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Rudolf Steiner in Wolfsburg

09.09.2010


Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt noch bis zum 21. November "Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags". Und noch bis zum 3. Oktober zu sehen: "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart".

mm/tdz. - In nahezu allen Bereichen des Lebens ist die Anthroposophie Rudolf Steiners in irgendeiner Weise gegenwärtig. Sei es auf dem Demeterhof, auf dem ein freundlicher Landwirt einem Besucher erklärt, warum er Präparate rührt, oder ob die Schrift auf einer Kosmetikverpackung von Wala oder Weleda als "Waldorf" identifiziert wird. Die Lokalteile von örtlichen Tageszeitungen berichten sehr häufig über Veranstaltungen, Klassenspiele oder Konzerte an Waldorfschulen. In den letzten Tagen wurde von einer medizinischen Studie berichtet, die unter anderem herausgefunden hatte, dass 96% der befragten Eltern krebskranker Kinder eine Ergänzung der Schulmedizin durch anthroposophische Medizin weiterempfehlen würden.

Viel ist schon geschrieben worden über diese beiden großen Ausstellungen in Wolfsburg, und bis auf wenige Ausnahmen näherten sich die Berichte weitgehend vorurteilslos diesem immerhin nicht ganz bequemen Thema. Dass sich jemand tatsächlich darüber echauffiert, dass am Eingang des Kunstmuseums mit einem so großen Plakat auf die Ausstellung hingewiesen wird, dürfte in diesem Kontext wohl in der Abteilung Kuriositäten verbucht werden.

Zweimal Steiner in Wolfsburg

"Diese Ausstellung hat mich sehr berührt und sie tut es eigentlich jeden Tag aufs Neue." Diese Aussage eines Mitarbeiters des Kunstmuseums Wolfsburg, der täglich einige Stunden damit verbringt, die vielen Exponate vor spielenden Kindern oder fotografierenden Besuchern zu "beschützen", zeigt, dass diese Schau seine Wirkung auf die Menschen nicht verfehlt. Rudolf Steiner ist in der Volkswagenstadt sehr präsent in den letzten Monaten. Die umfangreiche Berichterstattung hat nicht nur in der anthroposophschen Szene für große Begeisterung gesorgt, denn - mehr als je zuvor - wurde dadurch das Interesse geweckt, sich mit diesem Rudolf Steiner doch einmal etwas näher zu beschäftigen. Die Besucherzahlen sind beeindruckend, so schreibt das Kunstmuseum in einer Pressemitteilung: "Steiner entwickelt sich zur besucherstärksten Sommer-Ausstellung in der 16-jährigen Geschichte des Hauses. Mit 20.000 Besuchern (...) übertrifft die derzeitige Präsentation die bisherigen Höchstwerte der Ausstellung "LÉSPRIT DE TINGUELY" aus dem Jahr 2000."
Dies dürfte mit ein Grund für die Verlängerung der Ausstellung "Die Alchemie des Alltags" bis zum 21. November sein. Die Ausstellung "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" allerdings wird seine Pforten wie geplant am 3. Oktober schließen.

Seit Mai dieses Jahres also eine Ausstellung, die sich dem Kulturimpuls Anthroposophie und dessen Begründer in einer ganz anderen Weise als bisher nähert. Nach der vielbeachteten Wandtafelausstellung, die vor einigen Jahren durch ganz Deutschland getourt war und einen schlaglichtartigen Blick auf Steiner und die "Kunst" geworfen hatte, zeigt sich hier sehr deutlich, dass Rudolf Steiner auch im Bereich Architektur und Design etwas "zu sagen hatte" und mit seinem Ideenkosmos in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen ist.

In der Tat kann es sich lohnen, den Verbindungslinien nachzuspüren, die die Einflüsse Rudolf Steiners bei Designern, Architekten und Künstlern sichtbar machen. Sei es bei der Möbelgestaltung oder als wohl deutlichstes Beispiel in der Architektur. So heißt es in einem jüngst erschienenen Bericht der NZZ: "In der Ausstellung erscheint Steiner nicht als Aussenseiter, sondern als Vertreter seiner Zeit, der in die philosophischen und ästhetischen Auseinandersetzungen ganz selbstverständlich eingebunden war, wie etwa Briefe von Nietzsche und Kafka bezeugen. Ein Modell des Goetheanums erlaubt den Vergleich mit der überraschend verwandten Formensprache Erich Mendelssohns oder Le Corbusiers. Die Theater-Ankündigungen von Steiners Mysterienspielen lassen seine Präsenz im öffentlichen Bewusstsein ahnen."

Die Exponate dieser Schau geleiten die BesucherInnen durch eine Zeit, die einen Teil des Aufbruchs beschreibt, der eben nicht nur für die Steiner-Anhänger von Bedeutung war, sondern - trotz der "obligatorischen" Warnung vor dem esoterischen Steiner - seine Einflüsse auf die meisten Lebensbereiche nicht verhehlen kann. Die NZZ zitiert Markus Brüderlin, den Leiter des Kunstmuseums: "Es sei an der Zeit, Steiner als dynamisch-kreativen, spielerischen Denker neu zu entdecken und das Moderne an seinem Ideenkosmos herauszuarbeiten. Es lohne sich, seine Stärken ins Zentrum zu rücken und das Augenmerk nicht auf die heute fragwürdigen Seiten seines Denkens wie den Hang zum Okkultismus oder den Glauben an die Reinkarnation zu richten."

Mag es manchen aufrechten Anthroposophen ob solcher Aussagen auch schaudern, wie hinter vorgehaltener Hand hier und da gemunkelt worden sein soll, zeigt es aber doch ein gutes Stück Unbefangenheit, mit der heutige Zeitgenossen sich den Ideen Steiners annähern und sie damit einem nicht unbeträchtlichen Teil der Welt verfügbar machen. Und vielleicht hilft es diesen dann wohl tatsächlich dogmatisch zu nennenden Vertretern der Anthroposophie, sich im 21. Jahrhundert gerade an diesen Kreuzungspunkten einmal mit dem Karma-Gedanken des hochverehrten Doktors zu beschäftigen.

Die Professionalität, mit der diese Ausstellung konzipiert wurde, steht dem Gegenstand ihrer Betrachtung gut zu Gesicht, an keiner Stelle hat der Besucher den Eindruck einer Überfrachtung oder gar der Vereinnahmung, im Gegenteil. Die weite und offene Atmosphäre des Museums lässt manchen anthroposophischen Designentwurf, der an anderer Stelle vielleicht ein Schmunzeln hervorgerufen hätte, plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. Die Spontanäußerung eines Besuchers: "Huch, das steht ja bei Oma im Wohnzimmer!"

Mag auch die zweite Ausstellung "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" einen "Kontrapunkt" zur "Alchemie des Alltags" bilden, die Möglichkeit jedoch, sich zwischen den beiden Ausstellungen wie selbstverständlich hin und her zu bewegen, lässt - so ging es jedenfalls mir - die Gegensätze plötzlich verschwimmen und so, als begännen die Gedanken plötzlich weichere Formen anzunehmen, wird trotz der offensichtlichen Gegensätze etwas spürbar, das seinen Ursprung in der Freiheit des Künstlers gegenüber der Welt hat und in dem der Betrachter sich plötzlich als ein Teil dieses Prozesses wiederfindet.  

Dieser kurze Bericht kann und soll nicht ein weiteres Mal die einzelnen Höhepunkte oder Besonderheiten der Ausstellungen beleuchten, allerdings möchte der Autor dieser Zeilen den Besuch in Wolfsburg wirklich empfehlen. Immerhin besteht noch bis zum 21. November die Möglichkeit, die "Alchemie des Alltags" zu sehen. Und wer sich umfassend über diese Ausstellung und die Medienresonanz informieren will, für den hält die Webseite anthromedia.ch eine umfangreiche Linksammlung zu allen relevanten Zeitungs- Radio- oder Fernseh-Berichten bereit. Auch die beiden Kataloge zur Ausstellung bieten eine Fülle von Ansichten und Eindrücken über die Hintergründe der beiden Ausstellungen.
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Kunstmuseum Wolfsburg

"Rudolf Steiner - die Alchemie des Alltags" verlängert bis 21. November 2010
Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" noch bis 3. Oktober 2010
James Turell - "Bridget´s Bardo" verlängert bis 26. September 2010"

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

 

Diskussion

2 Kommentare

Seite 1 von 1 1

#2 Peter Schmidt schrieb am 02.10.2010 12:06

Ich war gestern in der Ausstellung, nach ca. einer Stunde bin ich gegangen,...

ziemlich zusammengestückelt, langweilig,

#1 Michael Ibach schrieb am 22.09.2010 22:38

Bereits im ersten Satz paaren sich Wunsch- und Wahnvorstellung in höchst aufdringlicher Weise. Und dabei bleibt es naturgemäß nicht. Der Artikel setzt insgesamt Maßstäbe, an die heranzureichen es schon das hohe illusorische Potential eines Anthroposophen bedarf. Was aber einen wirklich trüben Aufreger abgibt, ist die nur sehr langsam abkühlende Tatsache, daß etwas doch längst bekannt ist: Daß diese Ausstellung und ihre eigentlichen Macher nämlich längst der Heuchelei, der arglistigen Täuschung und der bewussten Irreführung überführt sind. Und daß es dieser Artikel hier dennoch nicht unterlässt, auf eine armselig-redselige Art und Weise von vermeintlichen Gegenwartszugriffen zu schwafeln, für die es - wie gehabt - schon einer ausgeprägten anthroposophischen Fantasie bedarf, um genau das zu erkennen. Ganz abgesehen davon, daß er der Heuchelei nur weiteren, nur noch unerträglich zu nennenden Vorschub leistet...

 

Ich finde es nur noch peinlich, wie hier noch einmal vielfach gehörtes anthroposophisches Kampfgeschrei in ein banales künstlerisches Dekret umgemünzt wird - und nur noch sehr, sehr deprimierend dazu, daß offenbar die längst abhanden gekommene Ehre von etwas gerettet werden muss, dessen Patina noch im Untergang als Rettung der Welt bejubelt und gepriesen wird. Also belassen wir es doch einfach bei den bekannten Tatsachen: Sie müssen sich ja nicht gleich anfreunden mit ihnen - nehmen Sie sie einfach zur Kenntnis, ohne sie gleich im Anschluss zum Abschuss für die Jäger manch unerwünschter EInsichten freizugeben...

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