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Gutgemeinte Banalitäten?

Zur Kritik an der Neujahrs-Predigt der Bischöfin Margot Käßmann
von Michael Mentzel

Ein offener Brief von Ralf Fücks in der Welt-Online erregt den Unwillen der "Grüne Linke". Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Geradezu staatstragend hatte der Grüne Fücks die evangelische Bischöfin Käßmann für etwas getadelt, was nach dem Verständnis seiner linken Partei-Kollegen ein Ur-grünes Anliegen ist, nämlich die realistische Einschätzung, dass der Afghanistan-Konflikt nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden kann. Auch fragen sich die grünen Kollegen, was Herrn Fücks angetrieben hatte, sich dann auch noch ausgerechnet ein Springer-Blatt auszusuchen, um sich öffentlich über die Worte der Theologin zu ärgern. Denn geärgert hat er sich offensichtlich über das, was er dann "gutgemeinte Banalitäten" nennt, wie sonst sind diese Worte zu verstehen: "Ich gehöre zu jener Minderheit in Deutschland, die den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr immer noch für geboten hält, aus sicherheitspolitischen wie aus menschenrechtlichen Gründen." Damit ist eigentlich alles gesagt. Das klingt nach "Die Sicherheit der deutschen Flughäfen wird am Hindukusch verteidigt" und soll es wohl auch.

Bei all dem aber, was das Volk in großer Zahl in Umfragen und Kommentaren verlauten lässt, liegt auf der Hand, dass eben "jene Mehrheit" den Bundeswehreinsatz lieber heute als morgen beendet sehen will, und dafür, das ist wohl unbestritten, gibt es auch gute Gründe. Einige dieser Gründe hat Frau Käßmann in ihrer Predigt genannt und es ist schon verwunderlich, dass Herr Fücks als Vorstand der Böll-Stiftung in das Horn derer stößt, die ihre Zustimmung zu derlei Kriegsspielchen schon allein aus Staatsräson-Gründen vertreten müssen. Möchte Herr Fücks sich für höhere Aufgaben empfehlen, wenn die Schwarz-Gelbe-Truppe nach ihrem zweiten Reset auch noch blau anläuft und ihren Rückzug angetreten hat? Gelb-Blau ergibt ja bekanntlich Grün.

Was legitimiert Herrn Fücks dazu, einer Bischöfin vorzuschreiben, wie protestantische Verantwortungsethik zu definieren ist? Mahnend erhebt er den Zeigefinger: "Protestantische Verantwortungsethik ernst zu nehmen hieße deshalb, Kriterien für einen legitimen Bundeswehreinsatz aus der Sicht der Kirche zu diskutieren." Fücks hätte statt einer politischen Botschaft lieber etwas Religiöses: "Sie vermehren damit die Inflation politischer Stellungnahmen von Kirchenoberen, die selten über gut gemeinte Banalitäten hinauskommen. So wird die Abwesenheit einer religiösen Botschaft mit politischen Stellungnahmen übertüncht: Tagespolitik statt Transzendenz."

Ganz anders allerdings hat Friedrich Schorlemmer die Predigt der Bischöfin verstanden, denn im "Freitag" kommt er bei der Kritik an der Kritik zu dem Ergebnis: "Nicht anders als verkommen sind publizistische und politische Sitten zu nennen, die dazu führen, eine solche Botschaft misszuverstehen, um draufhauen zu können. (...) Die Aufregung hat etwas mit dem schlechten Gewissen der so pragmatisch-schlauen Truppen-Entsender zu tun, die offenbar mit ihrem kriegerischen Latein am Ende sind."

Unter anderem mit dem Hinweis auf Heinrich Böll, den Namensgeber der Stiftung, der Herr Fücks vorsteht, fordern die namentlich aufgeführten ca. 80 Grün-Linken in einem Brief an den Stiftungsvorstand, er möge zurücktreten, was dieser sich in seiner Antwort verbat: "..ich halte es schlicht für unredlich, ihn (Böll, mm) als Kronzeugen für heutige Debatten über Auslandseinsätze der Bundeswehr zu vereinnahmen, die keine Angriffs- und Eroberungskriege sind, sondern der Friedenssicherung und politischen Stabilisierung dienen sollen."

Nun mag es sein, dass Herr Fücks zu der Sorte Politiker gehört, die den Satz von dem "Geschwätz von gestern", dass einen am nächsten Tag sowieso nichts mehr angeht, in seiner langjährigen Karriere so verinnerlicht hat, dass er gar nicht mehr anders reden kann. Obwohl der Fairness halber anzumerken ist, dass es bei den Grünen immerhin von 1982 bis 1998 gedauert hatte, bis es soweit war. Wenn Herr Fücks aber davon ausgeht, dass Herr Böll, so er noch leben würde, seine Meinung über kriegerische Auseinandersetzungen vielleicht geändert haben könnte, könnte ja eventuell auch Herr Fücks in Anbetracht der aktuellen Situation...?

Die Böll-Stiftung wird nicht darum herumkommen, die Äußerungen ihres Vorstands und damit auch ihr Selbstverständnis genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich wünsche ihr dabei viel Erfolg.

Ralf Fücks in der Welt-Online
Friedrich Schorlemmer im Freitag
Offener Brief der "Grüne Linke"

 

5 Kommentare

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#1 admin schrieb am 09.01.2010 21:58 antworten

Ein offener Brief von Ralf Fücks in der Welt-Online erregt den Unwillen der "Grüne Linke".

#2 mietsch schrieb am 10.01.2010 09:22 antworten

Das Recht, welches Fr. Käßmann für sich in Anspruch nimmt, sollte auch für Hr. Fücks gelten. Aber die grün-linke Gesinnungspolizei wird schon eingreifen...

#3 Mohamed Mansour Al-Masri schrieb am 11.01.2010 23:03 antworten

Mit der Bischöfin Frau Käßmann bin ich in verschiedenen Meinungen, Äußerungen und Handlungen nicht immer gleicher Meinung, aber ich muss Frau Käßmann für ihre Äußerungen in ihrer Neujahrspredigt in Bezug die Beteiligung deutscher Soldaten in Afghanistan, in Schutz nehmen. Diese Äußerungen sind inhaltlich weitsichtiger als die von manchen politischen und militärischen Befürwortern der aktuellen Afghanistan-Politik.

Die meisten Politikern, Militärs und kirchlichen Vertreter kennen die Wahrheit dieses Barbarischen Krieges in Afghanistan, aber sie besitzen nicht den Mut und die Zivilcourage von Frau Käßmann es auszusprechen und zu verurteilen.

#5 Horst Spengler schrieb am 12.01.2010 18:06 antworten

Verehrte Frau Käßmann! Ich habe mit Genugtuung Ihre Predigt gehört und ich bitte Sie, standhaft zu bleiben und weiterhin Stellung zu beziehen und sich nicht von irgendwelchen Politikern einschüchtern zu lassen. Es ist wohltuend, eine solche Frau in unserer Kirche zu wissen.

Mit besten Wünschen Horst Spengler

#4 bernauer Edelgard schrieb am 12.01.2010 00:30 antworten

Kommentar

Verehrte Frau Käßmann! Habe Sie eben bei Beckmann gehört. Lassen Sie sich nicht beirren, weiter so. Wurde höchste Zeit, dass "Kirche" sich in dieses Thema einmischt. Alles Gute Edelgard Bernauer

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