Täuschung und Tröstung

  1. Start
  2. Aktuell
  3. Täuschung und Tröstung

von Wolfgang G. Voegele

Bis heute wird Rudolf Steiner von Kritikern vorgeworfen, er habe wie ein Universaldilettant über Gebiete gesprochen, von denen er keine Ahnung hatte. Gemeint sind damit beispielsweise seine Fachkurse für Pädagogen, Mediziner und Theologen. Diese Kritik wurde schon zu seinen Lebzeiten gegen die "Hochschulkurse" erhoben, auf denen Anthroposophen ihr jeweiliges Fachgebiet vertraten, wie es auch auf dem Berliner Hochschulkurs 1922 der Fall war. 
Auf einen entsprechenden Vorwurf, der ihm in einer Aussprache während dieser Veranstaltung gemacht wurde, erwiderte Steiner in seinem letzten Vortrag am 11. März 1922, "Wenn, wie es gestern hier geschehen ist, […] gesagt wird, diese Anthroposophie stecke ihre Nase in alles mögliche hinein, so muß erwidert werden: Gewiß, es hat sich gezeigt, daß diese Anthroposophie im Laufe ihrer Entwicklung ihre Nase auch in alles hineinstecken mußte." Wenn man aber ernsthaft studieren würde, "was dabei herauskommt, wenn die Anthroposophie ihre Nase in alles steckt, dann erst […] wird sich zeigen, wie fruchtbar die Anthroposophie ist […]" [1]Der Berichterstatter Paul Feldkeller (1889-1972) gewann angesichts der vielfältigen Themen immerhin den Eindruck einer "anthroposophischen Universität". 
Feldkeller stand dem Grafen Hermann Keyserling nahe, der in Darmstadt eine "Schule der Weisheit" begründet hatte. 1922 berichtete Feldkeller im "Grenzboten", einer nationalliberalen Zeitschrift, über den anthroposophischen Hochschulkurs (GA 81) in Berlin. [2] 

Repräsentant und Wahrzeichen unserer Epoche

Paul Feldkeller

"Die Anthroposophen hatten zu einem groß angelegten Hochschukurs über Anthroposophie vom 5.– 11. März nach der Singakademie geladen. Es wurde gezeigt, wie die neue Lehre fast alle Gebiete der Wissenschaft befruchtet: an je einem Tage wurden Physik und Medizin (außerdem Chemie), Philosophie und Pädagogik, Nationalökonomie, Theologie und Philologie behandelt; kurz man hätte dem Programm nach eine rein anthroposophische Universität etablieren können. An der Ausführung freilich haperte verschiedenes. Da waren die Zusammenhänge mit der Anthroposophie stellenweise recht locker, da wurden zu gewagte Behauptungen in der Aussprache ein gut Stück wieder zurückgenommen. Aber im großen ganzen soll man über den Irrtümern die einzelnen Wahrheiten der Lehre Steiners nicht verkennen. Leider wird in der Öffentlichkeit, zumal den Zeitungen, das ganze Lebenswerk dieses Mannes, nicht selten von "reinen Toren" in psychologicis, in Bausch und Bogen verdammt, und der Bildungspöbel spricht die Schmähungen gedankenlos nach.

Aber so einfach liegt die Sache nicht. Vieldeutig wie unsere Zeit, vielleicht die vieldeutigste und vielköpfigste aller bisherigen Zeiten, ist auch dieser Mann: insofern Repräsentant und Wahrzeichen unserer Epoche. Sein Können und Wissen, sein Sein, sein Wollen und seine Einflüsse und Wirkungen sind mit ein paar Strichen nicht gezeichnet. Seine Einblicke ins Seelische sind bei weitem noch nicht genug gewürdigt. Aber er macht diese Würdigung auch unnötig schwer, indem er seine eigenen Kenntnisse und Erlebnisse falsch interpretiert, d.h. sofort in eine philosophische Theorie kleidet, die allen philosophisch Geschulten unannehmbar sein muß, weil sie nicht ins 20., sondern ins 16. Jahrhundert gehört. Er ist ein gewaltiger Empiriker, dessen Anregungen wir dankbar sein müssen, und es ist heute einfach eine Sache des wissenschaftlichen Fortschritts, gewisse Tatsachen des Seelenlebens als bewiesen bezw. als wahrscheinlich anzuerkennen. Aber mit dem seelisch-empirischen Fortschritt verbindet sich ein philosophischer Rückschritt. Das ist das geistige Profil dieses seltsamen Mannes!

Die einzelnen Vorlesungen waren an Güte außerordentlich ungleich. Steiner selbst sprach, fast an jedem Tage mehrfach, mit bewunderungswürdiger Ausdauer und Wärme, die sich zur Leidenschaft steigerte. Unter seinen Schülern fielen die Vertreter seines Stuttgarter Lehrerkollegiums am angenehmsten auf. Mit glänzender Beredsamkeit entwickelten sie ihre neue pädagogische Psychologie und Steiners Erziehungsprogramm. Eine gelungene Veranschaulichung dieser Bestrebungen waren die Darbietungen eurhrythmischer Kunst im Deutschen Theater: junge Mädchen tanzten Schubert und Goethe (rezitiert von Steiners Gattin) und gaben Szenen aus Steiners Mysterienspielen. Überall wo Steiner der Psychologe, der Menschen- und Lebenskenner zu Worte kam, wurde der Kundige reich beschenkt, mochte es sich nun um Biologie oder Philologie handeln. Hier sind in Wahrheit Schätze zu heben, und wer sich freiwillig davon ausschließt, mag sein wissenschaftliches Zurückbleiben hinter der Zeit vor sich verantworten.

Steiners philosophische Ausmünzungen dieser empirischen Werte aber waren unbrauchbar. Denn was ein Philosoph begehrt, ist Wahrheit und keine Medizin. Rudolf Steiner dagegen ist ein hervorragender Arzt in jenem weitesten Sinne, in dem auch der geniale Erzieher, Lehrer und Seelsorger Arzt sein muß. Als Arzt aber tut er unbewußt das einzig Richtige und den Massen Ersprießliche: ihnen keine Erkenntnis, sondern Täuschung und Tröstung auf den Weg zu geben. Man muß gesehen haben, wie leidenschaftlich seine Anhänger sich an diese so überaus positive neue Lehre klammern, und man versteht: diese Menschen brauchen den autoritativen Lehrer, und dieser will Anhänger. Da ist kein Boden für reine selbstlose Erkenntnis, z.B. nicht für den Geist von Darmstadt, der auch die Gegner freudig begrüßt, sofern sie ein höheres Sein verkörpern. Graf Keyserling will keine Anhänger, sondern kraftvollste, geistige Selbständigkeit. Und gerade diese wurde bei den Hörern des Kursus unterdrückt."


Illustration: Die Grenzboten

Ein interessanter Artikel über Paul Feldkeller (Paul Feldkeller – mehr als ein Privatgelehrter«) findet sich hier: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/177_78Wirth.pdf

Anmerkungen:
[1] Paul Feldkeller: Der Anthroposophische Hochschulkurs in Berlin: ein Rückblick. In: Die Grenzboten 1922, S. 90-91.
[2] GA 81, Seite 137

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Abgeordnetenwatch
Presseagentur Alternativ

Reklame