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 | Foto: © Harald Morsch |

Über Federico Garcia Lorcas "Bernarda Albas Haus" in den Paderborner Kammerspielen. von Michael Mentzel
Die fünf Töchter von Bernarda Alba träumen von einem Mann, der sie aus der Hölle befreit, in der ihre auf Anstand und Reputation bedachte Mutter sie eingesperrt hat, um die nächsten acht Jahre zu trauern. Soeben hat man Bernardas zweiten Ehemann begraben, man erfährt es von der bodenschrubbenden Dienstmagd, die den ohnehin schon blitzblanken Boden scheuert und darüber sinniert, das auch er ihr unter den Rock... "Du wirst mir die Unterröcke nicht mehr hochheben hinter der Stalltür".
So beginnt ein Drama in Schwarz-Weiss, das im weiteren Verlauf die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus diesem weißgetünchten Gefängnis, die Suche nach Freiheit und der unbändigen Lust auf einen Mann, nämlich Pepe el Romano, widerspiegelt. Aber es geht nicht an, dass die Töchter den schönen Pepe in der Kirche gesehen haben. Bernarda: "Nur den Pfarrer darf man anschauen, und auch den nur, weil er Röcke trägt. Eine Frau, die die Augen verdreht, hat es auf die Hitze unter dem Tuch abgesehen."
Zu sehen ist er nicht in diesem Stück, dieser Pepe, aber er ist da, wie der unsichtbare Faden, an dem die Gedanken der sich vor Verlangen verzehrenden Töchter hängen; der zu zerreißen droht, als deutlich wird, dass dieser Pepe nach den Besuchen am Fenster seiner Verlobten Angustias auch noch mit der Schwester Adela im Stall sein Vergnügen hat.
Das Wagnis des Ausbruchs geht Adela ein, die jüngste der fünf Schwestern. Adela, dargestellt von Anna Schönberg, lässt sich nicht beirren. "Ich will nicht alt und runzlig werden wie ihr. Morgen ziehe ich mein grünes Kleid an und gehe auf die Straße. Ich will raus hier!"
Die Dritte im Bunde der Verliebten, Martirio, die Bucklige, die wohl nie einen Freier abbekommen wird, aber sehr genau weiß, was alles geschieht hinter dem Rücken der Mutter, spinnt ihre Intrigen und findet Gehör bei der Dienerin La Poncia, der langjährigen Vertrauten von Bernarda. Diese Martirio, gespielt von Stefanie Breselow, die weder der Einen noch der Anderen den Pepe gönnt, weil sie selbst in ihn verliebt ist, wird am Ende die Katastrophe auslösen, die dafür sorgen wird, das alles so bleibt wie es war und sich doch alles ändern wird.
Dazwischen ein unglaublich dichtes Miteinander, ein geradezu choreographisch daherkommendes exaktes und eindrucksvolles Spiel des hervorragend besetzten Ensembles, durch dessen Leistung eine Spannung aufgebaut wird, die die Zuschauer von der ersten Minute an in Atem hält. Angelika Fornell als Bernarda, stolz und kühl dominant, bedacht auf den "guten Ruf" der Familie, katholisch bis ins Mark. Doch nach einer Weile spürt man die innere Zerrissenheit dieser Frau, die die Trauer als ein willkommenes Mittel benutzt, ihre Töchter vor dem zu schützen, was sie - so glaubt sie - verletzen könnte. Dabei unterschätzt sie die Kraft der Individualität, die unbändige Lust ihrer Töchter auf Sexualität. Dieser Lust nachzugeben würde aber bedeuten, die Konventionen der damaligen Gesellschaft zu sprengen. Undenkbar.
Die auf den ersten Blick etwas naiv erscheinende Angustias - wunderbar gespielt von Kerstin Westphal - weiß genau, dass Pepe nicht hinter ihr, sondern ihrem Geld hinterher ist, aber: "Da muß man so manches in Kauf nehmen". Immerhin ist sie schon vierzig, weiß aber um ihre Situation und behält die Fassung, als Martirio versucht einen Keil zwischen Sie und Pepe zu treiben. Sie hat tatsächlich keine andere Wahl, wenn sie dieser Hölle entkommen will. Sie ist die Einzige, die es schaffen kann, aus dieser Enge auszubrechen.
Rosemarie Wohlbauer spielt die 80jährige Mutter Bernadas. Vor den Nachbarn versteckt, zerzaust und im wallenden Nachthemd, scheint es manchmal, als sei sie, die Verrückte, die einzig Normale: ".. ich schweige nicht. Ich kann diese alten Jungfern nicht mehr sehen, die so lange darauf brennen, zu heiraten, bis ihr Herz zu Asche geworden ist. Ich gehe in mein Dorf zurück, Bernarda. Ich will einen Mann, um Hochzeit zu halten und mich an ihm zu freuen!"
Sehr präsent Isabell Zeumer als La Poncia, die Vertraute Bernardas, die ihrer Herrin den Spiegel vorhält, aber wenig Möglichkeiten der Einflussnahme hat, weil sie eben doch - trotz aller Vertrautheit - nur eine Dienerin ist. Sie aber weiß genau, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die mühsam aufrechterhaltene Fassade - symbolisiert durch das ausschließlich in Weiß gehaltene Bühnenbild - von Unschuld und Reinheit zusammenbricht. La Poncia hat einen klaren Blick für das Kommende und auch sie würde am liebsten fliehen: "Am liebsten würde ich auswandern, übers Meer, und dieses Haus verlassen, in dem jeder gegen jeden kämpft.", sagt sie zur Magd (Nina Mohr). Ein Wunsch, der für die Protagonistinnen dieses Dramas von Federico Garcia Lorca wohl nicht in Erfüllung gehen wird. Unerbittlich nimmt das Schicksal seinen Lauf und kümmert sich nicht um die Wünsche und Begierden der jungen Mädchen im Spanien des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Ist dies alles aber wirklich so lange her? Und ist nicht ähnliches auch heute noch zu erleben? Nämlich überall da, wo eine scheinbar übergeordnete Macht die Fäden in der Hand hält und dafür sorgt, dass niemand aus der Reihe tanzt, sondern unter Einhaltung aller gesellschaftlichen Normen ohne große Widerworte auf ihren vorbezeichneten Bahnen dem Abgrund entgegenrasen? Bernarda Albas Haus, so will es auch heute noch scheinen, ist überall.
Eine sehr überzeugende Regieleistung von Maya Fanke, ein stimmiges Bühnenbild und ein absolut spielfreudiges Ensemble zur Eröffnung der Spielzeit an den Kammerspielen in Paderborn.
In weiteren Rollen Birgit von Rönn, Dagmar Jesussek und Reneé Zalusky.
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