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Tat ist nicht Betätigung
zu einem Buch über die Brüder Stauffenberg
Die Geschichte, so will es scheinen, verblaßt im Laufe ihrer selbst immer mehr, um schließlich im besten Falle noch als museales Event zu Jubiläumszeiten ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Was wissen Schüler über die DDR? Was über die Nazi-Zeit? Ist gestern schon Geschichte? Wie lange wird es noch dauern bis es heißen wird: Stauffenberg? Zögernde Antwort: Hitler? Man tastet sich vor, ja doch. Der Widerstand. Die Augenklappe. Tom Cruise. Natürlich, das Attentat, die Wolfschanze. Aber wollten die nicht bloß...? Nein, sie wollten nicht bloß..
mm/tdz. 04.08.2008 - Zur Gründung der Stauffenberg-Gesellschaft im Oktober 2007 hielt Hartmut von Hentig den Festvortrag. Durch eine FAZ-Rezension des jetzt erschienenen Textes in Buchform wurde ich aufmerksam darauf und zwei Tage kommt der Briefträger, gerade als ich das Haus verlassen will. Ein Büchlein nur, vierundsechzig Seiten. "Nichts war umsonst. Stauffenbergs Not" so der Titel. Hartmut von Hentigs Buch bricht eine Lanze für einen Geschichtsunterricht, der sich nicht auf das Faktenwissen der NS-Zeit beschränkt, sondern die Geschichte mit Menschen verknüpft und dadurch verstehbar machen kann. Was hättest Du an seiner Stelle ...
Hentig ist Pädagoge: "In unserer abstrakten, komplexen, zu Anpassung drängenden und zu Eingliederung auffordernden Welt, (..) in der wir alles ungehindert meinen und sagen dürfen (..) möchte ich zur Tat-Fähigkeit anleiten. Tat ist nicht Betätigung. Tat - das sei bewusstes, begründetes, gewolltes Handeln mit Folgen."
Hentig nähert sich den Brüdern Stauffenberg mit großer Sympathie und entwickelt einen auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinenden Begriff des Täters. "Eine Täter-Nation trägt schwer an dieser Bezeichnung, Schreibtisch-Täter sind Schreibtisch-Übeltäter. Schreibtisch-Wohltäter gibt es gewiss auch, aber der Gedanke kommt uns erst durch Innehalten und Nachdenken. Eigentlich sollen Absicht und Ergebnis darüber entscheiden, was wir bei dem Wort Täter empfinden". Hentig nennt Stauffenberg einen Täter, einen "ebenso entschlossenen und besonnenen Täter, der dem Nicht-Täter und dem Bloß-Täter, also dem "Aktivist, der dem das Handeln Selbstzweck ist", gegenübergestellt wird, einer der die politische Tat, die "Polis rettende" Tat tut.
Im Folgenden zeichnet Hartmut Hentig ein deutliches Bild der Brüder Stauffenberg, schildert die Begegnungen mit Stefan George, dem sie 1923 vorgestellt wurden. Viel haben sie gelernt bei George; "das es Dinge gibt, die keinem Zweck dienen und den der sie wahrnimmt, eben dadurch bereichern: die Schönheit, die vollendete Form, das "geheime Deutschland". Daraus, so Hentig, erwuchs für Stauffenberg der Auftrag, den er selber "die Erneuerung Deutschlands" genannt hatte. Die Reinigung Deutschlands von Vergötzung, schwülstigem Patriotismus und engem Nationalismus. Frühe Andeutungen zum späteren Täter, sagt Hentig, die zeigen, das den Brüdern Berthold und Claus der Weg in die Opposition vorgezeichnet, ihnen der Wille zur Tat von Anbeginn zu eigen war. Aber: "Die Einsicht in die Notwendigkeit der Tat musste sich erst bilden".
Dieses Buch - diese Rede - spricht den "gesunden Menschenverstand" an, macht Geschichte nachdenkbar. Man möchte mehr davon und wünscht sich tatsächlich, das dieses kleine Büchlein in den Schulunterricht Einzug halten möge. Nicht zuletzt, um Lehrern zu zeigen, wie aus Geschichte und Gegenwart Zukunft werden kann. Es geht nicht vorrangig um Widerstand, nicht um Opposition. Es geht um Sinn und Wahrhaftigkeit, aus denen heraus Taten begründet werden können. Gehalten wurde diese Rede in Stuttgart. Wäre sie wohl auch so ausgefallen, wenn der ehemalige Ministerpräsident Filbinger ("was damals Recht war..") dabeigewesen wäre?
Das Buch hat ein kleines Format, ist schlicht, aber sehr ästhetisch gestaltet. Gut lesbar in jeder Beziehung. Ich habe es gelesen im Auto, als ich auf jemanden wartete. Dieses waren meine ersten Gedanken. Ein zweites Lesen wird Anderes zu Tage treten lassen. Deutlicher, aber nicht weniger eindringlich. Das ist meine feste Überzeugung.
Hartmut von Hentig Nichts war umsonst Stauffenbergs Not
Wallstein Verlag Stuttgarter Stauffenberg-Gedächtnisvorlesung 2007 (Hg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg und der Landesstiftung Baden-Württemberg)
64 Seiten / Euro 9,90.- ISBN-10: 3-8353-0360-0 ISBN-13: 978-3-8353-0360-7
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