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Thementag Rassismusvorwurf

Aussage – Wirkung – Intention
ein Beitrag von Sebastian Jüngel - zuerst erschienen in der Wochenschrift "das Goetheanum" Ausgabe 05/2008

Immer wieder wird der Vorwurf von Rassismus im Werk Rudolf Steiners öffentlich lanciert. Der Frage, wie man diesem Vorwurf begegnen könnte, gingen am 25. Januar 14 anthroposophische Medienschaffende in Frankfurt am Main nach. Das Gespräch zeigte, dass in der Auseinandersetzung mit der Anthroposophie die Bejahung eines Entwicklungsgedankens notwendig ist.

Wer das Werk Rudolf Steiners kennt, weiß, dass sich darin kein Rassismus finden lässt. Dennoch standen sich beim Thementag ‹Anthroposophie und der Rassismusvorwurf› in der Einschätzung einzelner überlieferter Äußerungen Steiners gegensätzliche Haltungen gegenüber. Während die einen alle, auch befremdlich wirkende, Äußerungen für auflösbar (erklärbar) halten, finden andere, dass es Formulierungen gibt, zu denen man nicht stehen könne.

Für das Verständnis eines Textes auf hermeneutischer Grundlage appellierte Lorenzo Ravagli in seinem Impulsreferat. Ramon Brüll (‹Info3›) unterschied in seinem Korreferat dagegen von solch einer wissenschaftlich-methodisch korrekten Auslegung die Wirkung einer Äußerung und verwies auf die Studie der niederländischen Kommission ‹Anthroposophie und die Frage der Rassen›. Denn für Betroffene, die sich von einzelnen Aussagen verletzt fühlen, so Brüll, komme es nicht auf die Absicht des Autors Steiner, sondern auf die veröffentlichte Formulierung an. Hier müsse man zugeben, dass einige wenige Stellen im Gesamtwerk Steiners diskriminierend seien. Dabei hob Brüll auch hervor, dass es überlieferte Formulierungen und Äußerungen Rudolf Steiners gebe, die nicht authentisch seien, ihm jedoch in den Mund gelegt werden, die ungenau oder ungeschickt formuliert sind und solche, die von Rudolf Steiner selbst revidiert wurden. Solche Äußerungen müssten nicht hermeneutisch oder sonstwie erklärt werden, betonte Brüll.

Pro Entwicklungsgedanken

Dass es zunächst eine Klärung dessen, was eigentlich unter Rassismus zu verstehen ist, bedürfe, arbeitete Ravagli heraus. Er wies darauf hin, dass es wenig wissenschaftliche Definitionen von Rassismus gebe. Die von Ravagli selbst entwickelten differenzierten Kriterien in der ‹Erziehungskunst› Nr. 11/2007 wurden Anlass für eine Beschäftigung mit einem Satz aus Rudolf Steiners Buch ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?›: «[1] Es steht eine Rasse, ein Volk um so höher, [2] je vollkommener ihre Angehörigen den reinen, idealen Menschheitstypus zum Ausdrucke bringen, [3] je mehr sie sich von dem physisch Vergänglichen zu dem übersinnlich Unvergänglichen durchgearbeitet haben.» Während Teil [1] des Satzes für den Rassismusvorwurf missbraucht werden könnte, löst Teil [2] gerade die Bedeutung von Rassen für die Menschheitsentwicklung auf. In diesem und in Teil [3] werden indes deutlich Grade von Höhe und Vollkommenheit aufgestellt. Also diskriminierend?

Die Teilnehmer erlebten die Stelle recht unterschiedlich. Ihr Austausch führte zur Erkenntnis, dass die Einschätzung ‹diskriminierend oder nicht› davon abhängt, ob man einen Entwicklungsgedanken vertritt. Zur Entwicklung gehört aber auch Bewertung: Am Ende einer Ausbildung steht der Lehrling oder Student ‹höher› als vorher. Auch trete in der Nomenklatur von Fachwissenschaften der ‹wertende› Entwicklungsgedanke wieder mehr und mehr an die Stelle des Zufalls in der Evolution. Also sind die Bewertungen von [2] und [3] durchaus im gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs üblich, ohne abwertend diskriminierend zu sein.

Bei der Reaktion auf beanstandete Äußerungen ist – als dritte Stufe nach Auslegung und Wirkung – die Intention zu berücksichtigen, die dem Rassismusvorwurf zugrundeliegt. Ist jemand persönlich betroffen, will jemand eine ihm befremdliche Stelle verstehen, oder handelt es sich um einen, der Rudolf Steiner und die Anthroposophie ohne Erkenntnisinteresse angreift? Die Reaktionen werden entsprechend differenziert ausfallen müssen: Letzterem geht es nicht um eine Klärung, so dass selbst eine wissenschaftliche Hermeneutik vergebens sein wird, während bei den anderen eine prinzipielle Verständnisbereitschaft vorausgesetzt werden kann. Dass das Revidieren einer etwaig problematischen Stelle nicht den Gehalt der Anthroposophie und das Werk Rudolf Steiners gefährdet, lebte als Konsens in der Runde.

 

 

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