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Der folgende Artikel wurde in der November-Ausgabe der "Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit" in Deutschland veröffentlicht. Anlass zu diesem Kommentar war unter anderem ein Beitrag in der Zeitschrift Info3. Der Herausgeber Ramon Brüll hatte sich in der Oktober-Ausgabe in diesem Artikel Gedanken über den Fortbestand und eine eventuelle Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft gemacht. Die Veröffentlichung des Beitrags von Andreas Neider geschieht mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Anthroposophische Bewegung Visionen, Traditionen - oder gar Auflösung? von Andreas Neider
«… denn alles was entsteht Ist Wert dass es zu Grunde geht; Drum besser wärs daß Nichts entstünde …» (Mephisto, Faust I, 1339-1341)
Als verantwortlicher Redakteur des Mitteilungsblattes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland möchte ich an dieser Stelle in eine Diskussion eintreten zu einigen Äußerungen von Ramon Brüll und Jens Heisterkamp in der Zeitschrift Info 3 (Oktober 2008), die sich schwerpunktmäßig mit der Anthroposophischen Gesellschaft auseinandersetzt.
Hält man den Beitrag von Ramon Brüll («Kulturfaktor mit Eintrittskarte?»), in dem er die Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft propagiert, und den von Jens Heisterkamp («Anthroposophie - mehr als eine Tradition »), in der Beilage Infoseiten Anthroposophie, Herbst 2008), indem er von einem «sich in die Welt hineinopfern» der Anthroposophie spricht, zusammen, dann tritt mir im Hinblick auf das, was diese Zeitschrift nun schon seit Jahren als Anthroposophie in der Welt vertritt, ein zunehmender Rückzug vom Werk Rudolf Steiners vor Augen, zugunsten einer immer stärkeren Beschäftigung mit esoterischen Praktiken und Traditionen amerikanischer Herkunft (K. Wilber, A. Cohen, N.D. Walsh u. a.). Und zunehmend vermisse ich dabei das, was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie. Dafür gibt es Vorbilder, zu denen auch einer der Lehrer von Jens Heisterkamp, nämlich Herbert Witzenmann, zählt, der mit seinem Werk vor allem in den 60er und 70er Jahren eine solche eigenständige Weiterentwicklung der Anthroposophie Rudolf Steiners eindrucksvoll vertreten hat.
Luzifer oder Ahriman?
Wie aber soll nun eine solche eigenständige Anthroposophie heute aussehen? Die Antwort auf diese Frage findet man meiner Meinung nach weder durch die auf dem Titel dieser Ausgabe von Info3 gestellte Frage nach «Visionen oder Traditionen», denn damit stellt man die Menschen vor die bloße Alternative «Luzifer oder Ahriman», die sich in der Titelgraphik auch deutlich ausspricht. Ein rein visionäres Streben ohne Bezug zur Tradition wäre luziferisch, ein krampfhaftes Festhalten an Traditionen ohne Bezug zum lebendigen Geist ahrimanisch. Die Mitte zwischen beidem aber, die ewige Individualität jedes Menschen, die sich zwischen Karma und Freiheit, zwischen Vergangenheit und Zukunft entwickelt, fehlt. - Und man wird die Antwort aufdie Frage nach der gegenwärtigen Anthroposophie auch nicht finden, indem man den Ast, auf dem man sitzt, einfach absägt (Auflösung der Gesellschaft).
Die Antwort nach der Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft findet sich meiner Meinung nach einzig und allein dadurch, dass man konkret auf die eigene spirituelle Verantwortung für das, was Rudolf Steiner den Mitgliedern dieser Gesellschaft als Aufgabe übertragen hat, hinblickt. Die anthroposophische Geisteswissenschaft ist nicht irgendein Geistesgut, das sich mit anderen Formen von Esoterik in beliebiger Weise austauschen oder vermischen ließe, sondern dieses Geistesgut steht in einer lebendigen, geistig konkret erfahrbaren Tradition, die sich insbesondere auf den Autor des Johannes-Evangeliums und in seiner Nachfolge auf das, was Rudolf Steiner als das «wahre Rosenkreuzertum» beschrieben hat, bezieht. Diese esoterische Tradition ist aber nicht etwas historisch Vergangenes, sondern - ebenso wie die Anthroposophie seit Beginn des 20. Jahrhunderts - ein real erfahrbarer spiritueller Strom, in den sich jeder Mensch, der sich dazu entsprechend vorbereitet hat, hinein begeben kann. Dazu bedarf es allerdings der Überwindung eines materialistischen Vorurteils, nämlich der Meinung, dass die Verstorbenen ihrem Wesen nach tot seien.
Im Dialog mit den Verstorbenen
Es war Rudolf Steiner eines der wichtigsten Anliegen, seine Schüler davon zu überzeugen, dass die Verstorbenen in einer lebendigen, spirituell gegenwärtigen Welt leben, zu der wir Lebenden einen real wirksamen Bezug herstellen können. Aus diesem Bezug heraus hat Rudolf Steiner selbst einen großen Teil seiner Inspiration und Schöpferkraft bezogen, allerdings auch aus dem Bezug zu konkreten, real wirksamen geistigen Wesen, die über den Menschen weit hinausragen. Dieser Welt gegenüber sind wir tatsächlich zum realen, geistigen Dialog aufgefordert!
In diesem Sinne kann Rudolf Steiner auch heute für die Anthroposophische Gesellschaft nach wie vor der eigentliche Bezugspunkt ihrer weiteren Entwicklung sein, ganz abgesehen von vielen seiner verstorbenen, aber im Geistigen weiterhin wirksamen Schüler. Die Welt der Verstorbenen ist keine Welt der Vergangenheit, sondern sie bringt uns in Beziehung mit der eigentlichen, höheren Realität unseres Daseins, die der Autor des Johannes-Evangeliums als die Welt des „Logos" bezeichnet hat. Sich zu dieser Sphäre in Beziehung zu setzen heißt, den lebendigen Geist in sich wirksam werden zu lassen, aus dem heraus einzig und allein sich auch die Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft gestalten lässt. Darüber hinaus hat Rudolf Steiner niemals von abstrakten «kosmischen Entwicklungsimpulsen» (Heisterkamp) gesprochen, sondern immer nur von konkreten, geistigen Wesenheiten, zu denen sich der einzelne Mensch, vor allem aber eine spirituelle Gemeinschaft von Menschen in eine reale Beziehung setzen kann.
Das Geistige wesenhaft erfassen
Die Anthroposophische Gesellschaft sah er in diesem Sinne als in direkter Beziehung zu dem führenden Erzengel unserer Epoche, dem Zeitgeist Michael stehend an. Es mag sein, dass diese Gesellschaft sich dieses für die weitere Menschheitsentwicklung entscheidenden geistigen Wesens nicht immer deutlich genug bewusst ist.Was aber würde dieser Geist wohl tun, wenn sich die zu ihm gehörende Menschengemeinschaft einfach in ein wesenloses Nichts auflösen würde?
Hier gilt es gerade in schwieriger Zeit, eben nicht der Logik Mephistos zu folgen. Wäre Rudolf Steiner dieser Logik gefolgt, dann hätte er die Anthroposophische Gesellschaft 1923 nicht neu begründet. Denn auch damals gab es, nicht nur im Hinblick auf die öffentliche Wirksamkeit von Anthroposophen, sondern besonders auch auf dem wirtschaftlichem Felde anthroposophischer Unternehmungen genügend Anlässe für Rudolf Steiner zu sagen: «Schluss damit»!
Anthroposophie braucht Identität
Anthroposophie ist das Werk Rudolf Steiners und lässt sich von seinem und den mit ihm verbundenen geistigen Wesen nicht trennen. Anthroposophie ohne Gesellschaft wäre ein Wesen ohne Leib, Anthroposophie ohne Tradition ein Wesen ohne Geschichte, d. h. ohne Identität. Auch wenn heute längst nicht alle Zweige dieser Anthroposophischen Gesellschaft gedeihen und einige in den nächsten Jahren auch vertrocknen mögen: Es gibt in dieser Gesellschaft weiterhin und auch heute blühende Zweige, deren Arbeit in dem Maße gelingt, als sich Menschen bereit finden, sich wesenhaft mit dem spirituellen Wesensstrom der Anthroposophie zu verbinden. Und dieser Strom wird weiter strömen und dabei auch neue Formen ausbilden, denn, «wenn die Menschen wollen, geht die Welt weiter» (Rudolf Steiner). Der Seelenhaltung, die sich in den beiden genannten Beiträgen ausspricht, möchte man deshalb gerne das Wahrspruchwort Steiners mit auf den weiteren Weg geben:
« Es bedarf der Mensch der innern Treue, Der Treue zu der Führung der geistigen Wesen. Er kann auf dieser Treue auferbauen Sein ewiges Sein und Wesen, Und das Sinnensein dadurch Mit ewigem Licht Durchströmen und durchkraften.»
Zum Info3-Artikel "Kulturfaktor mit Eintrittskarte?"
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