|
Statt einer Weihnachtskarte ein paar Gedanken zur Gegenwart von Michael Mentzel
Was haben wir in diesem zu Ende gehenden Jahr nicht alles erleben dürfen! Mit einer langen, kalten und schneereichen Zeit hat das Jahr begonnen, und genauso endet es auch wieder: mit einem frühen, sehr kalten und schneereichen Winter. Der "Jahreskreislauf der Natur" wird diesmal für uns alle, sogar in den Großstädten, deutlich sichtbar.
Der Monat Juli brachte uns nicht nur eine Hitzewelle sondern auch einen der Höhepunkte des Jahres 2010, nämlich die Wahl des Bundespräsidenten: Wessi versus Ossi, Wulff contra Gauck. Eine nicht enden wollende Flut von Auseinandersetzungen gab es zu diesem Thema in den bekannten Medien und Online-Medien der journalistischen Berufs-Demokratie-Hüter, bei Facebook und auf vielen privaten Webseiten. Und überall gab es Internet-Abstimmungen und seitenweise Kommentare der bei dieser Wahl nicht stimmberechtigten Bürger. Die Sympathien galten zumeist dem Mann, der aus dem Osten kam, Joachim Gauck, dem viele zutrauten, ein Präsident aller Deutschen zu sein und nicht nur ein Präsident von Merkels Gnaden. Die Enttäuschung nach der Wahl Wulffs war dann deutlich, aber lässt der Rückblick eine solche Sichtweise noch zu? Wie stehen wir heute zur Amtsführung Wulffs? Sehr präsent sind uns beispielsweise noch die euphorischen Beifallsbekundungen für Barack Obama während der letzen amerikanischen Präsidentenwahl. Von vielen "Enttäuschten" wird die Wahl Obama´s im Nachhinein als Fehler bezeichnet, wobei sie meist nicht darüber nachdenken, welche Probleme gerade geradlinige Haltungen, wenn sie aufrechterhalten werden wollen, dem jeweiligen Amtsinhaber bescheren können.
Des Bürgers Part besteht nach Ansicht vieler "Politik- und Medien-Macher" vor allem darin, Solidarität per Votum mit denjenigen zu bekunden, die ihm von den Massenmedien in Wahlkampf-Zeiten als die jeweils Aufrichtigeren oder Kompetenteren präsentiert werden. Am Vorabend der amerikanischen Präsidentenwahl im November 1980 gab Leonard Cohen ein Konzert in Bonn. Als er dazu eine Bemerkung machte, flogen im Publikum die Worte "Reagan" und "Carter" hin und her. Cohen meinte damals nur lakonisch: "Where is the difference?"*
Gehen wir eigentlich fehl in der Annahme, dass der Herr Mappus im Schwabenländle gerade wieder auf die Sympathieschiene gestellt wird? Oder dass der PR-Hype um die Familie zu Guttenberg mit ihrer Afghanistan-Show für die Medien nicht ein "gefundenes" sondern eher ein "bestelltes Fressen" ist? Beisiele wie diese sind Legion.
Gleichwohl darf man fragen: ändert sich nicht gerade etwas in der traditionellen Bürger-Rolle? Das Großprojekt Stuttgart 21 zeigt vor allem eines: der mündige Bürger will gefragt werden, wenn entscheidende Weichen mit Folgen für Jahrzehnte gestellt werden. Die Demonstranten dort auf der Straße sind keine "linken oder rechten Chaoten", es sind Bürger wie Du und ich, gegen die, wie sich jetzt abzeichnet, nicht aus Polizei-taktischen-Gründen sondern aus fatalem politischem Kalkül gleich Hartstrahl-Wasserwerfer eingesetzt wurden. Und auch die wieder verstärkten Gorleben-Proteste zeigen, dass viele Bürger auch mit Merkels Atom-Lobby-Politik nicht einverstanden sind. Und zusätzlich regen sich diesmal auch Proteste aus den Landkreisen und Kommunen der Bundesländer. Viele Kommunen haben sich als Energieanbieter bereits auf den Atomausstieg eingestellt und bemühen sich intensiv um alternative Energien: Solarfelder und Windkraft mit neuester Technik. Man darf also gespannt sein, welches Ergebnis die Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg bringen wird, ob Mappus zusammen mit der FDP das Ruder noch einmal herum reißen kann, oder ob, wie von vielen prognostiziert, die Grünen zusammen mit der SPD die "historische Wende" im bisher durchweg CDU regierten Ländle schaffen werden. Und langfristig stellt sich für die Bundespolitik die Frage, ob Frau Merkel sich bis zur nächsten Wahl und darüber hinaus halten kann, denn ihr "Traumpartner FDP" hat ja mittlerweile – den Umfragen zufolge – ziemlich schlechte Karten in diesem Spiel und ist inzwischen wohl eher zum "Trauma-Partner" mutiert.
Welche Folgen der Wirbel um Thilo Sarrazins Buch im gesellschaftlichen Kontext unseres Landes noch haben wird, dürfte vielen noch gar nicht richtig bewusst sein. Ein von allen politischen Lagern anerkanntes Migrations-Problem wird mit populistischen Argumenten (Beispiel: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate."**) so aufgeladen, dass durch die darauf folgende Diskussion das eigentliche Problem in den Hintergrund tritt und die oberflächliche Einschätzung des "Man-wird-doch-wohl-noch-sagen-dürfen" übrigbleibt. Geschieht so etwas öfter, ist es eine Frage der Zeit, wann man sich an derlei kurzsichtige und emotional aufgeladene Betrachtungen von gesellschaftlichen Fragen gewöhnt hat. Die Provokationen unter dem toleranten, aber reichlich fleckigen Mantel der "Meinungsfreiheit" nehmen auch bei anderen Politkern zu, wie auch jüngst Jürgen Rüttgers mit seinen Ausfällen im NRW-Wahlkampf zeigte. Solche Ausfälle vermitteln dem "kleinen Mann" das trügerische Gefühl, bei der politischen Urteilsbildung maßgeblich und meinungsbildend mitzuwirken. Zudem vermittelt das Internet mit seinen diversen Meinungs-Plattformen dem Einzelnen das Gefühl "Bedeutung in der Meinungswelt" zu haben und hat inzwischen bei vielen bereits die Funktion des Stammtisches ersetzt: man "lässt Dampf ab", hat dabei aber die Möglichkeit anonym zu bleiben und meint daher, keine direkten Folgen befürchten zu müssen.
Oft schon verzweifelt wirken dagegen wirken die Versuche und Apelle von Wissenschaftlern, ernsthaften Journalisten, Künstlern, Kulturschaffenden und Kabarettisten, über Bedeutungszusammenhänge zu berichten oder gar zum Nachdenken aufzufordern. Sich Basiswissen und Fakten zu einem Thema anzueignen ist meist nicht gefragt, da es Mühe macht; das emotionale Aufbauschen von Halbwissen unter dem Etikett der Meinungsfreiheit ist bequemer: man schwingt eine Weile in der Masse der Gleichgesinnten mit, bis man sich mangels eigener Nachdenkkultur nach kurzer Zeit wieder anonym und doch gemeinsam, einem anderen Skandal zuwenden kann.
Eine Lösung, besser: den Ausweg aus diesem - durch die unterschiedlichsten Paradigmen - bestimmten Dilemma findet nur jeder Mensch selbst, indem er sich seiner sozialen Kompetenzen, Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusst wird. Die uralte Mahnung "Erkenne Dich selbst" - nicht als Forderung aus einem spirituellen Lehrbuch für potenzielle "Gutmenschen" aufzufassen, sondern als eine zeitgemäße Möglichkeit, die Welt von Grund auf zu verändern, ist gefragt. Und es könnte bedeuten, den "Sinn" des Lebens nicht mehr in "meinem Auto, meinem Boot" und "meiner Frau" zu finden, sondern allein in sich selbst.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern von Themen der Zeit ein friedliches Weihnachtsfest!
* Zitat L.Cohen Ton-Archiv MM ** Zitat Sarrazin im Magazin "Lettre International" 10/2009
|