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von Karl-Heinz Tritschler Dieser Artikel erschien zuerst in der Wochenschrift das Goetheanum Ausgabe 03/2011(Print). Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion.
Instrument der Aufklärung
Am 23. Januar 1986 verstarb der Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner und Kunsttheoretiker Joseph Beuys in Düsseldorf. Wenn 25 Jahre nach seinem Tod an ihn erinnert wird, dann auch unter dem Aspekt der 25 Jahre davor, womit das Substanzielle dieses Erdenlebens als ein Gegenwärtiges erscheint. Die intimere spirituelle Seite des öffentlich wirksamen Künstlers und politisch Engagierten wurde meist verkannt oder blieb verborgen. Diese hervorzuheben, ist Anliegen von Karl-Heinz Tritschlers Gedenken.
Im Jahr 1961 wird Joseph Beuys als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf berufen. In der Öffentlichkeit wird er etwa zeitgleich bekannt durch seine Fluxusaktionen. Was jedoch kaum wahrgenommen wird, ist die Tatsache, dass für Beuys seine Berufung als Lehrer in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Christus-Wirken steht. Die Idee der sozialen Plastik und der erweiterte Kunstbegriff sind Forschungsergebnisse aus einem neuen Christus-Wirken.
Bewegte Form
Der Gedanke der Erweiterung findet sich schon bei Goethe. Demnach ist die Kunst das Licht der Natur.1 Sie führt das Denken zur Wahrnehmung, durch die der Begriff von innen betrachtet als ein Lebendiges erscheint.2 Es ist das Leben selbst, aus dem die der Schöpfung zugrundeliegende Idee den Menschen erschaffen hat. Dass es in der Kunst an diesen Anfang anzuknüpfen gilt, das hat Joseph Beuys in seinen Gesprächen wiederholt betont. Das Wort, das im Urbeginn das Licht des Menschen (Kadmon) war, ist im Laufe der Evolution zur materiellen Form erstarrt, die im materialistischen Denken nur noch einen finsteren Widerhall findet. An diesem dramatischen Endpunkt der Krise kann das Schöpfungsprinzip aus dem Willen des Menschen hervorbrechen.3 Erkennt man den Zusammenhang, was das Ende für den Anfang bedeutet, dann ergibt sich aus der Erinnerung die Einsicht, dass parallel zur Kulturentwicklung das Denken in dem Logoswirken gründet, aus dem heraus es sich selbst ergreift. Das heißt: «Den Christus-Begriff muss man finden in sich, indem man weiter kommt, als die Natur einen kommen lässt.»4
Bildung ist, wie das menschliche Gedächtnis auch, eine Bewegung, die im Wechselspiel von Eindruck und Ausdruck fortwährend plastisch gestaltet. Wie im Evolutionsstrom das Zeitelement, so wirkt im Menschen der Wille als treibende Kraft, welche in der Naturüberwindung zur Freiheit strebt. Der menschliche Wille darf daher weder beeinflusst noch unterdrückt werden, damit sich aus dem Erleben des inneren Zeitenstroms die Einsicht ergibt, durch die der Begriff von außen betrachtet als ein Totes erscheint. Das schafft Freiraum für die bewegte Form.5 Das gilt sowohl für den einzelnen Gedanken als auch für die Biografie als Ganzes. Begriffe sind deshalb Leichen, «wenn sie nicht ernährt werden durch die Imagination».6
Bei seinen Schülern hat Beuys stets nach diesem Grundsatz der Geisterkenntnis gehandelt. Kein Gespräch, keine Korrektur, auch wenn es für die Betreffenden oftmals schmerzlich war, durch die er nicht die Einsicht in das Denken gefördert hat. Was die Willensfreiheit betrifft, hat er sich auf das Rosenkreuz berufen, das schon in seinen frühen Zeichnungen zur Anschauung drängt. Dazu muss man wissen, dass Beuys als Student von einer bedeutenden Rosenkreuzerpersönlichkeit unterrichtet wurde und dass es die rosenkreuzerischen Inhalte sind, welche die Aufmerksamkeit auf den Fortschritt in der Menschheit richten, «damit sie fähig sein wird, zu verstehen den Christus, der in der neuen Form erscheint» (‹Goetheanum› Nr. 33–34/2008).7
Substanziell
Beuys hatte das Bestreben, seine Kunst «ätherisch zu machen [...], durchsichtig zu machen, zum Leben zu bringen», damit sich das noch Unbestimmte aussprechen kann.8 Die sogenannte plastische Theorie, ausgehend vom Chaos (=unbestimmt) über die Bewegung zur Form und der erweiterte Kunstbegriff beziehen sich, was ihren Ursprung betrifft, auf das Licht im Denken, aus dem heraus sich die Begriffe erklären. Eine wirkliche Einsicht in die menschliche Wesenheit kann man daher gar nicht anders gewinnen, als dass man auf neue Begriffe kommt.4
Für Beuys ist die Kunst der einzige Begriff, der am Ende der Schöpfung noch Leben hat, von dem ausgehend sich die Transformation der Erde vollzieht. Die Kunst ist das Instrument der Aufklärung, damit das Evolutionsprinzip im Menschen wahrgenommen werden kann. Denn «dieses Bild von Christus kann ja heute nicht mehr mit äußern Augen wahrgenommen werden. Und in diesem inneren Auge zeigt es sich, was aus der Auferstehung Christi geworden ist [...]. Die Frage ist doch: wo ist er jetzt? Wer mit dem inneren Auge zu sehen versucht, der sieht, dass er längst wieder da ist. Nicht mehr in einer physischen Form, aber in der bewegten Form einer für das äußere Auge unsichtbaren Substanz. Das heißt, dass er durchzieht jeden einzelnen Raum und jedes einzelne Zeitelement substanziell.»3
Vermächtnishaft
Als Beuys vor 33 Jahren (1977) auf der documenta 6 sein Werk ‹Honigpumpe am Arbeitsplatz› – die Idee der Freien Internationalen Universität (FIU) – vorstellt, ist damit keineswegs an eine Institution im herkömmlichen Sinne gedacht. Es handelt sich vielmehr um ein spirituelles Modell, was jedoch nicht verstanden wurde. Die Idee einer solchen freien Schule gründet im Denken der ‹aktiven Neutralität›, durch die der Wille von Mensch zu Mensch einen Zwischenraum bildet. Einen Rhythmus, der das Ich wieder mit der Natur und dem Kosmos in ein Gleichgewicht bringt, sodass ausgehend vom Zentrum der sozialen Substanzbildung, im wechselseitigen Austausch von Raum und Gegenraum, die Resonanz des Menschen mit dem Schöpfungsprinzip stattfindet. Das ist die Idee der sozialen Plastik.
Beuys war sich der Aufgabe als Lehrer voll bewusst, dass es dieses Geheimnis von dem Gift der Ideologien zu schützen gilt, das nicht nur die Natur, sondern auch das Gedächtnis zerstört, damit es seiner Aufgabe als Empfangsorgan einer derart spirituellen Ökonomie nicht gerecht werden kann.9 Beuys versteht derart das Lehrersein spirituell, dass das Ich seine Wärme aus der ihm aus dem Evolutionsgedächtnis zukommenden Energie bezieht, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn es sich der Idee bewusst und willentlich zuwendet. Was dieser Kampf um die Souveränität des Menschen bedeutet, konnte Beuys als Hochschullehrer hautnah erleben.10
Als letztes großes Kunstwerk hat Beuys mit der Plastik ‹7000 Eichen› ein vermächtnishaftes Zeichen gesetzt. Vermächtnishaft insofern, als es die Menschheit in ihrem Atemzusammenhang berührt, jeden einzelnen Menschen, wo immer er sich befindet. Beuys, der um das Geheimnis des ätherischen Christus wusste, der die damit im Zusammenhang stehenden Seelenkämpfe aus der eigenen Anschauung kannte, hat einmal dazu geantwortet, «dass der Lebensbaum das Zeichen für die allgemeine Intelligenz ist und dass das Leben, das ätherische Element, die Substanz [...], erzeugt wird durch Christus selbst und durch den Menschen selbst, der wohl in der Lage wäre, das, was man Kreativität nennt, zu vollziehen. Deswegen sind die Bäume wichtig! Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben auf der Erde aufrechtzuerhalten, nein, die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten [...]. Das Einzige, was sich aufzurichten lohnt, ist die menschliche Seele.»3
Autorennotiz: Karl-Heinz Tritschler, Weimar ist Mitarbeiter des Omnibus für Demokratie und organisiert Seminarreisen und Aktionen in Luxor und auf dem Nil zum Thema „Joseph Beuys und Altägypten - Der Tod hält mich wach“
1 Goethe-Brevier, Stuttgart 1989, S. 117; Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit (GA 4), Kap. IV, S. 71. 2 Joseph Beuys: ‹Eintritt in ein Lebewesen›, in: Soziale Plastik, Achberg 1984, S. 123ff. 3 Joseph Beuys: Christus Denken – Thinking Christ, Stuttgart 1996, S. 71. 4 Rudolf Steiner: Die Erziehungsfrage als soziale Frage (GA 296), Vortrag vom 16. August 1919 5 Rudolf Steiner: Von Jesus zu Christus (GA 131), Vortrag vom 5. Oktober 1911. 6 Joseph Beuys, in: Dieter Koepplin: Räume heutiger Zeichnungen, Baden-Baden, Tel Aviv 1986, S. 19f. 7 Rudolf Steiner: Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt (GA 118), Vortrag vom 18. April 1910. 8 Dieter Koepplin: Joseph Beuys – The secret Block, München 1988, S. 23. 9 Rudolf Steiner: Das Prinzip der spirituellen Ökonomie (GA 109/111). Vortrag vom 11. April 1909. 10 Johannes Stüttgen: Der ganze Riemen, Köln 2008, S. 899ff.
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