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Taja Gut: Wie hast du’s mit der Anthroposophie? von Sebastian Jüngel zuerst erschienen in der Wochenschrift "das Goetheanum" Ausgabe 27/2010
Bekenntnisse sind angesagt: eine Art Outing der persönlichen Haltung zur Anthroposophie und zu Rudolf Steiner. Nach Sebastian Gronbach (Jahrgang 1969) mit ‹Missionen› legt nun mit Taja Gut (Jahrgang 1949) jemand aus der älteren Generation seine Bekenntnisse ab. Er formuliert sie als Dialog mit sich selbst in geschliffenen Wendungen und mit Freude am intellektuellen Spiel der Gedanken.
Ein Urbild dieser Art von Bekenntnissen ist jenes von Aurelius Augustinus. Es setzt ein mit einem Lobpreis: «Groß bist du, o Herr, und hoch zu preisen, groß ist deine Kraft und unermesslich deine Weisheit.» Auch Gut geht vom ganz Großen aus und stellt Rudolf Steiner so hoch auf einen Sockel, dass ihm der Mensch Steiner abhanden kommt. Und so zieht sich durch den Dialog Taja Guts ein Ton des Bedauerns, der in essayistischer Zuspitzung lieber etwas in den Raum stellt als genauer anschaut. So heißt es gleich in der Vorbemerkung, dass «Steiner im Kulturleben ein Fremder geblieben» sei. Derselbe Satz begann mit Hinweis auf den «nachhaltigen Erfolg von Waldorfschulen, biodynamischer Landwirtschaft, Körperpflegeprodukten und Arzneimitteln». Ja, was denn nun? Später zeigt sich, dass Gut meint, Steiner selbst wäre zu wenig bekannt und wäre nicht im Wissenschaftsbetrieb angekommen.
Spitze Feder wird zum Hammer
Taja Gut diagnostiziert ambivalente Themen des persönlichen Verhältnisses zu Rudolf Steiner, die wohl viele durchgemacht haben, darunter Theosophische Gesellschaft, Christus, Wissenschaftlichkeit, Rassismus und Weihnachtstagung. Dabei formuliert Gut immer wieder dicht an der Grenze zum Vorwurf: Steiner beherrsche die Mimikry als Anpassung an das jeweilige Milieu, habe die Theosophie als Maske benutzt. Auf dem Weg der Dankbarkeit und der Enttäuschung wird aus Guts feinsinniger spitzer Feder ein Hammer. Etwa gegenüber der Editionspraxis der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung: Nicht zuletzt habe sie durch die Ikonisierung Steiners diesem «seine Menschlichkeit aberkannt». Von «Geschichtsfälschung» im editorischen Verfahren wolle Gut zwar nicht sprechen, vielleicht aber von «Spurenverwischung»?* Auch eine «kolossalere Kapitulationserklärung» als die Malerei im Großen Saal des Goetheanum kann sich Gut nicht vorstellen. Dabei benennt er genauso offen seine eigenen Schwächen: «Später wurde es schwierig, auseinanderzuhalten, was von ihm [Steiner] stammte und was in mir lebt.»
Am Erreichten vorbeisehen
Gerade weil ich die Feinsinnigkeit von Taja Gut schätze, kann ich ihm nicht folgen, wenn er Steiner über alles erhebt und sich dann wundert, ihn als Menschen zu verlieren (es gebe bisher «zwar zahllose Assistenten, aber nur einen einzigen Wissenschaftler»), und dabei am Erreichten vorbeisieht (ist in der Anthroposophie wirklich nichts weiterentwickelt worden?). Warum diskutiert Gut nicht die bestehende Forschung und bringt seine eigene Forschung ein, statt pauschal ihr Fehlen (bei anderen) zu bedauern? Insgesamt gebührt aber Taja Gut die Haltung, die er selbst thematisiert: «Du kritisierst und würdigst Steiner fast im selben Atemzug.» «Mir scheint, das wirkliche Unglück rühre daher, dass so wenige Menschen es aushalten, mit Widersprüchen zu leben.» Und dieses In-Widersprüchen-Leben ist eine Aufgabe, die Gut uns Leserinnen und Lesern stellt.
* Stellungnahme des Rudolf-Steiner-Archivs unter www.rudolf-steiner.com/archiv/rezensionen.
Taja Gut: Wie hast du’s mit der Anthroposophie? Eine Selbstbefragung Pforte-Verlag, Dornach 2010 160 Seiten Fr. 26.–/€ 17.–
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