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Kein Lärm um Viel?

Seit einigen Jahren "geistert" ein Begriff durch die Medienlandschaft, die Rede ist von den Kulturell Kreativen. Ein neuer Trend? Kunstschaffende, die sich auf Vernissagen die Sprechblasen um die Ohren hauen und mit Sektgläsern in der Hand an großformatigen Acrylschinken vorbeischlendern, als betrachten sie die Auslagen in einer Mailänder Einkaufspassage? Oder sind es Lehrer, Uni-Professoren, Werbeschaffende, die sich mit Hilfe dieses Begriffes eine Aura von Exklusivität verleihen und sich also diesen Begriff selbst erfunden haben, wie so manche Trends und Entwicklungen "erfunden" worden sind? Hausfrauen, die sich in Volkshochschulkursen mit Töpfern, Malen und Bildhauern den Familienstress von der Seele "künstlern"? Nichts von alledem. Kulturell Kreative sind Menschen, die sich mit neuen, spirituellen Fähigkeiten den Zeitfragen widmen und nach Lösungen der Fragen suchen, die die konventionellen Denkweisen nicht oder sehr unvollkommen beantworten können.
"Mit der Subkultur der Kulturell Kreativen..", sagt Paul H. Ray, einer der Erfinder dieses Begriffes,  "..treten neue Werte und Weltanschauungen auf die Bühne, die vor dem Zweiten Weltkrieg selten und auch noch vor einer Generation kaum bemerkt wurden. In ihr verbinden sich Menschen, die die Probleme des heutigen Systems klar erkennen, sei es auf regionaler, nationaler oder auf globaler Ebene. Dazu gehören auch Individuen, deren Anspruch an Spiritualität, persönliche Entwicklung, Authentizität, Qualität der Beziehungen und Toleranz höher liegt als bei den Traditionalisten und Modernisten. Als Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit den anderen beiden Weltsichten distanzieren sich die Kulturell Kreativen von vielen überkommenen Werten. Anders jedoch als die „entfremdeten“ Modernen wählen die Kulturell Kreativen beharrlich Wege der Erneuerung." (aus Paul H. Ray: Die Evolution der integralen Kultur Die große Synthese beginnt. (http://www.kulturkreativ.net))
Zugegeben, es klingt verlockend, die Fragen nach neuen Formen und "Lebensentwürfen" anders zu stellen und eine Abkehr vom Materialismus, der sich in unserer Zeit als "Tanz auf dem Vulkan" herausgestellt hat, zu bewirken. Andererseits, haben nicht zu allen Zeiten Menschen anders über die Probleme und Nöte der Sozialität und über Gemeinschaft nachgedacht und Bewegungen in Gang gesetzt, die heute zum selbstverständlichen Bestandteil unseres Denkens geworden sind? Sind nicht landwirtschaftliche Höfe und deren Umfeld, die seit Jahrzehnten ihren Boden biologisch-dynamisch anbauen, geradezu "Brutstätten" kultureller Kreativität? "Bio" war und ist ein Trend, der sich von eben diesem Trend zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens entwickelt hat. Es wäre allerdings einseitig, die kulturelle Kreativität auf den Bereich ausschließlich alternativer Lebensformen oder Wirtschaftsformen zu beschränken. Ich möchte hier versuchen, die Aufgaben der Anthroposophie in diesem Zusammenhang etwas näher zu beleuchten.

 Die soziale Frage ist eine der brennendsten Fragen des 21. Jahrhunderts. Kann man die soziale Frage noch unter regionalen Gesichtspunkten sehen oder ist sie längst eine globale Frage der Menschheit geworden? Die Medien ermöglichen uns den Blick auf die Armen und Ärmsten der Welt. In jeden Winkel der Erde, und sei er auch noch so entfernt von uns, können wir mit unseren Fernsehscheinwerfern hineinleuchten und Bilder übermitteln, die sensiblen Menschen das Blut in den Adern stocken lassen. Trotzdem lassen uns im Allgemeinen die Bilderfluten kalt und wir wenden uns den nächstliegenden Dingen zu. Börsennachrichten und Sport-Events, Show und Unterhaltungselemente bestimmen das öffentliche Bild. Die Warner und Kämpfer gegen eine immer stärker werdende Macht der Konzerne und die geballte Macht des Staates bei der Durchführung von Weltwirtschaftsgipfeltreffen werden zwar wahrgenommen, die öffentliche Meinung aber sieht hier mehr als je zuvor eine Störung der "Ordnung" und ist nur zu gern bereit, diese "Auswüchse" in der Schublade "Narren und Störenfriede" abzulegen. Trotzdem ist eine positive Entwicklung zu bemerken. Leise und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit und der Allmacht des Staates wachsen zarte Pflänzchen alternativer Gedanken und Lebensformen, die ahnen lassen, welches Potential dort eines Tages vorhanden sein kann und wird. Diese Bewegungen zeigen, dass Verzweiflung über die Not und die Hilflosigkeit den drohenden Gefahren gegenüber fehl am Platze ist. Allerdings zeigt sich das nicht im Sinne der Neoliberalen unter dem Motto" höher, schneller, weiter", sondern unter dem Motto: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Was bringt uns zu dieser Einsicht, die auch ich an dieser Stelle kulturelle Kreativität nennen möchte?
Diese kulturelle Kreativität wird das 21. Jahrhundert bestimmen. Der andere Mensch, das DU, wird in den Vordergrund rücken. Eine neue Spiritualität wird sich zeigen, die aus dem Menschen selbst und aus einer Einsicht in die Notwendigkeit dieses DU, dieser Hinwendung zum Anderen fließen wird. Diese Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein. Hier haben die Menschen, die sich auf eine fruchtbare Weise mit der Anthroposophie verbinden, eine besondere Aufgabe. Veränderungen im Bereich der Jugendhilfe, neue Wohnformen für alte Menschen, ein anderer Umgang mit dem Gesundheitswesen, mit dem Geldbegriff, das sind die Aufgaben, die ergriffen werden müssen. Und zwar in kleinen, überschaubaren regionalen Zusammenhängen, verbunden durch die Idee eines neuen geistigen Bundes, das alle diese Initiativen miteinander verbindet und zusammenhält. Und hier sind eben nicht nur die Anthroposophen gefordert, sondern eben auch die Anthroposophen. Immer mehr und erkennbarer wird es deutlich, das der steinerne Sockel, der überhöhte Standpunkt nicht der Ort ist, von dem aus Veränderung möglich ist. Hinunter vom Sockel in die "Niederungen" des Menschseins, in dem der Andere ohne Ansehen seines Standes, seiner Herkunft, seiner Nationalität oder seiner Hautfarbe ein DU ist. Einer, der mit mir die Luft und den Lebensraum teilt und der seinerseits mir den Platz lässt, damit ich leben kann.
Blauäugigkeit? Mitnichten. Die unübersehbare Hilfsbereitschaft bei den in den letzten Jahren immer öfter auftretenden Katastrophen sind ein Beweis für ein verändertes Bewusstsein der Menschen. Mögen auch in manchen Fällen egoistische Motive ein Rolle spielen, zum Beispiel bei der Bereitschaft großer Unternehmen, hier einerseits  soziales Engagement zu zeigen und auf der anderen Seite damit den Werbeetat des Konzerns zu entlasten, sind es immer noch Menschen, die diese Entscheidungen treffen. Auch wenn das Gewissen dieser Menschen häufig nicht sichtbar ist oder durch Maßnahmen in den Hintergrund tritt, die die oben beschriebene soziale Frage, nämlich das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich noch verschärfen. Auf der anderen Seite werden natürlich oft auch ganz anfängliche Keime durch eine pseudo-spirituelles Gebaren, das manchmal an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist, schon am Anfang zerstört. Die luziferischen Kräfte, die bestimmte "geistige Erkenntnisse" zu allgemein-gültigen Tatsachen umwidmen und die dann unter dem Stichwort Weltverschwörung ihr mediales Unwesen treiben, sind nicht zu übersehen. Oft genug hat man eben auch mit diesen Kräften so seine liebe Not. Vereinnahmungen durch bestimmte Gruppen, seien sie politischer oder pseudo-religiöser Natur kommen dazu. Wie bestimmte Kreise das Phänomen der sogenannten "Chemtrails" beackert und ausschlachten, ist ein Schauspiel für sich und fördert die objektive Betrachtung in keinster Weise. 
Eine der interessantesten Initiativen, die in letzter Zeit von sich reden gemacht hat, ist die Initiative "Unternimm die Zukunft", die sich mit dem Thema Grundeinkommen beschäftigt und hier ein beachtliches Potential an neuen Gedanken offenbart. Was allein dieser Titel von der eher dümmlichen und, wie wir wissen, auch ziemlich wirkungslosen Kampagne "Du bist Deutschland" unterscheidet, ist bei einem Blick in die Presse, und zwar quer durch alle Lager, leicht festzustellen. Hier ein Appellieren an ein unbestimmtes Wir-Gefühl auf der Ebene: "Strengt-euch-mehr-an-dann-könnt-ihr-auch-etwas-erreichen", dort ganz klare Ansätze, die nicht im Nebulösen verbleiben, sondern klar und deutlich ausgesprochen werden. Denn auch durch noch so gut gemeinte Appelle und Programme wird man die gegenwärtige Situation auf dem "Arbeitsmarkt" nicht ändern. Ein Zurück in die Zeiten der Vollbeschäftigung wird es nicht geben. Die Rationalisierung von Produktionsprozessen wird nicht stillstehen und sich auch nicht in eine andere Richtung bewegen. Immer mehr Güter werden mit weniger Einsatz menschlicher Kraft produziert. Diese Entwicklung wird auch von den neuen Bio-Technologien und anderen Gebieten, z.B. der Energieversorgung und der Verbreitung alternativer Energietechnologien nicht halt machen.
Solange wir allerdings die Ansicht, das nur ein Mensch sei, wer arbeitet, nicht aufgeben und zugunsten eines neuen Begriffes von Arbeit und "Freizeit" zu kreativen Lösungen auch in der "Freizeitfrage" kommen, ist es nicht einfach, diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Trotzdem, Anfänge zeigen sich im Sinne der oben genannten Pflänzchen, die von der Idee eines gemeinsamen, eines freien, gleichen und brüderlichen Verständnisses ausgehen. In allen Bereichen des Leben sind sie vorhanden und wirken sich aus auf die Gedanken und Empfindungen der Menschen. Neue Ideen zum Gesundheitswesen zeichnen sich ab, dezentrale Strukturen, regionale Zusammenschlüsse, die Netzwerke bilden und dennoch autonome Entscheidungen dort treffen, wo sie notwendig sind, nämlich bei den Menschen, die sie direkt betreffen. Ein Beispiel kann die Solidargemeinschaft ARTABANA sein, die einen neuen Umgang mit dem Thema Krankenversicherung propagiert und entwickelt. Neue Gedanken zur politischen Gestaltung, wie Initiativen unter dem Stichwort "Direkte Demokratie", beginnen unaufhörlich, öffentlichkeitswirksam zu werden und Einzug in das allgemeine Bewusstsein zu halten. All diesen Initiativen zeichnet eins aus, nämlich die eindeutige Anerkenntnis der Freiheit des jeweils Anderen. Keine hierarchischen Strukturen, keine Veränderung von oben nach unten, sondern eine Veränderung auf gleicher Ebene, nämlich der des anderen "DU". Die Verständigung mit dem Anderen über dessen Ziele und Beweggründe führt zu gemeinsam getragenen Entscheidungen.
Blauäugigkeit? Mitnichten. Wer hätte gedacht, das ein Unternehmer wie Götz Werner, der Inhaber der Drogerie-Märkte, aus allen Kreisen der Bevölkerung eine solche Zustimmung bekommt? Ein Blick in das Gästebuch seiner Internetseite genügt, um die unterschiedlichsten Richtungen zu erkennen. Warum also hat ein solcher Mensch, der doch zu den "Kapitalisten" gehört, einen solchen Erfolg? Weil dort kein "Weltverbesserer" auftritt, sondern ein Mensch, der mit beiden Beinen im Leben steht und den Kontakt zum Boden nicht verloren hat. Der nicht an ein unterbewusstes und diffuses "Wir" appelliert und auch nicht im Stil von Waschmittelwerbung ein Produkt anpreist, sondern der seinen Sachverstand und seine Gedanken so vermittelt, dass der Andere ihm folgen kann. Das nenne ich kulturelle Kreativität. Hier beginnt etwas Wirkung zu zeigen, das jenseits philosophischer Diskurse einen Blick in die Realität ermöglicht, der jedem deutlich macht, das er selbst etwas damit zu tun hat. Offensichtlich werden hier im Menschen Fähigkeiten angesprochen, die diese Erkenntnis möglich machen. Es wird sich lohnen, gerade im Zusammenhang mit diesen neuen sozialen Bewegungen darüber zu sprechen. Und wenn man etwas genauer hinsieht, sind diese Fähigkeiten und Anlagen überall dort sichtbar, wo sich das Interesse des Menschen nicht an sich selbst richtet, sondern dem Anderen zugewandt ist. Sozialkünstlerische Prozesse, die nicht der Selbstdarstellung, sondern einem höheren Ziel dienen, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. „Jeder Mensch“, sagt Josef Beuys, dessen Todestag sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal jährt, „ist ein Künstler“. So wird Sozialkunst als eine Lebenskultur verständlich, erlebbar und nachvollziehbar. Für Jeden, der eines guten Willens ist. Wer würde dem Anderen diese guten Willen absprechen wollen?

Links:
http://www.noetic.org/publications/review/issue37/r37_Ray_de.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturell_Kreativ

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