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Gutgelaunte Hedonisten

LOHAS und die "Auffrischung des Konsumgedankens"
Über Katrin Hartmanns Buch "Ende der Märchenstunde"
von Michael Mentzel

Dies ist ein beinhartes Protestlied
es richtet sich gegen jeden, der sich davon betroffen fühlt.
Also auch gegen mich selbst.
                 Arik Brauer, Liedermacher und Maler

Ich gebe es zu, auch ich bin zeitweise dem schönen Schein eines ethischen Konsumismus auf den Leim gegangen. Nicht dass ich ganz plötzlich zum Paulus geworden bin, immerhin bin ich seit fast 30 Jahren mit der Ökobewegung verbunden und habe - so glaube ich jedenfalls - nie aus den Augen verloren, worauf es ankommt, wenn ich von der Notwendigkeit spreche, dass es nur der Mensch selber ist, der die Kraft zur Veränderung in sich trägt. Und auch wenn der Kollege Max Michels seinerzeit "utopia" nicht vollends verteufeln wollte, so ehrt ihn das gewiss, aber er hätte schon etwas genauer hinschauen können.

Das genauere Hinschauen aber hat jetzt Katrin Hartmann übernommen. Ein Freund empfahl mir das Buch "Ende der Märchenstunde" und die Lektüre dieses Buches hat meine rosarote Lohas-Brille, die in letzter Zeit etwas beschlagen war, mit einem Schlag wieder durchsichtig gemacht. Mit einer enormen Fülle von Informationen macht dieses Buch darauf aufmerksam, wie es sich verhält mit dem ethischen Konsum, mit der Augenwischerei der Konzerne, die ihr grünes Mäntelchen in den Wind hängen, auf dass der Konsument diesem flatternden Etwas mit Inbrunst in die weitgeöffneten Bio-Baumwollärmel und an den ökologisch aufgemotzten Pelzkragen sinkt.

Wir lesen über Politiker, die als "Marionetten der Konzerne" agieren, Unternehmen, die die Vermarktung ihrer Produkte mit Naturschutzprojekten verknüpfen, deren Nutzen, wie im Fall der Krombacher Brauerei nicht ansatzweise dem entsprechen, was die Verbraucher hinter diesem Engagement vermuten. Aber welcher - für den Regenwald trinkende - Konsument (Krombacher) will schon wissen, was wirklich dahintersteckt? Das Gewissen jedenfalls ist erst einmal beruhigt, schließlich ist man ja immer noch besser als der Billig-Biertrinker oder der Autofahrer, für dessen Neuwagen kein Baum, wie bei beispielsweise bei Toyota, gepflanzt wurde. Greenwashing. Schöne neue Konsumwelt für schöne neue Menschen. LOHAS.

Die Autorin entlarvt den "strategischen Konsum" und den Öko-Lebenstil als "eine ästhetische Kategorie", der Konsum des Einzelnen diene dabei "zu nichts weiter als der Selbstveredelung; das gute Gewissen ist dabei der neue, bessere Luxus."
Auch würde, so die Auffassung der Autorin, durch das Verhalten der LOHAS, die an die CSR-Versprechen (Corporate Social Responsibility) der Konzerne glaubten, der Druck von Politik und Kapital genommen, eine wirkliche Änderung hereizuführen. "Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Unternehmen verkaufen ihm (dem LOHAS) bequemen Genuss ohne Reue, er lässt sie dafür in Ruhe."

Das LOHAS-Konzept sei eine "glasklare neoliberale Wirtschaftsideologie" die sich auf eine einfache Formel reduzieren ließe: "Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht." Die Folge sei eine Zementierung der Kluft zwischen Arm und Reich. Denn der LOHAS "kann sich besser fühlen als die stumpfe und schlechtangezogene Masse". Allerdings so Katrin Hartmann, hätte der Hartz IV Empfänger eine bessere Klima-Bilanz als der LOHAS, "der unter dem Heizpilz sein argentinisches Rindersteak isst und auf seinen Weltreisen die letzten Horte der Authentizität sucht."

Katrin Hartmann widmet sich eingehend den Weltwirtschaftsorgansationen und deren Verflechtungen mit den großen Energie- und Pharmakonzernen und listet auch hier so manchen Etikettenschwindel auf, der dem Konsumenten als Fortschritt und als Beitrag zur Nachhaltigkeit und ökologischen Verantwortung der Unternehmen untergejubelt wird. Bittere Bilanz: kaum ein Unternehmen würde inzwischen auf das "Greenwashing" verzichten.

Wellnessbewegung, Fair-Trade, Bio-Konsumenten, echte und unechte Ökos geben sich in diesem Buch die Klinke in die Hand und so lesen wir von der "Kernerisierung" des Fernsehzuschauers: "zuschauen, entspannen und bloß nicht nachdenken." Auf den Leser prasseln die Beispiele nieder, das es nur so kracht, nichts wird ausgelassen. Manchmal tut es geradezu weh, denn alle bekommen ihr Fett ab: die "Weltrettungs-Bionade" genauso wie Toyota, Lidl, McDonalds, der Bio-Boom, die "öko-korrekte Mode".und viele andere mehr. Die ökologischen Feigenblätter sind Legion, das Buch listet einige davon akribisch auf. Wir finden Hintergründiges zu den Herrmannsdorfer Landwerkstätten und andere "Heldengeschichten"; etwa über die Geschichte von Dov Charney, den Chef des Bekleidungsherstellers "american apparel" aus den USA.

Das Buch ist ausgesprochen fundiert recherchiert und selbst wenn man - eigentlich - ja schon fast alles weiß, schließlich ist man ein aufgeklärter Konsument, es ist spannend, was die Autorin auf den über 350 Seiten an Fakten präsentiert. Hin und wieder wird die durchscheinende Bissigkeit durch ein Augenzwinkern etwas gemildert, was dem Lesefluss sehr entgegenkommt.

Alles zu wissen aber bedeutet erst einmal nichts zu wissen, denn: nur die richtigen Schlüsse zu ziehen, Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, kann uns in diesem Wust von Informationen weiterbringen. Dies, so meine ich, ist der Autorin auf vortreffliche Weise gelungen.

HARTMANN, KATHRIN
Ende der Märchenstunde
Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt.
Karl Blessing Verlag - München 2009
384 Seiten, 16,95 €

 

 

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