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In der Wahrheit leben – um zukunftsfähig zu werden! Ein Nachruf auf Vaclav Havel von Otto Ulrich
Das war zu erwarten, jetzt nach dem Tode von Vaclav Havel – ein Blick auf die Fülle aufsprossender Nachrufe zeigt an, was scheinbar allein angesagt ist: Der verstorbene Dichter-Philosoph droht, was er sicherlich stets ironisiert hätte, versteinert zu werden; er wird historisiert und auf den Sockel gehoben, als einer, der buchhalterisch und rückwärts gesehen, seine historische Leistung vollbracht hat. Unscharf bleibt, dass er auch für die Bewältigung der Zukunft, deren Probleme uns gegenwärtig massiv umstellen, eine Menge zu sagen hatte – wenn man ihn beim Wort nehmen würde, nämlich "in der Wahrheit zu leben!"
Genau darum aber wird hier ein Bogen gemacht. Wer möchte schon in der Wahrheit leben? Noch werden die gesellschaftlichen Verhältnisse, die nie eine Zukunft hatten, weiter vom westlich Blockdenken bestimmt – um nicht in der Wahrheit leben zu wollen. Aber es geht darum, wie uns Vaclav Havel zuruft: es gilt der Wahrheit, dem Leben unter der Diktatur der Abhängigkeiten von ressourcenverschleudernden Zwängen endlich ins Auge zu sehen.
Vaclav Havel gebührt gewiss - und auch berechtigt - ein Denkmal und ein Platz in der europäischen Geschichte der Ueberwindung eines diktatorischen Regimes. Künftige Geschichtsbücher werden verzeichnen, was jetzt überall zu lesen ist: Er war eine Ikone im Kampf gegen den Totalitarismus, er war als Symbolfigur der Vater der „friedlichen Revolution" in Osteuropa. Aber es gebührt ihm mehr als das, als Literat hat er mehr gefordert, als er als Politiker einlösen konnte – aber genau darum geht es, soll es gelingendes Leben in der Zukunft geben.
Wir sollten Vaclav Havel als Visionär genau dort Ernst nehmen, worauf es jetzt und weltweit ankäme: Will die Weltfamilie eine Zukunft zu erreichen, in der das, was er seinem Volke als Weg in die Freiheit aufgezeigt hatte, zum Massstab des Politischen wird, sind wir gefordert, eine Weltpolitik zu formulieren, deren Schlüssel die Menschenrechte und die Bürgergesellschaft sind.
Nur damit, und viele wissen es längst, können wir das zu ordnende Reich öffnen, um die Selbstbestimmung des Individuums endlich zur Entfaltung kommen zu lassen, nur damit wird Gerechtigkeit zwischen den Völkern in not-wendender Weise gestaltbar.
Das gehört ebenfalls zum Credo von Vaclav Havel, wird aber gern übersehen: Hinter der Oberfläche seiner dichterischen Worte wird eine Spiritualitaet erahnbar, die allein Zukunftsfähigkeit möglich macht: Der Sinn des Lebens liegt jenseits des gefüllten Bankkontos – denn genau dort, im kommenden Reiche einer Kultur der Mäßigung beginnt das, was Politik im Zeichen der nicht-gelingenden Klimawende zu leisten hätte; das Scheitern in Durban hat es jetzt erneut gezeigt.
Die Welt braucht noch viele Havels, er würde uns sagen, nur eine weltweite Bürgergesellschaft wird die globale Klimagerechtigkeit voran bringen. Denn, und das haben die Prager Ereignisse von 1989 uns in die Geschichtsbücher geschrieben, "top-down" - Lösungen gehen an der Wahrheit vorbei, "bottom-up" aber, die wachsende globale Bürgerbewegung von unten, die Occupy-Bewegung, versucht in der Wahrheit zu leben.
Vaclav Havel zeigt, was die Zukunft der Welt braucht: eine Demokratisierung, eine von Bürgergremien getragene und sozial gestaltete Kultur der angepassten Technologien, nur diese wird voran bringen, was angesagt ist, "in der Wahrheit ohne Verbiegung leben zu können".
Vaclav Havel hat bei der Umstülpung Osteuropas in der ersten Reihe gestanden, er hat den Kadern des Blockdenkens auch im Gefängnis widerstanden - diese Erfahrungen werden gebraucht: ein dringlicher weltweiter Klimakonsens ist gefordert, wir alle brauchen im Zeichen der Menschenrechte eine globale Umstülpung: das forcierte Festhalten an einem emissionsreichen Wirtschaftmodell verstößt nachweislich gegen die elementaren Rechte jener Heerscharen von Klimaflüchtlingen, die durch westliches Blockdenken permanent daran gehindert werden, ihr Menschenrecht auf gelingendes Leben wahr nehmen zu können.
Hier liegen die Politikfelder, um Zukunftsfähigkeit zu erreichen. Wir müssen, um der Zukunft gesellschaftlichen Zusammenlebens eine Chance zu geben, in Vaclav Havel einen unserer wenigen Weltenvordenker sehen, wir können von ihm lernen, was es bedeutet, in der Wahrheit anzukommen. Gehen allerdings müssen wir diesen Weg nach seinem Tode allein; aber hat er uns nicht gezeigt, dass es gelingen kann?
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