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Diese Besprechung des Buches "Nato-Geheimarmeen" von Daniele Ganser erschien zuerst in der Schweizer Monatszeitschrift "Gegenwart", Ausgabe 03/08. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Ein ebenfalls in der "Gegenwart" veröffentlichtes Interview mit Daniele Ganser finden sie hier.
über das Buch "Nato-Geheimarmeen in Europa" Gerold Aregger
Zwischen Naivität und Paranoia, Verschwörungsdenken bewegt sich das Geschichtsbild des heutigen Menschen, wobei die Seite des Verschwörungsdenkens generell zugenommen hat. Dieses ist auch in anthroposophischen Kreisen verbreitet, da man hier mit Hintergrundmächten rechnet. Es fällt dabei schwer, die Erkenntnis-Balance zu halten und bei den Phänomenen zu bleiben, statt zu "überborden", vorschnelle Schlüsse zu ziehen und sich in abschüssige Interpretationen zu stürzen. Auch droht die Gefahr, Aussagen Rudolf Steiners zu den Geschichtsmächten zu undifferenziert "anzuwenden". Daniele Gansers Nato-Buch gelingt es in vorbildlicher Weise, zwischen den erwähnten Einseitigkeiten eine gesunde Mitte zu halten. Weder lässt er sich unabgesichert auf Äste hinaus, noch scheut er vor allerdings schockierenden Wahrheiten zurück, und bleibt doch bei den Tatbeständen: "Als der kalte Krieg endete, zwangen juristische Untersuchungen über mysteriöse terroristische Aktionen in Italien den italienischen Premierminister Giulio Andreotti im Jahre 1990 zu bestätigen, dass in Italien und in anderen Staaten quer durch Europa, die der NATO angehörten, eine geheime Armee existierte. Koodiniert durch die Abteilung für verdeckte Kriegsführung der NATO wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs diese geheime Armee durch den US-amerikanischen Geheimdienst CIA und den britischen MI6 oder SIS (Secret Intelligence Service) eingerichtet, um den Kommunismus in Westeuropa zu bekämpfen. (...) Nur die führenden Mitglieder der Exekutive, zu denen auch Premierminister, Präsidenten, Innenminister und Verteidigungsminister zählten, waren in die Verschwörung eingebunden. (...) Die geheimen Armee wurden von der CIA und dem MI6 mit Maschinengewehren, Sprengstoff, Munition und Hightech-Kommunikationsmitteln ausgestattet, die in Waffenverstecken in Wäldern, auf Wiesen und in unterirdischen Bunkern in ganz Westeuropa verborgen wurden. (...) Zu den geheimen Gladio-Soldaten, die in den strikt antikommunistischen Teilen der Gesellschaft rekrutiert wurden, zählten sowohl moderate Konservative wie auch Rechtsextreme, etwa ehemalige Mitglieder der SS in Deutschland oder die berüchtigten rechtsradikalen Terroristen Stefano Delle Chiaie und Yves Guerain Serac in Italien und Frankreich. (...) Im Falle einer sowjetischen Invasion in Westeuropa hätten die geheimen Gladio-Soldaten ein sogenanntes 'Stay-behind-Netzwerk' gebildet, das hinter den feindlichen Linien operiert und örtlich begrenzte Widerstandsbewegungen im feindlichen Territorium aufgebaut hätte. (...) Die sowjetische Invasion fand jedoch nie statt. Nach Meinung der geheimen Kriegsstrategen in Washington und London waren die damals zahlenmässig starken kommunistischen Parteien in den Demokratien Westeuropas die reale und aktute Gefahr. Also griff das Netzwerk in vielen Staaten (...) zu den Waffen und focht einen geheimen Kampf gegen die politischen Kräfte der Linken. (...) Die Operationen zielten immer darauf ab, unter der Bevölkerung möglichst viel Angst zu schüren. Das reichte von Bombenmassakern in Eisenbahnen und auf Märkten in Italien über die Anwendung systematischer Folterung von Regimegegnern in der Türkei, die Unterstützung rechtsradikaler Staatsstreiche (Griechenland und Türkei) bis hin zur Zerschlagung oppositioneller Gruppen in Spanien und Portugal. Als die geheimen Armeen entdeckt wurden, weigerte sich die NATO ebenso wie die Regierungen der USA und Grossbritanniens, (...) eine klare Stellung zu beziehen. (..) Der Hund bellte laut, aber er biss nicht zu. Von den acht Aktionen, die vom Europäischen Parlament gefordert wurden, wurde nicht eine zufriedenstellend durchgeführt. Nur Belgien, Italien und die Schweiz untersuchten ihre geheimen Armeen im Rahmen einer parlamentarischen Untersuchungskommission und veröffentlichten einen ausführlichen (...) öffentlichen Bericht."
Soweit eine grobe Übersicht dieser hochbrisanten Forschungstat. Hier nun ein beispielhafter Einblick, Italien betreffend. Vorweg sei betont: der Hartnäckigkeit und dem Mut des jungen italienischen Richters Felice Casson ist zu verdanken, dass die Operation Gladio und damit später die anderen Geheimarmeen aufflogen. Im Verlaufe seiner Ermittlungen zu mysteriösen Terroranschlägen entdeckte er im Juli 1990 in den Archiven des militärischen Geheimdienstes SISMI in Rom die entscheidenden Dokumente. Die Erlaubnis zu dieser Recherche hatte er erstaunlicherweise ausgerechnet von Premierminister Andreotti bekommen. * Doch was war geschehen? "Als John F. Kennedy im Januar 1961 Präsident wurde, änderte sich die Politik gegenüber Italien, weil Kennedy, anders als seine Vorgänger Truman und Eisenhower, mit der italienischen sozialistischen Partei PSI sympathisierte. Er stimmte einer Analyse der CIA zu, dass in Italien die 'Stärke der Sozialisten auch ohne Hilfe von aussen ein deutliches Zeichen dafür sei, dass Italien eine sozialistische Demokratie wünsche'. Dennoch stiessen Kennedys Pläne sowohl beim amerikanischen Verteidigungsministerium als auch bei der CIA auf heftigen Widerstand. (...) Kennedy hatte Italien erlaubt, nach links zu rücken. Als die Sozialisten Posten im Kabinett erhielten, verlangten auch die Kommunisten, entsprechend dem Wahlergebnis mit Posten im Kabinett belohnt zu werden, und im Mai 1963 demonstrierte die grosse Gewerkschaft der Bauhandwerker in Rom. Die CIA war alarmiert, und Mitglieder der geheimen Gladio-Armee, verkleidet als Polizisten und Zivilisten, zerschlugen die Demonstration, wobei mehr als 200 Demonstranten verletzt wurden. Doch für Italien sollte das Schlimmste erst noch kommen. Im November 1963 fiel Präsident Kennedy in Dallas, Texas, unter mysteriösen Umständen einem Attentat zum Opfer. Fünf Monate später führte die CIA mit dem SIFAR (militärischer Geheimdienst), der geheimen Gladio-Armee und der paramilitärischen Polizei einen rechtsgerichteten Staatsstreich durch, der die italienischen Sozialisten zwang, ihre Posten im Kabinett aufzugeben, die sie erst kurze Zeit innehatten."
Was hier abenteuerlich klingen mag, wird in Gansers Buch lückenlos belegt. Im Dezember 1970 kam es beinahe zu einem zweiten Staatstreich, und im Rahmen der Strategie der Spannung zu verschiedenen "false flag operations", Terroranschlägen auf die die eigene Bevölkerung, die der Linken in die Schuhe geschoben wurden. Angesichts solcher Zustände, die sich in Variationen für andere Länder wiederholen liessen, bekommt das Wort des italienischen Senators Valter Bielli noch ein anderes Gewicht: "Während des Kalten Krieges war der Osten kommunistisch dominiert, doch auch der Westen wurde in gewissem Sinn zu einer amerikanischen Kolonie." Die Geschichte geht weiter. So sagt Daniele Ganser in einem Interview in der Zeitschrift Neues Deutschland (April 2008) über Silvio Berlusconi, er sei: "ein Mann mit Vorgeschichte. Im April 1981 entdeckte die Polizei in Italien die Freimauer-Geheimloge Propaganda Due, kurz P2. (...) Eine parlamentarische Untersuchung unter Tina Anselmi deckte auf, dass diese P2 eine verschwiegene antikommunistische Vereinigung mit 962 Mitgliedern war, geleitet von Licio Gelli, der wiederum eng mit den USA kooperierte. Die P2 operierte jenseits aller demokratischen Kontrollen, war sozusagen ein 'geheimer Staat im Staat'. Ihr gehörten die mächtigsten Italiener an, darunter hochrangige Offiziere der Geheimdienste und der Armee, einflussreiche Industrielle und Bankiers, amtierende und ehemalige Minister. Auch Berlusconi war Mitglied der P2. Die Geschichte zeigt: Der strahlende Saubermann Berlusconi praktiziert auch verdeckte Politik, und das mit Erfolg. (...) Gladio und P2 verfolgten in Absprache mit Washington dasselbe Ziel: verhindern, dass die italienischen Kommunisten und Sozialisten an die Macht kommen. Licio Gelli lobte Gladio und meinte, ohne diese Geheimarmee der CIA wäre Italien von den Kommunisten übernommen worden. (...) Es kann gut sein, dass Gladio aufgelöst wurde – ein entsprechendes Schreiben des italienischen Geheimdienstes liegt vor. Es ist aber auch möglich, dass neue Geheimarmeen unter neuen Namen aufgebaut wurden. Das Europäische Parlament forderte 1990 eine internationale Untersuchung. Doch dazu kam es nie."
Soweit das Beispiel Italien. In Gansers Buch werden dazu folgende Länder untersucht: Grossbritannien, die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Dänemark, Norwegen, Deutschland, Griechenland, Türkei – 14 Länder, eine immense Forschungsleistung! Das Kapitel zu Deutschland ist besonders erschütternd: Hier spielten der SS-Offizier Klaus Barbie, "der Schlächter von Lyon", sowie vor allem Hitlers Geheimdienst-General Reinhard Gehlen mit ihren Netzwerken beim Aufbau der Geheimarmee eine massgebliche Rolle. Die Organisation Gehlen ging 1956 in den Bundesnachrichtendienst (BND) über. Potentielle Todeslisten enthielten nicht nur Namen von führenden Kommunisten, sondern in weit grösserer Zahl Sozialdemokraten. Indizien reichen bis zum grössten deutschen terroristischen Bombenmassaker nach dem Krieg am 26. September 1980 in München. Ein Vater zweier getöteter Kinder, der lange Zeit Aufklärung forderte, musste resignieren: "Ich habe angefangen zu verstehen, dass man nur in Schwierigkeiten kommt, wenn man beharrlich bleibt." Die Kapitel zu Griechenland und zur Türkei sind besonders brutal und aufschlussreich. Es ist schon erstaunlich, dass eine Operation dieses Ausmasses über Jahrzehnte hinweg, mit Ausnahme einzelner "Pannen", geheimgehalten werden konnte. Wer hätte so etwas im heutigen Europa für möglich gehalten?
Zu hoffen ist, dass dieses wahre Geschichtsbuch Eingang in den Staatskunde-Unterricht der Oberstufe findet. Es ist ein seltener Glücksfall, dass hier eine sonst unsichtbare Schicht dessen, was wir "Geschichte" nennen, durch die hartnäckige, mutige und saubere Arbeit eines jungen Forschers an einer Schweizer Universität, mit einem Vorwort von Professor Georg Kreis und einem Nachwort von Professor Albert A. Stahel versehen, ans Licht des Tages tritt. Die westliche Macht übt ihre Herrschaft vor allem und vor aller Augen legal über ihr Wirtschaftssystem (WTO, Weltbank, IWF, Dollar als Weltwährung etc.) aus. Gansers Forschungen zeigen jedoch, wie weit diese Macht zu gehen bereit ist. Die Methode dabei: ein Feind, der wirklich existiert, wird benutzt, je nachdem „gestärkt", verleumdet, um in der aufgebauten Spannung ( Strategie der Angst) die gewünschten Ziele zu erreichen und die "Partner" in Abhängigkeit zu bewahren. Rudolf Steiner sprach in diesem Zusammenhang von Hegels Dialektik, die politisch missbraucht werde.
Ohne in Paranoia zu verfallen, lohnt es sich, das Buch auch zwischen den Zeilen zu lesen. Seine Nüchterheit ist besonders zu loben. Auf diesem Gebiet entgleist man leicht in Polemiken – und stärkt damit das Falsche. Etwas anderes ist ehrliche Entrüstung. Hier ziter Ganser die italienische Zeitung La Stampa: "Es gibt für diesen Fall keine andere Definition als Hochverrat und Angriff auf die Verfassung." Für die auf die Seite des Verschwörungsdenkens Neigenden sei angemerkt: das Buch zeigt auch, dass die westliche Macht nicht alles in Händen hält. Täte sie es, wäre sie nicht auf dermassen aufwendige und risikoreiche Aktivitäten wie die im Buch beschriebenen angewiesen. Es zeichnen sich hier auch die Grenzen dieser Macht ab. Mit einem blasierten "Das-alles-haben-wir-doch-längst- gewusst" wäre allerdings nichts gewonnen. Wer klug wie die Schlangen werden will, muss schon genau hinsehen.
* Zu Andreotti siehe Regine Igel: Andreotti. Politik zwischen Geheimdienst und Mafia, Herbig 1997
Daniele Ganser NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung Orell Füssli Verlag, Zürich 2008 (engl. 2005) (445 S., Fr. 49.- / € 29.80)
Autorennotiz:Gerold Aregger ist Herausgeber der in Bern erscheinenden "Gegenwart". Diese Zeitschrift erscheint 4x im Jahr und ist zu beziehen bei: Gegenwart Burgunderstr. 132, 3018 Bern
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