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Revolutionen sind nicht zu erwarten

01.02.2012

Michael Mentzel über das Buch "Endstation Dornach"

Man könne doch den Titel "Endstation Endstation" nennen, war der Vorschlag eines Freundes, als ich - vorsichtig - die Besprechung eines Werkes ins Auge gefasst hatte, das innerhalb einer überschaubaren Szene als der Hit des Jahres 2011 angekündigt wurde. Der geschätzte Kollege Michael Eggert hatte auf seinem Blog das Erscheinen des Buches „Endstation Dornach – das sechste Evangelium" - rechtzeitig zu Weihnachten - mit den Worten angekündigt: "Wer Oma im anthroposophischen Altersheim etwas Gutes tun will, liegt hier sicher richtig." Etwas später hatte er dann eine Rezension [Link] vorgelegt, die sich dem Werk dann doch etwas differenzierter genähert hatte.

Nach Taja Gut (Wie hast Du´s mit der Anthroposophie), Andreas Laudert (Abschied von der Gemeinde) und Christian Grauer (Es gibt keinen Gott und das bin ich) nun also der ultimative Rundumschlag "Endstation Dornach, das sechste Evangelium". Unverkennbar auf dem Acker des "Evangelisten" Felix Hau gewachsen. Ein Buch, dessen Sinn offensichtlich darin besteht, der Welt endlich einmal zu zeigen, was Anthroposophie wirklich ist. Oder besser: wie man sie doch bitte verstehen möge. Dieses Anliegen gelingt allerdings nicht so ganz, denn auch dieses Buch richtet sich leider einmal mehr an Insider.

Der Plot: Vier Freunde diskutieren an drei Schauplätzen über die Anthroposophie, ihre Bedingungen und ihre Rezipienten. Die Orte: Das Katharerland in Südfrankreich, Dornach in der Schweiz und Berlin in Deutschland. Die Katharer wurden von der Inqusition als Häretiker verfolgt, Dornach ist die Hochburg der von den "Evangelisten" gern geschmähten institutionalisierten Anthroposophie und in Berlin traf Steiner auf die Bohemiens seiner Zeit und hier - um 1900 - vollzog sich auch der Wandel von seinem philosophischen Frühwerk zu seiner Anthroposophie, wie sie heute in über 360 Bänden der Steinerschen Gesamtausgabe zu finden ist. In Berlin gab es auch den so genannten "Verbrechertisch", an dem wohl auch Herr Steiner so manches Mal gesessen hat. Die vier Herren jedenfalls rauchen, dass die Hütte qualmt, trinken jede Menge Alkohol und reden - ohne auf eventuelle Befindlichkeiten von Otto-Normal-Anthroposoph Rücksicht zu nehmen - wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Das Buch bietet einige interessante Einblicke in die persönlichen - durch Anthroposophie geprägten - Lebenswelten der Autoren Felix Hau, Christian Grauer, Ansgar Martins und Christoph Kühn. Einblicke, die vielleicht verständlich machen können, wie manche Sichtweisen der Protagonisten entstanden und im Laufe der Jahre gewachsen sind. Immerhin 40 Seiten sind der Kinder- und Jugendzeit und damit der Waldorfpädagogik gewidmet und können durchaus als Protokoll eines Klassentreffens gelesen werden. Für Waldorfeltern sicherlich eine erhellende Lektüre und auch für Waldorflehrer bieten sich hier einige reflektierende Gedanken an.

Des weiteren beschäftigt sich "Endstation Dornach" im wesentlichen mit der Frage, ob es eine geistige Welt gibt oder ob die von Rudolf Steiner so genannte geistige Welt lediglich Verirrungen und psychologisch bedingte Abspaltungen eines Gurus sind, der sich - um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert - um des spirituellen Effektes willen vom atheistischen Philosophen zum christlichen Missionar gewandelt hat. Es zeigt sich in diesem Buch, dass Hau und Grauer "ihren Steiner" sehr gut kennen und es ist eigentlich als fatal zu bezeichnen, dass ihre Fähigkeiten nur im Untergeschoss, oder auf einer eher abgeschlossenen Etage des Hauses Anthroposophie sichtbar werden. Der vierte im Bunde ist Christoph Kühn, der im Internet einige Jahre ein anthroposophisches Blog unter dem Namen "a goy's world" betrieben hatte.

Im Sinne der Frage nach der Gültigkeit der Erkenntnisse und den Ergebnissen der Geistesforschung Steiners durch eigene Prüfung sind diese Herren – zumindest Grauer und Hau - anthroposophischer als so mancher Buch-Anthro. Das zeigt sich unter anderem auch an den Stellen, bei denen sich Ansgar Martins, der das Waldorfblog betreibt, wieder einmal tief in die Zandersche Begriffswelt vorwagt und wo Grauer oder Hau zurechtrückend eingreifen müssen. Denn Felix Hau fühlt sich offensichtlich mehr als einmal genötigt, Rudolf Steiner gegen eine all zu enge und intellektuelle Sicht des Kollegen Martins verteidigen zu müssen. Bei Martins - so mein Eindruck - zandert es gewaltig; er ist nach eigener Aussage der "advocatus diaboli" unter den vier Evangelisten, ist dieser Rolle aber nicht gewachsen. Denn so leicht lässt sich weder ein Felix Hau noch ein Christian Grauer über den Tisch ziehen. Martins: "Natürlich sollten wir Steiner verstehen, wenn wir über ihn reden. Und dann muss man meiner Meinung nach auch sehen, dass er, um´s mit Adorno in 'Minima Moralia' zu sagen, Erlebnisse und Deutung verwechselt, beziehungsweise die Erlebnisse 'abgespalten, verkehrt erinnert, als An-Sich-Seiendes dem An-Sich der Dinge hinzugefügt' hat. Wenn er von 'Äther' sprach, dann nicht von meditativen Identifikationen mit dem Magisch-Verflochten-Organischen, das er meditativ erlebt heben mag, sondern er vergegenständlichte dieses Erlebnis als eine über das Erlebnis und den Erlebenden hinaus existente 'höhere Daseinssphäre'."

Felix Hau hält dagegen: "Ich glaube nicht wirklich, dass Adorno Steiner verstanden hat. (...) Mich ärgert bei diesen Kritikern immer, dass sie stillschweigend davon auszugehen scheinen, dass Steiner ein vollendeter Idiot war. Man könnte sich doch zur Abwechslung auch mal in die Lage versetzen anzunehmen, dass er es nicht war - und trotzdem und aus ganz bestimmten Gründen dasjenige getan hat, was er getan hat."

In den zwölf Kapiteln erhellen die vier Autoren ihre Sicht auf die Anthroposophie und eröffnen dem Leser neben Exkursen in die weitverzweigten Denk- und Geisteswelten Rudolf Steiners panoramaähnliche Ausblicke auf die von ihnen als weitgehend eng und dogmatisch empfundene Welt der "normalen" Anthroposophie und ihrer Rezipienten. Allerdings: die allzu bemühte Witzigkeit, die scheinbare Provokation ist dabei einigermaßen störend. Denn die Gefahr, dass dabei Wesentliches unter den Tisch fällt, was die LeserInnen durchaus als nachdenkenswert empfinden könnten, ist groß. Die immer wieder zur Schau gestellte Lustigkeit ist am Ende sogar ein bisschen überstrapaziert und und wirkt manchmal doch wie an den Haaren herbeigezogen. Und immer wieder sind es die versteinerten Zeitgenossen, die es den wackeren, aufgeklärten und offensichtlich an einem guten Leben und viel Spass interessierten Autoren so schwer machen, die Anthroposophie nach ihrem Gusto zu leben. Warum eigentlich immer dieser starre Blick auf die anderen?

Herausgekommen ist dennoch eine durchaus interessante - wenn auch vom Autor dieser Besprechung nicht unbedingt wünschenswerte - Vision. Die Vision einer Anthroposophie nämlich, die sich um sich selber nicht mehr schert, sondern sich ihre eigene Welt aus spirituellen Versatzstücken selbst zusammenbastelt. Ideen, wie sie in ähnlicher Form bereits durch alle möglichen Blogs, Webseiten und Mailing-Listen der Internet-Community geistern. Das Leitmotto dieser neuen Anthroposophischen Gesellschaft könnte lauten: "Gib Gas, ich will Spass" (der NDW-"Evangelist" Markus im Jahre 1982) [Link]. Dass allerdings auch dieses Motto über 20 Jahre zu spät käme, haben die Herren bei ihrem überwiegend retrospektiven Blick leider noch nicht so ganz realisiert.

Viele Auffassungen, wie sie längst von anderen Autoren - auch authenthischer, wie ich meine - gedacht und veröffentlicht wurden, ich denke da an Andre´ Bjerke und sein "Ärgernis Anthroposophie", werden in diesem Buch sozusagen zweitverwurstet. Gewürzt mit pseudo-lockeren Sprüchen, die - mit Verlaub - an einigen Stellen auch einer Schülerzeitung alle Ehre machen können, im Kontext einer ehrlichen Sinnsuche allerdings ein bisschen langweilig und überstrapaziert wirken. Gleichwohl werden die Erwartungen, wie sie sich nach der Gonzo-Reportage von Hau und Martins sowie der Veröffentlichung eines Kapitels des Buches eingestellt haben, nicht im mindesten erfüllt, was vielleicht so manchen Hardcore-Anthroposophen - wenn er es denn überhaupt realisiert - vielleicht doch betrüben mag.

Die Provokation aber, wie sie durch den Titel impliziert wird, bleibt aus. "Endstation Endstation", so glaube ich nach der Lektüre, wäre dennoch nicht "mein" Titel. Besser wäre vielleicht Endstation Sehnsucht. Aber so etwas gibt es ja schon. Und Revolutionen sind nicht zu erwarten.


Endstation Dornach
das sechste Evangelium
Christian Grauer, Felix Hau, Christoph Kühn, Ansgar Martins
367 Seiten/Hardcover
erschienen bei Kulturfarm Verlag Rinteln

 

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1 Kommentar

Seite 1 von 1 1

#1 Felix Hau schrieb am 02.02.2012 02:00

Weißte, Herr Mentzel, ich bin ja zum einen wirklich angetan von der halbwegs unvoreingenommenen Besprechung - und, um das klar zu sagen: dieser Eindruck überwiegt. Danke dafür!

 

Ich komme aber zum anderen über einen Satz nicht hinweg, ohne ihn hier mit ein bisschen Anlauf zu kommentieren:

"Warum eigentlich immer dieser starre Blick auf die anderen?"

 

Das kann ich für meinen Teil gerne beantworten: Weil "die anderen" alles dafür tun, dass ich Anthroposophie nicht so leben und artikulieren kann, wie ich will, ohne Schaden zu nehmen. Ob es massenhafte Abokündigungen als Reaktion auf "provokative" Info3-Beiträge, Entlassungsforderungen oder "Zurückweisungen" von abweichenden Ansichten durch AAG-Vorstände sind: "die anderen" leben in unserem Kontext bisweilen nicht nur 20, sondern weit über 500 Jahre hinter der Zeitgenossenschaft her. Und ich sehe überhaupt nicht ein, weshalb man das nicht thematisieren und sich stattdessen dadurch einschüchtern lassen sollte.

 

Vorsichtigen Schätzungen zufolge handeln sechs Siebtel aller anthroposophischen Publikationen (Bücher und Zeitschriften) Themen ab, die allgemein begehrt sind - nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus; Christus und die Elementarwesen verkaufen sich chez nous halt immer prima. Und sie tun das außerdem in einem entsprechend gehirngängigen Singsang, der bei der Zielgruppe absichtsvoll keinerlei Antipathien schürt.

 

Das ist unser Ding nicht.

Wir sagen, was wir denken. Und wir denken es tatsächlich! Und eine Bewegung, die eine solche "Provokation" aus den eigenen Reihen nicht aushielte, wäre reif für den Komposthaufen.

 

Herzlich,

Felix Hau

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