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Die Welt umstülpen


Robert Byrnes

"Alles hat mehr als zwei Seiten"
Bericht vom Blick in eine Schatzkiste der Zukunft

Ein Beitrag von Otto Ulrich

„Wir müssen die Gesellschaft neu erfinden," sagt Professor Dr. Schellnhuber, Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er verweist damit auf die Tiefe der Dimensionen, auf den Kern, um den es zu gehen hat, soll Zukunft gelingen: Um die sozialen Herausforderungen des Klimawandels zu meistern, geht es um die (Wieder-)Aneignung der „Qualität des Lebendigen", um eine „Mathematik in Bewegung", wie es Paul Schatz, der Künstler-Ingenieur und geistige Vater des „denkenden Würfels", damals, am Anfang des letzten Jahrhunderts formuliert hat - und was heute dringlicher den je, der erneuten Entdeckung und Entfaltung bedarf.

Genau darum ging es auf der, von der Waldorfschullehrerin Bettina Wege-Gerth facettenreich durchkomponierten Umstülp-Tagung, die Anfang März an der Waldorfschule im Siegkreis stattfand und die in weiten Strecken der Chance gleich kam, einen Blick in eine noch zu hebende Schatzkiste der Zukunft werfen zu können.

Für Jochen Breme, dem so überaus sensiblen wie starken Visionär und Sozialkünstler, geht es, wie er es formulierte, „...um das Gold, das zwischen den Rissen der heutigen Welt wieder sichtbar wird, also um die Kunst, diesen verborgenen, aber stets anwesend gewesenen Schatz wieder heben zu lernen". Und wer die angelaufene Debatte um den Klimawandel als Folie über diese Tagung legt, erkennt unschwer eine ins Politische hinein ragende Kongruenz: Da die rituell sich wiederholenden Ansätze einer systemkonformen Suche, den Konsequenzen des Klimawandels allein mit einer „Dritten industriellen Revolution" zu begegnen, hier ein grundstürzender Ansatz, wieder am durchblitzenden Gold, also am verschütteten Ideenreichtum anzusetzen, was aber, nur folgerichtig, dann auch am ehesten verspricht, was angesagt ist: Die Welt neu, umgestülpt, in die Zukunft zu führen - die Wege dazu wurden, im Ansatz, auch gerade in dem was fehlt, erkennbar, was als großer Verdienst dieser sehr gut besuchten Tagung angesehen werden darf.

Eine prekär gewordene Zivilisationsmaschinerie braucht offenbar eine umfassende Umstülpungskultur, sie braucht, was erkennbar wurde, die zu verbreitende Fähigkeit zum beweglichen Denken in Umstülpungen - um auch alle Fasern des Lebendigen ins Bewusstsein heben zu können.

Und Robert Byrnes, würdiger Vertreter einer „dynamischen Mathematik, also einer Umstülpungsmathematik, die auch als „Schule des Denkens" verstanden werden kann, hatte es leicht: Anhand von zahlreichen Umstülpungskörpern demonstrierte er den fasziniert lauschenden Zuhörern, welch Innenleben ein scheinbar simpler Würfel hat, welche Dynamik in der Bewegung der Kanten eines Würfels stecken und welche mathematischen Gesetzmäßigkeiten dahinter stehen - die von Paul Schatz 1922 entdeckt wurden und die die Chance haben, die Technik zu revolutionieren.

Dies zu demonstrieren oblag Tobias Langscheid, dem Neffen von Paul Schatz und Geschäftsführer der Oloid AG, was, begrifflich wie als Phänomen, darauf verweist, was als Basisinnovation nunmehr, im heraufdämmernden neuen Zeitalter der Ressourceneffizienz, noch mehr verspricht eine große Zukunft vor sich zu haben: Das Oloid.

Ein Wälzkörper, der in seiner rythmisch-pulsierenden Fischflossenbewegung - ein Produkt der Beweglichkeitsmathematik und dazu noch (!) natur- wie menschengemäß - hoffen lässt, das technische Prinzip der Rotation, immerhin der Motor der herrschenden Beschleunigungs- wie Ausbeutungskultur, abzulösen. Das Oloid trägt die Chance in sich, eine ganz neue Maschinengeneration hervorzubringen, geeignet, sowohl zur Ent-Schleunigung wie zur Nachhaltigkeit im Umgang mit den endlichen Ressourcen einen noch zu entdeckenden Beitrag zu leisten.

Noch steht die Überführung des „Denkens in Umstülpungen" in neue didaktische Konzepte - eine sozialverantwortliche Bringschuld, ein „Muss" für jedes Schulkind - in den Anfängen; noch ist es eine Zukunftsaufgabe, die politische Dimension der Umstülpung, im Sinne des unabweisbar jetzt gefragten Neuen, in politische Gestaltungen konkreter Politikinhalte zu überführen.

Es wird weitergehen, die Zeit des Umstülpens scheint, so eine mögliche Konsequenz der Tagung, gerade erst gekommen zu sein. Ein jeder kann sich täglich, meditativ wie praktisch, in seinem Alltag mit an dem Aufstieg dieses neuen Bewusstseins beteiligen - worauf mit ihren Gedichten die österreichische Lyrikerin Irmentraud ter Veer nachwirkend und sehr  eindringlich aufmerksam machte - der herzliche Beifall war ihr, wie auch der Initiatorin dieser Tagung, Bettina Wege-Gerth, gewiss.

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