|
Einigermaßen erschütternd sind die Nachrichten, die aus den Niederlanden zu vernehmen sind. Es geht um den Konkurs der heilpädagogischen Einrichtung Zonnehuizen, gegründet 1931 von Bernard Lievegoed, dem späteren Begründer des NPI. Ein Bericht von Michel Gastkemper
Zonnehuizen in Zeist (NL) ist bankrott. Zonnehuizen ist das Pionier-Institut der anthroposophischen Heilpädagogik in den Niederlanden, 1931 gegründet durch Bernard Lievegoed. Seine achtzigsten Geburtstag hat das Institut also knapp überlebt. Zonnehuizen ist in den letzten Jahre durch Fusionen sehr gewachsen: insgesamt gehören sechs heilpädagogische Einrichtungen für Erwachsene und vierzehn für Kinder und Jugendliche im ganzen Land dazu, mit 800 intern und 2000 externen Betreuten. 2300 Mitarbeiter arbeiten in 1200 Vollzeitstellen. Im Jahre 2009 betrug das Gesamtbudget mehr als 90 Millionen Euro.
Zonnehuizen war nicht immer so groß. Bis 1947 gab es nur Zonnehuis Veldheim in Zeist; nach dem zweiten Weltkrieg, bedingt durch die Kriegsumstände, kam Zonnehuis Stenia, nicht weit entfernt ebenfalls in Zeist, dazu. Von 1931-1954 hatte Bernard Lievegoed die Leitung, die dann 1954 bis 1976 seine Ehefrau, Nel Lievegoed-Schatborn, übernahm, zusammen mit einem Gremium von sechs Personen. Bis in die 1990er Jahre war die Zahl der betreuten Kinder stabil, mit 230 Kinder in zwei Einrichtungen und etwa 60 Kinder in ambulanter Betreuung.
In den vergangenen 10 Jahren veranlassten neue Umstände in Politik und Verwaltung die Leitung, einen neuen Kurs einzuschlagen. Am 1. Januar 2008 kam durch eine Fusion die zweitälteste Einrichtung in den Niederlanden, "Bronlaak", gegründet 1948, hinzu. Das war nicht nur ein Dorf in Oploo (Noord-Brabant) für Erwachsene, sondern es war selber erst fusioniert mit Heimdal in Eindhoven (eine Tagestätte für Kinder, auch in Noord-Brabant, gegründet 1985). Anfang 2009 vergrößerte sich die Einrichtung wiederum, und zwar durch die Fusion mit "Michaelshoeve-Overkempe". Michaelshoeve war 1950 in Brummen gegründet worden für Kinder und Jugendliche; in 1991 wurde Overkempe in Olst für Erwachsene gegründet. Beide Einrichtungen liegen im Osten des Landes.
Durch eine offensichtlich verfehlte Finanzpolitik kam die Gesamteinrichtung in finanzielle Schwierigkeiten, die durch die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat erst ab Herbst 2010 entdeckt und zunehmend unüberschaubarer wurden. Der Umfang der Probleme konnte erst im Mai 2011 nach Auflösung von Geschäftsführung und Aufsichtsrat und die Bestellung eines Interims-Geschäftführers in seiner Gänze sichtbar gemacht werden.
Der tatsächliche Verlust, so wurde im Rahmen von Parlamentsdebatten festgestellt, betrug für das Jahr 2010 sogar 18,3 Millonen Euro und der Verlust für 2011 wird ebenfalls in die Millionen gehen. Wenn keine Massnahmen ergriffen waren, wurde jeden Monat rund eine halbe Million Verlust hinzugekommen sein.
Der Versuch, die damalige Geschäftsführung und den Aufsichtsrat zur Rückzahlung ihrer immens hohen Zuschläge zu bewegen, schlug fehl, zurzeit wird untersucht, ob ein Gerichtsverfahren möglich ist. Ende November konnte nichts anderes mehr als ein gerichtliches Vergleichsverfahren eingeleitet werden. Am 27. Dezember 2011 musste Zonnehuizen Konkurs anmelden.
Wie geht es weiter? Die verantwortlichen externen Instanzen garantieren die weitere Pflege der Kinder und Erwachsenen, sie sind durch die Behörde dazu verpflichtet. Jedem der 2300 Mitarbeiter wird mit einer Frist von sechs Wochen gekündigt, und die Mitarbeiter für unmittelbare Pflege und Unterricht können sich neu bewerben bei dem neuen Arbeitgeber. Inzwischen verhandeln acht Übernahme-Kandidaten mit der Konkursverwalterin über die Konkursmasse. Zwei davon werden möglicherweise den Zuschlag erhalten, weil sie schon seit mindestens zwei Monaten mit Zonnehuizen über eine Übernahme verhandelt hatten und auch bereits ein Übereinkommen erreicht hatten, das jetzt aber – durch den Konkurs – erst einmal auf Eis gelegt werden musste. Bei den beiden Kandidaten handelt es sich um ein reguläres heilpädogisches Institut im Osten des Landes, "LSG Rentray" (für die Kinder- und Jugendabteilung), und der selbständige Unternehmer Loek Winter (hauptsächlich für die Erwachsenenabteilung und die Immobilien), einen privaten Investor im Gesundheitswesen, der schon drei Krankenhäuser und mehrere kleinere Kliniken im Besitz hat.
Die Frage stellt sich jetzt, ob Zonnehuizen in Zukunft noch existieren wird oder aufgeteilt wird. Kleinere Teile können vielleicht von anthroposophischen Einrichtungen übernommen werden – aber auch diese haben Schwierigkeiten und sind derzeit nicht gerade sehr vermögend. Eine weitere – theoretische – Möglichkeit ist die Verselbständigung von Teilen. Und noch eine Frage steht im Raum: werden die neuen Eigentümer die anthroposophische Identität behalten wollen? Diese Fragen sind noch offen und werden frühestens im neuen Jahr einen Antwort erfahren. _________________________
Autorennotiz Michel Gastkemper: Geboren 1960. 1981-1989 heilpädagogisch Gruppenleiter im Zonnehuis Stenia, Zeist. 1989-1995 Mitarbeiter Public Relations Zonnehuizen. 1995 bis jetzt: freelance Redakteur im anthroposophischen Umfeld. Tätigkeit als Zeitschriften-Redakteur, in der Heilpädagogik, anthroposophischen Medizin, Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden, Rudolf Steiner Ausgaben, Patienten-Verein Antroposana. Michel Gastkemper betreibt das Blog http://antroposofieindepers.blogspot.com/
|