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Zwischen Mantram und Mikro


foto: Ralf Braum

Die buddhistische Nonne Ani Choying gibt Konzerte zugunsten von Schule in Nepal - Deutschlandstart eines bemerkenswerten Films

Von Cornelie Unger-Leistner

 11.06.2008 - Fast zeitgleich mit dem Auftakt der Fußball-Europameisterschaft erlebten rund 200 Personen in der Mainzer Fachhochschule eine ganz andere Premiere: zum ersten Mal lief in Deutschland der Film „One more concert, one more child".

Die Filmemacherin Karin Guse portraitiert darin die buddhistische Nonne Ani Choying Drolma, die mit spirituellen Liedern in Europa und den USA auf Tournee geht und damit eine Schule für Mädchen in Nepal finanziert. Die Künstlerin war in Mainz anwesend und gab in Anschluss an die Filmvorführung ein Konzert. Eingeladen zu der Veranstaltung hatte das Frauenreferat der Fachhochschule Mainz.

Sind in der Öffentlichkeit als Repräsentanten des Buddhismus meist nur Männer präsent, allen voran der Dalai Lama, so berichtet der Film von Karin Guse nun von einem spektakulären Frauenleben im Zeichen dieser Religion.

Als Tochter tibetischer Flüchtlinge 1971 in Nepal geboren fasste Moktan Lama, wie Ani Choying Drolma damals hieß, mit elf Jahren den Entschluss, in ein Kloster einzutreten. Tulku Urygen Rinproche, das Oberhaupt des Klosters Nagi Gompa, wurde ihr Lehrer.

Gesang und Melodik, so erläutert Ani Choying, spielen in den Ritualen des Buddhismus eine große Rolle. Und so wird aus der Novizin, die ein gewaltiges Stimmvolumen mitbringt, im Laufe der Jahre auch eine beachtliche Sängerin. „Ich singe nicht, ich bete," betont Ani Choying im Film und unterstreicht damit den spirituellen Hintergrund, ohne den ihre Darbietung nicht denkbar ist.

Im Jahr 1998 wird sie von dem amerikanischen Gitarristen Steve Tibbetts entdeckt, der eine CD von ihr aufnimmt und ihr vorschlägt, mit ihm auf Tournee zu gehen. Einladungen zu Konzerten aus den USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz folgen und auch in ihrer Heimat Nepal wird Ani Choying bekannt.

„Plötzlich hatte ich Geld, eine Menge Geld aber was sollte ich damit machen?" erzählt sie. Sie kommt auf die Idee, eine Bildungseinrichtung für Nonnen zu gründen. Denn während die Mönche in Nepal durchaus Schulunterricht erhalten, gibt es viele ältere Nonnen, die zwar Gebete und Gesänge perfekt beherrschen, aber noch nicht einmal ihren Namen schreiben können.

Damit sind sie in Nepal nicht allein. Wie man im Film erfährt, sind in dem Land im Himalaya immerhin 40 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen Analphabeten. So gründet Ani Choying die Nuns Welfare Foundation, deren Hauptprojekt die Arya Tara Schule ist, die 18 Kilometer entfernt von der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu liegt. Ein Besuch beim spirituellen Oberhaupt des Buddhismus, dem Dalai Lama, bestärkt die Nonne in ihrem Vorhaben. „Lernen die Nonnen denn auch lesen und schreiben," fragt Ihre Heiligkeit sie, wie sie im Film erzählt und Ani Choying kann dies bestätigen.

Heute besuchen über 50 Mädchen und Frauen im Alter von acht bis 24 Jahren die Schule, mit jedem Konzert kann Ani Choying einen Schulplatz mehr finanzieren. 600 Euro ermöglichen ein Jahr Schulbesuch.

Die meisten Mädchen kommen aus armen Familien, es ist ihre einzige Chance, eine Schulbildung zu erhalten. Im Rahmen einer staatlich anerkannten Schulausbildung werden die jungen Nonnen sechs Jahre lang in Nepali, Englisch, Mathematik, Sozialkunde und Naturwissenschaften unterrichtet. Im Film erzählt Ani Choying stolz, dass drei ihrer Absolventinnen inzwischen eine buddhistische Hochschule in Indien besuchen. Ein Traum, den sie selbst immer hatte, sich ihn aber nie erfüllen konnte.

Die Unterweisungen in den buddhistischen Ritualen finden in tibetischer Sprache statt. Ziel von Ani Choying ist es, dass die jungen Frauen in ihre Dörfer zurückkehren und dort als Lehrerinnen wirken.

Im Film erläutert sie, wie wichtig es ist, bei den Frauen anzusetzen. „Wenn man einen Mann in die Schule schickt, bildet man nur einen. Wenn eine Frau unterrichtet wird, bildest du eine ganze Familie. Denn die Mutter ist es, die dann die Kinder erzieht."

Die Filmemacherin Karin Guse, die die Nonne bei einem Konzert 2003 kennengelernt hat, erzählt Ani Choyings Geschichte mit eindrucksvollen Bildern. Anders als die meisten, die im Himalaya drehen, schwelgt sie nicht in atemberaubenden Landschaftsbildern. Die Landschaft kommt zwar vor, aber sie liefert nur den Rahmen. Guses Kameraführung richtet das Augenmerk vor allem auf die Menschen und ihre Einbettung in das religiös-spirituelle Leben. Einzelheiten über das Land Nepal erfährt der Zuschauer außer den Angaben zum Analphabetismus und zur Situation der Frauen - nicht.

Mehr als vier Jahre hat Karin Guse an dem Film gearbeitet, wegen der schwierigen politischen Verhältnisse in Nepal kam die Arbeit 2005 ins Stocken. Nun ist der Film gerade zu einem Zeitpunkt fertig geworden, zu dem die Weltöffentlichkeit durch Olympiade und Naturkatastrophen verstärkt auf die Region Südasien blickt.

Ein Gedenken an die Opfer der Naturkatastrophen in Birma und China durch ein gemeinsam gesungenes Mantram stand dann auch am Ende des Konzerts von Ani Choying, das im Anschluss an den Film stattfand.

Im Konzert selbst erleben die Zuhörer Wirkung und Faszination des rituellen Gesangs von Ani Choying. Fast scheint es, als versinke der nüchterne Waschbetonbau der Mainzer Fachhochschule zugunsten einer anderen Welt hinter den Dingen, die für das Auge nicht sichtbar, durch den Gesang aber hörbar wird.

Und auch hier wird einmal mehr deutlich, warum die konsequent nach den Regeln und Traditionen des Buddhismus lebenden Menschen gegenwärtig gerade in Europa eine große Anziehungskraft ausüben: mit großer Selbstverständlichkeit und Eleganz bewegt sich Ani Choying, die ja immerhin Nonne ist, zwischen Mantram und Mikro, zwischen tiefer Konzentration und humorvoller Außendarstellung hin und her.

Und so ganz nebenbei, ohne jeden Anflug von missionarischem oder überheblichem vermittelt sie authentisch ihre spirituelle Grundüberzeugung an die Zuhörer, dass es die Gedanken der Menschen sind, die die Welt formen. Ihr Lied „Blumenauge", dessen Refrain sie zum Schluss noch in Deutsch vorträgt, zielt genau in diese Richtung. Durch das Auge der Blume wird die Welt zur Blumenwelt, heißt es darin und: durch das Dornenauge sieht man nur Gestrüpp. Zuvor hatte Ani Choying lachend erklärt, dass es gerade dieses Lied gewesen sei, das ihr in Nepal die Popularität eines Popstars eingebracht habe. „Blumenauge, Blumenauge" rufen die Menschen in Karin Guses Film ihr zu und drängen sich fröhlich um sie, als sie in Kathmandu von Termin zu Termin eilt und eine Schule besucht. Zeit habe sie dort nie, erfährt man, denn zu viele Aufgaben warten auf sie, wenn sie nach den Tourneen zurückkehrt. Da ist sie froh, dass sie einen Führerschein und einen Wagen hat. Auch wenn es für die Menschen in Nepal noch keineswegs selbstverständlich ist, dass eine Nonne Auto fährt.

weitere Informationen:
http://www.choying.de/

 

 

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