An die Süddeutsche Zeitung

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In einem Offenen Brief an die Süddeutsche Zeitung mahnt Thomas Brunner aus Cottbus anlässlich eines in der SZ erschienenen Beitrags zum Thema Corona journalistische Redlichkeit an.

An
Süddeutsche Zeitung
z. Hd. Herrn Simon Hurtz, Herrn Hannes Munzinger
Betreff: Corona Falschmeldungen erreichen ein Millionen Publikum, SZ 10. April 2020

Sehr geehrter Herr Hurz, sehr geehrter Herr Munzinger,
sehr geehrte Redaktion der Süddeutschen Zeitung,

mit interessierter Erwartung habe ich Ihren Artikel "Corona-Falschmeldungen" gelesen. Erstaunt war ich dann allerdings, dass Sie in Ihrem Artikel zwar allerlei Behauptungen aufstellen und von "Faktenchecks" sprechen, Ihr Artikel selbst aber keinerlei Fakten enthält.

Sie erwähnen Herrn Dr. Wodarg und Herrn Prof. Dr. Bhakdi als Beispiele für von vielen als "glaubwürdige Instanzen in der Corona-Krise" gehaltene Wissenschaftler, deren Youtube-Videos jedoch Ihrer Meinung nach "mit Wissenschaft nichts zu tun" hätten: "Was Wodarg und Bhakdi sagen, ist nicht völlig falsch, jedoch vermischen sie Fakten mit Spekulation und Desinformation."

Warum begnügen Sie sich mit einem so verschwommenen Urteil? Interessant wäre doch an dieser Stelle die "Fakten" von den "Spekulationen" und den "Desinformationen" tatsächlich zu unterscheiden.
Auch wäre es sachlich angemessen gewesen, wenn Sie zumindest ein paar der weiteren Persönlichkeiten genannt hätten, die wie Herr Dr. Wodarg und Herr Prof. Dr. Bhakdi eine andere Auffassung als das RKI vertreten, eine andere Interpretation der Zahlen oder auch eine andere Einschätzung der vermeintlich notwendigen politischen Maßnahmen:

Prof. Dr. Klaus Püschel
Prof. Dr. Hendrik Streeck
Prof. Dr. Dr. Harald Walach
Prof. Dr. Stefan Hockertz
Prof. Dr. Bodo Plachter
Prof. Dr. Dr. Martin Haditsch
Prof. Dr. Karin Moelling
Prof. Dr. Knut Wittkowski
Prof. Dr. Tom Jefferson
Prof. Dr. Henrik Ullum
Prof. Dr. Eran Bendavid
Prof. Dr. Jay Bhattacharya
Prof. Dr. John Oxford
Prof. Dr. Michael Levitt
Prof. Dr. Jochen A. Werner
Prof. Dr. Gerd Bosbach
Prof. Dr. John Ioannisdis
Prof. Dr. Peter C. Gøtzsche
Prof. Dr. Andrea Edenharter

All diese WissenschaftlerInnen (und viele Ärzte, die in der täglichen konkreten Arbeit stehen) vertreten in unterschiedlicher Abstufung andere Einschätzungen als Herr Prof. Dr. Drosten von der Charité und Herr Prof. Dr. Wieler vom RKI.
Anstatt einfach ein Schwarz-Weiß-Bild zu zeichnen, wäre es doch vielmehr sinnvoll gewesen auch aufzuzeigen, dass die Zahlen, mit denen das RKI spekulativ operierte, längst hinfällig sind und sogar im Ansatz falsch waren, weil sie bei den Corona-Toten nicht zwischen durch Corona Verstorbene und mit Corona Verstorbene unterschieden. Hier würde doch überhaupt ein sinnvoller "Faktencheck" beginnen (wie es ja mittlerweile u.a. durch Prof. Dr. Streeck und durch Prof. Dr. Püschel geschehen ist).
Stattdessen unterstellen Sie Ihren Bericht dem jungen, vollkommen fachfremden "Datenanalysten" Philip Kreißel und den (ebenso fachfremden) "professionellen Faktenprüfern" (wie Sie es nennen) des Rechercheteams "Correktiv". Und meinen Sie wirklich, dass es ein guter Weg wäre, wenn Youtube und andere soziale Netzwerke in Zukunft zensieren würden, was "wissenschaftlich" und was "unwissenschaftlich" genannt werden darf? 
Merken Sie nicht, dass Ihre Argumentation sehr dünn ist? Wollen Sie wirklich, dass wir im Meinungs-, ja sogar Wissenschafts-Faschismus landen? 

Wer sind nun die "fachfremden Experten" von denen Sie schreiben? Meinen Sie Herrn Prof. Dr. Wieler, der im Gebiet der Humanvirologie doch faktisch ein "fachfremder Experte" ist, weil er selbst Veterinärmediziner ist? Also, von was schreiben Sie? Gerade Herr Prof. Dr. Wieler ist doch von Anfang an als ein solcher "Experte" aufgetreten, der seine Äußerungen mit "Fakten, Spekulationen und verschwörungstheoretischen Elementen vermischt", und deshalb ein Schreckensszenario heraufbeschwor, das viele Menschen geradezu ängstigte und sogar in Panik versetzte.

Dass es auch "Desinformationen" im Netz gibt, ist eine banale Selbstverständlichkeit. Die Aufgabe einer seriösen Zeitung wie der Süddeutschen kann aber nur sein, dass sie zum verbreiteten Nebel nicht auch noch neuen hinzu erzeugt, sondern tatsächlich gewissenhaft die Spreu vom Weizen trennt. Und das gilt eben nicht nur für die frei sich äußernden Wissenschaftler, sondern genauso für die vermeintlich "offiziellen". Indem Sie alle "nicht offiziellen Meinungen" in einen Topf werfen und ohne sachlich begründete Argumente pauschal als minderwertig diffamieren, schaden Sie vor allem der Freiheit der Wissenschaft und machen sich zum Instrument einer fragwürdigen Machtpolitik. 

Damit aber schaden Sie letztendlich auch dem Ansehen der Süddeutschen Zeitung, denn zunehmend wird die Einseitigkeit, mit der in den letzten Wochen in Deutschland die öffentlicheMeinung – durch politischen Druck – bestimmt wurde, als manipulativ erkannt werden. Mein spanischer Großvater, der Rechtsphilosoph Eduardo Felipe Gonzáles Vicén hat uns Enkeln sehr eindrücklich erzählt, wie ab 1933 die öffentliche Meinung durch die gleichgeschalteten Medien vergiftet wurde. Diese Gefahr besteht auch heute, wenn die Presse ihre Funktion als – auch für Kontroversen offenes – kritisches Organ verliert.

Dass die Süddeutsche Zeitung während dieser Krise auch anders kann, haben mir der Gastbeitrag von René Schlott (17.03.2020), das Interview mit Juli Zeh (03.04.2020) und der Podcast von Heribert Prantl (25.03.2020) gezeigt, was ich dankbar zur Kenntnis nahm.
Deshalb meine Bitte: Bemühen auch Sie sich, auf ein gewissenhaftes Niveau der Berichterstattung zurückzukehren!

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Brunner
Kahrener Hauptstraße 19
03051 Cottbus

10 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Dr. Christian Schroer
15. April 2020 23:28

Vielen Dank für diesen Kommentar,
ehrlich gesagt erkennt man in diesen Wochen , wie naiv man selber die letzten Jahre war. Die Medien, Journalisten, die freie Presse, die kritische oder wenigstens objektive Berichterstattung scheint es bei den traditionellen Medien, GEZ und privaten Senderen und Zeitschriften nicht mehr zu geben.
Mein Vertrauen haben sie jedenfalls verloren. Die Zukunft wird zeigen, ob sie es sich wieder verdienen können.

Antworten
Jürgen fliege
16. April 2020 1:00

Sie schreiben auch für mich. Danke!

Antworten
Dr. Otto Ulrich
16. April 2020 11:59

Mich würde interessieren, ob Thomas Brunner von der SZ eine Antwort bekommt, vorallem, welche Ebene der SZ-Hierarchie den Auftrag bekommt zu reagieren – also mehr als nur eine Bestätigung des Briefeinganges etwa!

Antworten
Prof.Dr.med.Ulrich Krause
16. April 2020 13:11

Aussage von MP Dr. Markus Söder, in der PK , soeben : " Alle Länder, die versucht haben, dem Problem mit liberaleren Massnahmen zu begegnen, haben Schiffbruch erlitten, mit mehr Kollateralschäden." Dem ist Nichts hinzuzufügen.
Appeasementpolitik ist ein Spiel mit dem Feuer.

Antworten
Thomas Brunner
16. April 2020 14:04

Sehr geehrter Herr Prof. Krause, sehr bedauerlich, dass Sie meinen, der Aussage von Herrn Söder sei nichts hinzuzufügen. Nehmen Sie doch zumindest zur Kenntnis, dass sogar die faktischen Zahlen mittlerweile anderes sagen:
https://www.youtube.com/watch?v=10d6-GdAYM4 (ab Min. 4.30)
Außerdem gibt es dankbarer Weise auch Persönlichkeiten, die den Mumm haben, die überhaupt noch nicht absehbaren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgeschäden anzusprechen:
https://www.youtube.com/watch?v=a6KTBZjlqaA
Den auch von Ihnen geäußerten Glauben an die zentralistische Gestaltbarkeit von Lebensprozessen (bei Ausschaltung der individuellen Eigenverantwortung) halte ich für das eigentliche Übel.
Thomas Brunner

Antworten
Ulja Novatschkova
16. April 2020 15:15

Die Pauschalität , mit der Herr Söder zu wissen meint, dass „alle" Länder, die nicht seine machtpolitischen Maßnahmen teilen, Schiffbruch erleiden, gleicht der Pauschalität, mit der er meint für Millionen von Menschen in seinem Bundesland denken zu können.
Hingegen sollte gesehen werden, welche verheerenden Auswirkungen die Maßnahmen z.B. in Indien zeitigen (bei nicht einmal 500 Corona-Toten – aber täglich 1300 Tuberkulose-Toten!). Das zeigt der folgende Bericht:
https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/bevor-wir-an-corona-sterben-verhungern-wir-wo-nicht-das-homeoffice-das-groesste-problem-ist-sondern-das-nackte-ueberleben/25740342.html
Es ist also wirklich geboten zu differenzieren.

Antworten
Seidl Annette
7. Juni 2020 16:21

Vielen Dank Herr Brunner,
Sie haben auch für mich geschrieben!
Mich würde auch interessieren ob sie eine Antwort – und wenn von welcher
Ebene der SZ, erhalten haben.
DANKE!

Antworten
Thomas Brunner
8. Juni 2020 12:54

Der Offene Brief wurde (erwartungsgemäß) nicht veröffentlicht. Auf Nachfrage, ob er überhaupt an die Redaktion weiter geleitet wurde, bekam ich von einem freundlichen Redakteur die Antwort: "Das habe ich bereits getan, werter Herr Brunner. Mit bestem Gruß, …" Die allgemeine Berichterstattung der SZ ist m.E. nach wie vor "unterirdisch" – immerhin konnte Herr Prof. Julian Nida-Rümelin noch ein sehr beachtenswertes Interview geben, indem er symptomatischerweise vier Mal seine Antwort mit "Nein" und einmal mit "Da muss ich Ihnen widersprechen" beginnen musste… Das Interview endet: "Einen zweiten Shutdown sollten wir unbedingt vermeiden." : https://www.sueddeutsche.de/kultur/coronavirus-lockerungen-risikogruppen-julian-nida-ruemelin-interview-philosophie-1.4914827
Thomas Brunner

Antworten

Danke für das Update Herr Brunner.
Sie haben mir bereits früh aus der Seele gesprochen.

Antworten
Till Franitza
23. Juli 2020 8:27

Vielen Dank Herr Brunner. Ich bin von der SZ bitter enttäuscht.

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