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In eigener Sache

01.08.2010

mm/tdz - Leider ist uns vor einiger Zeit bei der Arbeit am Archiv unserer Seite einiges verloren gegangen. So auch der nachfolgende Beitrag von Detlef Hardorp. Wir hielten das nicht für sonderlich tragisch, andere "Leser" offensichtlich schon. Damit nun der Waldorf-Werklehrer und selbsterannte Sachverständige in Sachen Anthroposophie Andreas Lichte nicht länger greinen und seine kostbare Zeit mit dem Verfassen neuer "Neuigkeiten" bei den Ruhrbaronen verbringen muss, haben wir keine Kosten und Mühen gescheut, zumindest diesen Artikel ("unzeitgemäßes Vokabular" von Detlef Hardorp) wieder einzustellen, nachdem Herr Laurin von den Ruhrbaronen so nett war, den - unzulässigerweise komplett - im Rahmen eines Blog-Kommentars eingestellten Beitrag wieder zu löschen. So einfach ist das. Leider scheint Andreas Lichte dem Weg des "investigativen" Schreiberlings Grandt  zu folgen, der inzwischen beim Kopp-Verlag eine neue Heimat gefunden hat. Anders - so meine ich - lassen sich Lichtes seltsame Einlassungen nicht erklären. Wie aber ein aus meiner Sicht gutes Blogangebot wie die Ruhrbarone jemandem wie Andreas Lichte ein solches Forum bieten kann, ist für mich allerdings nicht ganz nachvollziehbar. Aber muss ja auch nicht.

Mehr über Andreas Lichte finden Sie übrigens auch hier >

 

Unzeitgemäßes Vokabular

Umgang mit dem Werk Rudolf Steiners. Ein Beitrag von Detlef Hardorp
erschienen am 1.9.2006 in der Wochenschrift Das Goetheanum mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die öffentliche Rezeption des Werks Rudolf Steiners ist immer wieder vom Vorwurf des Rassismus geprägt. Detlef Hardorp, bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg und Vertreter der deutschen Waldorfschulen beim ‹European Council for Steiner Waldorf Education›, möchte anregen, sich von veraltetem Vokabular aus dem Werk Steiners durch eine Stellungnahme öffentlich wirksam zu verabschieden.

Vor einem Jahrhundert waren sich Europäer noch weitgehend einig, daß die westliche Zivilisation der Weißen den Kulturen der ‹wilden›, meist farbigen Völker überlegen sei. Heute distanziert man sich von derartigen Gesinnungen. Dabei verschiebt man den Hochmut gegenüber anderen Völkern jedoch meist unbemerkt an eine andere Stelle: Er wird zum Hochmut gegenüber der Vergangenheit. Schon die Beschäftigung mit Texten von vor einem Jahrhundert, die in der Diktion der damaligen Zeit gehalten sind, wird von Moralwächtern der Gegenwart als verächtlich betrachtet.

Zeit für eine Stellungnahme

Andererseits sollte man anerkennen, daß die sozialen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts gewaltig sind. Man hat sich in Europa fortbewegt von einer schutzlosen und skrupellosen Gesellschaft der Ausbeutung der sozial Schwächeren zu einer Gesellschaftsform, die die Würde des einzelnen wahrt und noch mehr wahren will. Unsere Gegenwart ist eine um soziale Gerechtigkeit ringende. Der Schreck über die Opfer von Europas und Nordamerikas Aufstieg zu Wirtschaftsimperien schärft das gegenwärtige, auch rückblickende soziale Bewußtsein, und das ist erfreulich. In diesem Zuge geraten die Schriften Rudolf Steiners unter die Lupe akademischer Linker, Theologen, Atheisten, und sie alle stellen fest: Seine Äußerungen zu den verschiedenen Rassen seien rassistisch. Vom Fernsehen aufgegriffen, erreichen diese Vorwürfe ein Millionenpublikum. Da kann die allerbeste Öffentlichkeitsarbeit glaubhaft und überzeugend die Modernität anthroposophischen Wirkens herausstellen, da können sich Anthroposophen fundiert mit den angegriffenen Äußerungen Steiners auseinandersetzen und diese in bestens recherchierten Büchern darstellen: In der öffentlichen Meinung bleiben die Vorwürfe dennoch hängen und drohen das Bild von Rudolf Steiner und der Anthroposophie in der Öffentlichkeit zu überlagern. Anthroposophische Einrichtungen werden noch geschätzt, weil sie durch ihre Taten überzeugen. Die dahinterstehende anthroposophische Gesinnung wird aber durch die Medien als etwas Gefährliches verbrämt. Ist es nicht an der Zeit, sich über angemessene und öffentlichkeitswirksame Stellungnahmen Gedanken zu machen? Die Anthroposophische Gesellschaft in den Niederlanden hat das im Kontext des heutigen niederländischen Strafrechts bereits vor Jahren getan (‹Goetheanum› Nr. 15/2000), mit der Wirkung, daß dort die Rassismusvorwürfe so gut wie aufhörten. In meinem Bericht über die jüngste Berliner Kritiker-Tagung habe ich einige Aspekte des Problems kommentiert (‹Goetheanum› Nr. 33-34/2006). Auch auf der Webseite der Berlin-Brandenburgischen Arbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen finden sich Stellungnahmen zu den im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Diffamierungen von ‹Frontal21› (2006) und ‹Report Mainz› (2000).1Wir haben jeweils deutlich reagiert. Tausende lesen unsere Webseiten, aber das Fernsehen erreicht Millionen.

Nur Verteidigung Rudolf Steiners?

Aus Sicht der Kritiker verteidigen wir stets nur Steiner, zeigen keinerlei kritische Distanz und wirken bestenfalls apologetisch. Jana Husmann-Kastein sah auf der Kritiker-Tagung in Berlin die größte Gefahr darin, wenn Verteidiger versuchen, «die übelsten Zitate zu verharmlosen oder zu relativieren». Das habe in der Stellungnahme des ‹Bundes der Freien Waldorfschulen› zum ‹Frontal21›-Beitrag von Rainer Fromm einen Gipfel erreicht. Denn bei www.waldorfschule.de ist unter ‹Aktuelles› zu lesen: «Rainer Fromm führt in seinem Beitrag [...] Zitate aus einem Vortrag vor Bauarbeitern aus dem Jahr 1923 an. Dieser Vortrag stellt eine Auseinandersetzung Steiners mit den rassistischen Vorurteilen seiner Zuhörer dar und zielt darauf ab, diese Vorurteile zu entkräften. Steiner geht es gerade darum, zu zeigen, daß entgegen damals weitverbreiteten Vorurteilen die ‹Neger› ebenso Menschen sind wie die Weißen.» Husmann-Kastein sprach hier von einer «Verfälschung von Tatsachen und einer Verharmlosung des Werkes Steiners».

Nicht so schwarzweiß wie kolportiert

Diese Formulierung des ‹Bundes› ist tatsächlich mißverständlich. Immerhin handelt es sich um den berüchtigten Arbeitervortrag vom 3. März 1923. Allein fünf der zwölf im niederländischen Zwischenbericht als heute stark diskriminierend klassifizierten Äußerungen stammen aus diesem Vortrag. Dort greift Steiner ein damals weitverbreitetes Vorurteil über ‹das starke Triebleben› und ‹Instinktleben der Neger› auf, eine Eigenschaft, die er Weißen und Asiaten nicht zuspricht. Die jeweiligen Konstitutionen dieser drei Menschengruppen werden in diesem Vortrag erst einmal voneinander abgesetzt. Wobei Steiners Ausführungen so schwarzweiß auch nicht sind: Das Wort «Triebleben» wird im Vortrag positiv verwendet, um die «lebhafte Ausbildung» dessen zu repräsentieren, «was mit dem Körper und mit dem Stoffwechsel zusammenhängt». Eine ähnliche Konstitution spricht er im selben Vortrag auch den Amerikanern weißer Hautfarbe zu und wertet dies wiederum als vorteilhaft: «Es wird eben mehr durch den ganzen Menschen eingesehen. Das haben die Amerikaner dem Europäer voraus.» Der Afrikaner und der Amerikaner seien schon dort innerlich Mensch, wo der Europäer dies erst entwickeln müsse, indem er «am Geiste schaffe». Letzteres sei allerdings das Zukünftige. «Daher ist Europa immer der Ausgangspunkt für alles dasjenige gewesen, was nun das Menschliche so entwikkelt, daß das zu gleicher Zeit mit der Außenwelt in Beziehung kommt. Erfindungen sind in Asien sehr wenig gemacht worden. » Dafür werden aus dem mehr innerlich- atmend ‹Träumerischen› des Asiatischen «so wunderschöne Dichtungen aus dem ganzen Weltenall» entwickelt. Kritiker leiten aus einigen dieser Äußerungen eine rassistische Abwertung andersfarbiger Völker ab, bisher aber stets ohne den Gesamtkontext dieses Vortrages berücksichtigt zu haben, in dem Steiner den Rassismus seiner Zeit streckenweise auf den Kopf stellt: Schwarze und Asiaten «bleiben innerlich Mensch», während «die armen» europäischen Weißen durchihr mehr selbständiges Denken die Tendenz haben, dem Materialismus zu verfallen und damit ihr innerliches Menschsein zu gefährden. «Es ist einmal so beim Menschengeschlecht, daß die Menschen über die Erde hin eigentlich alle aufeinander angewiesen sind. [...] Das ergibt sich schon aus ihrer Naturanlage.» Diese Wendung ist bei Steiner typisch: was er zuvor als Naturanlage - manchmal auch mit derben Worten - differenziert hat, soll wieder zusammenkommen, gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt.

Menschliche Naturanlagen

Hier stellt sich die Frage, inwiefern es in der heutigen Zeit überhaupt noch erlaubt ist, über Naturanlagen zu sprechen, auch wenn man es nicht mit rassistischer Absicht tut und selbst wenn man dabei betont - wie es Steiner selten versäumte -, daß bei allen Charakterisierungen der ‹Hüllennatur› des Menschen der autonome menschliche Kern unantastbar bleibt. Gegen die in den letzten Jahrzehnten entstandene wissenschaftliche Haltung, daß der Rasse-Begriff bei Menschen keinerlei Bedeutung habe, kam in letzter Zeit aus der Naturwissenschaft Widerspruch. In einem Artikel in der ‹New York Times› vom 14. März 2005 schrieb der Biologe Armand Leroi, daß Naturanlagen konstitutionell zwischen bestimmten Gruppierungen voneinander abweichen können. Die gängige Sicht, die das ablehnt, enthalte ‹Lewontins Trugschluß›, den der Harvard- Psychologie-Professor Steven Pinker so umreißt: Weil die meisten Gene in allen menschlichen Gruppierungen zu finden seien, könnten sich diese Gruppierungen nicht unterscheiden. Nun habe man aber herausgefunden, daß Korrelationsmuster der Gene bei verschiedenen menschlichen Gruppierungen durchaus verschieden seien und daß die verschiedenen Genanhäufungen denjenigen Menschengruppen entsprächen, die man immer schon als Hauptrassen der Menschheit angesehen hat.

Diese Diskussion scheint im deutschsprachigen Raum bisher kaum zur Kenntnis genommen worden zu sein. Sie ist nicht ungefährlich, da derartige Argumente für eine Rechtfertigung des Rassismus benutzt werden könnten. Auf der anderen Seite sollte die Angst vor Rassismus nicht den Blick auf die Realität der Vielfältigkeit des menschlichen Wesens verstellen. Letzteres wollte Rudolf Steiner charakterisieren. Es ist legitim, dieses Anliegen weiterzuverfolgen, wenn es mit der richtigen Gesinnung geschieht. Die grundlegende anthroposophische Gesinnung zu diesem Thema hat schon der junge Rudolf Steiner im Schlußkapitel seiner ‹Philosophie der Freiheit› unmißverständlich charakterisiert: «Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt.» Vielfalt der Kulturen Auch heute noch ist es akzeptabel, über die verschiedenen Kulturen der Welt zu denken und zu schreiben. «Asiaten und Westler wirken aufeinander oft wie Außerirdische », hieß es zum Beispiel in der ‹Zeit› vom 30. September 2004. Menschen sind nicht nur als Individuen, sondern auch als Teilhaber verschiedener Kulturkreise zu unterscheiden. Wenn man die Vielfalt der Kulturen respektieren will, muß man die Vielfalt in ihrer vollen Tiefe anerkennenund zu ihr auch einen inneren Bezug suchen. Wegen der Gefahr einer Stereotypisierung von Menschen ist man aber heutzutage mit der Charakterisierung grundlegender kultureller Differenzen sehr zurückhaltend geworden. Diese Zurückhaltung birgt aber die Gefahr in sich, daß Menschen nicht genügend in die Andersartigkeit der großen Kulturen der Welt eintauchen und somit keinen Bezug zur inneren Haltung anderer Völker finden können. Früher hat man diese Kulturkreise einfach unter dem Rasse-Begriff zusammengefaßt, indem man zum Beispiel von einer ‹British race› sprach. Dieser Sprachgebrauch ist heute nicht mehr zeitgemäß.

Anthroposophische Inhalte, die einer stets notwendigen inhaltlichen Prüfung standhalten, kleben aber nicht an einem veralteten Vokabular.

Sieht man vom unzeitgemäßen Vokabular einmal ab, findet man bei Steiner interessante Charakterisierungsversuche kultureller Differenzen, die er einerseits zu Erdeinwirkungen und andererseits zu kosmischen Typologien in Beziehung setzt. Allerdings war Steiner auch ein Mensch seiner damaligen Zeit und referierte streckenweise lediglich damals gängige Ansichten. Unterzieht man sich nicht der Mühe einer historischen Kontextualisierung, könnte man eine längst überholte Einstellung der vorletzten Jahrhundertwende mit einer geisteswissenschaftlichen Einsicht Steiners verwechseln. Das wäre peinlich.

Das heutige Umfeld beachten

Auf der Suche nach einer historischen Kontextualisierung gab ich kürzlich in eine Suchmaschine die Worte ‹Triebleben der Neger› ein. Internet-Suchmaschinen sind für geschichtliche Quellentexte schlecht geeignet - ich fand nicht, was ich suchte. Dabei fand ich aber eine wahre Flut von Seiten, die diesen Ausdruck aus diesem Arbeitervortrag zitieren, um Steiner in ein schlechtes Licht zu stellen. Noch mehr erschrak ich, als ich endlich eine Seite fand, die nicht auf Steiner Bezug nahm: eine einschlägige rechtsextremistische Seite, wo heute über das ‹Triebleben der Neger› rassistisch diskutiert wird! Wenn wir uns nicht von diesem in Abgründe abgeglittenen Vokabular deutlich distanzieren, läuft Anthroposophie Gefahr, in der öffentlichen Meinung mit in den Abgrund zu gehören. Wäre Steiner nicht der erste gewesen, der sich, heute in den sozialpolitischen Diskurs gestellt, als Mensch der heutigen Gegenwart, von solchen, den fortschreitenden, um Brüderlichkeit ringenden Zeitgeist nichtadäquaten, zeitgebundenen Äußerungsweisen mit Leichtigkeit verabschieden würde? So formulieren würde er sie heute jedenfalls nicht mehr. Es geht mir nicht darum, sich von einem Teil der Anthroposophie zu distanzieren, im Gegenteil. Alle Aspekte der Anthroposophie sollten sowieso kritisch geprüft werden, hat Steiner selbst schon vor 100 Jahren gefordert und wollte damit zu eigener Erkenntnis anregen. Anthroposophische Inhalte, die einer stets notwendigen inhaltlichen Prüfung standhalten, kleben aber nicht an einem veralteten Vokabular, von dem wir uns getrost distanzieren können - es wird in der heutigen anthroposophischen Arbeit längst nicht mehr benutzt und hat sich faktisch durch die historische Distanz schon selber von der Gegenwart distanziert, wenn man von rechtsradikalen Kreisen absieht. Täte das eine offizielle Instanz innerhalb der anthroposophischen Bewegung, würde ein Zitieren von Halbsätzen Steiners mit diesen Ausdrücken seine journalistische Brisanz weitgehend verlieren. Das aber ist erst die Voraussetzung, eine anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit betreiben zu können, durch die das Zukunftsweisende der anthroposophischen Gesinnung zum Vorschein kommen kann. Es reicht nicht mehr aus, auf gute Bücher zu verweisen und dazu zu bemerken, Steiner wäre definitiv kein Rassist gewesen. Das stimmt zwar, ist aber unwirksam. So greift man den Stier der öffentlichen Meinung nicht bei den Hörnern und könnte sogar von diesem mittelfristig umgerannt werden.

1 www.waldorf.net/3sat.htm (‹Frontal21› im ZDF), www.waldorf.net/report.htm (‹Report Mainz› in der ARD).
2 www.edge.org/q2006/q06_3.html#pinker.

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