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 |  | | Offener Brief im "daily telegraph" |
Mit einem Offenen Brief gegen das Verschwinden der Kindheit in unserer modernen Gesellschaft, der von 100 bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterzeichnet worden ist, gelang es einer Gruppe von engagierten Pädagogen und Wissenschaftlern, im Herbst 2006 in Großbritannien ein lebhaftes Medienecho hervorzurufen. „„Junk culture" vergiftet unsere Kinder," hieß eine Titelschlagzeile des Daily Telegraph, einer der auflagenstärksten britischen Zeitungen und „Lebensstil unserer Zeit steigert Depressionen bei Kindern". Dr. Richard House von der Roehampton Universität, London, einer der der beiden Organisatoren des Offenen Briefs beschreibt in diesem Artikel den Hintergrund der Kampagne und äußert die Hoffnung, dass das große Medienecho auf einen Wendepunkt in der Geschichte der postmodernen Gesellschaft hindeutet:
„Junk culture" der Gegenwart schädigt unsere Kinder
Es ist vielleicht ein trauriges Zeichen, dass man die Stimmen einer ganzen Sammlung hochrangiger Prominenter und professioneller Experten braucht, damit ein Thema von der Weltpresse endlich ernst genommen wird, obwohl es schon lange für viele Menschen offensichtlich ist (nicht zuletzt in der weltweiten Waldorfschulbewegung).
Hier möchte ich nun die spirituellen Aspekte dieser ungewöhnlichen Pressestory unterstreichen. (Einige Zeitungen haben sie erst veröffentlicht, nachdem der Daily Telegraph vorgeprescht war mit seinem Mut, eine Titelgeschichte daraus zu machen, erhalten hatten sie alle).
Für diejenigen, die den Offenen Brief nicht in seiner ganzen Länge kennen, ist es wichtig, zu wissen, dass das Wort „spirituell" darin nicht vorkommt. Von meinem Standpunkt als ausgebildeter Waldorflehrer her, dem „die spirituelle Dimension" ein zentrales Anliegen ist, handelt es sich dabei um eine beachtliche Lücke. Allerdings ging es bei einem Offenen Brief wie diesem darum, dass ihn möglichst viele Persönlichkeiten unterschreiben und so musste er notwendigerweise so offen wie möglich gehalten und nicht mit Begriffen oder Perspektiven versehen werden , die einen Teil derjenigen, die wir erreichen wollten, abgeschreckt oder ausgeschlossen hätten.
Vor kurzem habe ich das packende Buch „Lost Icons" des Erzbischofs von Canterbury, dem bewunderswerten Dr. Rowan Williams, gelesen. Es ist ein bemerkenswertes Buch, das viele Themen anspricht, die auch im offenen Brief im Daily Telegraph erwähnt werden. Am Sonntag und Montag, die auf unseren Mediencoup folgten, kam Rowans bedeutende Stimme zu unseren Argumenten hinzu hinsichtlich Abwertung und Verlust der Kindheit in der gegenwärtigen Gesellschaft. Bald darauf folgten die zweijährige nationale Studie der Childrens Society in Großbritannien über „Gelungene Kindheit" sowie die neue All-Parteien-Gruppe von Baroness Susan Greenfield zu Kindheit und Technologie – man konnte wirklich den Eindruck gewinnen, dass da Engel hinter den Kulissen zu unseren Gunsten wirkten.
Nur um zwei der spirituellen Fragestellungen anzusprechen, die der Offene Brief indirekt aufwirft: Ich denke, es war vor allem die Kritik des einseitigen Materialismus und es Nützlichkeitsdenkens, das wenn auch nicht alle, so doch die meisten der Unterzeichner teilen und auch die Audit-, Test- und Überwachungskultur, die nicht nur das Schulsystem in Großbritannien, sondern viele Schulen der westlichen Welt gegenwärtig überrollt.
Alle Anzeichen sprechen dafür – sowohl empirisch belegte und auch nur erzählte - dass der Schaden, den unsere unfruchtbare und Beklemmung erzeugende Kultur an den Lernerfahrungen der Kinder anrichtet, enorm ist. Was wiederum nur ein Symptom ist für die anhaltende (und aus meiner Sicht äußerst unangemessene) Politisierung der Erziehung und die damit einhergehende Entprofessionalisierung der Rolle des Lehrers, der reduziert wird auf wenig mehr als einen passiven Überbringer des Schmalspurwissens, das der Regierung gerade politisch opportun erscheint. In der Waldorfschulbewegung, legen wir großen Wert auf die künstlerische Kreativität und verantwortliche (auch verantwortungsbewusste) Autonomie des Lehrers.
Der Begründer von Waldorfschulbewegung und Anthroposophie, Rudolf Steiner, hat wiederholt hervorgehoben, welcher Schaden angerichtet wird dadurch, dass man die Autonomie des Lehrers untergräbt. So schrieb er: „ In einer staatlichen Schule ist alles strikt definiert, ... alles ist genau geplant. Bei uns hängt alles von der freien Individualität jedes einzelnen Lehrers ab... Klassen werden ganz der Individualität des Klassenlehrers anvertraut... was wir erreichen wollen, kann auf ganz verschiedene Weise erreicht werden.... Dies kann niemals Gegenstand äußerer Anordnungen sein..."
Ich interessiere mich auch für die „Leistung" von Schulen, die einen „spirituellen" Ethos haben (wie immer wir das auch definieren wollen). In einem Artikel, den er kürzlich im British Independent Newspaper veröffentlich hat, argumentiert Stephen Law, es sei nichts Besonderes an was er missverständlich als „religiöse Beschulung" bezeichnet. Was diese Art von utilitaristischem Säkularismus zu ignorieren scheint, ist die Tatsache, dass Schulen, die eine Art von spiritueller Fundierung haben – gleich, ob dies die formale „Lehre" von Religion einschließt oder nicht - den sich entwickelnden Seelen der Kinder etwas Entscheidendes anzubieten haben, das weltliche Schulen nicht bieten können.
Obwohl wir uns natürlich davor hüten müssen, die Qualität von Schulen auf der Basis der dürftigen Ergebnisse der absolut oberflächlichen Test- und Prüfungslandschaft zu beurteilen, so ist es doch sicher kein Zufall, dass die sogenannten „religiösen" Schulen bei all diesen Leistungsindikatoren besser abschneiden als die vergleichbaren Mainstream-Schulen.
Wir können jetzt sicherlich eine Disput anfangen über die Definition von „religiös " im Gegensatz zu „spirituell", aber es scheint doch zweifellos so zu sein, dass ein schulisches Leben, das anerkannt, dass es so etwas wie „Seele" oder „Geist" gibt (wie auch immer wir diese Begriffe definieren wollen) den Kindern dadurch eine spürbare ganzheitliche und bedeutungsvolle Lernumgebung bieten kann, etwas, das kostenlos ist und das die anderen Schulen eben nicht haben, denen der Sinn stiftende spirituelle Ethos fehlt.
Ein anderer theologischer Denker, der sich mit diesem Themen auseinandergesetzt hat, ist Brian Thorne (auch einer der Unterzeichner des Offenen Briefs). In seinem Buch Infinity Beloved – The Challenge of Divine Intimacy (Darton, Longman und Todd, 2003) zeigt Thorne - eine weltweit anerkannte Autorität auf dem Gebiet der non-direktiven Beratung nach Carl Rogers – viele der Argumente sachlich auf, die auch in dem Offenen Brief verwendet werden. Vor allem gilt seine scharfe Kritik der „hyper-modernisierten" materialistischen Kultur.
Ich persönlich fand Brians kaum verhüllte Wut gegenüber dem absoluten Materialismus mit seiner seelenlosen Überwachungskultur, deren Verwüstungen er anprangert, besonders anregend („ein perverses Wertesystem, dem ... wir alles andere als unterliegen sollten). „Wenn wir anfangen, in einer neuen Welt zu leben, in der es nur ... Wandel und Prozess gibt," schreibt Thorne, müssen wir der Sklaverei des materialistischen Götzen entkommen." Aus dieser Sicht ist ein erneuerte Vision der menschlichen Existenz notwendig und eine Wiederverzauberung der Welt, beides notwendige Voraussetzungen für ein Fortbestehen der Menschheit und auch Anzeichen für ein Aufblühen der Spiritualität in und hinter den Todeszuckungen der „postmateriellen Gesellschaft". Diese Themen können mit Sicherheit Anthroposophen mit anderen spirituellen Traditionen und Überzeugungen vereinen.
Als ausgebildeter und arbeitender Waldorflehrer möchte ich hier auch noch diejenigen Schulen erwähnen, die auf der Basis von Rudolf Steiners Philosophie arbeiten. Jeder, der die Atmosphäre dort und die Qualität der Arbeit in den Steiner Schulen erlebt hat, kann nicht anders als beeindruckt sein darüber, was möglich ist ein einem Schulmilieu, das mechanistisches Nützlichkeitsdenken vermeidet und Schönheit und Entwicklung von Lernprozessen angemessen Raum gibt. Und das sich um eine lebendige Erziehung bemüht, die im besten Sinn des Wortes ganzheitlich und ausgewogen ist.
Hier in Großbritannien haben wir es uns sehr zu Herzen genommen, als der vom Erziehungsministerium unterstützte Woods Report 2004 erschien, in dem es hieß, dass der Mainstream eine Menge zu lernen habe von den Erziehungsideen Rudolf Steiners. Wie es so oft mit solchen Berichten geschieht, hat er viel „offiziellen" Staub aufgewirbelt seither – aber mit unserer weltweit verbreiteten Mediengeschichte über die Kindheit kann man nur hoffen, dass sich die Regierung diesen Bericht noch einmal vornimmt und sich ernsthaft mit den Prinzipien Steiners und der daraus resultierenden pädagogischen Praxis auseinandersetzt.
Seit die Geschichte in den Medien erschienen ist, haben Sue Palmer (die andere Organisatorin des Offenen Briefs) und ich eine große Menge von Mitteilungen von allen Arten von Individuen und Organisationen bekommen, die uns in unserem Eintreten für den Fortbestand der Kindheit stark unterstützen und es könnte sein, dass wir damit den Geist aus der Flasche befreit haben, den die Kräfte des Materialismus jetzt nicht mehr einfangen können.
An der Roehampton Universität in London verstärkten wir den Impuls durch ein eintägiges Diskussionsforum jetzt im Dezember, bei dem Minister und ihre Stellvertreter eingeladen waren und wir planen auch ein Buch über die Kindheit und eine größere internationale Konferenz für das Frühjahr 2007. Unser alles beherrschendes Ziel ist es, die Engstirnigkeit der jeweiligen parteipolitischen Vorurteile zu überwinden, um einen neuen Konsens quer durch die Parteien über diese höchst dringenden kulturellen Fragen zu bilden.
Es hat natürlich auch viele Widersprüche zu unseren Argumenten gegeben – nicht zuletzt von Zeitungen, die die Story ihres Konkurrenten untergraben wollten. Die überwältigende öffentliche Unterstützung, die wir für unsere Anliegen erfahren haben, deutet darauf hin, dass wir uns vielleicht doch an einem Punkt befinden, der eine entscheidende Wende in der „postmodernen" Gesellschaft herbeiführen kann.
Ich möchte alle Leser einladen, sich mit diesem Kulturimpuls zu verbinden. Engagieren Sie sich auf die Art, die Ihnen möglich ist und tragen Sie dazu bei, dass der Impuls nicht mehr aufgehalten werden kann.
Daily Telegraph
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