen" ein "Ausdruck maximaler Lieblosigkeit" seien und dass dies unser gesellschaftliches Klima präge. Politik beschreibt sie als einen krankmachenden Faktor in unserer Gesellschaft. Für Menschen, die unter Politik leiden, gebe es keine Selbsthilfegruppen. Gewalt evoziere bekanntlich Gewalt und "ein System, das auf Gewalt aufgebaut ist" sei ein starker Einflussfaktor. Sie sei überzeugt, dass es viel mehr gute Beziehungen unter den Menschen gäbe, wenn "wir nicht dieser grundlegenden, von Politik vorangetriebenen Lieblosigkeit ausgesetzt wären." Einer Lieblosigkeit, die sich auch in den Gesichtern der Politikern ausdrücke: "Man könnte glauben, sie entstammten einem Wachsfigurenkabinett. Die Mundwinkel weisen genau dorthin, wo sie uns haben wollen, nach unten." Damit aber nicht genug, denn sie frage sich manchmal, wann es "denn mal ein freundliches Wort für uns" gab. "Ihre Liebe müssen Politiker uns nun wirklich nicht erklären, aber dass sie uns stattdessen den Krieg erklären, geht wirklich zu weit. Überall nur Angst und Panikmache. Lebensfreude? Ist ausverkauft."
Um einmal persönlich zu werden: Vorsicht! Denn so langsam merkt der Rezensent, dass er schon vom Virus Anarchie befallen sein könnte, dergestalt, dass ihm plötzlich nur noch Sympathie die Feder führen könnte. Also ist Distanz jetzt das Gebot!
der Autor dieser Zeilen
Zum Theme Bürokratie genügt eigentlich schon der Hinweis "von der Wiege bis zur Bahre …", um das Dilemma, in dem wir uns befinden, zu beschreiben. Was aber folgt daraus? Die Frage ist also durchaus berechtigt: "Warum wehren wir uns gegen die zahlreichen Schikanen nicht? (…) Es heißt oft, die 'da oben' werden schon wissen, was für uns gut ist – glaubt das jemand ernsthaft?"
Das Gewaltmonopol, das haben wir schließlich alle gelernt, liegt beim Staat. Und wir haben es eingesogen wie mit der Muttermilch, die an dieser Stelle wohl auch auch Vatermilch genannt werden könnte. Besser noch Vater-Staatsmilch.
Wer ist denn nun genau gemeint, wenn hier von der Politik, den Politikern oder dem Staat gesprochen wird? Sylvie-Sophie Schindler präzisiert: "Dass inzwischen auch die Tech-Oligarchie die Herrschaft über politische Macht hat, darf und soll mitgedacht werden". Es geht ihr also nicht um Privatpersonen, sondern um das, "was sie tun oder nicht tun, wenn sie ihr politisches Amt ausführen." Wenn sie an dieser Stelle die Kommunalpolitik ins Spiel bringt, bedeutet das zwar keineswegs eine Relativierung ihrer Aussagen, aber es gibt, wie sie klarstellt, "auf kommunaler Ebene in der Tat zahlreiche Politiker die sich unermüdlich für ihre Gemeinden einsetzen, die mit viel Engagement viel Gutes erreichen." Gleichwohl wären aber auch "Kommunalpolitiker gut beraten, sich abzunabeln und kein politisches Amt mehr zu bekleiden, sondern auf anderer Basis in ihren Dörfern und Städten zu wirken."
Frieden. Sonst knallts!
Natürlich macht das "Schlachthaus Politik" nicht Halt vor dem Krieg, denn hier "werden die Messer gewetzt. (…) Destruktivität ist Programm." Dem ein oder anderen mag das etwas überspitzt klingen, es erscheint angesichts der globalen und geopolitischen Nachrichtenlage aber mehr als plausibel. Und zu Recht merkt sie an, "es sind immer nur Regierende, die militärische Kriege anzetteln, nicht die Anwältin in Berlin, nicht der Automechaniker in Rosenheim."
Die Politik lebe in Bezug auf Krieg und militärische Auseinandersetzungen nach "selbstgebastelten Regeln". Moral war gestern, das Töten, welches politischen, also höheren Interessen dient, ist natürlich gerechtfertigt, und für offensichtliches Kriegsgeheul müsse sich heute "sowieso niemand mehr schämen." Weitere Beispiele würden an dieser Stelle den Rahmen einer Rezension sprengen, wenn das nicht ohnehin schon geschehen ist, wofür ich mich dann gerne entschuldige. Es ist eben so, dass es einem manchmal wie Schuppen von den Augen fällt, obwohl man doch ein aufgeklärter Zeitgenosse oder -Genosse ist.
Auch, wenn es für manchen überzogen klingen mag, bei einer näheren Betrachtung, die sich im Übrigen sehr empfiehlt, stellt es sich dann aber als durchaus realistisch dar. So kann man ihr ruhig glauben, wenn sie sagt, dass Politiker "ihr Amt völlig falsch interpretieren" und dass ihnen unsere Interessen egal seien. "Sie setzen auf Marschflugkörper, XXL-Schulden und Top-Styling, während sie an skandalösen Mietpreisen, steigender Armut und sozialen Missständen lässig vorbeischlendern."
Wie heißt es manchmal Vorspann eines Films? "Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig“. Nun ist aber Politik kein Film, sondern – schlimm genug – die nackte Realität. Oder vielleicht doch manchmal ein Gruselfilm? Man wird ja wohl noch fragen ….
Umtauschrecht?
Gibt es für Politiker eigentlich Rückgaberichtlinien? Umtauschrecht? Am Ende sogar ohne Kassenzettel? Und wenn, so die Autorin: "es würde null ändern. Also Achtung, bloß nicht auf den nächsten Hoffnungsträger setzen. Alarmiert sollte man vor allem dann sein, wenn nach einer starken Hand gerufen wird, die endlich durchgreift." Schon aus deutscher Perspektive sollte das keinesfalls das Mittel der Wahl sein. Historische Ahnungslosigkeit sei also definitiv nicht angebracht. Opposition wirkt "nur so lange verführerisch, solange sie Opposition ist." Auch das, so scheint es, ist eine Binsenweisheit, denn "Seit wann bekommen die Wähler das, was ihnen vor der Wahl versprochen wurde?"
Fluchtwege nicht in Sicht
Wo ist der Ausgang? "Eine Drama-Truppe laboriert an einem System herum, von dem überhaupt nichts mehr zu erwarten ist. Einzig radikales Anderswohin-Denken führt da heraus." Das Problem: Es funktioniere nicht. "Endstation Demokratie" konstatiert Sylvie-Sophie Schindler. Und weiter: "Die Abtrünnigen sind aus dem Zug ausgestiegen. Das ruft nervöse Reaktionen hervor." Und das höre sich dann so an: Was nun? Wie sollen wir die Menschen wieder zurückholen? "Sie sagen das so, als handele es sich um Tiger, die aus dem Zoo ausgebrochen sind."
Sylvie-Sophie Schindler zeichnet eindrückliche Bilder unserer derzeitigen Gesellschaft, die von einer Politik geleitet wird, die über Leichen geht. Für diese Politik ist Anarchie – selbstredend – keine Alternative. Und "… sie muss des Teufels sein, damit die Politik sich selbst an der Macht und die Bevölkerung im System der Unterdrückung halten kann". Schindler stellt gar nicht in Abrede, dass es "blutige Aufstände von Anarchisten [gab]" und dass daran auch nichts "schönzureden" sei, doch stimmten die Relationen nicht, "weil es immer so klingt, als würde Gewalt immer erst dann auftauchen, sobald ein Anarchist die Weltbühne betritt." Der Vergleich, den sie hier zieht, gibt tatsächlich zu denken: "Bleiben wir bei der Realität und setzen das Blut in Vergleich, dass zig politisch angezettelten Kriegen fließen musste – dann steht eine winzige Pfütze einem gigantischen Ozean gegenüber."
… was die Debatten verhindert, verdreckt und verseucht, liegt auf der Hand – es ist die Politik.
Sylvie-Sophie Schindler
Politik und die Medien wecken den Hunger nach Sensationen, die keine sind, sondern oft nur aufgeblasene "regierungspolitische Bagatellen", die den Eindruck erwecken sollen, als beschäftigten sie das ganze Land. Statt zu fragen, was von Putin und Trump zu halten ist, könne man fragen: "Was macht dich traurig? Was macht dich glücklich?" Vielleicht könne man ja auch das Gespräch mit dem Nachbarn oder mit Freunden suchen … es sind hier viele Möglichkeiten zu denken. Allerdings: "Es muss einem natürlich erst mal auffallen, dass man sich von der Politik so vereinnahmen und verhindern lässt".
Zu Risiken und Nebenwirkungen …
Ist "Anarchie jetzt oder nie" also ein Allheilmittel gegen das, was die Autorin Sylvie-Sophie Schíndler in ihrem Essay über die durch die Politik hervorgerufenen Scheußlichkeiten beschreibt? Anarchistisch zu leben, bedeutet zuallererst einmal, auf sich selbst gestellt zu sein, sich selbst zu erkennen und sich als selbstverantwortliches Individuum zu begreifen.
Rudolf Steiner, der Verfasser der "Philosophie der Freiheit" schreibt in einem Brief an John Henry Mackay: "Was ich in der zweiten Hälfte der 'Freiheitsphilosophie' als ethische Konsequenz meiner Voraussetzungen entwickle, ist, wie ich glaube, in vollkommener Übereinstimmung mit den Ausführungen des Buches 'Der Einzige und sein Eigentum' [von Max Stirner d.red.] Ich hoffe auch über das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft am Schlusse des Kapitels «Die Idee der Freiheit» etwas der modernen Naturwissenschaft wie der Stirnerschen Ansicht in gleichem Maße Entsprechendes gesagt zu haben."(GA39 S.193) (John Henry Mackay und Steiner waren zu dieser Zeit (1898) die einzigen publizistischen Vertreter des individualistischen Anarchismus in Deutschland).
Dieses Buch ist keine Betriebs- oder Bedienungsanleitung und soll es auch gar nicht sein, denn es ist, so Sylvie-Sophie Schindler schon zu Beginn ihres Textes: "lediglich als eine Art intellektueller Overtüre gedacht für das wohl aufregendste gesellschaftliche Experiment, das nun umzusetzen ist."
Mir kommt plötzlich ein Gedanke: Wie wäre es, wenn "Tagesschau" und "Heute" im Anschluss an manche ihrer Beiträge einblenden würden: "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Philosophie der Freiheit oder fragen Sie Sylvie-Sophie Schindler oder Erich Mühsam."
Illustration © tdz/maike mentzel
Sylvie-Sophie Schindler
Anarchie – jetzt oder nie!
Westend-Verlag
ISBN 9783987913495
112 Seiten






