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Zwei Kommentare zum neuen Film von Christian Labhart Von Michael Anders und Johannes Anders
Subjektiv und fragmentarisch Von Michael Anders
Den Film finde ich gut; entscheidend ist dabei aber, wie offen bzw. mit welchen Erwartungen man den Film anschaut. Er gibt durch seine erzählende Art keine abschliessende, keine wertende und umfassende Antwort auf die Frage, was denn eigentlich Anthroposophie ist. Er regt dadurch an, sich ein eigenes Bild über Anthoposophie zu machen und dieses in Relation zu den eigenen Vorstellungen und (Vor-)Urteilen zu setzen. Der Film hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit (auch nicht richtig und wahr zu sein), sondern zeigt, wie einzelne Menschen/Subjekte die Impulse von Rudolf Steiner aufnehmen, wie sie in ihrem biographischen Kontext Resonanz finden, was in ihnen individuell anklingt. Es ist kein PR-Film pro Anthroposophie, sondern stellt die Subjektivität, das Individuelle ins Zentrum, er dokumentiert fragmentarisch und nicht exemplarisch Anthroposophen und zeigt auf, wie individuell diese die Anthroposophie interpretieren, verstehen und leben. So gesehen ist der Film sehr offen, authentisch und völlig undogmatisch. Er zeigt schonungslos Widersprüche, Spannungsfelder und Schräges/Bizzarres auf, hinterlässt auch unbeantwortete Fragen. Er zeigt aber auch auf, dass es DIE Anthroposophie nicht gibt, sondern dass sie immer wieder neu gelebt und verstanden werden muss und somit nicht statisch-dogmatisch ist, sondern dynamisch-lebendig. Er stellt dar, dass Anthroposophie eine „evolutive Unternehmung" ist (Bodo von Plato) und somit einen individuellen Entwicklungsweg darstellt.
Mit Anthroposophie muss man sich selbst aktiv auseinandersetzen. Der Film liefert keine klaren und einfachen Antworten und ist nicht abschliessend. Dadurch regt er an zum Denken und Diskutieren. Richtig und falsch gibt es kaum und wer solch klare, umfassende und abschliessende Antworten von diesem Film erwartet, wird enttäuscht. Es ist eine Art Dokumentarfilm, der zeigt, dass Anthroposophie Menschen bewegt und letztlich befreit, dass Anthroposophie eine Geisteshaltung und kein Lebensrezept ist und dass darum das Praktizieren bzw. aktiv-bewusste (Aus-) leben im konkreten Fall halt sehr individuell sein kann.
„Anthroposophie heute" als Untertitel finde ich gewagt, da dieser Untertitel suggeriert, die im Film dargestellte anthroposophische Lebensführung und Praxis sei absolut, vollständig und state of the art, was ja bei weitem so nicht stimmt. Als Untertitel würde besser passen: „Anthroposophische Fragmente" oder „Momentaufnahmen der Anthroposophie" oder eine Kombination von beidem.
Auch wenn ich persönlich nicht die Erwartung habe, dass dieser Film Anthroposophie umfassend darstellen kann und soll, so finde ich es doch bedauerlich, dass neben Eurythmie und den knappen Bemerkungen von Bodo von Plato nur gerade Landwirtschaft und etwas Pädagogik vorkommt. Die ganze Medizin ist mit keinem Wort erwähnt, das finde ich sträflich und fast unverzeihbar für einen solchen Film. Er hätte genauso wie Martin Ott im gleichen Stile zum Beispiel Silvia Briggen von der St. Peter Apotheke, Dr. Michaela Glöckler, Leiterin der Medizinischen Sektion am Goethanum oder Lukas Rist, Spitaldirektor des Paracelsus-Spitals Richterswil und/oder jemanden von Weleda / Wala / Hauschka etc. befragen können und zusätzlich zum Beispiel auch noch jemanden von der Freien Gemeinschaftsbank, z.B. Geschäftsleiter Markus Jermann, das vor allem auch aus aktuellem Anlass (Wirtschaftskrise). Der Film ist wie gesagt, sehr subjektiv und fragmentarisch und als solcher sollte er auch deklariert und verkauft werden. Der Film greift Anthroposophie auf, bleibt aber irgendwie doch plötzlich stehen.
von Johannes Anders
Der Film zeigt, etwa in Aussagen von Christoph Graf, Director of Arts und Eurythmist am Kulturzentrum Sekem in Ägypten, der Politaktivistin und Betriebseurythmistin Claudine Nierth, von Bodo von Plato, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum Dornach, vor allem aber in den aus der Praxis heraus kristallisierten, überzeugend dargestellten Einsichten und Erkenntnisssen von Susanne Wende, Lehrerin an der Rudolf Steiner Schule Kreuzlingen, ganz besonders aber vom Anthroposophen Martin Ott, engagierter biologisch-dynamischer Landwirt, Betreuer geistig Behinderter und im Leitungsteam am Gut Rheinau (Stiftung Fintan), sowie Liedermacher der Gruppe „Baldrian", welche Gedanken Rudolf Steiners diese praktisch tätigen Menschen in ihrer täglichen Arbeit begleiten und unterstützen.
Was ich trotzdem vermisse, ist ergänzend zu den knappen Erwähnungen der ganz konkrete, wichtige Hinweis, dass sämtliche Initiativen und Tätigkeitsbereiche nicht denkbar und lebendig wären ohne den grossen Hintergrund der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners und seiner Erkenntnisse und Lehren vom Übersinnlichen und der Geistigen Welt! Aber das klammert der Filmemacher erstaunlicherweise weitgehend aus, wofür ein Zitat von Waldorflehrerin Vera Hoffman am Schluss dieses Textes eine Erklärung bieten kann. Im übrigen gilt wie bei allen anderen Wissenschaften auch hier: Zu einem gültigen Gesamturteil kommt man nur, wenn man sich intensiv mit der Materie und den Schriften Steiners beschäftigt. das aber tun längst nicht alle, die meinen, etwas Kritisches zu Anthroposophischem aussagen zu können/müssen (siehe Homberger’s seltsam undifferenzierte, ja zuweilen peinliche Abwehrmechanismen - Aversionen, die u.a. auf einem persönlichen, nicht repräsentativen Vorfall fussen, wobei er ausklammert, dass er das, was er heute ist, der Steinerschulerziehung und der hier praktzierten künstlerischen Erziehung und Kreativitätsförderung zu danken hat).
Bei allen Bestrebungen des Filmemachers um eine gewisse Ausgewogenheit und das angestrengte Vermeiden des Eindrucks, es handele sich um einen PR-Film, stellt sich jedoch beim Bemühen, auch extrem unterschiedliche Persönlichkeitsprofile mit ihren Beziehungen oder Nichtbeziehungen (Homberger) zur Anthroposophie zu zeigen, das mehrmalige Erscheinen des schillernden, pseudo-zeitgemässen, selbsternannten Anthroposophie-„Missionars" Sebastian Gronbach als irritierende, zu Missverständnissen verleitende Fehlbesetzung dar. Was soll der unbefangene, die Szene nicht kennende Filmbesucher von so seltsamen, vielleicht auch als Anbiederung an „Aussenstehende" zu verstehenden Äusserungen halten wie "einige Worte Steiners sind "bullshit", wenn er im Zusammenhang mit Paarbeziehungen ganz im Sinne des Freiheitsgedankens der Anthroposophie, wie er meint, die verschiedenen zwischenmenschlichen Konstellationen lobt, die z.B. in sogenannten Swinger-Clubs*** möglich sind, wenn er Disco Music, Techno und Rave absolut im Einklang mit der Anthroposophie sieht, wenn er Ausschnitte des US-amerikanischen Science-Fiction-Cyber-Thrillers „Matrix" zeigt und diesen als eine Art zeitgemässes Mysterienspiel begreift, oder wenn er meint, sich als Boxer präsentieren zu müssen.
Dass er im übrigen noch einmal das längst abgehandelte Thema von Steiners Rassismus-Äusserungen effektheischend aufgreift, obwohl schon lange geklärt ist, dass sie aus dem Kontext gerissen erstens zu Missverständnissen führen können und zweitens aus seiner Zeit heraus zu verstehen sind, zeigt, dass er hier entgegen der aktuelle Rechtslage auf Polemik macht, denn sämtliche gerichtlichen Klagen, die bis jetzt international zu einzelnen diesbezüglichen Stellen im Werk von Steiner gegen die Herausgeber angestrengt wurden, sind alle vollumfänglich abgewiesen worden. Aber davon kein Wort. Vorstandsmitglied Bodo von Plato bemüht sich im Film allerdings auch zu diesem Thema um dezente Klarstellung.
„Anthroposophie heute", bei diesem zu hochgegriffenen Untertitel stellt sich generell nicht nur die Frage, was will uns der Filmemacher eigentlich sagen, sondern auch, ob der Versuch, anhand der umstrittenen Person Gronbach zu zeigen, welch breites, disperates Personenspektrum sich für Anthroposophisches oder Verwandtes interessiert, nicht ein zweischneidiges Unterfangen darstellt, das gängige Vorurteile von verschiedenen Seiten bestätigt, anstatt zumindestens vermehrtes Interesse zu wecken. Für die Reaktion so mancher fragender Zuschauer dürfte am Schluss trotz der positiven Beispiele vielleicht doch ein Ausspruch von Thomas Hürlimann zutreffen: „Meine Antennen zappeln ins Leere".
Gegen Ende des Films formuliert Martin Ott beim Hornmistpräparat-Rühren ein wichtiges, allgemeingültiges Statement, das man eigentlich Christoph Marthaler-Sänger Christoph Homberger (er ist übrigens Sohn von Thomas Homberger, bekannter, ehemaliger Lehrer der Steinerschule Zürich) und manch anderen ins Stammbuch schreiben möchte: „Wenn man mich fragt, was ist das Zentrale für mich als Mensch, aber auch als Anthroposoph, dann muss ich sagen, ich will einer sein, der nie aufhört, zu suchen".
Zum Schluss ein Zitat von Vera Hoffmann aus einer längeren Filmbesprechung im anthroposophischen Monatsheft und Veranstaltungskalender „agora": "Christian Labhart, Vater zweier junger Erwachsener, die die gesamte Steinerschulkarriere durchgemacht haben, nun seine Frau ein wenig in ihrem Unterricht als Waldorfklassenlehrerin unterstützend, sucht und findet seinen Weg in die Anthroposophie nicht wie viele andere Menschen im Studium von Rudolf Steiners Werken sondern im Studium von Menschen, die in die eine oder andere Richtung von diesem Werk berührt wurden".
P.S. An eine Kulturredaktorin des Schweizer Radios, die einen Kurzbericht von der Basler Aufführung verfasste und der ich nachträglich die 2 Kommentare sandte: "Nachdem ich den Film nun zum dritten Mal im Kino gesehen habe, konnte ich doch allerhand Positives, ja Bewegendes entdecken bzw. richtig gewichten, was in den Kommentaren noch nicht richtig erwähnt wurde, weil mich der Gronbach u.a. mit seinem Loblied auf "Swinger Clubs" als ganz im anthroposophischen Sinne neue Form und Möglichkeit des Aufbaus zwischenmenschlicher Beziehungen ! (viele brave Bürger und Anthroposophen wissen, wie ich festgestelt habe, garnicht so genau, was das ist) ziemlich irritiert und abgelenkt hat". Dafür, dass Labhart, obwohl er die Existenz einer geistigen Welt und analog zu Homberger damit auch Reinkarnation ablehnt, wie er bei der Basler Vorführung postulierte, präsentiert der Filmemacher doch allerhand offene Einblicke in die überzeugende Arbeit einzelner von Anthroposopie inspirierter ZeitgenossInnen.
(*** Swinger-Club ist ein Ort der Zusammenkunft, an dem Menschen die Möglichkeit gegeben wird, Gruppensex zu betreiben. Neben Gruppensex gilt auch der Partnertausch oder die Befriedigung des Voyeurismus und Exhibitionismus als Antrieb der sogenannten Swinger. Wikipedia).
Autorennotiz: Michael Anders (Sohn von J.A.) ist ehemaliger Schüler einer Rudolf Steiner Schule und heute im Bildungsbereich tätig.
Johannes Anders ist ebenfalls ehemaliger Steinerschüler und zwar der Rudolf Steiner Schule Schloss Hamborn, Anthroposoph und seit vielen Jahren freier Musik- und Kulturjournalist und Editor eines eigenen Newsletter-Service. (www.andersmusic.ch )
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