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Basic und Lidl oder was wollen Sie um drei Uhr nachts mit Demeter-Getreide? ein Kommentar von Michael Mentzel
Das waren noch Zeiten! Die neuen Läden verkauften Nicaragua-Kaffee und fair gehandelten Rotwein aus Frankreich, den die Ladner noch selbst beim Winzer abholten. Nix Bio, dafür aber anders. Ein Gegenentwurf zum gängigen Handel, der auf Zentralisierung und Massenmärkte setzte und auf einen seelenlosen Umgang mit den Lebensmitteln, den Mitteln zum Leben, die auch bald nicht mehr Lebens- sondern Nahrungsmittel hießen.
Aber plötzlich die Bio-Läden: auf einmal gibt es Vollkornbrot aus Demeter- oder Bioland-Anbau, Getreide, Weizen Roggen und Hafer eigenhändig abgepackt oder lose aus dem Sack. Brotaufstriche, Milchprodukte, Gewürze und vieles andere, was heute selbstverständlich ist und was es damals nur in den biederen Reformhäusern gab.
Die Bio-Ladner waren langhaarig, langmütig und manchmal auch - ein bisschen - langweilig. Mit Birkenstock-Sandalen und vor allem politisch. Dabei friedlich und irgendwie immer lieb. Politisch war man grün, beruflich Sozialarbeiter, es gab Aufklärung über Zusammenhänge von Butterbergen und Milchseen, über Chemie auf Äckern und damit auch im Essen und immer wieder neue Ansätze zum Leben mit der Natur, Fragen zu Nachhaltigkeit und der Versuch des schonenden Umgangs mit den Ressourcen.
Die KundInnen? Getreidemühlen von Hawo oder Schnitzer, Kiefernholz und Umweltschutzpapier, Sonett und Lavexan in der Waschmaschine. Wenn auch der Frischkornbrei am Morgen nicht jedermanns Geschmack war, es wurden neue Dinge ausprobiert, experimentiert, es gab neue Rezepte und viele Fragen zum Anbau und zur Vermarktung. Vollkornmehl unterhalb 1700 war des Teufels und der sonntägliche Öko-Kuchen sorgte für Stress mit der Schwiegermutter. "Habt ihr "zufällig" ein bisschen Zucker im Haus?"
Bio-Hofbesichtigungen wurden organisiert und neue Handelsformen etablierten sich. Der Zentralisierung wurde durch so genannten Regional-Verteiler begegnet, in denen Menschen arbeiteten, die etwas anders machen wollten. Dabei immer im Vordergrund, die Qualität und das Bewusstsein, nur "eine Welt" zu haben und "keine zweite im Kofferraum"...
...und die Moral von der Geschicht´? Es gibt keine.
Wer glaubt, so etwas gäbe es nicht mehr, weil alle Bio-Läden (die heute Naturkost-Fachgeschäfte heißen) heute so aussehen wie damals die ersten Computerläden, weil heute die Hochglanzprospekte auf Sonderangebote hinweisen wie die ersten Mediamarkt-Prospekte, der irrt. Denn es gibt sie noch, diese liebenswerten "Spinner", die nicht aufgegeben haben, die Welt als ein Ganzes zu sehen, die ihre Träume leben und auf diese Weise etwas verwirklichen, was seit Jahrhunderten den Menschen bewegt: Brüderlichkeit im Handeln, Freiheit im Denken und Gleichheit vor der roten Ampel (rote Ampel deshalb, weil sich fast jeder an diese "Gesetze" hält).
Vielleicht steht nicht Basic über der Ladentür und auch nicht Bio-Supermarkt, sondern Kornblume, Natura, Momo oder Regenbogen. Und wenn auch das alte Bild so wie oben beschrieben nicht mehr zu finden ist, weil sich die äußeren Formen verändert haben und die Läden heute hell, lebendig "professionell" und freundlich wirken; der Geist, der solche Läden durchweht, kann noch gespürt werden. Schnuppern Sie mal, es ist noch nicht zu spät.
Sollten Sie aber tatsächlich mal eine Kleinigkeit vergessen haben, Lidl oder Basic hat bestimmt demnächst rund um die Uhr geöffnet. Aber mal ganz ehrlich: was wollen Sie um drei Uhr nachts mit Demeter-Getreide?
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