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Wider das Verkennen

15.03.2011

Von der Beziehung zu Rudolf Steiner.

Anlässlich Rudolf Steiners 150. Geburtstag sind im Verlag Freies Geistesleben die zwei monumentalen Werke Christoph Lindenbergs (1930-1999) – seine Steiner-Chronik (1988) und Steiner-Biographie (1997) – neu aufgelegt worden. Beide Bücher vermögen nicht nur Steiners Leistungen sichtbar zu machen, sondern auch sein vielfaches Anerkennen der Leistungen anderer. Einige Anmerkungen dazu formuliert Philip Kovce.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Wochenschrift "Das Goetheanum" 10-11/2011

Wir leben in einer Zeit, die um Biographien und Autobiographien nicht verlegen ist, im Gegenteil: Kaum erhascht jemand ein Quantum medialer Aufmerksamkeit, wird sein Schicksal schon für tauglich befunden, in einem Buch vermarktet und verkauft zu werden. Von jedem halbwegs erfolgreichen oder bloß aufsehenerregenden Politiker, Sportler und Künstler liegen heute die – meist von gutbezahlten Ghostwritern verfassten – Memoiren vor, um, nachdem sie einige Wochen als Bestseller fungierten, in der Bedeutungslosigkeit des Mediendschungels zu verschwinden.

Der Fokus dieser publizistischen Ergüsse ist meistens eindeutig zu identifizieren: es geht um die Leistung, die von der im Gespräch stehenden Person erbracht worden sein soll. Diese Leistungsorientierung in Lebensbeschreibungen ist nichts weniger als ein Spiegel unserer Leistungsgesellschaft, in der zugleich das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom nicht nur eine subjektive psychische Störung, sondern einen sozialen Grundbefund darstellt. Denn wenn es heute auch nicht an Wertschöpfung mangelt, so doch allerorten an Wertschätzung – wir leiden an einem chronischen Anerkennungsdefizit.

Leistung und Anerkennung

Blickt man auf die Biographie Rudolf Steiners, so treten ebenfalls unverkennbare Leistungen hervor, die er zeit seines Lebens schuf. Diesem Leistungsblick entzieht sich jedoch ein Tatbestand, der in Steiners Lebensgang eine ebenso prägende Rolle spielte: das Anerkennen der Leistungen anderer, das Anknüpfen an bereits Vorhandenes, das Aufgreifen fruchtbarer Impulse.

Diesen Tatbestand nicht zu übersehen, fordert nicht allein das historische Gewissen; Steiners rege Wirksamkeit ließe sich schlicht nicht erklären, wenn man seine Biographie nur als Leistungsbiographie auffassen würde. Denn gerade bei den vielen Erneuerungen, die Steiner während seiner letzten Lebensjahre mit anzustoßen vermochte, knüpfte er unweigerlich an Ideen, Intentionen und Initiativen anderer Menschen an – deren Veränderungswillen er anerkannte und, wenn möglich, unterstützte. Aber auch schon in früheren Lebensphasen ging es Steiner nicht um selbstgefälliges Negieren fremder Leistungen, sondern um den Anschluss an bestimmte Vorarbeiten – durchaus auch im Widerspruch zu manch konkretem Resultat. Man beachte allein sein differenziertes Verhältnis zu Goethe, Nietzsche und Kant.

Sowohl Steiners Eigenleistung als auch seine Anteilnahme können freilich verkannt werden – durch das Ausspielen der einen gegen die andere. Wer Steiner etwa vorwirft, er habe fast alles abgeschrieben, der diskreditiert nicht nur Steiners eigenständigen Leistungen, sondern auch sein vielfaches Einbeziehen anderer; wer Steiner attestiert, er habe fast alles als erster und einziger entdeckt, der leugnet nicht nur Steiners sooft gezollte Wertschätzung, sondern auch die gesamte geistesgeschichtliche Tradition, an die er produktiv anknüpfte.

Verkannte Anerkennung

Was in Bezug auf Steiners Biographie wie die Übung eines treffenden historischen Blicks erscheint, ist letztlich eine Auseinandersetzung mit Fundamentalfragen der menschlichen Existenz. „Das soziale Geschenk der Anerkennung ist die andere Seite dessen, was wir aus Liebe tun", schreibt Stefan Brotbeck – und weist damit auf den intimen Zusammenhang zwischen freiem Handeln und freier Anerkennung hin. Wenn er hinzufügt, dass es zwar „eine Kritik des unfreien Handelns, aber noch keine Kritik der unfreien Anerkennung" gäbe, wird deutlich, dass längst ein „Notstand an mündiger Anerkennung" herrscht.

Dieser Anerkennungsnotstand berührt auch die Beziehung zu Rudolf Steiner, dem ich immer dann gerade nicht gerecht werde, wenn ich ihn anstatt meiner selbst bemühe. Die sich im kenntnislosen Kritisieren und gedankenlosen Zitieren aussprechenden Geisteshaltungen sind nämlich keine des freien Leistens und Anerkennens, sondern vielmehr solche der Willensschwäche und Selbstunterschätzung.

Unter den biographischen Arbeiten, die jüngst zu Steiner vorgelegt wurden, bestechen die beiden Klassiker Christoph Lindenbergs, die – leider gänzlich unkommentiert – kürzlich wiederaufgelegt wurden, durch ihr feines Gespür sowohl für die Leistungs- als auch für die Anerkennungsdimension von Steiners Lebensgang. Lindenbergs Biographie bemüht sich vor allem „um das Verständnis des Werkes Steiners im Zusammenhang mit seinem Leben", während die Chronik eine Sammlung an Mosaiksteinchen darstellt, „die erst dann ihren Sinn erfüllen, wenn sie die Fantasie, das Denken und das Weiter-Fragen der Leser anregen." Das erkennbar nicht nur voyeuristische sondern Erkenntnisinteresse an Leben und Werk Steiners macht Lindenbergs Titel, nicht zuletzt im Vergleich mit gegenwärtigen Auftragsarbeiten, besonders ertragreich für den um Verständnis bemühten Leser.

Nicht nur Lindenbergs Chronik, sondern auch Steiners Leben erfüllt seinen Sinn erst dann, wenn man schöpferisch daran anzuknüpfen sich befähigt – frei handelnd, ohne die gebührende Anerkennung zu vergessen, mündig anerkennend, ohne das notwendige Handeln zu verpassen. Diese Herausforderungen sind nicht nur solche, die Steiners Biographie aufgibt, sondern auch solche, die eine das Gleichgewicht zwischen Wertschöpfung und Wertschätzung längst vergessene Leistungsgesellschaft gegenwärtig stellt.

Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2010, 655 Seiten, Fr. 55.90/€ 39.–
Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2011, 1024 Seiten, Fr. 30.50/€ 19.90

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